Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2970 (4.6.1927)
- Date
- 1927-06-04
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 90% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982058--30251-3018456- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
6 Wsn, GknnM g Wrener Morget^eM«- 4. Jllcki INS? GsrZohn ciss IVIosss Maulnsr Ein Wiener Roman von Leopold Hiohler. Copjllgbt ttttfay R. LÖwit Verlag,Wien— Leipafg (51. Fortsetzung.) „Sagen Sie irttr nurs Warum halten Sie das geheim?" — „Herr Mautner! Wenn ich..." erwürbe Hm sehr schwer, diese Möglichkeit bloß auSzusprvchcn, „wenn «h — vielleicht doch — bei der Prüfung durchfallen.sollte — so — soll niemand von mein« Schande ivissen!" - ,,'Schairde! Schande nennen Sie das! Wenn 2te nach einer solch' heroischen Mrbeib unierliegen würden?! . Schande? Sie..." „Kind" wollte er sagen, unterdrückte es ab« und blickte fast gerührt seinen Schüler an.-. Gustav Nützte diese freundliche Regung und ries: „Also, Herr Professor, lassen nnch nicht im Stich? Nicht wahr, nein?!" Dem alten Schulmeister wurde enge um die Brust. .Sein Gewissen hielt ihr: zurück, sei,re Herzensgüte trieb trieder Arrr Hilfe. In diesem Zwiespalt der Gefühle polterte er: „Bedrängen Sie mich nicht so, Herr Mautner! Sie sehen doch: Ich kann nicht anders! Oder glauben Sie:" ich Hab' kein Herz!"-Da mußte Professox Nicklitschek lächeln. — — Dem Lachen unterliegt jeder Mensch, dessen Herz nicht ganz verstockt ist. Das Lachen ist der .Frühling in d« Seele eines Menschen. Es schmelzt das kalte, 1 starre Nein Und das Wohlwollen sprießt. Kann der Mensch auch nWt gleich gewähren, so flüchtet sein Herz in die wärmere Region eines — Ausweges.-Diesen Ausweg suchte der Me, alte Schulmeister.-Er rief nach einiger Ueberlegung: „Es gäbe ein Mittel." — ^Welches, Herr Professor? Ich Ml alles tun!" — „Alles tun?" — „Ja, Herr Professor!" — „Wollen Sie zu einem Nervenarzt - gehen?" — „Was soll ich dort tun, Herr Professor!?" — „Untersuchen lassen, ob Sie weiter studieren dürfen!" — „Es fehlt mir doch nichts, Herr Professor!" —?,Das — . werden wir erst hören. Wollen ©ie zu einem Nervenarzt gehen?" — „Wenn mir aber nichts fehlt..." — „Wollen .Sie? Ja oder nein!?" — „Ja." — J2E6er, Herr Mautner!" Der 'Schulmeister hielt den Zeigefinger seiner Rechten Hawd, aber diesmal starr Und aufrecht, wie eine 'Kerze. „Herr Mautner! Sie werden mir — wahrheitsgemäß berieten?" — „Meine Hand darauf, Herr Professor." Gesundheit! Du herrliches, kostbares 'Gut! So gern genossen und erst gewürdigt, wenn du den Menschen verläßt! --' Ein altes, verhutzeltes Männchen, der Nervenarzt — öffnete die Türe des Ordinationszimmers, blickte ins Warts- Zimmer hinaus und rief verbindlich: „Bitte!" — Gustav trat ein. — „Mautner, ist mein Name." — /,Freut mich sehr. Was — fühtt Sie zu mir, Herr Mautner?" — — „Ich — Herr Doktor — ich fühle mich nicht wohl — im Kopf." — „Bitte nehmen Sie Platz, Herr Mautner." — — .Der Arzt blickte während dieser Worte immerwährend in Gustavs' Augen. „Und «zählen Sie mir gemütlich, was Ahnen fehlt!" — Gemütlichkeit war Mar weit von Gustav entfernt, aber er faßte sich und erzählte: Von seinen Schmerzen, sein« Plage, seinen Plänen; von d« Art, wie er studiere; daß er nahe der Matura sei und nur auf Drängen seines Lehrers einen Rät, ein Urteil erbitte. — — — Der!Arzt hatte während der ganzen Erzählung in die Augen Gustavs' geblickt; nun «hob er sich, wies einladend zu einem großen .Drahtgehäuse: „Bitte. Treten Sie hier ein." — „Da Hinein, Herr Doktor?" — 7,Ja. Es geschieht Ihnen nichts. Treten Sie Nur ein." Gustav! zögerte.-Zunächst betrachtete er prüfend und mißtrauend das Gehäuse.- Traulich tdax, es nicht zu nennen. Es sah aus, wie bet Mesenkäsig eines Papageien, der ausgeflogen war. — „Und da soll ich hinein, Herr Doktor?" fragte Gu-, stav wieder. „Gehen Sie Nur ruhig hinein. Ich geb' Ihnen mein Wort,. es geschieht Ihnen nichts." — Er sprach dies so bieder, wodurch Gustav Vertrauen faßte und in den Käfig stieg. — — Rasch klappte der Arzt die Türe des Gehäuses Hint« Gustav zu und der Patient stand nun drin — eingeschlossen; ein Gefangen«. Gustav wurde sehr warm; unwillkürlich dachte er aller DampfbÄ>er, die er in seinem Leben genossen. — ©er Arzt riß ihn aus diesen Reminiszenzen. „Schauen Sie mir nur fest in die Augen!" rief er. „Nur immerwährend in die Augen schauen! — So!" Er ging jnm. Gustav herum, wie UM ein reißendes Tier und endlich sprach er: „ES ist gut,^ Und öffnete die Türe. — Der Patient sprang behend' aus dem Käfig, trocknete seine Stinte Und blickte erwartungsvoll in des Arztes Gesicht. DieseS war undurchdringlich. Manche Merzte verkünden nUr zögernd die Diagnose. —' Teils aus Rücksicht, teils hält ein wenig Eitelkeit ihr Urteil zurück. — Man bedenke: Der hilflose Patient blickt, wie MoseS am Berge Sinai hinauf zN den Lippen des 'Arztes und harrt zitternd der Verkündigung. — Welche Ueberlegenheit! Wie verlockend, diesen Zustand zu verlängern! — Der liebe Gott hat aber auch die zehn Gebote mitgeteilt, also mußte auch endlich der Arzt sprechen: „Lieber Herr Mautner!" sagte er, „Ihre Nerven sindl..." und er schnitt dazu mit der Hand durch die Lust, „Über — überreizt! DaS beste wäre: Sie kaffen sofort das Studium! — Nur Geduld! — Ich weiß, waS Sie sagen wollen. — Ich sagte: Es wäre das beste. Ich weiß, was das Studium für Sie bedeutet! — Der Nervenarzt muß auch in die Seele des Patienten schauen! — Datum verlange ich es nicht, denn die Gemütsdepression, die Sie dann befiele, würde ärgere Verheerungen anrichten, alS die augenblickliche, allerdings schwere Nervenüberreizung! Aber eines müssen Sie tun: Sie müssen sofort aufs Land hinaus!" — „Das kann ich nicht, Herr Doktor." — „Warum nicht?" — „Ich Hab' in Wien ein Geschäft, eine Mlrstfabrik. Ich kann nicht fort." — „Was? Sie führen «n Geschäft und studieren für die Matura?" — „Ja." — Der Arzt schüttelte sein Haupt imd blickte nach dem Käfig. Gustav dachtle: „Jjch steig' ihm nicht Mehr 'Hinein!" Seine Furcht war unbegründet. Der Mzt verlangte es nicht, abier er ging um Gustav herum, als stünde er noch in dem Käsig Und betrachtete ihn vor: allen Seiten- ,Mso Sie sind iem Wurstfabrikant und studieren für die Matura?!" Er konirte es nicht fassen. „Wie alt sind Sie?" — „EiNunddreißig Jahre." — „Und welche Vorbildung hatten Sie?" — „Zwei Bürgerschnlklassen." — „Hin! Und da setzen Sie sich auf die Schulbank und haben von vorn angefangien: Griechisch, Latein, Mathematik, alle Gegenstände?" — „Ja, Herr Doktor." Wieder schüttelte der Arzt sein Haupt. „Das nenne ich eine Energie! 'Nun begreife ich, daß Sie das Studium nicht lassen kömreu! — Wer fort «Kiffen Sie doch! — Vielleicht schließen wir ein Kompromiß, daß Sie bloß am Nachmittag in Äer Nähe von Wien in frischer Luft sind! — DaS werden Sie doch können?" — „Ja, Herr Doktor. Das wer' ich versuchen." In ein,em ländlichen Vororte Wiens, in einem schönen. Garten entdeckte Gustav nritten im Grünen, mitten im Vogelfang' ein kleines, v«stecktes Hüttchen Und dort studierte « Nun sieden Nachmittag, atmete unter den Bäumen frische, reine, würzige Luft und die Natur streichelte obendrein ihre Stille und Ruhe wie Bcchsam um feine Nerven. -Er. war geheilt.! : i : .Ab« Nun geschah etwas', woran weder Gustav -Noch seine Professoren gedacht hatten. Solange Gustav nämlich in der Stadt, hinter Mauern gelebt, hatte Er nie gefühlt, was Und wieviel « durch das Stupium »ertöt. — — W« Hier im Grünen, zog zuweilen die Hange Frage durch seine Seele, ob die Matura mit all sthrer ungeheuren Plage das wahre Glück sei? — 1 . Der Städter war noch zU mächtig in /ihm und erdrückte sogleich den schwachen Keim der Vernunft.und tuschelte — was Wund« — von Ehre |unb Ansehen der Matura. Gustav studierte weiter. - Mer an einem ischönen Sommerabiend da revoltierte die gesunde Regung, gegen «die .erzwungene Qual. — Er saß mit seinem Lehrer für Philosophie lin dem Garten. Beide Herren saßen an einem! kleinen 'Tischchen, worauf ein Buch lag: Die Aeneis. Gustav sollte laus diesem Buche „übersetzen". Er suchte ängstlich und fast hoffnungslos lin den Zeilen, bis er verzweifelt rief: „Ich kann's nicht finden, Herr Professor!" Ruhig erwiderte dev Phi'vlvge: „Nur Geduld, Herr Mautner! Suchen Sie. Wie Sie 'das v«bum finitum gesunden haben, ist der ganze Knoten »gelöst! Nur Geduld!" r- Die Geduld der Wissenden! Sie gleicht dem ' satten Reichtum, wenn er der Armut Enthaltsamkeit predigt! ' ' Aergerlich rief Gustav: „Herr Professor! Ich such' 'die ganze Zeit! Ich kann's nicht finden! — »Herr Prosessorl! Lassen wir dien Vergil heute und nehmen wir lieber Horn«,'daß einem das Leben wieder freut! Ich kann au einem so schöne,: Tag dien Vergil nicht übersetzen! Nehmen wir .den Homer! $ (Fortsetzung folgt.)'. 00000000000000000®® I Die besten | JZeuerscfheinungen jl der modernen JCitewatur stets vorrätig -■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■Hl FELIX SALTEN, Martin Overbeck, geb. . S 8.50 ROMAIN ROLLAND, Mutter und Sohn, geb. » 18.50 HE1NRI CH MANN, Mutter Marie, geb.. . » 9.50 ARTH UR SCHNITZLER, Spiel im Morgengrauen, geb.» 9.90 JEAN CASSOU, Schloß Esterhäzy, geb. . » 7.50 SOMERSET MAUGHAM, Der Besessene, geb. » 10.— GUSTAV MEYRINK, Der Engel vom westlichen Fenster, geb..» 15.80 JACK LONDON, Jerry. geb„.» 8.60 LEO SLEZAK, Der Wortbruch, geb.. . . » 12.60 STEFAN ZWEIG, Verwirrung der Gefühle, geb. ..» 12.60 bei □ ti ö ülmflAondOuntf K £ön>it, Wien, I. (ftotentuwm&twafte 22. ®®®®®0®®®00®®®®000® i Bühne und Kunst. Friedrich Hegar gestorben. Mehr als 85 Jahve alt, ist in Zürich der Nestor de- Schweizer Tondichter dahingegangen. Hegar, der einer Musikerfamilie entstammte — seine beiden Brüder waren berühmte Cellisten, sein Sohn Johannes ist es noch heute — hat sich namentlich als Tondichter viel gesungen« Männerchöre auch im Ausland einen Namen gemacht. Er ivar der außerhalb seiner Heimat meistaufgeführte Schweizer Tondichter, nach dem Tode des g«ade vor einem Jahre verstorbenen Hermann Suter auch der berühmteste. Lange Zeit hindurch leitete er das Züricher Konservatorium und die Züricher Sinsoniekonzerte, eine Zeitlang auch den Züricher gemischten Chor und den Männergesangverokn „Harmonie". Er war Ehrendoktor der Universität Zürich und Mitglied der Berlin« „Akademie der Künste". In seinen Männerchören räumte « gründlich mit der Liedertafelei auf, er verstand sich auf Koloristik und Dynamik, hotte freilich mmer eiine starke Vorliebe für das rein Virtuose. Neben Chören schrieb' er Kammer» musik und Konzerte, fern« das Oratorium „Menassel" und das Chorwerk mit Orchester „Zlhasvers Erwachen". Für die Nachlvelt wird er freilich der Chvrkompvnist bleiben, seine Männerchöre „Totenvolk", „Schlafmandel" und „Rudolf von Werdenberg" werden mit ihr« raffinierten Klangmalerei ihren Schöpf« wohl noch eine Zeitlang überdauern. flb. Aus den rheater». Bürgt heatcr. Morgen, halb 7 Uhr, anläßlich BK Eröffnung der Wiener Festwochen „Der j u n g o Medardns" von Schnitzler (Abonnement zweite Gruppe). ,; ' : Akademietheater. Morgen, halb 8 Uhr „E yprienne" (Abonnement dritte Gruppe). > s j Operntheater. Morgen, halb 8 Uhr „FUdeliv". Beschränkter Kartenverkauf. '! Deutsches Volkstheater. Heute, 6 Uhr Erstaufführung von „Za za", Komödie von Werten. und Simon, stnit Leopoldine Konstantin. — Alexander Mo-issi wird auf ferner Durchreise Mittwoch, den 8. d. M. den Fedja in Tolstois „Der lebende Leichnam" spielen. Wiener Kammerspiele. Heute, 8 Uhr'Premiere von „Die Nackten kleiden" von Prrandello mit Maria Arska und Jakob Feldhammer. ’ Theater in der Josefstadt. Sonntag abends „Der gute Kamerad. Montag abends „Peripherie. Mn beiden Tagen geht als Nachmittagsvorstelümg „Die G.g.fawgen^ in Szene. /.!!!! Bürgertheater. Die Operette „Der tollte Husar", Buch von Humnnkulps (Dr. Robert Vjssil), Musik von Ludwig Chmel, wurde zur Uraufführung für drese Saison iangenommen- Tie Opernwoche. Der Spielplan der kommenden Woche lautet: Sonntag, den 6.: „Fidelio"; Montag: „Tristan und Isolde"; Dienstag: Ballettabend „Carnaval"; „Das lockende Phantom"; „Die Puppenfee"; im Redoutensaal: „Figaros Hochzeit"; Mittwoch: „Der Rosenkavalier"; Donnerstag: Theatergemeinde Serie F: „Die Frau ohne Schab-, ten": Freitag: „Turandot"; Samstag: „Der Maskenball"- im Redoutensaal: Gesellschafts- und Theatertänze im Stile Ludwig XV, von Francois Couperin, bearbeitet von Rich!. Strauß; „Die Magd als Herrin"; „Ammenmärchen" (Ma Mere l'Ohe) von Maurice Ravel; Sonntag: „Die Mto sing« von Nürnberg". Burggartenbühue. Die Veranstaltungen im Burggcwten, deren Zweck die Erhaltung des Wiener Sinfonie-Ovchestets ist, wurden Heuer am 1. Juni eröffnet. Der Wochenspielvlan umfaßt zwei vis vier Opern- oder klassische Operettenaufführungen, einen Kunsttanzavend, einen heiteren Abend und ein SinfonMonzert. Alle größeren Wiener Chorvereine werden während der Wiener Festwochen ihre Sommerveranstaltungen im Burggarten avhalten. Mlli Bauer,' der ehemals populäre Operettentenor des Carltheaters und hervorragende Walzerzänger, ist in bitterer Notlage. Um dem ehemals sehr gefeierten Mmstler beizustehen, hat sich eine große Anzahl erster Wiener Künstler vereinigt, am 9. Juni einen lustigen Heur.igen-Abend in Franz Strohmay«s Garten in Dornbach zu veranstalten. Es ist zum erstenmal, daß Wiener Theatergrößen beruflich beim Heurigen spielen und singen. Ein Einakter von ZeA-a und Horst, dargestellt von den Burgsch ausp ielern, und Prosa« und Gesangseinlagen bilden das Programm. Es wird von nicht weniger als dreißig Kunstkräften bestritten. Das Heine-Dentmchl In Mtona. Aus Altona wird berichtet:. Donnerstag fand im Donnerspark bei Altona die feier-- liche Einweihung deS jetzt unter öffentlichem^ Schutze stehendeir zweiten Heine-Denkmals statt. Es handelt sich um .das Denk- Bezügspreis« der „Wiener Modenzeitung“: Monatlich Wien und Oesterreich. . . » ..* ♦ S 5'— Tschechoslowakische Republik. ....... .Kc 22'— JugoÄawIen................. Omar bO'— Deutschland ... ’ Goldmark _**— Frankreich, Belgien «,»..».»»..» , “ Italien.20^- Runanleo .JI?.— Amerika . / *; ..- Dollar fr- Schweiz und das übrige Ausland . . . . . franken 5V Oesterr. Postsoarkassenkoatö 150.69^ cxxxxxxxxxx?oooooocxxxxxxxxxxxxx)ooooooo E leoo siiometet Milch legen im regelmäßigen Dienst die Fbttgzellge der Polnischen Lnftverkehrs-A.-G. „Aerolot", Wien, 1. Bezirk, TegetthoAstraße 7, Telephon 71-0-84, zurück. Passagiere, Waren und Briese werden schnell , und sich« befördert.