Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2971 (5.6.1927)
- Date
- 1927-06-05
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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4Mte 4 fBtat, gomtfos Whe»er Drsrge«zrlkmG Die Fremden, die jetzt nach Wien kommen, seien deshalb gewarnt, sich etwa ans dem Bannkreis der Großstadt hinauszuwagen. Sie fallen in den Hinterhalt der Fremdenverkehrsausschüsse und haben, uoch ehe sie die Opfer der Wurzmfänger werden, die Frage nach Stamm und Art zu beantworten. Erst wenn sie dokumentarisch Nachweisen können, daß sie reinrassig sind, wird ihnen mLgeteüt, zu tvelcher Geldstrafe sie für das Verbrechen, eine österreichHchc Sommerfrische besuchen zu wollen, verurteilt füll». Haben sie dies zur Kenntnis genommen, so sicht nichts mehr im Wege, daß sie sich in den Mit allem «Mangel an Komfort der Neuzeit ausgestUtteten Gaststätten ergehen. Sind sie aber jüdisch, so werden sie nach Erlegung der Geldstrafe ausgetriebe». Weil in Oesterreich das Hakenkreuz herrscht und weil auf den tage» die Freiheit wohnt? Ser Segln» der Festwoche«. Die Straßen Wiens waren bereits gestern tagsüber, stark belebt. Alle Auslandszüge brachten Gaste, die die ersten Stunden nach der Ankunft zu einer raschen Besichtigung der Stadt benützten. Der am Nachmittag niedergegangene Regen hatte etwas Abkühlung gebracht, und so rvaren die Fremden bald in den Lokalen und Gärten der Inneren Stadt zu sehen. Am Mend erfolgte vom Rathaus aus die offizielle Eröffnung. Dichte Menschenmassen füllten den Platz und freuten sich an der schönen Festillumination des Rathauses. Die Fanfaren vom Balkon hörten sich feierlich an; die Sttmmung war schon durch die Flaggengala in den Straßen sehr gehoben und konnte auch durch den ziemlich heftigen Wind am Abend nicht beeinträchtigt werden. Der Brunnen auf dem Schwarzenbergplatz war ebenfalls beleuchtet und hatte zahlreiche Neugierige angelockt. Im inneren Burghof fand -ein Volksliedsingen und Turmblasen statt, wobei es Mmrüfe und Jodler in erttecklicher Menge gab. Die Hotels jh& bis auf den letzten Platz besetzt. Das Programm. i Ms Führer durch die Wiener Festwochen, hat die Fremdrnverkehrskommrssion der Bundesländer Wien und Niederösterreich ein offizielles Festprogramm herausgegeben, welches reich illustriert ist und nebst dem Programm sämtlicher Veranstaltungen .in Wien und auswärts Beiträge vom Bundespräsidenteu Harnisch, Bürgermeister Seitz, Landeshanpt- . mann Bure sch, ferner literarische Aufsätze von Max Graf, A. F. Seligmaun, Rudolf Holzer, SB. O. Ludwig und Ernst Deesey enthält. * Nachstehend die wichtigsten Veranstaltungen, .so-.', werk sie nicht die Theaiemüfsührungen betrefft«, in zei tli chex; ‘ Reihenfolge: > Men. Feste. Heute: Mt-Wrener Gartenfest rm Burggarten. — 11..Juni: /utomobilkorso des Oesterreichrschen Tonring Clubs in der Hauptallee. Modeschau rm Strandbad Klosterneuburg. — 15. Juni: „SSall bei Johann Strauß" (Faschingsveranstaltuirg aus dem allen Wien) in allen Kanzerthausfälen. — 18. Juni : Concours d'elegance des Oesterreichischen Mutomobilklubs rm Schloßhof zu Schönbrunn. Theateraufführungen. StaatSoperr Mozart: „Don Juan", „Die Zaubevstöte", „Figaros Hochzeit; Beethoven: „FDelb/'; Wagner: „Die Meistersinger von Mrnbevg", „Tristan und Isolde"; Richard Strauß: „Der Rosenkavalier", Intermezzo"; Franz Schmidt: „Notve Dame"; Puccini: ^Lurandot". Burgtheater: Oesterreichische Dramatiker: Auettcheimer: „Der gute KSnig"; Bahr: ^der Querulant", „Der Selige"; Beer-Hofmann: „Der Graf von CharolaiS"; Nabl: „Trieschübl"; Schnitzler: „Der junge Medard«-"; Schönherr: „Frau Suitner^", „Stfoe"; „Werfel: „Paulus unter de» Juden"; WWganz: „Liebs". Theater in der Josefstadt: HofmannSthal: „Der Schwierige"; Bourdet: „Die Gefangen^; Tristan Bernard: „S*t gute Kamerad; Frantifek Langer: „Peripherie". Festaufführung im Zirkus Reng: 7., 9. sUrni: Bollmoeller: Das Mrakel. Regie Max Reinhardt. Freilichtaufführungen der BolkSvper im Burggarte«: 10. Juni: Mozart: »Figaro- Hochzeit". 19. Juni: Kienzl: „Der Evangelimann". Konzerte. Auf dem Heldenplatz: Heute: Monsterkonzert der Wiener Militärkapellen. — In der Burgkapelle: Heute: Haydn: Nelson-Meffe. 12. Juni: Bruckner: F-Moll-Messe. — Im Burggarten: 7. Juni: Festkonzert des Wiener Symphonieorchesters (Haydn, Mozart, Beethoven). 6. Juni: Festkonzert de- Wiener Männergesangvereines (Lannxr, Johann, Josef undl Eduard Strauß). 9. Juni: Festkonzert des Wiener Schubert- Bundes. 12. Juni: Festkonzert des Wiener Symphonieorchesters (Schubert, Lanner, Johann und Josef Strauß). .14. Juni: Festkonzert des Gesangvereines österreichischer Eisenbahnbeamten (Wiener Komponisten). 16. Juni: Festkonzert deS Wiener Symphonieorchesters (Brahms und Bruckner). 16. Juni: Tanzabend: Elsa, Berta und Martha . Mesenthal. 18. Juni: Festkonzert deS' Wiener Symphonieorchcsters (Hugo Wolf und Gustav Mahler). — Im Musikvereinssaal: 10. Juni: Festkonzert des Wiener Lehrer-ä-eapella-Chors. — JmKonzertzhaussaal; 11. Juni: Festkonzert des niederländischen Männergesangvereines Apollo. Laxenburg. Wiener Sängerknaben: Heute:' Mozart: „Bästien und- Bastieunek". 12. Juni:- Schenk: „Der Dorfbarbier". Baden. - * , 12.. Juni: Chprkönßert des niederländischen Mannergesangvereines Apollo. '19. Juni: Beethoven: Neunte Symphonie - (Festaufführung der Wiener Philharmoniker und des Wiener Schubert-Bundes). Böslau. , i 16.. Juni: Vorführungen der Schule Kelleran aus Laxenburg. Hinterbrühl. - ' -16. Juni: Festkonzert des Wiener Lchrer^p-eapetta-Chors. Klosterneuburg. 11. Juni: Strandfest. 12. Juni: Bruckner: E-Moll-Mesfe fürs Doppelchor und Blasorchester (Stiftskirche). 12. Juni: Geistliches Konzert (St. Martinskirche). ■ ■ ■ Mödling. 16! Juni: Beethoven: Missa solemnis (die Wiener Philharmoniker und die Mödlinger Singakademie). CESCHK die Marke des eleganten Herrn VII., Kaiserstraße 123 iX., Alserstraße 6 Weekend in Kritzeubors. Das Hundstagelebcn, das der Juni auf dem Gervissen hat, ist nirgends so erträglich wie in Wien. Mag die Zukunft noch so schwer in den Wolken schweben, unsere Gegenwart liegt im Wasser, wo derzeit die gesamte Genera-. tion den Körper saniert. Vom Tröpferlbad bis zu beit Wellen der Donau strebt alles nach Wkühlung. „Denn nichts ist schwerer zu ertragen als eine Reihe von schötren Tagen." In Wien hat man's ja leicht. Man braucht nicht gerade durch den Frankensturz schiffbrüchig geworden zu sein, um sich in einen Hafen an der Donauriviera fluchten zu müssen. Man kann hier alle Genüsse, ferner teuere Weltbäder haben. Alle Bequemlichkeiten, Sand, Strand, Tnfrn- und Sportplätze, Musik,- fesche Wiener Mädl... alles' ist. sozusagen greifbar, vor den Taren Wiens. (Und natürlich auch Wasser in Hülle und Fülle!) Man braucht zum Beispiel nur nach Kritzendorf zu fahren. Mit der Franz-Josefsbahn oder von Nußdorf mit dem Autobus ist das ein Katzensprung. Eine dieser Tage veranstaltete offizielle Besichtigung des renovierten Strombades ließ die bereits mehr als lokale Berühmtheit Kritzcndorfs als berechtigt erscheinen. Die 300 „Hüttenbesitzer" der Anlage, in schwarz-brauner Häutung eine exotische Kolonie , vortäuschend, wissen, >varum sie ihr Weekend in Kritzendorf halten. <Ae hängen geradezu in Verehrung an ihrem Bad. Ein von ihnen gespendetes Wetterhäuschen ist der. jüngste Ausdruck ihrer Dankbarkeit an Gemeinde und Bädcrverwaltung. Eine Spezialität Kritzendorfs ist seine Rettungsriege, die unter der Leitung des Medizinalrates Dr. Bergmann für die Sicherheit der Badebesucher sorgt. Ihre Tättgkeit wurde praktisch vorgeführt, wobei auch der Scherz im Wasser nicht zu kurz kam. Für den Wiener Mittelstältdlcr braucht die Frage der Sommererholung kein Problem mehr zu sein. Kritzendorf hat cs! gelöst:: und zwar gut und billig.!!. ] f- ' irische Volksüberlieferung und jüdisches Leben, hatte Weisel bereits in seinen ersten literarischen Arbeiten (seine erste, eine Modelle, erschien im Jahre 1836 in der „Bohemia") jüdische.Stoffe behandelt. Seine später in die „Sippurim" äufgettommssnen „Sagen der Prager Juden" sowie seine Letzenden pon Moses ben Mainron, die ebenfalls in dieser. Sammlung zu finden sind, erschienen zuerst in der Zeitschrift „Panorama" des Universums. Außer diesen jüdischen Legenden, pie er zum Teil nach gedruckten Vorlagen, zum Teil wohl Mch, besonders die Stoffe aus Prag, nach mündlichen .Ueberlieferungen wiedergab, schrieb er drei jüdischvolkskundliche Arbeiten größeren Umfanges, die in dem erwähnten Buch von Blau ausgenommen sind. Die wertvollste davon ist die im Jahre 1850 erschienene Abhandlung „Die Prager, Juden, wie sie leben". Diese Aufzeichnungen Weisels gewähren trotz der ein wenig abstrusen Form guten Einblick in gewisse „Spezialitäten" des Prager jüdischen Lebens der damaligen Zeit. Sehr amüsant ist, was Weisel über die Buchhaltung der Köchinnen in den jüdischen Häusern erzählt: Für das Verzeichnis der im Haushalte benötigten Dinge, das „Zettelmachen", braucht die Köchin, die im Schreiben und Rechnen nicht sehr geübt ist, .einen Buchhalter; „und dies sind gewöhnlich mittellose kleine jStudenten, die dafür monatlich einige Groschen und jeden Tag etwas Essen bekommen und so' manches Jahr, sich purchbringen von der artnseligen Revenue. Schreiber dieses Hat oftmals seinen Hunger gestillt mit diesem, Köchin-Deputat .und dankbar erinnert er sich dessen noch heute." Bemerkenswert ist, daß Weisel, der wie alle Aufklärer über die Handelstätigkeit der Juden, die ihren fast ausschieß-- lichen Erwerb bildet, ebenso wie über das Talmud-Studium allerhand Böses sagt, am Schlüsse seiner Studie über das Lehen.der Prager Inden folgende Worte findet: „Wir woklett sehen, ob der Jude Feld und Wiesen nicht so gut wie jeder Baller bestellen kann, wenn er seine» eigenen Grund Und Boden besitzen wird, ob er nicht auch Handwerk erlernen wird, wenn ihm alle Gewebe frei zll treiben erlaubt sind." Die Tendenz für die Aufhebung der damals faktisch »och bestehenden Beschränkungen im Bodenerweich für die Juden ist unverkennbar, ebenso aber auch der richtige soziale Mick, der die abnormale wirtschaftliche Und soziale Struktur des Judentums in dem Fehlen einer genügend starMMArbauklasse erkennt. ' Die .anderen jüdisch-volkskundlichen Arbeiten Weisels behandeln „Die Jeschbboth oder jüdischen Hochschulen" (1845) Und „Die Schnorrer oder jüdischen Bettler" (1844). Sie bilden gewissermaßen die fundamentalen Themen eines Aufklärers, gegen das Uebermaß des von der Tradition gebotenen religiösen Studiums sowie gegen die vielen Beruflosen kämpfend, wobei allerdings Weisel gerade im zwei-! ten Punkt eine der Ursachen des Bettlertums, die abnormale Wirtschaftsgliederung, ziemlich genau erfaßt hat. Sonst hat Weisel vorwiegend Erzählungen aus dem jüdischen Leben geschrieben, die an Milieuschilderung manches ' Gute 1 enthalten, aber als dichterische Werke <m sich von keiner wesentlichen Bedeutung sind; doch tritt ein merkwürdiges Moment fast in allen diesen Geschichten hervor: Weisel,, der den Glauben seiner Väter verlassen hatte, behandelt in diesen Erzählungen immer wieder den Konflikt der Liebe zwischen einem Juden und einer nichtjüdischen Frau; in demselben Jahve, da er den Uebertritt zllr katholischen Kirche vollzog, schrieb er die Legende von dem Märtyrer Rabbi Mnmon, in der er ihn für den Gläubenswechsel schreckliche Verdammungsworte aussprechen läßt und fünf Jahre später .erschien seine Erzählung „Die Friedhöfe", die furchtbare Flüche für den Abtrünnigen wiedergibt. Ztvei seiner Erzählungen „Der Verdacht" uiü> die in die „Äppurima" aufgenommene Legendennovelle „Jajin Kiddusch" sind von heftigster Tendenz gegen die Ritualnwrdbeschulditzung getragen; auch in . ihnen ist das Mottv der Standhaftigkeit im Glauben wiederholt mit starker Empfindung herausgearbeitet. Der Gläubenswechsel war nämlich das tragische Moment in Weisels sonst so ruhigem und eng umschriebenen Leben. Seine,Ehe drückte auf ihn, die Anschauungen seiner FraU, die.in d-em engen geistigen Horizont des subalternen Beamtentums ausgewachsen war, stimmten mit seinen ganz und gar nicht überein. Alm schwersten empfand er dies, als Vas R e v o l u t i o n s j a h r 1848 di« Freiheit verkündete und Weisel als echter Aufklärer von den großen Öffnungen allf die „neue Zeit" getrieben, aus' seiner.Zurückgezogenheit heraustrat und sich in die Politik mischte. Es ist bekannt,'daß Weisel seiner FraU, die ihm über seine politische'Haltung - Borwürfe .machte, erwiderte: „Dü hast mich um meinen * Glauben gebracht." Der kurze Satz enthüllt eine furchtbare Tragödie. ' Einige Freude in der Enge feinet Lage gewährte ihm di« ..Freundschaft mit der tfthMchen Schriftstellerin Bo-. zeua Nemcova; sie war die Gattin Zeines nach Ncümark versetzten Zollbeamten, stammte aus Wien und ist durch ihre Märchen- und Sagensammtungen für die tschechische Volkskunde von gvoßer Bedeutung geworden. Insbesondere hatte Boz-ena Nemcova ftir den in. der Gegend von Taus wohnhaften Stamm der C ho den großes Interesse, der in der Geschichte Böhmens durch seinen Aufstand am Ende des 17. Jahrhunderts bekannt geworden ist. Durch Bozena Nemcova dürfte Weisel dazu angeregt wordm sein, neben seinen vielen volkskundlichen lAbhandlungen über die Bevölkerung des Böhmerwaldes auch eine, historisch allerdings wenig fundierte, aber packend geschriebene Arbeit über den dem Aufstand der Chodeu folgenden Prozeß zu schreiben, die gerade im Revolutionsjahr erschien, viel Aufsehen machte und in der Folge viel benützt wurde. Eine Fortsetzung dieses Aufsatzes war übrigens der Anlaß zu dem berühmten Roman des tschechischen Schriftstellers Mois Jirasek „Die HUndsköpfe", aus dem später eine populäre Oper Wurde. Nach wie vor aber blieben jüdische Fragen der häufigste Anlaß für Weisels Schriststellevei: er schrieb Aussätze über „Judaismus und Patriotismus", -„Neuisrael und die Politik", „Messias nürd bald kommen" U. a. und es ist ein.eigenartiger Weg des Schicksals, daß der getaufte Weisel eine Reihe von Gedanken aussprach, in denen er die Notwendigkeit der wirtschaftlichen uich sozialen Uruschichtung des Judentn ms auf eigener Scholle instinktiv erkannte. Volkswirtschaftliche Fragen allgemeiner Art, Stellungnahme zu den politischen Ereignissen, der Jahren 1866 und 1871, die in seinen Mfsätzen behandelt wurden, vervollständigen das Charakterbid eines auf umfassende Geistigkeit gerichteten Menschen, dessen Trieb zu lvirken nur durch die Enge der Verhältnisse unterdrückt war. Die bis heute im Neumarker Ländchen noch lebendig gebliebenen persönlichen Erinnerungen an Weisel, den der tschechische Schriftsteller I. S. Baa r in einein Roman vereloigt hat, ioeisen Ms einen liebenswerten Menschrn hin, der trotz verbitterten Und verschlossenen Wesens stets hilfsbeveit und ausopferUngsvoll war. . Weisels Leben Und Wirken , war eng, doch sein Geist war auf weiten Flug gerichtet; daß ihm die M-gel immer ivieder beschnitten ivmdtzn, ist..eme nicht nur allgemeine, sondern spezifisch jüdische Tragik, von der man immer wie» der voll n>eüem gegangen, wird.' Siegfried S-ch m itz. «