Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2976 (11.6.1927)
- Date
- 1927-06-11
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 91% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982064--30311-3018522- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seite? Wien, Samstag Wiener Morgenzeitung 1-1. Juni 1927 Nr. 2976 Die Emigranten. —y, Wien, 11. Juni. 2tc näheren Umstände der Mordtat des 3tuixnUt'it Kowerda. der in Warschau den russischen 1^'sandteu erschossen lmt, sind noch völlig im:m'gck!ärt. Tic polnische Regicrnig hat eine Unlersuchring eingeleitet, au der mit ih^er Zustinr mmrg auch der russische Geschöstströger teilnehmrn wird. Der Mörder, Mitglied einer mona-rchistisch-antisemitischeil Geftllschaft „Die Brüder der Wahrheit", konnnt vor ein Geschworemngericht und es geht ihm einstweilen m der Haft sehr gut. Er liest Kriminalromane und genießt aus-- gebrertete Sympathien. Er liatte lvahrscheinlich die Todeskugeln einem Juden vermeint und schon diese mißlungene Absicht sichert ihm die Freundschaft der Mörder aller Natiorien. Ein Revolver ist eine inappellable Instanz. Er bcweist nichts für den Eiltet fall. Aber diese Instanz wirb in den letzten Jahren so viel bemüht, daß sic unheimlich viel für die Verrottung und Verwilderung des Rechtslebens beweist. In dem Gesandten Wojkow ist das System, für das er gestorben ist, nicht getroffen worden und die Masseirjustizifizierungen, die die Tscheka als Antwort vornimmt, sind ja auch kein Kriteriunr für den inneren Gehalt des Bolschetvisnms. Terror in dieser Form ist eine Sache der Instruktion an die politische Polizei. Er ist das Mittel, zu dem eine Regierung greift, wenn sie nichts anderes mehr weiß. Der Zarismus hat gehängt und deportiert uick die «Anarchisten und Nihilisten haben geschossen. Der Bolschewismus hängt und deportiert und die Monarchisten revanchierten sich mit Revolver Und Bombe. Nur, daß der Zarismus niemals behauptet hat, die Welt glücklich machen und erlösen zu wollen. Peters melancholisches Lied in der Lortzing-Oper ist nur eine Arie, der immer lebhafter Beizall gerührter Backsizche folgt. In Wirklichkeit sah es anders aus. Aber der Bolschewismus >vill das Glück verbreiten, auf dem Wege der Weltrevolution, mit roter Armee, mit Geschützen Und Bajonetten, mit allen Mitteln, die nun einnml die historische Funktion besitzen, die Menschen restlos zu pazisizierm. As zum Friedhof. Der Bolschewismus ist nicht allein bei der Ausübung der Heilsamen Mission. Alle Regierungen haben ja in der oder jener Weise das gleiche Prinzip des Oktrois akzeptiert und die Politik von heute ist auf bten Militarismus gestellt. Sie fließt zwangsläufig aus den Friedensverträgen, die an sich durch die Unterscheidung von voll berechtigten Siegern, die attes tun dürfen, und von minderberechtigten Besiegten, die alles tun, es aber nicht dürfen, eine Versöhnung jeder Demokratie darstellen. Die Majorität hat gesiegt Und diktiert. Die Muwrrtät hat verloren und nmß gehorchen, immer nnt der Mentalreservation, bei der nächsten passenden Gelegenheit den Spieß umzukehren. Sie baut ihre PÄitik auf Rache auf und behandelt alle, die sich in diesen Rahmen nicht fügen, als Hochverräter, die an ihrer bürgerlichen. Md wirtschaftlichen Existenz gepackt werden müssen .Das hat zur Verfemung der jüdischen Bevölkerung Lurch die deutschen und magyarischen Patrioten geführt. Darm gcht es- Siegerstaaten, denen die neue Zeit nrlt ihrer: neuen sozialen Problemen innere. Krisen beschert hat. Das wirkt sich wie in Rumänien gegen die Juden, in Italien gegen die Sozialisten aus. Dann ist rwch Rußland da, das ganz radikal Vorgehen wollte und' feine bürgerlicher: Schichten niederdrückt. Wer sich nicht fügen will, muß aus dem Land. Uebevall ist der gleiche Zwang, überall hat er Massen der Bevölkerung getroffen und über die Grenzen geworfen. Unsere Zeit kennt das Minoritäienproblem, das Wändedcungsproblem und die Emigrantenfrage. Das sind heute Weltsorgen. In jedem Land leben zu tausenden politische Emigranten aus irgend einenr anderen Land: Italiener, Ungarn, Russen, Griechen, Mazedonier, Armenier. Die Liste ist nicht vollständig. Alle diese Menschen hat der härteste Fluch, die Heimatlosigkeit, gebeugt. Sie tragen chven Zorn, »hre Unrast, ihre Verbitterung überall mit, horchen mit heißer Seele nach der verlorenen Heimat, klammern sich m jede Hoffnung; sie sind in ihrer zerbrochenen Psyche wehrlose Opfer der wildesten Phrasen; Menschen voll Arbeitsfreude, voll brennender Sehnsucht nach positiver Tätigkeit, voll Gier nach Heim und Ruhe. Biele haben noch ihre Angehörigen im verlassenen Land, die dort als Geiseln ein Leben voll Angst und Pein führen. Diese Emigranten, deren Opfermut unerschöpflich ist, schließen sich an jeden an, der ihnen «ine Aenderuug ihres Daseins, die Rückkehr und den Sieg zu verheißen scheint. Sie sind die geborenen Verschwörer und der Hatz ist ihr steter Begleiter. Sie sind eure Erscheinung dieser Friedenszeit, über der die Ententen und Allianzen und der Völkerbund schweben. Sie sind die Wutzeugen der zum System erstarrenden Unähigkoit der europäischen Politik, der ins Gigantische tvächerchen Niedertracht, die eine Besserung nicht suchen will und in der Faulheit ihres Denkens die verfluchten Wege ber Vorkriegszeit geht und die glaubt, sie sei jeder Pflicht rnthoben, wenn sie die Einwanderung drosselt oder an die Grenzen Gendarmen stellt. Denn darin erschöpft sich Vas Regieren: Polizei, Paß und Schubtvagen. Millionen Meuchen wandern, sind heimatlos und wurzellos, hassen sich mrd altes, sind verhetzt und Velogen. Sie haben dm 'Glau- «r an das Gute verloren und sie anerkennen nur eine Jrrstmy: die Rache des Revolvers. Ihnen antwortet der Äalgen. Das Zewish-Agency Komitee Drei Palikftim Berlin, 9. Juni. Wie die I. T. Ä. erfährt, hat Herr Oskar Wassermann, Direktor der Deutschen Bank, die Einladung, in das Jeivish-Ageney-Komitee eiuzutreteu, a u ge n o m m e n. Das Jewish-Agency-Komitee, das gemäß dem Abkomnren zwischen Dr. Ghaim Weiznunru und Louis Mavsihall (New Dork) gebildet wird, ist eine Vorstufe zur erlvciterten Jewisi) Agency für Palästina und hat u. a. die Ausgabe, die Arbeit der besonderen Experten- Kommission/ die sich nach Palästina begibt, zu leiten und einen Bericht abzu fassen. Das Jewi sh - Ag ency -Komitee soll aus 6 Personen bestehen. Bis jetzt gehören ihm au: Dr. Alfred Mond (London), Felix M. Marburg mrd Dr. Lee K. Frankel (New Kork) und Direktor Oskar Wassermann (Berlin). Außer diesen zwei Kommissionen besteht noch die kürzlich vom Zionistischen Aktionskomitee gebildete B u d g e t k o m m i s s i o n, die nach Palästina abgehen soll. Uebec die Dispositionen bezüglich der zwei Jetvifh-Agency-Kommiffionen ist bisher nichts Verläßliches bekannt geworden. Cs trmvde nur mitgeteilt, daß ihre Arbeit etwa ein halbes Jahr in Anspruch nehmen wird. Da sie zur Erstattung ihrer Gutachten gleichfalls längere Zeit brauchen werden, kann man den Termin, bis zu roelchem die Frage der Evweiterung spruchreif sein wird, mit reichlich anderthalb Jahren bemessen, vorausgesetzt, daß die Abreise der Experten noch im Sornmer dieses Jahres erfolgt. Re palästinensische Semeindeorduung. Jerusalem, 8. Juni. (I. T. A.) Das Londoner Koloniälamt billigte den endgültigen Entwurf der palästinensischen Gemeindeordnung» Kommisfioueu die schon in ganz kurzer Zeit veröffentlicht und in Geltung kommen tvird. Dr- Rosenbaum, Manischer Seneraltansnl ln PalMua. I e r u s a l e m, 9. Juni. (I. T. A.) Die litauische Regierung hat den jetzt in Tel Atviw lebenden früheren Minister für jüdische Angelegenheiten Litauens, Dr. S. Rosenbaum, zum Generalkonsul in Palästina ernannt. PMstlua und Pole«. Jerusalem, 9. Juni. (I. T. A.) Der vor kurzem in Palästina eingetroffcne Generalkonsul für Polen, Titus Zbyszewski, äußerte sich in einem Gespräch mit dem T. I. A.-Vertreter u. a.: „Ich werde mein Bestes tun, um die wirtschaftlicher: und kulturellen Beziehungen zwischen Polen und Palästina zu stärken. Was der: Handel betrifft, so ist Polen in der Lage, Bauholz, Zement, landwirtschaftliche und Textilprodukte an Palästina zu liefern und als Entgelt aus Palästina Früchte, insbesondere Orangen und Wem, zu beziehen. Ich bin eben daran, einen b eftimmten Plan für die Evweiterung der Handelsbeziehungen zwischen Palästina und Polen auszuarboiten. Polen ist eines der billigsten Länder der Welt, ein Import polnischer Waren wird in Palästina die allgemeinen Waren«' preise herabsetzen helfen." Herr ZLySzetvfky. sagte weiter, er schätze die Zahl poils nischer Bürger, die jetzt ständig in Palästina wohnen, auf 10.090 bis 12.000. Das Interesse an Palästina ist in allen Kreisen in Polen groß. Im kommenden März werden christliche Pilger aus Polen in großer Zahl Palästina besuchen. * UonWcher Prodinzdelegiertentag In Graz. AM 11. und 12. AUNl. Heute SamStag und morgen Sonntag findet in Graz der vom Zionistischen Landeskomitee für Oesterreich einberusene österreichische Provinzdelegiertentag statt. Die Eröffnung findet heute Samstag um 8 Uhr abends im Saale des Hotels Erzherzog Johann statt, die Beratungen am Sonntag werden im großen Sitzungssaal der Kultusgemeinde Graz (GrieSkai 58). abgehalten. Für die Tagung ist folgende Tagesordnung festgesetzt: SaurSky, den 11. Juni, 8 Uyr abends: Eröffnung des Provinztages und Begvühungsanfprache durch den Präsidenten der Landesorganisation, Herrn Dr. Leo G o l d h a m m e r. Wahl des Präsidiums und des BureauS deS Provinztages. Begrüßungsansprache des Vorsitzenden der Zionistischen Ortsgruppe Graz, Herrn Karl Schwarz. Begrüßungsansprache des Präsidenten der KultuSgeineindc Graz, Herrn Dr. Robert Sonnenwalb. Sonntag, den 12. Juni, 9 Uhr vormittags: ' Organisationsreferat, gehalten von Herrn Kamillo Schiller (Ortsgruppe Linz). Referat: „Die innere polittsche TaWkeit", gehalten von Herrn Karl Schwarz. Referat: „Kultusgemeinde" gehalten vom Präsidenten, Herrn Dr. Robert Sonnenwald. Referat „Keren Hajessod", gehalten von Herrn» Fritz Pisinger (Ortsgruppe Linz). Referat: „Keren Kajemety", gehalten von Herrn Ing. Berger (Ortsgruppe Inn Sb euch. Sonntag, den 12. Juni, halb 3 Uhr nachmittag-: Debatte über sämtliche Referate. Anträge der ResolrttionSLommission und Beschlußfassung. * Ans Anlaß dieser Tagung veranstaltet die Zionistische Ortsgruppe Graz heute Samstag um 9 Uhr abends im großen Saal des Hotels Erzherzog Johann ein Meeting, hei dem Dr. Destder Friedmann (Wien) über „Die Politck der Exekutive", Dr. David Rotyblum (Men) über „Strömungen im Zionismus" und Dr. Josef Löwenherz, Vizepräsident der Kultusgemeinde Wien, Wer „Die Ausgaben der Kultusgemeinden" sprechen «erden. vrnb an den Provinztag. Boy Katt Schwarz, Vorsitzender der zionistischen Ortsgruppe in Graz. Die Ortsgruppe Graz begrüßt mit besonderer Freuhe de« Entschluß deS Landeskomitees, einen Provinztag nach Graz einzube rufen. Geschieht es doch zum erstenmal, daß in Oesterreich die Tagung einer zioWischen Zentralbehörde außerhalb Wiens stattstndet. Mr betrachten dies einerseits als Anerkennung der Position, welche sich die Ortsgruppe in Graz geschaffen hat, anderseits aber auch als Zeichen dafür, daß die lang der Provinz endlich die Aufmerksamkeit zuwendet,dte chv War nicht kraft ihr« OuantttSt, aber dvchkrast ihrer allein unter dem Gesichtspunkt der Zahlen betrachtet, sondern es muß berücksichtigt werden, daß die Provinz fast 60 Prozent der ansässigen Jitdenschaft ins zionistische Lager gebracht hat. \ , Wir begrüßen es ganz besonders, daß die Leitung nun die Jnittative für die Zufmmn onfaffnng der Ortsgruppen zu einer Gektton bzw. zu etitem Provinzverband ergriffen hat, weil die bisherigen Versuche M einer solchm Gründung insbesondere daran gescheitert find, daß sie ohne oder gegen die Zentrale erfolgt sind. Es, besteht aber das Bedürfnis und auch die Notwendigkeit, den Ortsgruppen irgendeine Form der Zusammenarbeit zu geben, weil einerseits der österreichisch^ Delegiertentag nicht geeignet ist, die Plattform für die Bchandlung spezieller Provinzangelegenheiten zu sein, da in Wien 96 Prozent der österreichischen Juden leben Und es natürlich ist, daß die Tagungen dort hauptsächlich Wiener Angelegenhetten behandeln. Anderseits ergibt die gleichartige Einstellung totb Umgebung des in den Alpenländern ausgewachsenen Juden auch; eine gleiche Situation sowohl in materieller als Mch in seelischer.Beziehung, woraus der Wunsch nach engerer Zusanrmonarbott resultiert. Mr begrüßen daher die Tagung mit dem Wunsche, daß aus ihren Beratungen für die zionistische Arbeit in Oesterreich neue Kraft erflicße, daß Oesterreichs JudxN nach ihren Kräften an dem Aufbauwerke teilnehmen und in der Reihe der Juden aller übrigen Länder nicht zurtWchen mögen. . ■ Ans dem Wiener Gemeinderat. In der gestrigen Sitzung des Wiener Gem-eirvderates, die im Gegensatz zu den früheren Sitzungen, ziemlich ruhig verlief, wurde eine große Zahl, von Geschäftsstücken meist ohne Debatte erledigt. Nur Wer Las Referat Si e gl, über einen Kredit von 10 Millionen Schilling süx Wohnhau-sbauten, entspann sich eine größere Debatte. Stadtrat Kunfchaik forderte die Aufnahme einer Anleihe für Wohnhauebauten, >dcrmit nicht jährlich 70 Millionen Schilling aus der Wirtschaft herausgepreßt werden. Bei einem Referat des Stadtrates Speiser wurde Klage 'darüber geführt, -daß die Gemeinde in «der Angeftelltenfrage politisch eingestellt sei. Sie Breidignng der Rekruten. Gestern vormittags halben die Reckruten der Wiener Garnffon «den Eid g-Äeiistet. Der Genercvlmchor W i «- finger hielt eine Anlsiprache, in der -er sagte: ,^)hr lvrrdet schwören, der verfassungsmäßigen Regierung unter allen. Bechältnissen Treue und Gehorsam zu leisten. Die von den sreigeüvählten Vertretern des Volkes bestellte Regierung bedarf dieses Rückhaltes, besonders in den Momenten der Gefahr, wenn Feinde Staat und Berfaffung bedrohen. Die Regierung nmß die Gewißheit haben, daß sie aus euch, auf das Bundesheer, rechnen kann. Der Eid, den ihr leisten werdet, ist ihr das Unterpfand für di« Erfüllung dieser berechtigten Erwartung." »er »attankonflk«. Rom. 10. Juni. Die albanische Regierung hat den Schutz der albanischen Untertanen :n Jugoslawien dem Belgrad-e-r Apostolischen Nuvtius übertragen. Achmed Zogu hat ebne Parole tnde