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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-05 · Heft 2971 (5.6.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2971 (5.6.1927)
Date
1927-06-05
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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•Seite 2 Wien, Somrtoer Wiener Morgenzettnng 5. Juni mn Nr.2S71 « UaLöertroffe« Sei r-enmattf«Sen. qichttfch«« und nervöse» Schmerzen, Kopfsäimcrzen n«d KrkLttnngskrankveilen. 1500 Äer5tc 6Cpgtj. mmwmr'xt* «en die -ervorrogend schmerzstillend«, keilende ».prompte WM«»«. «ei«e schädlichen Neben«err»»gen. Fragen Sie Ihre« Arzt! -- """ ° -“ In alle» Apotheken. — PrclS S 2*20 Das Gesetz der Freiheit. —y, Wien, 5. Juni. den Juden das Gesetz erteilt nmrde, ivaren sie eben aus der Sklaverei gekoumren. Die Verfassung die sie hörten, sollte sw zum Bewußtsein freien Menschentums führen, sie zu einem Volk vereinigen, das sich sein neues Leben nach den Grundsätzen reinen Menschentums cinrichtete. Sie zogen der verlassenen, vergessener! Heimat zu. Aber ehe sie ihren Boden betraten, mußten sie sich als eine Schicksalsgemcinschast fühlen, in der jeder Angehörige das gleiche Recht und die gleiche Pflicht besaß und in der jeder Schutz und Rückhalt finden konnte. Men fremden Einwirkungen war dieser Mt der Volkwerdung entzogen. In! der menschenleeren Wüste, allein zwischerr Himmel und Erde empfing das Volk sein Gesetz, das kurz und nnrnißverständlich zu ihm redete: Du sollst nicht! Du bist ein Volk von Freien,, für die es Unwürdig ist, zu morden, zu stehlen, zu lügen, in fremden Besitz und fremde Fcmrilie einzubrcchen. Was sie in Aegypten gesehen und gelernt hatten, rnußte hinter ihnerr versinken. Mit den Ketten des Sklaven mußte auch sein Wesen fallen. Dieses Gesetz ist die Grundlage geworden, auf der sich dann alle Völker ihr Leben einzurichten bestrebten. Sie haben das Gesetz abgeschrieben, aber nicht befolgt, Und in der ewig nachwkrkenden und sich immer mehr verstrickenden Umvahrhastigkeit hat sich ihr Gewissen gegen das Volk gewendet, aus dessen Besitz sie sich ihr Gesetz geholt hatten. Es war chnen eine stetige und lästige Erinnerung, die sie auszutilgen sich anstrengten. Das Volk der Freiheit mußte wieder in die Fron. Es blieb sich treu, weil sein Gesetz mit ihm ging. Aber es drohte ihm das Schicksal, daß es seinen Stolz und seine Seele verlor. Ehedem war es doch das einzige Volk gewesen, dem das Bekenntnis zur Freiheit verkündet wurde. Nun auch die anderen Völker dieses Bekenntnis adoptiert hatten, was Unterschied sie noch innerlich? Die Geschichte des Judenleids und der Judennot zeigte den Unterschied. Die Juden mußten Juden bleiben, als Jrckren wunderten sie Über die bewohnte Erde und das Gesetz ging mit ihnen. Was es ihnen verboten Halle, wurde an ihnen getan- Sie wurden belogen, betrogen, bestohlen und gemordet, rechtlos und heimatlos getrieben. Erst als sie ihren Stolz wieder fanden, erwachte auch wieder ihre Kraft. Sie entschlossen sich, ihr Schicksal selbst zU bestimmen. Zwischen den Sklaven, die in allen Ländern lebten, wob sich ein neues Band und das Bekenntnis zur Freiheit erhielt einen rwuen Inhalt. Vergessene Erinnerungen stiegen aus dem Staub des Exils herauf und verdichteten sich. Die Tat war da. Aber sie umfaßte nicht tafle. Viele, viele waren matt geworden und hatten mit müder 'Seele sich abgewendet. Viele andere blieben auf halbem Vteg. Die Menschheit, sagten sie, ist doch eine andere geworden Und sucht unter unaufhörlichem Ringen zur Freiheit zu gelangen, es ist besser, wenn wir ihr helfen. Wer da waren sie wieder die unwillkommenen Mahner an begangenes Unrecht, die ihre beste Kraft ungedankt vergeudeten. Der dritte Teil ging dien Weg in die Freiheit, den Weg der Ehre und der Pflicht. Dieser Teil, er ist noch gering an Zahl und Kraft, baut die Heimat unter tausnü» Widerständen, gegen eine in aller Welt entfesselte Feindschaft, gegen die WGrigkeit der allgemeinen Verhältnisse. Das Werk geht nUr langsam voran, weil eben nur eine Minderheit sich ihm widmet, die auch noch um die Erhaltung des Volkstums in der Diaspora bemüht sein muß und sich gegen die Elemente wehren Muß, denen die Aegypter und ihre Fleischtöpfe wichtiger sind als die Freiheit. Wieder ist das Volk auf dem Heimweg und wieder ist es in einer Wüste. Es ist allein mit sich. Die Bokker ringsum schlagen täglich die Freiheit nicker und ihr politisches Streben geht nach fremdem Besitz. Sie haben ihre technische Kultur erhöht, aber im Innern sind sie ungeändert tzebliÄen. Auch ihr alter Haß wieder die Juden, die sie mit aller Schuld beladen. Wer was der vorwärtseilende Teil der jüdischen Nation unternommen hat, ist so neuartig und» so kühn, daß es sich neben die besten Leistungen der Geschichte stellen, darf. Und was dieses Werk noch besonders schmückt, ist neben seiner Rastlosigkeit auch noch der Zettpunkt des Entstehens. Während in allen Staaten und Völkern zum Krieg und zur Zerstörung gerüstet wurde, faßte dieses jüdische Volk aus sich heraus, aus seiner wiedererwachten Seele den Entschluß zum Aufbau, zu einer neuen Siedelung, die im Zeichen des Friedens sieht. Und während nach dem Krieg die Staaten ihre Gedanken auf neue Macht und Expansion richteten, arbettet das bewußte Judentum an der Aufrichtung einer neuen und freien. Zukunft, deren IGesetz nur die Menschlichkeit und die Würde der Arbeit sein wird. Sin Antouusall Aaftea «hamberlaias. Lo«rd o u, 3. Juni. Staatssekretär des Aeußeren Chaimberlarn gab heute im Außenministerium dem diplomatischen Corps ein Diner. Es war dies das erste seit dem Jahre 1914. Als er in seine Wohnung zurückfnhr, erlitt er einen ftkntomobilunfall, bei dem er durch Glassplitter leracht verletzt wurde. Chaimberlain wurde ein Notverband angelegt, worauf er die Fahrt fortsetzte. Heute vormittags ist Chamberlain nach Gens abgereist. Lord Rothermere will das WlMm-NMdat verschachern. Wiederholung des London, 4. Jrmi. „Daily Mait" fordert den Verzicht auf die britischen Mandate im mittleren Osten, da England bei der Bedrohung dieser Mandate seitens Rußlands und der Türkei oder von anderer Seite verpflichtet wäre, sie zu verteidigen. DaS Blatt fährt fort: Mt Zustimmung des BölkerbmrdeS könnten wir das Mandat über den Irak und Palästina Italien Übergeben. Dieser große Staat braucht dringend eine territoriale AnSdehnnng fiir feine rasch zunehmende Bevölkerung. Ms M i t t e l m e e r m a ch t, die bevetts Inseln als Stützpunkte im Acgäischen Meer innehat nnd dir von unteren eigenen, über die ganze Welt ausgedehnten Verwicklungen frei ist, könnte Italien mtt den syrischen Mandatsländern viel leichter fertig werden, als wir. Wenn es diese Aufgabe übernehmen will, können wir sie ihm bereitwillig avtreten. * Die „Daily Mall", das Blatt des Lords Rothermer c, hatte denselben Vorschlag, die vorderasiatischen Mandate an Italien zu übergeben, bereits' anfangs Mai gemacht und der „Messagero" hatte den Plan mtt Freude willkommen geheißen. Eine Realisierung könnte nur mit Zustimmung des Völkerbundes erfolgen, der doch vorher, wenigstens was » Palästina anbetrifft, auch die Willensmeinung der jewish agency einholen müßte. Es entstünde dann noch die Frage, ob die Mandatsgebiete einer so folgenschweren politischen Umstellung ausgesetzt werden dürften. Der Zufall fügte es, daß der Kolmrialmmifter Amery am 3. Mai, also dem Tage, als Lord Rothermere den ersten ballion d'essay fliegen ließ, in Birmingham eine Rede hielt, in der er erklärte, die Entwicklung Palästinas und seine weitere Zukunft sei eine Sache.des Stolzes für jeden Engländer. Die Position in Palästina sei übrigens aus militärpolitischen Gründen ein hoher Faktor für die Sicherheit Großbritanniens. -Am selben Tage erklärte Ramsay Macdonald in einem Interview in Newyork, daß die brttische Arhetterpartei an der Balfour-Deklaratron festhalte, und daß sie ihre Bestimmungen betreffend den Aufbau des jüdischen Nätionalhettns in die Tat Umsetzen werde, sobald sie zur Macht gelangen werde. Die verantwortlichen Politiker Englands gehen, wie man sieht, mtt dem Prestige einer britischen Unterschrift weit behutsamer vor als der Zeitungskönig der Diehards.. Es ist übrigens auch anzumerken,! daß „Daily Mall" nichts anderes propagiert, als daß England den Auftrag des Völkerbundes gerade in dem Augenblick fallen lassen soll, wo es sich als Mandatsmacht bewähren soll. Die Diskussion des Vorschlages würde gerade das erreichen, was verhindert werden soll, nämlich eine Ermunterung der kommunistische^. Aspirationen «ruf den nahen Orient und das gerade aus der Straße nach Indien. ÄHt Emigranten Men Ätzt nach PalWnn. Jerusalem, 3. Juni. (I. T. A.) Im Hinblick auf den lAbbruch der diplomatischen Beziehungen zwischen Grvß- Britannien und der Union der Sowjet-Republiken und die Zurückziehung des britischen Konsulardienstes aus russischen! Territorium hat die Palästina-Regieruu g die Weisung gegeben, daß den Emigranten aus Rußland, die sich Um Einreise-Visa für Palästina beworben haben, solche Visa bi-s auf wertere s nicht mehr gegeben werden sollen. Jedoch dürfen diejenigen in Rußland lebenden AuswanderungswiMgen, die noch vor dem Abbruch der eng- Usch-russifthen Beziehungen im Besitze von Palästina-Ernreisv- Visen waren, auf normalem Wege nach Palästina kommen. Annäherung zwlsHen gudeu und Arabern. Haifa, 3. Juni. (I. T. -A.) Die soeben öekamttgegebenen endgültigen Ergebnisse der Haif-aer Stadtratswah len bestätigen den Sieg der Hassan Bay Shukri- Gruppe, die in entschiedener Opposition zur arabischen Exekutive steht. Diese aus Mohammedanern und Christen sich zusanmrerrsetzende Gruppe wurde vom der jüdischen Wählersch-aft Ureter: stützt und erhielt sechs Sitze im Stadtrat, während die vmn früheren Bürgermeister Abdel Rahman geführte nationalistische Gruppe nur zwei Sitze erhielt und ,Mdel Rahman selbst nicht wiedergewählt wurde. Dem Beispiel Jerusalems und anderer Städte folgend, haben sich alle jüdischen Gruppen in Haifa «ruf eine einzige Liste geeinigt, so daß dies« ohne Mahlgang anerkannt worden ist. Die jüdischen Stadträte sind David Cvhe-n (Arbeiter-Vertreter) und Shabtai Levi. Nach Bekanntgabe des Wahlergebnisses stattete der Führer der stärksten Gruppe im Stadtrat, Hassan Bey Shukr i, der präsumptive Bürgermeister Haifas, der Haifaer Arbeit er kämm er einen Besuch ab und sprach ihr seinen Dank für die geleistete Wahlhilfe aus. Er erklärte, di« Wahlen hätten eine Annäherung zwischen den Arabern und den Juden bewirkt. Auch in Jaffa Hat die gemäßigte arabische Richtung Aussicht auf Erfolg. Die jüdische Gemeinde Jaffas fordert in einem Aufruf die jüdischen Wähler auf, für die von Uvussef Dajani und Wem Bet) Said geführte arabische Liste zu stimmen. Die Pousses Dajani-Gruppe veröffentlicht einen-M.achl aar f.r u f in Sprache, tu. wel-, Anbotes tut Ralle« _ chem versprochen »vird, mit den Juden zusmstmmrzMrbeiten Und fite ihre speziellen Bedürfnisse zu sorgen. Die beiden jüdischen Kandidaten werden ohne Widerspruch als gewählt erklärt werden, da auch tu Jaffa eine Einigung aller jüdischen Gruppen zustande gekommen ist. Ae geftftgeienlie Mraerlchast. Jerusalem, 3. Juni. (I. T. A.) Wie die Palästinensische TelegrapherEgentur erfährt, gedenkt der Stellver- . vertretende .Oberkommissär für Palästina, Oberstleutnant G. R. Symes denr Kolonienministerium in London zu empfehlen, Verhandlungen mit den arabischen Führern über die Wiedereinsetzung einer GesetzgebendenKörperschaft in Palästina wieder aufzunehmen. (Bekanntlich war eine gesetzgebende Körperschaft durch eine Verordnung vonr Jahre 1922 eingesetzt, aber durch den Wahlboykott settens der arabischen Mehrheit wieder liquidiert worden.) Oberstleutnant Symes sieht sich zu diesen!' Schritt durch die versöhnlichere Haltung der Mehrheit der arabischen Bevölkerung Palästinas gegenüber der Regierung Und durch den von Arabern nunmehr ausgesprochenen Wunsch, mit den Juden znsammenzuwirken, veranlaßt Dle polnisch'kusfischen Berkehaagea. Warschau, 4. Juni. Die im Zusammenhang mtt der Unterredung zwischen dem polnischen Außenminister Zaleski und dem Warschauer russischen Gesandten Wojkow abgegebene Neutralitätserklärung Polens rm englisch-russischen Konflikt (über die wir bereits gestern ebrichtet haben, — Red.) wird in hiesigen politischen Kreisen als überaus bedeutungsvoll aufgefaßt, zumal dem offiziellen Kommunique der Zusatz beigefügt wurde, daß die Bevhandlungen zwischen Polen und Rußland über den Abschluß eines Garantie Paktes einen normalen Verlauf nehmen. Der von Rußland angeregte Garantie- Pakt, für den die Sowjetrepublik Polen eine Reihe von Begünstigungen aus handelspolitischem Gebiete gewähren will, scheint den Erklärungen des offiziellen Kommuniques zufolge bereits ins Stadium der Verwirklichung getreten zu sein. Im Zusammenhang damit, wird der Unterredung, die der Warschauer französische Gesandte Laroche gestern mit Zaleski hatte und die sich ebenfalls auf den englisch-russischen Konflikt bezog, erhöhte Wichtigkeit beigemessen. Auflösung einer fasciftischen Lrganisation la Polen. Warschau, 4. Juni. Auf Deerankasiung des Posener Wojwodcn wurde in Bromberg die nationalistische Organisation „Straz Narodotva" aufgelöst. Das Lokal der Organisation wurde amtlich versiegelt. * Diese dem saseiftischen „Lager von Großpolen" nahestehende Organisation nationaldemokratischer Färbung hat, wie eine jüngst in ihren Verbandsräumen vorgenommene Haussuchung, über die wir seinerzeit berichtet haben, ergab, große Mengen von verbotenen Waffen besessen und ein Laboratorium zur Erzeugung von Bomben eingerichtet. In ihre politischen Pläne ist unter anderem der bekannte General Haller verwickelt. Sin polnisches Arbeiterschutzgesetz. Warschau, 4. Juni. Der Präsident der Republik hat eine Verordnung über den Schutz des Arbeits- Marktes unterfertigt. Die Verordnung enthält ein Verbot dor Beschäftigung von Ausländern vn der Ze-it der Arbeitslosigkeit im Inland und bezieht sich sowohl auf manuelle als auch auf geistige Arbeiter. Die Beschäftigung von Ausländem ist nur Mgen eine spezielle Bewilligung der Behörden gestattet, die auf die Dauer eines Jahres erteift werden kann. Marquis vo« Laardowae gestorben. London, 4. Juni. Der ehenralige Minister des AeußereN Marquis of Lansdowne ist gestorben. Henry Charles Marquis vor« Lansdowne, der ein Alter von Jahren erreichte, entstammte einer gräflichen Familie, die dem britischen Reich eine Reihe von Staatsmännern und Diplomaten geliefert hatte, darunter jenen William Marquis Lansdowne, der als einer der wenigen vorausschauenden Politiker das Verhalten der englischen Regierung gegen den nordamerikanischen Kolonien, das im Jahre 1776 zur Unabhängrgkoitserklämng Washingtons führte, .energisch bekämpfte und im Jahre 1782 den als iAIußemmnister den Frieden mit de»! Vereinigten Staaten schloß, durch den deren Unabhängigkeit anerkannt wurde. Henry Charles Marqüis von Lansdotvne »var Kriegsminister im dritten Kabinett Salisbury (1895), vertauschte im Jahre 1900 dieses Portefeuille mit dem des Aeußeren Und war dann mehrere Jahre (auch zur Zett, da Eduard VII. die bekannte Entente cordiale mtt Frankreich schloß) Mchennrmister des britischen Reiches. I»! den letzten Jahren ist er ÄoÜÄWß nicht medr ÜervomettLte»!.

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