Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2974 (9.6.1927)
- Date
- 1927-06-09
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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(Seife 2 Wien, Donnerstag Wiener Morgen-eituttg 9. Juni 1927 Kr. 2974 Italien und Palästina. Wien, 9. Juni. I Der italienische Miniskerpräsi'7-cnt Mussolini hat de! Vertreter der zromftisch.'n E'.elu.i.e'lei^- Völ er.'-ind, Herrn Dr. Jakobfohn. empfa.:-go;r mr .'tri; uo : i m n:c: oa? Aufbauwerk in Palästina insor.nierrn tassey. Das Resulta. der Unterredung ist die Zustimmung Mussolini.' zur BU^zmg einer Pro-Palästina-Gesellschaft.. die tft Italien geittäs; den besonderen Verhältnissen die>cs Landes für den Gsd.mken des jüdischen Nationalheims »riefelt wird. Das beb-euttt, daß der neue Kurs Italiens den politischen Inhalt des Zionismus zur Kenntnis nimmt und daß die bisher bestandenen Schwierigkeiten beseitigt sind. Das fascistische Italien hat sich durch lange Zeit ungünstig verhalten. Die Stimmung des italienischen Volkes ist für die gedeihliche Entwicklung der jüdischen Arbeit von immenser Wichtigkeit. Italien leidet selbst unter Ueberücvvlkerun'g, und es Zindel für den geregelten Abfluß die gleichen schlechten Verhältirfffcwie die Juden und rote jedes AuswandernngsVolk. Die Drosselungsbestimmungen der amerikanischen Staaten lvirken auch gegen Italien, und so war es nicht verwunderlich, daß der nal)e Orient als das nächste Jmmigrativnsterri-- wrium für Italien besondere Anziehungskraft erhielt. t An der Stellung der italienischen Oesfentlichkeit aber war in den letzten Jahren deutlich eine Feindseligkeit zu korrstatieren, die schlechterdings unverständlich rvar. Das italienische Volk kennt aus seiner Geschichte den Begriff der Diaspora Und es hätte es auch mit alter Sympathie unterstützen müssen, wenn das jüdische Volk aus dem politischen Und geistigen Elend des Exils nach der nationalen Konzentration strebte. Das ist die gleiche Tendenz, die die italienische Nation ihre Zersplitterung hat überwinden lassen Und die sich trotz der schwersten Hindernisse bis zur vollen Einigung des Volkes durchgesetzt hat. Was Italien für sich selbst begehrt und mit nimmermüder Hartnäckigkeit verfochten hat, das kann es bsn Juden nicht verweigern. Freilich war die Haltung Italiens auch noch durch die Einflüsse des Vatikans bestimmt. Die römische Kurie, die mit Hilfe des Fastismus gewisse Desideria erfüllen will, hat die Errichtung des jüdischen Heims und hie Inkorporierung des jüdischen Anrechtes <mf Palästina.in. den Friedensvertrag sehr schwer Empfunden. Ihre Gegnerschaft gegen diese politische Lösung der Frage datiert nicht von gestern. Sie fließt aus der Fundamentalthese der Kirche, daß die Juden für ewig verbannt und verflucht seien. Immer wieder kommt die Argumentation der römisch-katholischen Kreise darauf zurück, daß eine geschlossene jüdische Siedelung eine Beeinträchtistmrg. des Westes, dch. KchhylWmus - und, -ine .Gefahr für die heiligen Stäften. der Ehristenheib bedeute. Es ist dem immer wieder entMeWehalM>woeden,> daß sich doch diese Stätten auch. MmMhxr^Zy, nichtchriMchM Mit; befanden!und daß sw fstr hie Zukunft mit allen Kantelen gesichert werden.können. ' Das Mmdatsstatut trägt allen Kedenken Rechnung, indem es die Bildung einer internationalen Kontrollkommission vorsieht und so die in Frage kommenden Oertlichkeiten für immer Unter den Schutz der Mächte stellt, die doch sicherlich > Nicht , jüdische sind. Die Kurie fand niemals etwas, daran, daß das heilige Grab zu'Ostern von türkischen Soldaten besetzt werden mußte, um die 'Eifersüchteleien der verschiedenen Riten nicht in arge. Raufereien 'ausarten zu lassen. jALer sie fand es plötzlich als unwürdig, daß sich in Pylä-. stina, der historischen Heimat des Judentums, wieder Juden ansetzen Und die durch Jahrhunderte niemals unterbrochene Fühlung wieder in der Form einer. freien Gemeinschaft sörtsuhren. Die Einflüsse dieser römischen iMschcmungsträten bei deft nationalistischen Arabern Zutage und ß'ie wirkten retardierend auf das jüdische Werk... Sie Erhielten ihre besondere Färbung noch durch den Umstand, üraß hinter diese? werdenden jüdischen Siedlung die britische Regierung strat, die- Leitung einer Macht, die im »vatikanischen Rom sehr unbeliebt ist. Die verschiedenen Angrisse, die auf. das Mqndatssystem erfolgten und die sich in -der'Mandatskommission so vst zeigten, die garp, merkwürdige Behandlung der jüdischen Beschwerden und Pöftulate kamen von diesem Rom, Und die wachsende Intimität zwischen «Vatikan und Quirinal drückte sich auch auf dem ^Gebiet der jüdischen Frage aus. Italienische Schriftsteller und Publizisten, . die sich mit dem nahen Osten beschäftigten, .'zeigten in ihre? Stellungnahme deutlich die antijüdische Orientierung, und dies war sehr, wichtig, da doch ^Italiens kolonialer Ex- ' pansionsdrang nach dä arabischen Seite hingeht. . ... In diesem Zusammenhang bekonimen auch-die wiederholten Anbietungen, die der hochkonservativa Lord Rojl^vmere mit dem Mandat vormmmt^ ihren eigene^ Sinn. Auch sie sind, rvenn nicht direkt hervorgerufen, so doch beeinflußt von der römischen Kirche. Sie wurden in der italienischen Presse gerne begrüßt. Keine Presse irgend eines. Landes wird sich darüber ärgern, wenn man ihm ein Geschenk mache»» will, und in dem speziellen Falle freuten sich die italienischen Organe, daraus Hinweisen zu können, daß in ihrem Lande fein Antisemitismus herrsche. Wir »vollen dies gerne dahin ergänzen, daß sich die italienische Regierung dm» ans Ungarn und Polen vertriebenen jüdischen Studenten gegenüber hilfreich und vornehm benommen hat. Sie ist ihres und bä: gesamten Judenheit Dankes gewiß, so gewiß, »vie das britische Volk, das dem Judentum die nationale An,er-- , kennüng geschaffen hat. Es ist'zu begrüßen, daß ihr. nun- ' mehr auch Italien beitritt und daß die Möglichkeit ersteht, ' die Aufklärung über das jüdische Pecht unh die jüdische Aus-? schließungsarbeit jn die »veitesten Kreise der italienischen Nation zu tragen. ' Am besten sind doch die Ceschka-hüte VII*» Kalitfsfraße 123 WI6M IX., AltersfraSi Nr. S Arabtt und gudett Sm aradilch natlenmilHMt Memmovu«»» Mi «mitti-? tamntiinon. Wie bereits berichtet hat die sogenannte Arabische Exekutive an die Mandatskommission in Genf, wie alljährlich, eine Beschwerdeschrift gerichtet. Sie enthält diesmal weniger Angriffe auf die Juden als vielmehr auf die englische Regierung, der insbesondere vorgeavp.ps^n wird, daß sieim Widerspruch zum Mandat die Bildung von Selbstiverwaltttngskörpcrn verhindere. Im ganzen enthalt das Memorandum keinerlei Tatsachen übör geleistete Arbeit, sondern nur Kritik. Diese Exekutive ist ein kleiner Kreis von Personen, die unter der Führung von Musa Kaziw Pascha .gegen die Errichtung eines jüdischen Nationdlheimes arbeiten. Die letzten Stadtratswahlen in Palästina haben gezeigt, daß diese Exekutive in der arabischen Bevölkerung isoliert ist und darauf ist es »xohl zurüchuführen, daß sich unter den Arabern eine gemäßigtere Stimmung geltend macht. Der ägyptische „El siassa" hat einen seiker Redakteure, Mohammed Abdallah Annan, nach Palästina entsendet, und spricht in einem seiner Berichte über die Möglichkeit einer Verständigung zwischen Inden ünd Arabern. Er erklärt sogar, er habe ans seinen Unterhaltungen mit Musa Kazim Pascha und anderen arabischen Führern den Eindruck gewonnen, daß die Palästinensisch- Arabische Exekutive der Idee einer Zusammenarbeit mit der Regierung und den Juden nicht mehr ablehnend gegenüberstehe. Sie sind zu der Ueberzeugung gelangt, daß die „Gefahr der jüdischen Nationalheim-Politik" nicht mehr so stark istund daß nunmehr eine Zusammenarbeit aller Elemente des Landes aus der Basis der Selbstregierung möglich sei. . Dabei wäre nur festzustellen, was unter „Selbstregierung". zu verstehen ist. Die Frage ist angesichts der neu auftauchenden Meldungen über die Einrichtung einer gesetzgebenden Körperschaft sehr bedeutsam. Wenn ein solcher Rat aus der Grundlage des heutigen Zustandes, geschaffen wird, und die Befugnisse erhält, ans die Ein- und Auswanderung Einfluß zu üben, dann wäre dies ein praktischer Vorstoß gegen den Sinn des Palästina- Mandatet •. . v M Mal-DemonstrauonenH PülSsttna vor dem Unterhaus. ' L o n d o n, 3. Jun'n ' (I. T.' A.) ' Der Kommunist S.aklatvalä fragte im Unterhaus,' ob der Kolonienminister das Haus über die Polizeiaktion, die in den Städten Jerusalem, Tel Awiw und' Haifa am 1. Mai durchgeführt wuvde, informieren wolle? Wie viele wurden bei den Polizeiattacken verwundet, wie viele verhaftet; welche von den Verhafteten sind bereits vor Gericht gestellt - worden uNd welche wurden gegen Bürgschaft aus der Haft enlassen? Minister A m e r y erwiderte: Die Polizeiaktion wurde in Angriff genommen, weil die Kommunistische 'Partei in Palästina ihre Absicht kundgab, gesetzw-idrige Kundgebungen zu organisieren, um der-Negierung Schwierigkeiten zu bereiten. Infolge der Polizeiaktion, unterblieb die Kurrdgebung in Haifa, und in. Jerusalem waren nur drei unbeträchtliche Ztvischenfälle zu .verzeichnen. .In Tel'Awiw aber sah sich die Gemeindepolizei genötigt, mit Knütteln gegen die Demonstranten vorzugehen. Hierbei tvüvden Wölf Personen verwundet. Ich bin nicht in der Lage, mitzuteilen, wie viele verhaftet und ob sie aus.der Haft entlassen sind.. Saklatvala fragte den Kolonienminister, ob er das Hans über den Fall Arje Kart informieren wolle. Lfrje Kärt sei sin Palästina zu 50 Tagen Gefängnis und zur Ausweisung verurteilt worden, weil er ein Bulletin der „Roten..Hilfe" veröffentlicht hat. Minister Amery erividerte: Es liegt ein Bericht des. Oberkommissärs vom 3. Mai vor, daß gegen pie in Frage stehende Person die Anklage erhoben worden sei, an einer illegalen Versammlung teilgenommen und die Polizei oft der Erfüllung ihrer Pflicht gehindert zu haben. Er sei ferner beschuldigt, Mitglied einer verbotenen Organisation zu sein- Weitere Mitteilungen liegen bis jetzt nicht vor/ Me ftolonhtltonfmns in London London, 6. Juni. Die hier abgehaltene Kolonia'lkonferenz hat beschlossen, daß ähnliche Konferenzen alle drei Jahre statlfinden sollen, und zwar stets im'Jahve nach Zusammentritt der Reichskonferenz. Die ÄoloniaUonferenz sollte dieser Tage ihre Verhandlutlgen zum Abschluß bringen und ihre Entscheidungen veröffentlichen. Me SisenbahnveMndnng von Haila nach Beirut. Jerusalem, 6. Juni. Wie der „Haaretz" berichtet, soll der' jetzt in Frankreich weilerrde Oberkommifflär vmr Syrien, PoNsot, Verhandlungen mit KapitaWeu in Frankreich über beit Ban der Ersenbahu von Haifa nach Beirut und Tripolis führen. Mau glaubt, daß diese Verhandilungen zu positiven Resultaten führen werden, und daß demnächst eine Gesellschaft mit einem Kapital von 90Q Millionen Francs zu diesem Zwecke gegründet ftttbtn wird. zionistischer PrMrizdelealertentag in Graz. M> u. m>» 12. straf. Samstag, den U„ und Sonntag, den 12. Juni, findet G r az der vom Zionistischen LandeSiornitee für Oesterreich einb^rufeue österreichische P r o«v i nzde leg iertentag statt. Die Eröffnung findet Samstag, den 11. Juni, um 8 Uhr abends im Saale des Hotels Erzherzog Johann statt, die Beratungen am Sonntag werden im großen Sitzungssaale der Kultusgemeinde Graz (GrieSkai 58) abgehalten. Für die Tagung ist folgende Tagesordnung festgesetzt: Samstag, den 11. Juni, 8 Uhr abends: Eröffnung des Provinztages und Begrüßungsansprache durch den Präsidenten der La nde sorgani»ation, Hern: Dr. Leo Goldhammvr. Wahl des Präsidiums und des Bureaus des Provinztages. Begrüßungsansprache des Vorsitzenden der Zionistischen Ortsgruppe Graz, Herrn Karl Schwarz. Begrüßungsansprache des Präsidenten der KultuSgemeind« Graz, Herrn Dr. Robert S o n n e n w a l b. Sonntag, de« 12. Juni, 9 ttht vormittags: Organisation-referat, gehalten von Herrn Kamille Schiller (Ortsgruppe Linz). Referat: „Die innere politisch« Tätigkeit", gehalten von Herrn Karl Schwarz. Referat: ,Mltusgemeinde", gehalten vom Präsidenten Herrn Dr. Robert Sonnen Wald.' Referat: Foren Hajessod", gehalten von Herrn Max Sonn (Ortsgruppe Salzburg). Referat: ,Irren Kajemeth", gehalten von Herrn Ingenieur Berger (Ortsgruppe Innsbruck). Sonntag, den 18. Juni, HS Uhr nachmittags: Debatte über sämtliche Referate. Anträge der Resolutions^ommission und Beschlußfassung. Aus Anlaß dieser Tagung veranstaltet die Zionistische Ortsgruppe Graz am SamKtag, den 11. Jun'.. um 6 Uhr abends im großen Saale des Hotels Erzherzog Johann ein Meeting, bei dem Dr. Desider Friedman« (Wien) über „Die Politik der Exekutive", Oberbaurat Robert Stricker (Wien) über „Strömungen im Zionismus" und Dr. Josef Löwenherz, Bi-zepräsident der Kultusgemeinde Men, über „Die Ausgaben der Kultusgemeinden" sprechen werden. Der BSllerbund den Sozialdemsttaten. Wann lvlrv Ir. Iinghofer zustlzmlMerr ^Diir m'ügewählto Nätionalrat ist noch zu keiner Arbeit gekonrmen. Gestern wurde wieder .einmal eiwe Plenarsitzung abgehalten, der erst in der. übernächsten Woche eine weitere Zusammentretung der Volksboten folgen soll. Die Arbeitsleistung war sehr gering. Es wurde zunächst ein Gesetz beschlossen, auf Grund dessen österre i ch is che H o chschulleh r o r, die ins Ausland gehen, ihre österreichische Staatsbürgerschaft beibehalten können. - , Dann ratifizierte däs> Haus den Beit r i t t Oesterreichs zum Völkerbund. Dazu hat sich die . österreichische Volksvertretung trotz der- Sanierung -und der alljährlichen Bittgänge nach Genf ein paar Jähre Zeit gelassen. 'Zu allem Ueberftuß leistete sich, de^ Sozialdemokrat Richter bei dieser Gelegenheit einige Unhöslichkeiten gegen die Völkerbundversa m m l u n g, der er vovwarf, daß sie die große Idee des Völkerbundes verfälscht habe. . Der Völkexbunh. lveiche jed^x großen politischen Frage, die den Frieden der Welt bedeute, in einem Maße aus, daß man sagen müsse, das sei nur aus der Ohnmacht des Völkerbundes zu erklären. Er wage es nicht, zum Frelheitskampf der Chinesen, zum Selbstbostimmungsrecht des ägyptischen Volkes, zum englisch-russischen Konflikt usw. Stellung zu nehmen und »ersuche es nicht einmal, die dem Jrivden gefAhrlichen Mißhandlungen nationaler Minderheiten vor seinen Richterstuhl zu ziehen. , Der Rest der Sitzung wurde dann mit der ersten Lesung.des Gesetzes über die Lostreunung des Justizamtes vom Bundeskanzleramt und seine Umwandlung in ein selbständiges Justizministerium ausgefüllt. Dr. Eisler (Soz.) frotzelte die Regierung und die Mchrheit mit der Behauptung,, daß die Vorlage ein ganz ordinäres politisches Geschäft in die Form eines Gesetzes kleide. Die. Notwendigkeit eines selbstständigen Justizministeriums habe sich nämlich daraus ergeben, daß bei bem Schacher zwischen den Christlichsozialen uiib den Landbündlern der bisherige Verwalter der Jufttz, D r. D i n gh o fe r, fein M i nist erst ortefeuille verloren habe. Die Regierung möge lieber das nach der Bundesverfassung vorg ' Gesetz Über die Abgrenzung der Kompetenzen der \ gellten Ministerien vorlegen. Die Behandlung der gegenwärtigen Vorlage sei aber eines ernsten Parlamentes n icht würdi g. ' Dr. Dinghofer bemühte sich, die Notwendigkeit der Errichtung eines selbständigen Justizministeriums glaubhaft zu machen, Das Gesetz wurde schttötzttch dem Verfasfungsausschuß zugviv . ' Di. ,Oe Sitzung wich, i« st'ch riftliche m Wege ein-hMchn wechsle 4