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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-05 · Heft 2971 (5.6.1927) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2971 (5.6.1927)
Date
1927-06-05
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Sette K) Wien, 'Stmttfnfi Wiener Morseazettmrs s. Juni 1W7, Nr. S97I Vas heilige Bacchanal von Miron Von A. 8. Ben-Ischai (Tel Awiw) (Aus dem Hebräischen fibertragen von Df. Auerbach) Die 2&t$en alter J:cken in der Diaspora sind am Lag-BÄmer nach Miron gerichtet, wo sich das Grab des Mlckki Simon Ben Jochai befindet, nach dem kleinen -tOti* btt$ zwischen den Bergen des oberen Galil eingebeW>Äegt. Wenn man des Nachts von hier aus Zfath bW8^, erstheint die Stadt wie ein Schiff im Bergmecre, mfi^Mirvn, von Zfath aus gesehen, ist wie ein KindersMhjeug, weiße Häuschen aus weichem Stein, ähnlich de» Modellen im landwirtschaftlichen Museum zu Jc^ rusÄem. Bon Zfath nach Miron geht man zu Fuß; airch die, welche zunächst auf Eseln reiten, entscheiden sich alsbald für die Fußwanderung. Denn die Esel von Zfath sind TBfifoao und haben stechende Höcker; die Füße des Reiters werden daher auf dem Boden nachgeschleift und daS Sitzorgan wird arg mitgenommen, so daß doch nichts anderes übrig bleibt, als abzusteigen und hinter oder neben dem Tiere nach Miron zu wanden:. Die Zfather EsMßennen den Weg nach Miron genau, trotzdem sie ihn nur einmal im Jahre, am Lag-B'omer, gehen. Denn sie u«b chve Besitzer warten das ganze Jahr auf dieser. Dag. Nur im vergangenen Jahre, als die Automobil- Kraße von Zfath nach Miron eröffnet wurde, schwand die-Herrlichkeit des Esels — aber auch die des Holperigm, stolperigen Weges, die traunchafte Romantik vieler - JHlre. Die Zahl der nach Miron wandernden Dichter nimmt nun ab. Hingegen loird wohl die Zahl des Touristenvolkes zunehmen. Das freut die Juden von Zfath; denn nun werden sie die Preise der Lebensmittel hinaufsetzM, wecken noch mehr die „Haut schinden" können —-■tarn Tage der Feier des Rabbi Simon Ben Jochai... Hub der Tag des Rabbi Simon Ben Jochai ist keine gewöhnliche Feier. Derart ist von den Juden keines einigen chver Gesetzgeber, Propheten und Seher, ihrer Kö- N^e und Heiligen gedacht wocken. Und es hält schwer, bfejfe Feier zu definieren; manche heißen sie eine fromme Foeude — manche wieder —• Götzendienst. Ich würde sie ehr „heiliges Bacchanal" nennen, denn sie hat alle Merkmale eines solchen. Cs ist die Reformation der alter: römischen utib griechischen Bacchanalien: Die wilden Fenertänze, die gewaltige Erotik der Frauen, die Herkommen, um die Vermittlung des Rabbi Simon beim Rcken Gott zu erwirken in Angelegenheit der Nachkommenschaft, das Vergessen der Wirklichkeit, das Sichberauschen am Augenblicksopium — aber dies alles hat hier den Glanz twn Heiligkeit. Rabbi Simon ist nur der Vermittler; er, der Geheimnisvolle, der Verfasser des heiligen „Sohar", kennt hfe Wege in den Himmel. Ihm kann man ohne Zögern alle Bitten, Gebete und Wünsche anvertrauen. Mündlich imd auch schriftlich. Ern Jude aus Jerusalem hat mir ein langes Schreiben (ungefähr einen Druckbogen) für Wckbbi Simon mitgegeben, ich sollte es in sein Grab stecken. Den Brief habe ich nicht gelesen. Ich habe ihn vcknungsmäßig abgegeben, doch tver weiß, wie lange das Lesen dauern wird. Und wer weiß, wie viele Tränen über diesen Brief vergossen worden sind. Ich war ein guter Bote; ich brachte Tränen nach Miron. — „Tränen nach Miron", das ist eigentlich wie „Eule,: nach Athen". Es mangelt in Miron wahrlich nicht an Tränen. Miron ist wie der Doppelkopf des Janus. Man, tanzt und weint zugleich. Der Uebergang vom Weinen pn Tanzen ist kurz. Innerhalb des Grustgebäudes, zwischen Tausenden von Lichtern, Leuchtern und Oetlampen stchen erwachsene Juden und weinen, Aschkenasim gesondert und sephackische Juden gesondert. Icke Gemeinde an ihrer Grabes„hälfte". (In Miron, scheint es, hält man Rabbi Simon für einen Mischling, halb Sepharadi, halb Aschkenasi.) Und mitten in der Hitze, dem Dunst, dem Talggeruch und dem himmelschreienden Weinen und JamMern hat inan den Eindruck, Rabbi Simon Ben Jochai habe soeben seine Seele ausgehaucht. * . „Rabbi Simon, Rabbi Simon! Wende dich nicht ab Von mir. Sei ein Fürsprecher beim Herrn der Welt für Nüch, für meine Familie urrd für das ganze Volk Israel..." „Rabbi Simon, heiliger Lehrer! Wie kannst du denn so daliegen und schweigen? Warum erhebst du dich nicht, um den Himmel zu stürmen? Warum schreist du nicht? Warum erschütterst du nicht den Thron Gottes, da du all die Leiden, und Plagen siehst, die das Volk Israel heimsuchen?!" „Rabbi Simon, Rabbi Simon! Warum sagst du nicht dem Weltenschöpser: Genug! Der Becher der Leiden ist voll l Die Zeit des Messias ist da!" „Rabbi Simon, Rabbi Simon!..." Rabbi Simon ist das Teil der Männer. Nur selten schlüpft verstohlen auch eine Frau in das Grnstgewölbe, aber bald schreit jemand: „Auch hier Weiber? Was haben Weiber hier zu suchen?" Und sie muß sofort den Ort verlassen. Hingegen haben die Frauen ein „Monopol" auf Rabbi Eleasar, Sohn des Rabbi Simon. Hier schütte» sie ihren ganzen Kummer ans, ihr Leib und Baw gen, allen Grimm und Zorn, den sie in ihrem Herzgu tragen, hier verlangen sie alles, was ihr Herz begehrt. Fraueil über dich, Rabbi Eleasar! Und in einer Entfernung von zwei Schritten, jenseits der Gruftschwelle, eine andere Welt. Der große Hof, das flache Dach des Gruftgebäudes, die Kuppel auf dem Dache, die Terrassen rings um das Dach, die Stufen, die zu den Terrassen führen, alles hallt wider von Sang mW Klang und Tanz. Alle Musikanten von Zfath (der Stadt der Musikanten) gaben sich hier Stelldichein, alle Gesänge und Melodien der Diaspora erllinge» hier. Die Musikanten von Zfath sind mit einem wunderbaren Gehör und Gedächtnis begabt. Sie sind prinzipielle Gegner der Musiknoten — einer von ihnen, ein Zfather Jüngling, seines Zeicl-ens Schneider, der am Lag-Womer Musikant wick, klagt mir sein Leid, daß er sich der Musik nicht rv-idmen kam:, wiewohl er schr viel „Talent" in sich verspütt — aber wenn sie zu spielen beginnen, dann tanzen die Füße von selbst. Man. kann den Musikern von Zfath nicht widerstehen. — Und die Tänzer — auch sie sind nur Lag-Momer-TäNzer. Schwerlich hat wohl-einer voll ihnen eine Ballettschule absolviert. Anfänglich tanzen Aschkenasim und Sepharadim gesondert (wie sie gesondert weinen), und manchmal sieht man das Bestreben der beiden Parteien, eine die andere zu „übertreffen". Wer dann, in der Ekstase, vereinigen sie sich. Der „Tanzdirigent" ist-ein Jude ans Liberias, dem die Tradition schon ein Anrecht auf dieses Amt gibt. Sen: einfacher, dicker Stock wirkt mehr Wunder, als alle Ballett-Dirigentenstöcke der Welt. >Anf die Taktbewegungen dieses seines Stabes schließen sich die Reihen und Rerg^n, und es tanztder Uchkenasi mit dem Sphavchi, der Chalnz rttit dem Chassid. Auch. Araber und Drüsen und! andere Bolksangehörige sind Unter den Tänzern. Der Zuschauer erhält da den Eindruck eines ekstatischen Tanzes, manchmal auch den eines antiken Baochanals oder— einer,Hochzeit in einer Kleinstadt Podoliens. Und' Unwillkürlich kömmt einem der lächerliche Gedanke: Wen „verheiraten" sie hier, den R. Simon oder seinen Sohn R. Eleasar? « Aber die richtige Feier beginnt erst mit dem „Anzünden". Dieses Recht verkaufen sie hier um gutes Gell». Diesmal erstanden es ein reicher sephackrscher Jude unst dessen FraN. Eine schöne, kinderlose Frau. Das Antlitz dieser Frau hättet ihr sehen nrüssen, als sie mit heiliger; Scheu an die Schüssel herantrat, in der sich in Oel getauchte Seidenkleider befanden, um „anzuzünben". Du Herr der Welt! Was mag sie in! diesem Augenblick gesehen haben, daß sich ihr Gtsichtsausdruck so veränderte, dlckß sie so bebte, daß sie vom Feuer so angezvgen und wieder aö'gestoßen wurde! Sah sie den R. Simon oder den Engel der Schwangerschaft, der sie besuchen, kam?.... Und nach dem „AUzünden" — des Tanzes Zweiter Teil, die Fortsetzung der Tänze vom Tage und Borabend'; «Tanz Unten im Hofe, Tanz oben, auf dem Dache, Und ringshernm, im Feuer lodernd, Seide, Purpur, kostbare Gewänder bis zum Morgengrauen: „Bar Jochai, Bar Jochai, Heil dir Gesalbter!" Spät nachts wird die Menge der Tänzer müde und monoton, müde und monoton werden auch die Zuschauer. Die angezündeten Feuer beginnen zu erlöschen; *3 scheint, die „Hochzeit" geht ihrem Ende entgegen. Bis zur nächster: „Hochzeit — ein volles Jahr. Dazwischen: Wochentage, Leiden und Nahrungssorgen. Und der Mensch ist doch kein Engel. Wer weiß ob es ihm nächstes Jahr gegönnt sein wird, rwchmals auf dem Grabe R. Sinrons zu tanzen? Man hat keirre Lust, sich von hier zu trennen. Noch ein wenig, noch ein wenig — vielleicht kommt inzwischen der nächste Lag-B'omer heran. — — Besonders schwer fiel der schied einer kleinen Gruppe von Brgslaver Chassidinr, die auf dem Dache tanzten. Ungefähr zehn an der Zahl. Es herrschte Stille und ihr Tanz war ohne Musikbegleitung. Wer wie ergreifend! Eine kreisrunde Kette, die Gesichter nach oben gerichtet, die Augen in Ekstase geschlossen; und die Lippen lispeln leise eine mysteriöse Melodie: „Daß nicht sich schänwn, nicht erröten,, die auf Ihn vertrauen." Ich glaubte eine Szene aus dem „Dybuk" vorzusehen. Ach, wie tief sind diese hier in daS Geheimnis der Ekstase eingedvungen. BraSlav u. Zfath, R. Simon b. Jochai und R. Nachman von Braslav, die hier ineinander aufgehen. Das Herz flog ihr zu, dieser kleinen Schar von Tänzern und die Hände klatschten von selbst: „Daß sich nßcht schämennicht erröten, die auf ihn vertrauen; daß sich nicht schämen, nicht erröte»:, die auf ihn vertrauen." Doch gegen Morgen, toenn die schweren Tautropfen fallen, wenn der rauhe Bergwind weht, beginnen die Hänstr zu versagen und wollen nicht mehr klatsche::, allmählich verweigern die Beine den Dienst. Wie wohl täte jetzt ein weiches Bett, eine worine Decke,'damit man einige Stunden Schlaf genießen und im Traume das Schauspiel der Nacht Und des Morgens fortsetzen könnte. Und kein Bett ist da. Wcker in den Gräben: des R. Simon und R. Eleasar noch im Bethanse von Mivon. Einzig und allein im Mlters-Versorgungshaus und in der Jeschibah des N. Sinwn Und R. Eleasar gibt es Betten. Doch dort ist alües besetzt; wer früher kommt, der mahlt früher. Und die übrigen Genußsüchtigen, die auch am Lag-B'omer nicht aus den Schlaf verzichten mochten, gingen noch in der Nach" nach Zfath. Schwer sind besoickerS die Morgenstunden. Die Zeit dm Panse zwischen den Nachttänzen uick den Tänzen, die sich nach der „Chalakah" erneuern. In diesem Zeitpunkt wankt man hin und her „gerupft von allen Seiten", kein Tanz und kein Schlaf. Da erinnerte ich mich, daß es in Miron auch die Gräber von Beth-Schammai unb Beth-Hillel gibt, die wegen der Feier für R. Simon fast in Vergessenheit geraten. Dorthin lenkte ich meine Schritte. Die Höhle, in welcher sich das Grab von B. Hillel befindet, liegt an: Bergabhange, und die Höhle mit den: B.-Schammai-Grab au? dem gegenüberliegenden Berge. Und siehe.! Das Hillel-Grab ist Herrlich. Dve Grabstätten sind vollständig erhalten, wie wenn sie erst gestern mt§ der Hand des Künstlers hervorgegangen wären. Es ist ein „fröhliches" Grab, das Hillel- Grab, es ist darin Optimismus, Leben. Hier langweilt man sich nicht. Biele Kerzen und Oellichter brennen auch hier. Und Frauen schluchzen genau wie auf dem Grabe R. Eleasaris>. Mftn fühlt es, baß hier ein Mann ruht, der den Inden Gutes erwiesen hat, der erlaubte, erleichterte. Er legte nicht viele Hindernisse auf den Weg des Lebens unb das Volk vergilt chm dies, das Volk fühlt sich auf diesem ,Grabe wie im Hause eines nahen lieben Manschen. Ganz anders ist es am .Grabe! von B. Schammai. Eine niedrige Höhle, in die man kriechen muß, ohne Denkmal, ohne Grabstein. Ein Hausen kleiner und großer Steine. Und wie langweilig ist es hier! Dott sitzt ein alter, blinkelnder sephackischer Schlammes mutterseelenallein und wartet Mf den „Bakschisch" (Trinkgeld), während vereinzelte Kerzen ihrer: Talg traurig abtröpfeln lassen. Gering die Zahl der Besucher; denn wer besucht gerne einen Pedaw t.en? In diesem Mrgenblicke erbarmte nach Schammai. Aruh er, dünkt prich, war doch schließlich guter Jude. Wiewohl ich in nreiner Kindheit, beim Rabbi, nreine ganze Sympathie seinem Widersacher, Hillel schenkte; (lvarum — dachte ich — will dieser Mann nur das Leben verbittern?). iWer auch ich wollte dort nicht lange weilen. Wenn schon ruhen oder jeitt wenig schlafen, so ists doch besser, in Hillels Näh" sich hinznstreö^n. Fliehe.den Pedanten! iAsuf dem Rückwege zu B, Hillel besuchte ich auch das schöne Denkmal, das sich in der Nähe von B.Schannna: befindet. Jemand sagte mir, daß hier Priestergräber sinjd>. Wer der sephackische Schammes belehrte nnch, dasdies das Grab von „Schanunais Schnur" sei. Warum ist eines so schönen Grabes für würdig befunden? Ich »veiß es nicht. Vielleicht deswegen, weit man zun: Bau einer LaUbWtte für ihren an diesem Festtage neu geborenen Sohn die Dachsparren ihres Zimmers verweickete? — Und unweit, auf Pergeshöhe, ein großer Stein in Gestalt eines Thrones. „Hier" sagt mir der Schammies, -„ist der Stuhl Elijähn's. Bon hier aus wird Elijahn in die Posaune stoßen, um die Verstoßenen Israels zu sammeln. Den»: hier ist ja Ober-Galil, der höchste Punkt Erez Israels und von hier Ms wird die Posarm-enstimme wohl Überall gehört werden, wenn unser Messias kommt."- Einen Aiugenblick glaubte ich Posannertton zu hören- Ist das nicht die Posaunenstimme Elijahus? Nein, es tvar nur der Pfiff aus der Sauunelpfeise des Wegweisers aus Tel lAwiw, der seine Ausflügler ruft, sich zum Ausstieg auf den A^inonberg bereit zu halten. Ich stieg hinunter. Als ich zUm Grabe R. SimonS zUrückkam, sah ich die Kinder bereits von der Prozession! zUm. Grabe des „Proletarier-Gelehrten" R'. Jochanan d. Schuster, zurückkehven; nach der „Chalaka". Wie eine Hecke junger Schafe nach der Schur sahen die Kinder Ms'. Unst im Hvfe des R. Simon-Gräbes erneuerte sich die Feier. Die Bäder setzen ihre „Schäfchen" rittlings auf die Schultern Und tanzen so mit ihnen bei „Orchester"-BegleituW. Manche Kinder fühlen sich dabei ganz »vohl; Mdere aber .weinen, stöhnen, brüllen Mgstvolt, doch keiner kümmert sich darum. Es ist eben ein frommes Tanz, der TMz der Väter mit den Kindern, eine Generation auf der anderen reitend. ^Erschütternd ist auch das Liest, das während diesck" Tanzes gesungen wird: Schreiet, Kinder, schreiet: „Warum, warum, warum, Warum hast du uns verlassen?" ------ Dieses Lied wick immer wieder gesungen und das Echo der Berge antwortet: „Warum?" Und in der Morgenlust Mrrons ettönt eine Äimme: „Warum? Warum?" Und viele Tage und Nächte hinterher verfolgt dich die Stimme der Kleinen: „Warunl, waritm, ivarum hast D::!uns verWm?" —

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