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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-11 · Heft 2976 (11.6.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2976 (11.6.1927)
Date
1927-06-11
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2976 Men, G»nM«g tt. Jimi 1987 Gelle.8 Chambertin und Levine. -er mtiugBtialkfte Flugplatz itt Aspern Me Vorbereitungen zum Empfang der amerikanischen Ozeanflieger wenden in Wien mit großen: Eifer betrieben. Eine Hauptsovge bildet die entlegene Lage des Asperner Flugfeldes und die Un m ö g l i ch f c t i, große Menschenmassen dorthin zu befördern. Dies dürfte zu einem Skandal führen, wenn nicht im letzten Moment noch irgendwie Mhibfe geschaffen werden kann. Die Direktion der städtischen Straßenbahnen erklärt, daß infolge der Eingleisigkeit der einzigen bis zunr Flugplatz führenden Straßenbahnlinie (16) der Verkehr infolge Befchränkurrg der Ausweichmöglichkeiten nur sehr notdürftig sein wird, und daß es daher ganz aus geschloffen ist, mit der Elektrischen Tausende von Menschen zum Flugplatz oder auch nur in deffen Nähe zu befördern. Schon das unbedingt notwendige mehrmalige Umstcigen, so am Praterstern, bei der Reichsbrücke und dann irr Kaisermühlen wind z« einem lebensgefährlichen Gedränge führen. Die Ostbahn will ab 1 Uhr mittags die Züge vom Ostbahnhof zum Flugfeld so dicht wie möglich verkehren lassen, voraussichtlich in Abständen von 10 Minuten. Die Haltestelle befindet sich hinter S t a d l a u, von wo man in etiva 20 Murrten das Flugfeld erreichen kann. An die Einschaltung eines Autr-'bnsverkehres . tr*ä> nicht gedacht. Wien ist zwar, wie immer wieder behauptet wird, eine Großstadt, doch muß man gerade am Verkehrslvichtigsten Tag, am Sonrrtag, wo Tausende von Menschen aus der Stadt flüchten, des modernsten und raschesten Verkehrsmittels, des Autobusses entbehren. An diesem Tag werden die Autobusse der Gemeinde Wien fein säuberlich in der Garage st ehe n. Wahrscheinlich will die Wiener Gemeindeverwaltung den amerikanischen Fliegern beweisen, daß der Flug vorr New Jork bis Wien ein Kinderspiels aber der Weg von Wienzum Wiener Flugfeld ein schwierigesKunststück ist. Alle diese, Umstände haben die Erwägung aufkommen lassen, auf dem so schwer erreichbaren Flugfeld nur einen kleinen Empfang den Fliegern zu bereiten und sie im Triumphzug in das Weichbild der Stadt zu führen, wo dann erst der offizielle Empfang stattfinden soll. Auf diese Weise will man der Bevölkerung Gelegenheit geben, die Flieger begrüßen zu können. Nach diesem Programm sollen Cham b erlin and L e v i n c in einem großen offenen Anto sehr langsam durch die Lassallestraße, Praterstraße, Aspernbrücke und die Ringstraße zum Hotel Imperial geführt werden, wo die Flieger absteigen. Auf der Ringstraße soll der Wagen ganz besonders langsam durch das Spalier der Bevölkerung fahren. Da also das Publikum nicht zu den Fliegern kommen kann, müssen die Flieger zum Publikum kommen ... * Ile Straften zum Werner Flugfeld. Zum Flughafen Aspern führen drei Straßen: die Er zherz og-Ka rll-S t raße, Hl r sch ste t te n e r• und Ka: sermühlen - Straß c. Die Erzherzog-Karl-Straße führt von der Alten Donau über Stadlau nach Aspern, die Hirichstettener-Straße vom Ort Kagran über Hirschstetten nach Aspern, die dritte Straße von Kaisermühlen zur Kaistrmühleu- Straße nach Stadlau und von dort nach Aspern. Von diesen drei Straßenzügen werden am Sonntag Me Hirsch« stettener-Straße und die Erzherzog-Karl- Straße benützbar sein. Die dritte Zufahrt von Kaisermühlen über die Kaisermühlen st ratze ist gesperrt, weil dort gegenwärtig eine Versuchsftraße für Bitumenbeläge angelegt wird. Die beiden anderen Straßen wurden von der Gemeinde in den letzten Jahren teilweise instandgesetzt. Dom Wiener Ostvahnhof tvevden ab 13 Uhr Sonderzüge dritter Klaffe nach Be>darf, nötigenfalls in Intervallen von zehr: Minuten, bis Abzweigung Flugfeld Aspern verkehren, von wo aus der Flugplatz in ungefähr 20 Minuten Gehzeit zu erreichen ist. Nach Beendigung der Empfangsfeierlichkeiten stehen dem Publikum zur Rückfahrt Züge von Abzweigung Flugfeld zur Fahrt nach Wien (Ostbahnhof) zur Verfügung. Die Fahrzeit beträgt in beiden Richtungen je 23 Minuten. Der Fahrpreis für die Hin- und R ü ck f a h r.t mit diesen Zügen beträgt S. 1.50. Für die einfache Fahrt S. 1.—. Die Fahrkartenausgabe und das Einsteigen zu diesen Zügen erfolgt an der Stirnseite des Ostbahnhofes. Achtung auf Wiesen und Felder! Anläßlich der für den 12. Juni angesagten Ankunft der amerikanischen Flieger auf dem Flugplatz in Aspern ist mit einem möglichevlveife noch nie dagewesenen Besuche von Zusehern aus Wien zu rechnen, wodurch die an den Flugplatz grenzenden Felder und Fluren Gefahr laufen, vom Massen ströme des Publikums betretest' und hiedurch v e r w ü st e t zu werden. Mit Rücksicht auf di-e ungeheuren Schäden, - die in der letzten Zeit Wetterkatastrophen und Fröste den .Kulturen ohnehin schon zugefügt haben, wird von dem Verständnis und dem Gemeinsinn des Publikums zuverlässig erwartet, daß die den Zugangswegen angrenzenden Felder und Wiesen vom Betreten m ö g l i ch st verschont und vor Vernichtung bewahrt werden. Dle FelerlWelten ln Verlln. Berlin, 10. Juni. Der Berliner Magistrat hat heute den amerikanischen Fliegern eine große Ehrung bereitet. Der Oberbürgermeister überreichte Chamberlin und Levine, die in Begleitung des amerikanischen Boffchafters erschienen waren, die große Ehrenplakette der S t a d t B e r l i n, die nur 'für außerordentliche Leistungen erteilt wird und teilte dabei mit, daß die große Zufahrtsstraße zum Berliner Zentralflughafen den Namen C o l u m b i a st r a ß e führen' soll. Die beiden Flieger trugen sich sodann in das. Goldene Buch der Stadt Berlin ein. Riesige Menschenmassen bereiteten vor dem Rathause den beiden Fliegern einen begeisterten Empfang. Eine deutsche Probefluglinle Wer den Szean. Berlin, 10. Juni. Der Lener der Junkers Flugzeugioerke in Dessau, Professor I u ukers, teilte einem Mitarbeiter -.er „Deutschen Allgemeinen Zeitung" mit, daß die Junlerwerkc eine ProbefluglinieDcutschland-!Amerika auf eigene Regie durchzusühren beabsichtigen. Dabei so^en vor*a"em praktische Ermhrunaen ge- &tein-Jfamm&ama[nzu& nadk Jflpß $150 — HerrenklelderhaosHeinrichWeinberger I., Singerstraße 6. sammelt werden, um den Weltluftverkehr nach Mnerika planmäßig und sicher auszubauen. Der Post- und Frachtverkehr könne den rvirtschaftlichen Ausschlag gebe'.: und erst in zweiter Linie der Passagierverkehr. Theorie und Praxis in der Frage des deutsch-amerikanischen Flugdienstes stünden sehr eng beieinander und nmrdieu in kürzester Zeit vereint werden. Sotfitteltttngcn fit einen franzSMen szeanflog. 58 er Xi n, 10. Juni. Nach Blät termÄ'd un gen, rüsten sich die Franzosen zu einem neuen Versuch, den Ozean >m der Richtung von Paris nach New Bork zu überfliegen. Der französische Flieger Drouhin hat zu diesem Zwecke seine U-ebungSslüge bereits begonnen. Sein Apparat kst von lden Farman-Werken konstruiert. Der Benzinvorrat ist in zwölf Behältern untergebrach't, und es soll die Möglichkeit gegeben sein, 60 Stunden in der Luft bleiben zu können. Der Apparat soll einen Aktk-o n srad ins von mindestens 8000 Kilometer besitzen'. Drouhin wird nächste' Woche versuchen, mit seinem „BlauVogel" im Gebiete von Chartres über die Ebene den Dauer-Weltrekord, der bisher von Chamberlin mit 51 Stunden ohne Unterbrechung gehalten wurde, zu schlagen. Für den Antritt des Fluges ist die Zeit Ende Juni festgesetzt. Stoße KWsongsvotSeteltungen fit LIndbeW. New Bork, 10. Juni. Die Blätter widmen den Vorbereitungen zum Empfang Lindberghs zunehmenden Raum. Die Polizeimatznahm en in New Jork und Washington haben niemals zu vor einen solchen Umfang erreicht. Die New Borker Börse wird schließen, was bisher n.ur einmal zu Ehren eines Lebenden geschah, nämlich zu Ehren des Oberkommandierenden der amerikanischen Armee im Kriege, Pershing. Liudbergh wird in Amerika von einer geradezu riesigen Post erwartet, die ungefähr eine halbe Million Briese umfaßt. Llnddersd — amerikanischer Werst. Washington, 10. Juni. Präsident Coolidge hat der Ernennung Lindberghs zum Oberst im Reserve-Fliegerkorps zugestimmt. De Pinedo znm Flug nach Rom ausgestiegen. Horta (Azoren), 10. Juni. De Pinedo ist um 9 Uhr.23 Minuten zum Flug nach Rom ausg^- stiegen. Daudet läßt sich nicht verhafte». Er verbarrikadiert sich ln der „Mion Francalse". Paris, 10. Juni. Heute mittags lief die Frist ab, die Leon Daudet und dem GefchäftMhrer der „Action Franoatsc", D e l e st, vom Gericht gestellt wurde, um sich zur Verbüßung der in der Affäre Bajot über sie verhängten Freiheitsstrafen von fünf, beziehungsweise zwei M o n a t e n G e f ä n g n i s zu melden. Daudet erklärt in der „Aotlon Franoaise", daß er «der Auf- Sie Juden in Steiermark. Bon Rechtsanwalt Dr. Robert Sonnanwald, Präsident 'der Israelitischen Kultus gemeinde Graz. Bis zur umwälzenden Gesetzgebung des Jahres 1849 blieb die Steiermark gleich den übrigen Abpenländern den Juden verschlossen. Me ersten Einwanderer, welche aus den benachbarten ungarischen Grenzgebieten nach Graz kamtzn, bildeten hier seit 1863 eine Israelitische Korporation, an deren Stelle 1867 die Israelitische Kuliusgemeinde trat. Das Jsraelitengesetz brachte dann die noch heute geltende Ordnung der Gemeindeverhältniffe, dazu kam eine Durchführungsverordnung von 1893, die für den Bereich von Steiermark die einzige Kultusgemeinde in Graz statuierte; der Sprengel dieser Gerneinde umfaßt die Stadt Graz und bcu Umgebungsbezivk, während ihr die außerhalb dieses Gebietes in Steiermark, ferner die in Kärnten und Krain wohnenden Juden als Zugewiesene angehörten. Die letzteren fielen 1918 durch den Zusammenbruch an den neu entstandenen. jugoslawischen Staat, Kärnten hat seit 1922 in Klagenfurt seine eigene Gemeinde und so ist die Grazer Genioinde nur mehr aus der Judenschaft der verkleinerten Steiermark gebildet. Es bestehen hier außerhalb von Graz zwei Kultus-Jnstitntionen, und zwar in Leoben und in Judenburg-Knittelfebd, wo je ein Funktionär für den Gottesdienst, den Religionsunterricht und die Schechita zu sorgen hat, dem Grazer RaVbinat obliegt jedoch die Seelsorge und M>ntrikenftchr.mi,g für den ganzen Gemeindespr^ngel. Die Zahl der steirischen Juden beträgt ungefähr 2700, davon 2300 in der Landeshauptstadt, je 130 Seelen in den beiden Institutionen, der Rest der Judenschaft ist spärlich Wer das ganze Land verstreut. Was die Stellung der jüdischen Gemeinschaft nach außen anlangt, so mach die konziliante Haltung der Behörden von Stadt und Land hervorgchobeu werden, woran die republikanische Staalsforur nichts geändert hat. Das Verhältnis zur tiicheim'ischen Bevölkerung zeigt gutes Auskommen der am Lande lebenden Juden mit den Bauern,, die allerdings zum Juden schwer Beziehungen finden, die Arbeiterschaft ist aufgeklärt und ihre Führung mangels jüdischen Einflusses nicht antisemitisch, die kleine Bürgerschaft der Städte versteht sich mit den in gleicher sozialer Position befindlichen jüdischen Mitbürgern, und nur die Akademiker, besonders auch die herrschende deutschnakionale Studentenschaft — einst Trägerin von Freiheit und Aufklärung — ist radikal antisemitisch eingestellt, ebenso wie die ihr nahestehende Intelligenz und H^lbintelligenz; gerade an den beiden Hauptpunkten jüdischen Lebens, in Graz mit seiner Universität und Technik und in Leoben mit der montanistischen Hochschule ist dämm dieser Antisemitismus der akademischen Kreise besonders scharf und fühlbar und drückt auch die gesellschaftliche Stellung der Juden. Die soziale Struktur der Grazer Juden zeigt zunächst einen im Verhältnisse großen Stock von Akademikern,. darunter Itvei Universitätsprofessoren., Merzte und Anwälte, die der jüngeren Generation angehövenden Techniker konnten bisher nicht rechten Fuß fassen; Ansätze von Industrie und Großhandel sind gegeben, der überwiegende Teil der Gemeinde aber gehört zur mittl-erm und kleinen Kaufmannschaft, Agenten und Angestellte schließen den Kreis, das Handwerk ist ganz vereinzelt, die Judenschäft der übrigen Steiermark betreibt den in den Keinen alpenländischen Städten ortsüblichen Handel. Die wirtschaftliche Situatiön^ die bis zum Kriegsausbrüche tn auffteigender Entwicklung begriffen war, ist seither entsprechend der allgemeinen wirtschaftlichen Lage Oesterreichs wenig befri-edl-gend. Es ist leicht begreiflich, daß für das kulturelle Niveau einer so jungen Gemeinde der Mangel an historischer Tradition charakteristisch sein, daß ihr ferner die geringe Seelenzahl namentlich in persönlicher Richtung den Stempel einer Kleinstadt aufdrücken muß. Trotzdem ist die Grazer Gemeinde nach Wien die bedeutendste Gemeinde Oesterreichs und hipgt reiches jüdisches Leben, wofür schon die seit 1986 j nationale Führung der Gemeinde sorgt, der der Präsident, der erste Vizepräsident, fünf Vorstände und vier weitere Kultusmitglieder angehören, zusammen 11 von 24 Gemeindefunktionären. Mit den Zionisten bildet eine vvergliedrige Wirtschaftspartvi die Arbeitsmohrheit, während die bisherige Mehrheitspartei, welche Liberale, Agridisten und Desinteressierte in schöner Eintracht als sogenannte „konservative Partei" umfaßt, nicht nur in die Opposition gegangen ist, sondern auch grollend die Mitarbeit verweigert, ohne es sich deshalb zu versagen, der entschlossenen zionistischen Führung möglichste Schwierigkeiten zu machen, vielfach auch eine kleinliche Gegenpropaganda zu treiben und dabei auch unpolitische Institutionen zu schädigen. Der wesentliche Gegensatz der beiden großen Parteien besteht darin, daß wir Zionisten, vor das neue Problem der Ge- " meindeft'chrung gestellt, grundsätzlich der Anschauung sind., daß die Kultusgemeinde als die einzige Gemeinschaft aller Juden auch für deren allseitigen Bodürfniffe und Interessen ( zu sorgen habe, während die Gegner in selbstmörderischer ' Bescheidenheit auf dem Standpunkte stehen, daß nur lokale' Interessen und von diesen nur. der Kultus und die Aufbringung der Mittel hiefür Sache einer jüdischen Gemeinde sei; trotzdem ergeben sich wirkliche, innere Widerstände nur bei finanziellen, weniger bei kultttrellen Fragen. Zur Ber- ' wirklichung des kulturellen Programmes hat die zionistische Gemeindevertretung zunächst eine Kultursektion der Ge-, meinde geschaffen, die natürlich erst ausgebaut tvevden muß und für welche gerade von der beginnenden Tagung der österreichischen Provinzzionisten wertvolle Anregungen erhofft werderr. Die Gemeinde hat die traditionellen religiösen und wohltätigen Vereine und erMt eine fünfklassige jüdische Volksschule, derzeit die einzige in Oesterreich, irn besten Sinne jüdisch geführt; der Plan eines Bevsorgungshauses kann infolge der wirtschaftlichen Verhältnisse und der Mietengesetzgebung trotz letztwilliger Zuwendung von Gebäudebesitz in absehbarer Zeit Wohl kaum verwiEcht werdc.'f, während die erfreulichen Anfänge einer Gemeindebihliother vorhanden sind.

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