Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2971 (5.6.1927)
- Date
- 1927-06-05
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2071 Wwn, Gonmag Schanmoth mkd Pfingsten die Differenz von eben diesem Tagesbericht. Schawvoth und Pfingsten eine historische Betrachtung. Zur Zeit des R. Jochanän b. Sakkai spielte fich im Zentrum Judäas ein großer Streit Mischen i>en Marisäern und den Sadduzäern bezüglich der Festsetzung ies Schawuothfestes ab. Den Gegenstand des Streites bildeten die Bibelworte „Mimochorat Haschabba th" s3. V. M., Kaip. 23, Vers 1b), von deren Auslegung die sfixicrung des Wochenfestes abhängt. Die Pharisäer erklärten, „Mimochorat haschabbath" bedeute den zweiten Tag Pessach, von dem angesrvngen die siählung der sieben vollen Wochen beginnt und am folgenden Tag das Wochen fest zu feiern ist. Die Sadduzäer dagegen bezogen das ,Mimochorath faschabbath" auf den Tag, der dem Samstag folgt, somit ioäre nach ihrer Ansicht die Zahlung der sieben Wochen hon -dem ersten Sonntag nach dem ersten Pessachtage vorsunehmen. Die Pharisäer gingen als Sieger in diesem Streite lervor, und die Ansicht der Sadduzäer wird im Talmudraltat Menachotch 67 a auf vierfache Art widerlegt. Um lum die Meinung der Sadduzäer ganz zu verdrängen, wird sm Talmud das Wochenfest mit „Azereth" (Schülßtag zu ßessach) bezeichnet, denn das Wort Schawuoth könnte zur irrigen Meinung führen, daß die sieden von Pessach zu täh-lenden Wochen vom ersten Tag der Woche, wie die Sadduzäer es taten, zu rechnen seien. Das Wochenfest ist lomit der fünfzigste vom zweiten Pessachtage angöfangen. Was ist nun das Pfingstfest? Pfingsten ist eine sprächilche Entwicklung vom griechischen Worte „Pentekoste", jas heißt der fünfzigste Tag. Diese letztere Bezeichnung für bas Wochenfest rührt von den alexandrinischen Juden her. Sas Pfingstfest ist eigentlich nichts anderes, als das jüdische Schawuoth. Das Christentum und auch das karäertum nahmen die Ansicht der Sadduzäer an, wonach sie Zählung der sieben Wochen von Sonntag nach Pessach zu erfolgen hat. Pineles, in seinem „Davkah schel Dhorah", Seite 212, Dien, 1861, meint, daß die Ansicht der Sadduzäer für das »Märsche Konzil ein Grund war, das Osterfest immer am bonntag zu feiern. Diese seine Annahme beruht allerdings ms der Voraussetzung, daß erst im nicäischen Konzil -das Osterfest auf Sonntag verlegt wurde, ist jedoch durch die zeschichtliche Tatsache widerlegt, daß das Christentum noch hör dem evlvähnten Konzil Ostern am Sonntag geleiert hat. Besser wäre anzunehmen, daß das Christentum Ostern ms denselben Gründen auf einen Sonntag verlegt hat, sie für die Verlegung -des Scvbbat auf Sonntag maß- Ewend waren. Damit auch Pfingsten -aus einen Sonntag llen sollen,- begann man die Zählung der sieben Wochen, as mit der Ansicht der Sadduzäer übereinstimmt, schon hom ersten Ostertage, so daß das Pfingstfest als fünfzigster ^ag auch auf Sonntag fallen muß. Pfingsten bezeichnen -nun den fünfzigsten Tag. Tatsächlich aber feiern die Christen -den neunundvierzigsten öag, wie mir auch mein verehrter Lehrer, Herr Hofrat sielior A. Schwarz, mitgeteilt hat. Wenn auch der Ostersonntag mit dem ersten Pessachtage, wie in diesem Jahre, zusammenfällt, ergibt sich aus ben dargelegten Gründen beim Zusammenfällen von einen Tag. ES ist bereits Mi IS. WM -in diesem Blatte auf das Zusammentreffen von Pesiach «rd Ostern hingewiesen worden. Diesem analog, fällt in unserem Jahrhundert der erste Echawuothtag mit dem Pfingstmontag der Katholiken Md Protestant«» mrßer in diesem Jahre am 6. Juni, noch in den Jahren; 1981 am 8. Juni und 1994 am Id. Mai zusammen. Dr. A. tz. Te l lea. Der Poststreik vermiede«. Ae SMMdAffe der Regler»»« tm# »es vmerksAfte» »»genommen. Die vormittägigen Verhandlungen verliefe» resiütatloS. Nachmittags übermchm die Postgewerkschaft ein e Be rmittlungsaktron in der Frage der Neuwahl der Personalvertretung des Telegraphenpersonals. Nach! diesem Vorschlag würden bis zur Neuwahl die Personal- Vertretungen durch ArbeitSgoMeinschaften erseht werden. Die Arbeitsgemeinschaft, die interimistisch an die Stelle des Zentralausschnfses zu treten hätte, sollte sich nach diesem Vorschlag auS fünf Vertretern der Technische» ttukm und drei Vertretern dtzS ^ichtsozialistifchen Gewerkschaftsbundes zusammensetzen. -Dieser Vorschlag wntde von der Postgewerkschaft der Technischen Union üb-erbvacht und hierauf die Verhandlungen öS 9 Uhr abendS unterbrachen. Der Appell Dr. Selpels. Bundeskanzler Dr. Seipel hat noch im Verlaufe der Besprechungen, di« in der Nacht zum Samstag geführt würden, die Vertreter der Pvstgewerkschast und der Technische» Union sowie die des nichtsozmlistischeN Gewerkschaftsblrndes eingeladen, vormittags neuerlich ins Bundeskanzleramt zu kommen. Die Besprechungen wurden programmgemäß ausgenommen. In der Frage der PersonalvertretungSwahlen der Telegraphenangestellten gab Bundeskanzler -Dr. Seipel de» Appell bekannt, den er an die Technische Union und den Gewerkschaftsbund im Interesse der Herstellung eines frLe-d-- lichen Einvernehmens gerichtet hat. Di« Gefahr eines Poststreiks erscheint abgowendet. Me Verhandlungen zwischen der Regierung und den Vertretern der Organisation der Post- und Telegraphenangestellten wurden gestern nachts beendet. Im Zuge de« Verhandlungen machte die Regierung eine Reihe von Zugeständnissen hinsichtlich der Regelung der Nebengebühren, der besseren Vorrückung usw. Die sozialdemokratischen Gewerkschaftler erklärten daraufhin, daß sie diese Geständnisse für die Postler annehmen, obgleich sie sich' -durch sie -nicht völlig befriedigt fühlen. Eine ähnliche Erklärung gaben auch -die Vertreter der nichtsozialdemokratischen Gewerkschaften ab. -Die Technische Union mchm de» von der Pvstgewerkschast ausgearbetteten VermittlungsvorWag hinsichtlich der provisorischen Ersetzung der Personälvettretung durch sogenannte Arbeitsgemeinschaften zur Berichtigung an den Verbandsvorstand entgegen. 91 We Woche kommt der Fünlundzvmilzigerousl chutz. lieber Einladung des Bundeskanzlers erschien um 6 Uhr abends das Cxekuüvkomttee des Fünfundzwanzigerausschusses im Bundeskanzleramte.Im Aufträge der Bundesregierung machten Sektionschef Doktor Ai gner und Ministerialrat Dr. Nitfchmann dem j Exekutivkomitee Mitteilungen über den - Stand der Ver- >»«« V>«»M'E«S»K . eteht man in jo dom Hanno DIANA Franzbranntwein mit MenthoS in Gebrauch. Warum gerade diesen! 1. Weil Sie meisten Menschen gewohnt sind, ihren IvOrpor mit Diana-Franzbranntwein einzareiben und ihn damit kür die Mühen dee Tages tu et&hlon and die Tätigkeit der Haut anzuregen, die Blutzirkulation in beleben and die Herren an klüftigen. 2 Wer leicht xnm Schwitten neigt, muß unbedingt dee Morgens den Körper mittele eines in Diana-Franzbranntwein getünchten Lappens ftettleron, damit der geschilderte TToboIstand beheben wird. 8. Wer Diana-Franzbranntwein dos Morgens ins Waschwässer gibt, kann alle anderen teueren Toilettemittel leicht entbehren. 4. Bel Brüchigkeit des Haares, Schuppen etc. ist Diana-Franzbranntwein von ausgezeichneter Wirkung. 5. Infolge des angenehmen Gernches und Geschmackes des Dlana- Franzbronntwoinos sowie dessen Eigenschafton gibt derselbe ein ausgezeichnetes Zahn- und Gurgelwasser. 6. Wer in der Früh einige Tropfen Diana-Franzbranntwein in Wasser aufschnnpft, beseitigt die hüüfig auftretende Verstopfung der Nasenkanftlo. 01ANA-rßMßRilNNmElN wirkt also kräftigend, abhdxtend und kühlend. — Sein Geruch ist sehr angenehm und eignet sich infolgedessen auch vorzüglich zur Erfrischung der Zimmetluft. Verlangen Sie ausdrücklich Dl ANA-FRANZBRANNTWEIN mit der nebenstehenden damit Sie gegen Nachxegistrloxton Schutzmarke Bslrtlztl ahmungon geschützt sind. Handlungen mit den Post- und Telegraphenangestellten, die allerdings bis zu dieser Stunde noch nicht abgeschlossen waren. Präsident Hold gab bekannt, daß der Fünfundzwanzigerausschuh über diese Mitteilungen beraten werde. Es Nuttde in Aussicht genommen, im Laufe der nächsten Mache die Aussprache fortzusetzen. Die Eommersrlschen-Arker. Just zu den Festwochen ist eine ellenlange Lilste österreichischer Sommerfrischen bekannt geworden, die sich arisiert haben und für deren Bereich die Freizügigkett nicht mehr gilt. Ort für Ort und Gasthaus für Gasthaus erklärt sich selbständig und schafft sich! ein eigenes Gesch. Bürgermeister und Gemeinderäte im holden Verein mit den Fremdenverkchrskommissionen beschließen, daß Juden keine Wohnung gegeben'wird, und teilen dies mehr, minder höflich den .ANftagern nrit. Aus verschiedenen Beschwerden, die uns zugehen, ist zu ersehen, daß solche abgewiesene Parteien ein Einschreiten der Regierung erhoffen. Das ist ein durch nichts begründeter Aberglaube. Die Regierung ist mtt der Organisierung des Fremdenverkehrs beschäftigt und kann sichl um solche Kleinigkeiten nicht kümmern. Auch das Parlament hat andere Sorgen. 'Auch dort geht der Fremdenverkehr um, und' alle politisch orientierten Volksführer sind in dir Festwochen eingezogen. Die bürgerlichen Einheitslistler haben draußen in dm Bundesländern auf Ordnung zu schauen und heben die Verfassung für österreichische Bundesbürger einfach auf dem Wege der G'moavorst.ände auf. In der Metropole ist das kaum zu verspüren, und die große? Rathauspattei! nimmt von dem, was sich draußen ereignet, nicht einmal Notiz. Tragödie einer Aufklärers. Leven unv Wirten des Georg Leopold Weisel. Um die Mitte, des 19. Jahrhunderts tauchte in der deutschen Literatur ein« Reihe von Schriften aus, welch« tas jüdische Milieu zum Vorwurf für Erzählungen und kkomane machten. Die Verfasser waren Juden, und ihre Schriften hatten fast durchgchends zwei charakteristische Büge: die romantische Note, welche das jüdische Leien, 'daS diese Schriftsteller schilderten, in eine Art hilwrisch verklärender Perspektive setzte, und die Tendenz tat jüdischen Aufklärung Mendelssohnscher Prägung, Welche die Abstreifung des Ghetto und die nach der Meinung ihrer Verfechter zwangsläufig aus der Emanzipation sich ergebende vollständig« Einordnung der Jude» ln das Leben der Umwelt predigte. Es ist bezeichnend, daß die meisten Vertreter der jüdischen Milieuliteratur jener Zeit aus Böhmen stammen und daß in erster Linie die alte und berühmte Judengemeinde von Prag diesem Literaturzweig ebenso reichen Stoff wie zahlreiche ^Bearbeiter gab. Dies ist zum Teil daraus zu erllären, daß unter den Juden Böhmens zu damaliger Zeit noch verhältnismäßig, mehr in sich geschlossene jüdische Lebensform vorhanden war (dev böhmische Dorfjude, der nicht lange nachher aufS Aussterbeetat kam, existierte damals noch in seiner traditionellen Eigenart) und daß die Prager Judenstcwt mtt ihrer uralten Geschichte und Sage der romantisch gerichteten Phantasie dankbaren Stoff zur Betätigung bot. So sind denn die ältesten und wichtigsten Vertreter der jüdischen MUieulitevatur, die sich zu der obenangegebenen .Zeit entwickelte, böhmische Juden. Mt Ausnahme von Arm: Be-rnstein (nebenbei, bemerkt, dem dichterisch begabtesten dieser jüdischen Milieuschriststellet) sind sie alle, Siegfried Kapper, Leopold Kompert, S. Kohn, Äuttmann Klemperer, Kinder böhmischer JudengeMeinöen >cher Dorfjudenfamilien. In Prag erschien auch im Jahre >1846, von dem Buchhändler Wolf Pascheles heraus- LMben, die bedeutsame Sammlung jüdischer Sagen, Volkserzählungen, Legenden und Chroniken, Uc unter dem Namen „Sippurim" bald Ivette Verbreitung fand; darin sind viele Stücke spezisische Prager und sonstige böhmische Lokalsagen. Einer der eifrigsten Mitarbeiter an dieser Sammlung war Georg Leopold Weisel, von dem in den „Sippurim" eine Reihe von Bearbeitungen Prager jMscher Sagen, ferner Sagen über -Maimomdes und Wer Raschi ausgenommen sind. WeifÄ teilte rntt den meisten Vertretern der jüdischen Mtlieultteratur aus dieser Zeit (Leopold Kompott vieMcht mOgEnommen^ um den sich vor etwa 16 Jahren Stephan Hock verdienstvoll bemühte) das Geschick, in Vergessenheit zu geraten; denn so löblich auch die Tendenz, so warm auch die romantische Empfindung der Männer war, welch« die jüdische MilieuKteratur in deutscher Sprache befruchteten, so schwach war chre dichterische Begabung, so ärmlich ihre aus der damaligen FamÄienblattliteMtur geschöpfte Erzählungstechnik. Ungefähr um die gleiche Zeit, da diese jMsche Milleultteratur in deutscher Sprache entstand, entquoll der mtt ähnlichen Tendenzen durchsetzten jüdischen Aufklärung des Ostens der Anfang jener Ltteratnr im Vvlksidiom, welch« geradezu mit einem Schlage Mendeles. Schalem Alejchems, Liuchkis bleibende Werke und Werte hervorbrachte. Es scheint, daß die echte Dichterkrast nur aus der großen festgefügten Masse eines Volkes gvboren wird. Dennoch ist das Verdienst der Kapper, Kompert, Kohn und Weisel nicht zu unterschätzen; sie haben in ihren literarischen Schöpfungen und auch in Aussätzen verschiedenster Att, die sich mit Judentum und jüdischen Fragen beschäfttgen, wertvolle Beiträge zur jüdischen Vollskunde aus Gebieten jMscher Siedlung gegeben, die sonst an derlei Zeugnissen des jüdischen Lebens arm sind. In dieser Hinsicht stcht gerade Weisel in erster Reche, und daher ist es sehr verdienstvoll, daß in jüngster &eü das Gedächtnis ölt ihn aufgefrischt nmrde. Der Oberlehrer und Konservator Josef Blau hat in den im Aufträge der Deutschen Gesellschaft der Wissenschaften und Künste für die tschochostowakische Republik herausgegebenen Bei- ' trägen zur sudetendeutschen Vollskunde als 17. Band eine Sammlung follloristischer Aufsätze Weisels unter dem Tttel „Aus dem Neumarker Landestov" (Sudetendeusicher Verlag Franz Krause Reichenberg) erscheinen lassen. Es ist zum erstenmal, daß Weiesls Arbeiten selbständig in BuchsvmN das Licht der WÄt erblicken, denn bei seinen Lebzeiten hat er sie in verschiedeenn Zei^ schttften und 'Zeitungen verstreut ihr Dasein fristen lassen. Weisel hat nicht nur zahlreiche Beiträge zur jüdiMn Volkskunde gegeben, sondern auch zahlreiche tvettvolle folllovistischie Arbeiten iiber die Bcivvhner -des Böhnrerwaldes verfaßt, die ihm auf deutscher wie auf tschechischer Sette Dank eintrugen. Dank, aber nicht viel mehr; denn Weisel lebte und starb ein bescheidenes, fast ärmliches Landarztdasein. In diesem äußerlich kleinen Leben aber existierte auich die Tragik, die spezifische Tragik des jüdischen Aufklärers'; sie wird in der liebevoll geschriebenen Biographie, die Josef Mau dem erwähnten Buch vvrangesetzt hat, offenbar. Joachim Löbl Weisel wurde als Sohn eines Hausierers im Jcchre 1804 (Tag und Monat der Geburt fick» Nicht mehr festzustellen) zu Prestitz südlich von Pilsen geboren. In früher Jugend kam er nach Prag, um dort zu studieren, bezog dann ein« Wundarzneischule, welche, ist unbekannt, aus einem Brief au ein Amt geht , bloß hervor, daß Weisel „eiu vou der ältesten Universität Deutschlands geprüfter und approbierter Wundmid Entbindungsarzt" tvar. Er erhielt dann eine Stelle im Spital' von Klattau nnd wurde von dort nach Neu mark in Westböhmen versetzt. Damals war Weisel 66 Jahre ' alt, und er wirkte fast ebenso lange, nämlich 33 Jahrs, bis zu feinem am 31. März 1873 erfolgten Ableben als Arzt in Neumark. Dort lernte er bald nach seiner!An-! kunst die Tochter eines Zollbeamten kennen; sie nmrde seine Braut, und ihr zuliebe trat er zur katholischen Kirche über und imirde im Jahre 1843 getauft, um seine Braut Anna Pawlowsii als Ehegattin heimzuführeu. Dieser Uebertritt war eines der tragischen Momente in Weisels Leben; seit je voll lebhaften Interesses für jfi-