Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2973 (8.6.1927)
- Date
- 1927-06-08
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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fl Wien, Mittwoch Wiener Morgenzettung 8. Juni 1927 9fc. 2973 iiaiGiDiaiaiaQQinDiaiaiaiEtgaQo _KLUB RADIKALER ZIONISTEN. _ Heute Mittwoch, 8. Juni 1927, am halb 9 Uhr abends, Im Cafe Atlashof, I., Aspernplat2 (Klublokal) Klubversammlung Tagesordnung: Zionismus und Klassenkampf, der Streit um eine Formel Referent: J. Hellenberg Freie Aussprache Gäste willkommen Die Blockade gegen de« Frieden. — y, Wien, 8. Juni. ¥oz Saunt zwei Wochen Hai das englische Unterhaus den Abbruch der Beziehungen zu Sowjetrnßlcrnd gutgeheißen. Nunmehr tritt auch zwischen Jugoslawien und Mbanien ein diplomatisches Vakuum ein und um den Eindruck des allgemeinen Provisoriums voll zu machen, ist in Runranien ein Kabinettswechsel erfolgt, der ein Systemwechsel Zu werden scheint, und der russische Gesandte in Warschau ist von einem 19 Jahre alten Studenten, der über eine weißgyrdistischc Weltanschauung verfügt, niedergeschossen worden. Das alles und noch viel mehr geschieht in derselben Frist, in der die Welttoirtschastskonferenz einige Zentner von Resolutionen beschlossen hat, in der die Union der Völkerbundligen die Erörterung der Minoritätsbeschtverden auf den Oktober vertagt hat. In derselben Zeit sind zwei amerikanische Flugzeuge über den Ozean gekommen. Das Meerbedeutet keine Trennung mehr, aber die Politik steht zwischen den Menschen und sie -wirkt auch schon zerstörend, hassend und zerreißend in die Zukunft. Vom französischen Kriegsminister wurde kürzlich die- Notwendigkeit erörtert, den für die Fahre 1935 bis 1940 drohenden Ausfall an zweibeinigem Kanonenfutter rechtzeitig durch gesetzgeberische Maßnahmen zu decken. Und just um dies zu illustrieren hielt in der römischen Ersatzkamnter Mussolini seine Rede, in der er ausdrücklich den kommenden. Krieg für die von Frankreich so bitter beargwöhnten kritischen Jahre ankündigte. Er sagte auch itoch einiges über die Demokratie und den verwascheiten Geist von Locarno. Aber er hat doch Nur ausgesprochen, tvas. alle .tun, oder denken, er hat doch Nur eine (Seife in dem so anschwellerchen Buch vom wirtschaftlichen und politischen Anarchismus ansgesch'agenen und verlesen, beit man heute, wäre dies nicht ent Widerspruch in sich, als das System der Welt ansprechen könnte, das aus Expansion ins Uferlose bedacht ist. Verachtet nur Vernunft und Wissenschaft. .Das Rezept Mephistos ist wirksam ' geworden. Die Verniunst hatte unmittelbar nach dem Kriege Und unter dem Druck seiner Lehren den Völkerbund geschaffen. Er sollte die internationale Organisation werden, hinter der eine Idee steht. Er hätte dies werden können, wenn er. seine Berufung willenmäßig erfaßt hätte, wenn er den Mut aufgebracht hätte, ein eigenes Leben zu führen und sich als gebietende Zeittralmacht zu fühlen, die zunächst Und zuletzt der Sachwalter der Unterdrückten, sein mußte. Hätte er dies ausgesprochen, so wäre das Wort zur Tat geworden Und Millionen Hoffender hätten sich zu der Macht vereinigt, di: dem Völkerbund Farbe und Leben bringen mußte. Aber der Völkerbund hat seine ersten Schritte an der Hand der Jntriganten-Diplomatie getan und sein Wirken ist nirgends, lebendig geworden. Er ist so verstaubt, daß auch das Gute,, das er getan, schon vergesseit worden ist, und das passiert' nur Institutionen, die alle Hoffnungen enttäuschten. Der Völkerbund teilt das Schicksal der beiden geistigen Mächte der Weltgeschichte, der römischen Kirche und des' Sozialismus. Sie sind zum Kompromiß gezwungen worden und sie haben den'Zwang akzeptiert. Das hat ihnen das Terrain ihres Wirkens immer mehr eingeengt und sie wurden schließlich, zu Parteien. Das Umfassende und dabei doch Zentrale/ nach dein sich die Menschheit sehnt, konnte der Völkerbund, werden. Er wollte diese Internationale nicht werden und so ist auch nur ein bnreaukratisch klappernder Apparat, eine' fast schon parteimäßig etikettierte Maschinerie ohne Willen, und ohne Leben. Das fruchtbare Kapital des Massen-' Vertrauens beginnt sich zu verlaufen. Die Wirkung ist, daß die Regierungen ihre Wege gehen, und daß der Staatenegoismus seine Triumphe feiert. Es ist der offenkundigste Widersinnwenn in Gegenwart des Völkerbundes diplomatische Beziehungen abgebrochen werden. Den Hintergrund des englisch-russischeu Konsiikts bildet der blutige Bürgerkrieg in China, das sich unter tansend Schmerzen aus der Versklavung lösen will. Aus dem Balkan geht es um Albanien, den altgewohnten Tnmmylpl-tz der politischen Agenten und Brandstifter. Der Terror im Großen blüht trotz Völkerbund und Friedensgerede, und in seinem Gefolge schleicht der Einzelterror, der Akt der Vergütung, der den 19jährigen Schüler zunt Mord begeistert. Der. Völkerbund und seine Idee kapitulieren; das Bafnpm ist da Und leitet allgemach ztw Mechanisierung zurück, deren . iEndpole in Italien und Rußland sichtbar geworden sind, den Staaten der kasernierten Gewalt. Knapp vor der Gew', fer Tagung des Völkerbundrates lebt die Politik der Blockade wieder>-<mf. Fürchterliche Feuersbrunft in einer rumünifche« Petroieumgrube. 17 Persollen verbrannt. Bukarest, 7. Juni. ^Crie/.i-Raoio.) Heute frühest in der Sende Nr. 40 der Aktiengesellschaft der Steaua Roman« in Wereni eine fürchterliche Fcn epsb r u «ft ausgebrochen. Die Sende produzierte hundert Waggon Rohöl pro Tag. Das Feuer griff auch aus die benachbarten Senden über. 17 Prrsymst Wurden als i o er kohlte Leichen geborgen, j . ' —— König Ferdinand von Rumönien. Ein Manifest der Regierung. Bukarest, 7. Juni. Heute vorm'ttags fand-am' Krankenlager des Königs im Schloß Scrobifchtea ein ärztliches Konsilium statt, an dem die ausländischen Spezialisten Prof. Hart mann, Fries und Regaud sowie vier rumänische Professoren teilnahmen. Das Bulletin, das nach dem Konsilium herausgegeben wurde, lautet: „Das Lokalbefinden hat. sich nicht verschlimmert. Der allgemeine Zustand des Königs, der nach der Gr'ppc sehr geschwächt »var, hat sich gebessert, ist aber noch nicht zufriedenstellend." Die Blätter veröffentlichen ein Manifest dep Regierung, welches an das rumänische Bott gerichtet ist und in dem besoitders betont w'rd, daß cs der Wunsch des Königs sei-, dem Volke zu ermöglichen, im Wege von freien Wahlen seinen Willen zu äußern. Das Manifest stellt die gleiche gesetzliche Behandlung aller Bürger Rumäniens sowie die Sicherung der Grundlagen der Dynastie in Aussicht. In Außenpolitik will die neue Negierung eine ,Politik des Friedens befolgen, welche von den Interessen des Landes dringend - gefordert werde. :>/. ßlektrifiziermigsprojekte in aller Welt. AuslSadlWs Kapital M die klettrlflzlerung der polnischen Zndustrledezltte. Aus Warf chcrü wird uns geschrieben: Seit längerer Zeit sind Bemühungen im Gange, ausländisches 'Kapital für die E. I c t i r t f i zie r u yg Polens, vorwiegend der .,J ndustriereviere um Lodz, Warschau, Kielce und Bielitz zu gewinnen. Eine Reche von ausländischen.Finanzgruppen zeigt auch für diese'Projekte Interesse. Gegenwärtig prüft die .amerikanische F.e d e r al'R es e rpe Bank diese Elektrifizierungspläne. UeHerdies bewerben sich „das. englische. Konsortium Armstrong ' Conrpanh, sowie das' italienische Konsortium Ans.ä'ldo um die Erlangung dieser Konzessionen. ' . . Eine klettrlzMszenttale an der Donau. . Wie uns aus B-u k a r e st gemeldet wird, hat der stell-, vertretende Finanz>minister Manoilescu ein Projekt für. die Errichtung einer großen Elektrizitätszentrale, an der Donau ausgearbcitct; überdies sollen Kanäle zur Ergänzung des Eisenbahnnetzes im Donanmirndungsgebiet gebaut -werden. Die Wasserbmiplänc beabsichtigt die rumänische Regierung im Einvernehmen mit Jugoslawien durchzufichren. Für dieses Elektrifizierungsproiekt zeigt sich in d e n t s ch c n Finanzkreisen Jnteresie und mit ihnen verhandelt auch der frichere Finanzminisler L a p e d a t u, der sich jetzt zum Zwecke der Verhandlungen über die rumänische Konsolidicrungsanletbc in Berlin befindet. Sie »MeMrs-elkWUlerm» in PaMim. In einem Aufsatz, der sich mit der wirtschaftlichen Entwicklung Palästinas befaßt, bespricht die Baseler „Ratioitalzeitung" n. a. auch das Ruthcnbergsche Elektrifizierungs- Programm und macht bei dieser Gelegenheit folgende interessante Bemerkungen, die angesichts des-Umstandes, daß. die , Schlveiz in Sachen der Elektrifizierung über reiche Erfahrung verfügt, von Wichtigkeit sind: ■ Vielfach verspricht man sich von . der Durchführung des Ruthenbergschen Eleltrifizierungsprogrammcs, daS auch eine Verbesserung der Bewässerung einzelner Landesteile mit sich bringen soll, eine wesentliche Förderung der Wirtschaft. Nach den —■ leider sehr dürftigen — Mitteilungen, die uns der Generalsekretär der Gesellschaft machte, scheinen uns diese Hoffnungen un.bep.e chti gt, denn der erste Ausbau' des Wasserkraftwerkes von zitcka 12.000 Pferdestärken wird hinsichtlich der Bewässerung keine Aenderung von Bedeutung bringen, und auch die.Strompreise, die heute bes Produktion durch Dieselmotoren Fr. 1.30 ftlr Lichtünd'Fr. —.63(11) für Kraststtom betragen, werden noch ,zu hoch sein, um die allgemeine Elektrifizierung zu stimulieren. Wie sich unter den dortigen Verhältnissen die geplante Elektrifizierung der Bahnen, die wahrhaftig näherliegendc Verbesserungen durchzuführen häben, rechtfertigen läßt, ist uns nach wie vor ein Rätsel. Wie angedeutet, ift bie Publizität der Gesellschaft sehr, mangelhaft, und wtr sind daher nicht in der Lage, über technische Details sowie Mer die Finanzierung des Unternehmens zu unterrichten." Am Schluffe dieses Aufsatzes gelangt, der Verfasser' . in Sachen der wirtschaftlichen Entwicklung des Landes zu folgenden sachlich durchaus gerechtfertigten Folgerungen:! „Zusammenfaffend kann gesagt werden, daß Pa- ' läftina sich wenn auch langsam, so doch, stetig als Land vorwiegend landwirtschaftlicher . Produktion entwickeln wird; ein schnelleres Tempo würde sich ergeben, wenn die M a n d a t s r e g i e r u n g den berechtigte n Forderungen, nach vermehrter Schaffung von Arbeits-; gelegenheit durch Zuweisung von < Regicrungsländereien- 5 " zu KolonisationsAwecken und verrNehrte' Bereitstellung r .von Mitteln für hygienische und pädagogische Zwecke end-r lich entspricht; ' es bleibt dem Außenstehendem recht un- ' verständlich, wieso die Erhaltung der Schulen nicht zu den wichtigsten Aufgaben eines Mandates gehört, ebenso wie die Schaffung einer modernen. Ansprüchen genügen : den SteueruNd Zollgesetzgebung'." , Chambertin in Berlin. Bo« einem Flugzenggeschwader eingeholt. — Fabelnder Smvfang. — Irr Flieger nach Lesterreich eingeladen. Berlin, 7. Juni. Um 17 Uhr 55 Minuten ist der amerikanische Transozean-Flieger Chamberlin, von einer nach Hunderttausend, zählenden Meng-e jubelnd begrüßt, mit..seinem Apparat aufdem Temp^lhofer Flugplatz glatt gelandet, Das amerikanische Flugzeug war von einem aus 14 Apparaten bestehenden > Ge-, schwader der deutschen Lufthansa und der Verkchrssliegerchule von Kottbus abgeholt worden und, absMferte zunächst .; . . . eine Runde um die Stadt Berlin, ehe ss unter dem t o s e n d e n B e i f a ll. d ex M e n g e niederging. Zum Empfang hatten sich der. amerikattische' Bdtschaster Schur man mit dem gesamten Botschafts- Personal, zahlreiche Vertreter des diplomatischen Körps und andere offizielle Persönlichkeiten eingesunden/ Sofort nach der Landung wurden die amerikanischen, FliSgervom Reichswirtschaftsminister D r. Cu-rticks namens!>er Reichsregierung begrüßt. Der Minister sprach über die" Bedeutung des Flugverkehrs Amerika—Deutschland und meinte, Chamberlin habe eine neue Etappe auf dem Wege der Völkerverbrüderung .eröffnet. Mch - dem Minister sprach namens der-Stadt Berlin - Bürgermeister Boß herzliche Willkommensworte. Hierauf, hielt ein-Vertreter der Lufthansa eine Ansprache in englischer Sprache und brachte ein dreimaliges Hoch auf-die Flieger. aüs, in das. die Anwesenden^ jubelnd einstimmten. ' Hieraus wurden die amerikanischen Fliyger in einem Auto unter dem rasenden' Beifall der Menge utn 'das Flug feld herum geführt, damit auch eder einzelne Gelegenkeit Haben könnte,'die Flieger von m Nähe aus zu sehen. Schließlich wurden sie in 'die Direktionsräume geleitet, wo die Mutter Chamberlins se'jtz einer halben Stunde ein Gespräch von New Wrknach Berlin angemeldet hatte,dum ihren Sohn pe'r- . sömlich telephomäs.S auf dem Dempelhoser Mg« platz begrüßen zu können. Im Auto des amerikanischen Botschafters fuhren die beiden amerikanischen Flieger dann nach der hiesigen amerikanischen Botschaft, wo sie . wohnen' werden. Ihnen folgte eine" große Menschenmenge, die trotz der Äbsperrungsmäßregeln bis in die späte Nacht! vor dem Botschaftsgebäude patroülllierte-. . Chamberlin erschien unter Jubel bei einem Fenster der Botschaft. * i -> Nachdem bekannt, geworden Wa;,. daß der Flieger Ehamberlin in Kottbus seinen Apparatfreibekomnten und ^zum Flug nach Berlin aufgestlegtzn ses,,setzte schon in den MittagSstunhen ' eine? wahre Dölksvwanderung nach hem . 'Flughafen ein. Gegen 3- Uhr war der Flughafen bereits i von dichten Massen Neugieriger umlagert. Die W-; fporrungsmaßnohmen waren jedoch so streng, daß der Flughafen selbs^ für die Landung, vollkommen frei war. ^Das Flugzeug konnte in Kotthu? in angestrengter Arbeit , noch während' bit Nacht repariert werden, so daß Chamberlin, nachdem er. noch einen.Rundflug über der Stadt s absolviert hätte, zu dem Flug nach.Berlin startete.! Nach einer amtlichen Feststellung hat Chamberlin den Rekord Lindberghs geschlagen, - da dieser auf seinem Flug 5808' Kilometer, Chamberlin dagegen'bis Iottbus. 6283 K i l'o'm dt c r zurückgelegt hat. Heute abends fand zu Ehren der amerikanischen Flieger in der amerikanischen Botschaft ein E m P f a n g; i nt inti m e N Kreise statt, Mopgen mittag werden Ehamberlin und Levine vom Reichspräsidenten und vom Reichskanzler empfangen werden- Für morgen abends hat 'der amerikanische Botschafter bereits Einladungen, zu - einer größer e n Festlich kv i t' ergehen lassen. Donnerstag mittag wird Reichsaußenminister D r. Stresemaun hoff ämerikänischen Fliegern ein. Frühstück gehen.. Die Frauen der beiden Flieger sind in Begleitung eines .Attaches der deutschen Botschaft