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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-04 · Heft 2970 (4.6.1927) · p. Seite 4

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2970 (4.6.1927)
Date
1927-06-04
Page
Seite 4 (sequence 4)
Language
German
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Wien, Samstag Wiener Morgenzeitung 4. Inn! 1927 Nr.^3979 .-. Irgeüvwo in Leutsihland. ** . In der „Frankfurter Zeitung" finden wir W Folgenden Federzeichnungen von S. F.r Restaurant. Ein ttehft#, gutbürgcrliches Restaurant nürd dem Ortsfremden empfohlen. Es hat zwei große Spiegelscheiben nach der Straße. An diesen Scheiben hängt ein kleines Schild: „Mein Menü" Darunter statt der erwarteten Speisenfolge eine Reihe Zeitungsblätter, als erstes der „Fridericus", Seite eins mit einem sechsfach blau und rot unterstrichenen Hetzartikel. Daneben der „Stahlhelm" und die Monatsschrift „Kriegskunst in Wort mrd Bild" mit einem Artikel über getarnte (unsichtbar gemachte) Geschütze. Außerdem die letzte "Ausgabe des „Werwolf" und noch einmal der „Stahlhelm", diesmal Seite vier, und jeder Beitrag durch riesige rote Ausrufungs- Zeichen geziert. Bürger stehen mit breitein Schmunzeln vor diesem Menu, im Innern ist jeder Stuhl besetzt, ein Hammerilavier r-erhackt einen Militärmarsch. Büch erkauf. Nicht weit davon frage ich in einem Duchladen nach . :rrr antiquarischen Heine-Ausgabe, die ich am 5ln» mnftstage im Schaufenster gesehen zu haben glaubte. Antwort: „Das muß ein Irrtum sein, wir führen keine Bücher von französischen Juden/' Friseur. Meinungsaustausch zweier Damen, die irr benachbvrten Kabinen bedient werden: „Ihrem Gatten steht aber die H indenburgbürst c lvirklich ausgezeichnet." — „Ach, Sie sollten ihn aber jetzt erst mal sehen, er hat sich doch auf meinen Wunsch auch einen Tirpitz- Zacher (ergänze Bart) schneiden lassen!" Das arme Federvieh. Der „Tagesanzeiger" hat eine Beilage „Der Geflügelzüchter". Der „Gefülgelzüchter hat eine Spalte für zwanglose Aussprachen, Anfragen usw. Neben anderen Juwelen findet sich hier der Aufschrei einer deutscher: Haus- und Gutsfrau: „Wann endlich wird man bei uns erkennen, daß die zu Unrecht so beliebten, gelben, italienischen Legehühner dem schwarz-weiß-roten deutschen Haushuhn, was Legcfleiß und Brutfähigkeit anbelangt, weit unterlegen sind? Deutsche, züchtet deutsche Hühner!?" In einer älteren Nummer klagt ein „Hausmütterlein" unterzeichnetes weibliches Wesen: „Wo soll die Fremdtümelei noch hinführen, wenn schon Backfische in die jüdischen Warenhäuser laufen, um für die selbstgeh andarbe rtetenSofakissen ausländische Pflanzenfasern (Capock genannt) statt ehrliche deutsche Gänsefedern als Füllung zu kaufen?"... (Keine GanS wird dieser Klage ihr Ohr verschließen!) Zeitungskiosk. Ein großer Berliner Zeitungsverlag verkauft in dieser Stadt seine Zeitungen, Sonderhefte usw. in einer .eigenen Filiale. Hier ereignet sich das Verblüffendste. Ein Mittagblatt in der Hand verlasse ich den Kiosk. Ein alter Herr, der wie ein Weihnachtsmann auf Urlaub aussieht, blickt mir freundlich unter den Hut, nimmt mir ohne weiteres das eben erstandene Blatt aus der Hand und hält mir anstatt dessen den „Tagesanzeiger" mit gewinnendem Lächcjln khiin: „Sie werden doch nicht die gräßliche Jwdenpresse unterstützen wollen, lesen Sie lieber shier den „Tagesanzeiger", das ist viel besser für junge Menschen." — — Als ich mich von meiner restlosen Verblüffung erholt habe, ist er nicht mehr zu schenk und skann mir deswegen auch keine Auskunft auf die mich brennend interessierende Frage geben, ob etwa -m der ganzen Stadt an allen gefährdeten Punkten Retngsposten patrouillieren. 29 Bücher in einer zigarrenschachtrl. Eine Musstellung der kleinsten Bücher der Welt mar kn London zu sehen. 29 kostbar gebundene Werke konnten bequem in einer gewöhnlichen Zigarrenschachtel untergebracht werden. Unter diesen winzigen Meisterwerken des Buchdrucks befand sich ein Exemplar von „Galileo" das für das kleinste italienische Buch gilt, das je mit beweglichen Lettern gesetzt wurde. Dieses Miniaturbuch mißt einen halben Zoll zu ein viertel Zoll. Noch bewunderungswürdiger ist ein handgeschriebener Koran, der vor einiger Zeit in Bagdad gefunden würbe. Dieses achteckige Buch ist mit indischer Tinte auf ein sehr weißes Papier geschrieben Und der Text ist deutlich lesbar, obwohl das Buch von einem englischen HalbkronenMck bedeckt werden kann. Der Riese unter diesen Liliputanern der Buchkunst ist eine Bibel, die Quadratzoll groß ist; nach ihr kommt ein Druck von Dantes „Göttlicher Komödie" mit einem Quadratzoll Größe. Ein neues Testament, das nur ein fünftel Quadratzoll groß ist, wird, wie ein kostbarer Schmuck, in einem schönen Samtkästchen bewahrt; der Druck ist so deutlich, daß man den Titel und die Ueberschriften ohne .Schwierigkeiten mit bloßem Auge lesen kann. Eine andere Bibel in rotem Lederband, die nicht ganz ei:: Quadratzoll groß ist, ist mit einem. kleinen Vergrößernngsglas ausgestattet, das ein genaues Studium der Typen und Bilder gestattet. Das kleinste Buch, das auf dieser Ausstellung der Bibliothek von London gezeigt wurde, soll überhaupt das kleinste Buch der Welt sein; es enthält zwischen den reichverzierten Lederdeckeln 40 Seiten, von denen jede nur so Miß ist, daß das V::rlel eines Pennystückes sie bedeckt, \ü£> '»boä) sntd die Buchstaben ohne Mrs deutlich lesb«-«- 3ftewmat~ 3mrfc-ftrandßad tföslau l Orttßfe and modernste Thermalbäder- £> cr rt B ife*r Anlage Europas! Fassungsraum 15.000 Personen. Pensionen und Hotels von erstrangigen Instituten bis zu den billigsten. — Prospekte und Auskünfte bereitwilligst durch die Kurkommission Vöslau. Wieder eine schwere Eisenbahnlatastrohhe in Frankreich. Ser SMjug Mis-Mme« oecungllittt. — Blitz« 9 JoDcsonfer. Wie aus Paris gemeldet wird, ereignete sich Freitag um 2 Uhr nachts in der Nähe des Bahnhofes M e s is y ein schweres Eisenbahnunglück. Unweit dieses Bahnhofes entgleisten zur angegebenen Zeit mehrere Waggon' eines verschiebenden G ü t e r z u g e s, und einige davon stürzten auf das Ne beuge lei s e, aus dem im nächsten Augenblick der Schnellzug Paris — Nimes heranbrauste. Da es nicht mehr möglich war, ihn rechtzeitig zum Stehen zu bringen, fuhr er auf die umgestürzten Waggon des entgleisten Güterzuges ans. Bei dem fürchterlichen Anprall schoben sich die Lokomotive, der vordere Gepäckswagen sowie die beiden nächsten Personenwagen ineinander, und die übrigen Personenwagen stürzten bis aus vier sämtlich um. Nach den Mitteilungen des Ministeriums für öffentliche Arbeiten sind bisher 9 Todesopfer dieser Katastrophe festgestellt; mehrere Personen wurden schwer, 15 Passagiere leicht verletzt. Eine Bombe gegen einen Schnellzug. Belgrad, 3. Juni. (Tel. Comp.) Heute morgens bemerkte der Lokomotivführer eines Schnellzuges umveit der Station Pesch in ja in Südserbien ans dein Geleise eine Bombe. Er brachte den Zug rechtzeitig zum stehen, so daß nur die Lokomotive auf die Bombe auffuhr und sie zur Exposion brachte. Die Waggons wurden durch die Explosion nicht beschädigt. Das Geleise wurde jedoch in einer Länge von 50 Metern zerstört und auch die Lokomotive trug ziemlichen Schaden davon. Verletzt würde niemand. Eine aus Uesküb an die Stelle der Explosion ausgeschickte Kommission stellte fest, daß es sich um das Attentat einer Räuberbande handelt, die den Zug durch die Eplosion züm Entglei sen bringen und sodann in der eutsta ndenen Panik die Passagiere plündern wollten. Die Gcistesgegenivart des Lokomitvführers hat die geplante Nachahmung des Eisenbahnattentats in Me^llo verhindert. Die Verfolgung der Räuber wurde ausgenommen. Letzte Nachrichten. Aegtzptens Antwort. Kairo, 3. Juni. Die'ägyptische Antwortnote auf die Vorschläge der britischen Regierung ist heute dem britische" O"berkommissär überreicht worden. Die Konstituierung der Landtage. Der bisherige Landeshauptmann von Kärnten, S ch u m y, der Vater der Negievungskoalition des Äandbnndes mit den Parteien der Einheitsliste, ist zwischen zwei Stühle zu sitzen gekommen. WS bevollmächtigter Vertreter des Landbundes verhandelte er wegen hes Eintrittes der Partei in die Negierung, wobei er daran dachte, Vizekanzler zu werden. Schließlich ging er aber einen Pakt mit Dr. Seipel ein, der dem Landbündler Hartleb die Vizekanzlerschaft brachte, während er selbst sich die Kärntner Landeshanptmannstelle gesichert zu haben glaubte. Die Sozialdemokraten erklärten aber, daß sie eine Wiederwahl S ch u m h s zum Kärntner Landeshauptmann nicht zulassen würden, auch wenn der Landtag nochmal gewählt werden müßte. Unter diesen Umständen hat sich der Kärntner Landbund gestern entschlossen, den ehemaligen Landesvevweser von Kärnten, Dr. Arthur Lemisch, zum Landeshauptmann zu kandidieren. Bei der gestrigen Sitzmrg dersteirischen Landesregierung wurden der ChriWchsoziale N i e g -e r und der Sozialdemokrat Pongratz als Lwrdeshanptmaimstellvertroter wiedernewäbld „Altnelle PaiWuaktagen." Der Bortrag des Professors Mosiiafohrr. Im Rahmen der Aktion für Schekelpropaganda ist das Zionistische Landeskomitee für Oesterreich bemüht, die Wiener jüdische Oeffentlichkeit durch geeignete Referenten über die Lago im Zionismus und in Erez Israel zu informieren. Vorgestern fand neuerdings in den Sofiensälen eine Massenversammlung statt. Namens des Zionistischen Landeskomitees wies der Vorsitzende, Herr Dr. Rothblum, in hebräischer und deutscher Sprache darauf hin, daß eine Woche der Schekelaktion im Monate Jjar planmäßig der Erziehungsarbeit und Kulturfragen gewidmet ist. Er begrüßte den Referenten des Abends, den Direktor des hebräischen Gymnasiums von Tel Awiw, Herrn B e n z i o n M o s s i n s o« h n, der bekanntlich an der Berliner Tagung der Völkerbundligen als palästinensischer Delegierter teilgenommen und in der Erziehungskommission des Kongresses ein sehr beMerkenswertes Referat erstattet hat. Prof. Mossinsohn führte im wesentlichen folgendes auS: i > Die Krise in Palästina besteht, und es hat keinen Sinn, über sie hinwegsehen zu wollen. Palästina wird. noch lange von den Krisen in anderen Ländern abhängig sein. Die Zionistische Exekutive hat in Palästina wohl alle Verpflichtungen und alle Schulden einer Regierung, aber es stehen ihr nicht die Entnähmen zur Verfügung, die sonst einer verantwortlichen Regierung zufließen. Das ist die ständige Krise von Erez Israel. Es wird und muß so lange Krisen geben, bis die Juden die Mehrheit im Lande erlangt haben. Verschärft wird die gegenwärtige Krise durch die „Denunziationsstimmung", welche die Rückwanderer machen. Mossinsohn hat den Eindruck, als wollten sich diejenigen, welche das Land verlassen haben, mit ihren Reden verteidigen. Nicht nur vor ihren Hörern, auch vor sich selbst. Man muß auch in Rechnung stellen, daß die bisherige jüdische Aufbauarbett, Wegebau und Bewässerungen, den Boden der benachbarten Landtelle verteuert. Wer die palästinensischen Juden, welche die innere Einheit erlangt haben, wurden nicht, wie die Juden der Diaspora in Katastrophenzeiten, geschwächt, sie sind im Gegenteil durch die Krise erstarkt. Es sei das größte Opfer, das die palästinensische Arbeiterschaft bringen konnte, indem sie sich entschloß, die Arbeitslosenfürsorge in Anspruch zu nehmen und das Land nicht zu verlassen, well sie fühlte, daß sie auf ihrem Pionierposten bleiben muh. Und darin vor allem liege die Bürgschaft für die Uebertvindnng der Krise. Sie hat übrigens schon jetzt bewirkt, daß sich:■ die englische Regierung energischer um die Wirtschastsfragen im Lande kümmert. Mossinsohn .kam dann auf die Kultur frage zu sprachen. Hätte man in den letzten dreißig Jahren in; der Diaspora die kulturelle und erzieherische Arbeit nicht! vernachlässigt, so stünde eine große opferfreudige ziopiM-; sche Armee zur Verfügung, und man mühte nicht' immer wieder von Geld sprechen und große Konzessionen machen, um Geldmittel zu erlangen. Als „Unternehmung" läßt sich das Palästinawerk nicht erfolgreich propagieren, weil das Kapital anderswo besser angelegt werden kann. Anläßlich der Revision der Palästinawirtschaft habe es auch Stimmen gegeben, welche sogar das p al äst in ens-lvs che Schulwesen in die Rubrik „unproduktive Arbeiten." einstellten. Demgegenüber ist festznjstellen, daß das palästinensische Schulwerk ein A k t i vü m ist, welches dem jü-; dischen Volke Profit bringt. Es hat die Möglichkeit erwirkt, i alle Disziplinen in hebräischer Sprache zu lehren und die! Möglichkeit der Errichtung hebräischer Schulen in dqr! Diaspora herbeigeführt. Unbezahlbar, auch für die DLa-! spora, ist die herrliche Freiheit des jüdischen; Kindes in Palästina und der Geist der Piv-» niere, die von der „neuen Religion der' Arbeit" erfüllt sind, unbezahlbar ferner, daß es wieder jüdische Menschen gibt, berett, für Erez Israel zu sterben. Mossinsohn erinnert an das Wort des Helden Trumpeldor vor seinem Tode: „Es ist Mt, in seinem Lande zu sterben." Das Leben erhält erst im Lande die Weihe und Kraft, wenn man bereit ist, für das Land das Leben in die Schanze zu schlagen. Sehr eingehend sprach Mossinsohn schließlich darüber, daß das zionistische PalästiWwerk nicht nur für die Juden Bedeutung habe. In Erez Israel vollzieht sich durch jüdische Arbeit die welthistorische Bedeutung des zionistischen Werkes. Die Versammlung, die insbesondere von Jugendlichen stark besucht war, spendete Prof. Mossinsohn stürmischen. Beifall. Er sprach dann nochmals in hebräischer Sprach« zur jüdischen Jugend, der er zurief:,/Kommet und bauetV Set Kehlkoplkrebs heilbar? Vorführung eines Untersttchungshäftlings an der Poliklinik. Parallel mit den Sitzungen der Jahresversammlung deutscher Hals-, Nasen- und Ohrenärzte führten die Wiener Aerzbe vorgestern und gestern ihre Operations- und Heilmethoden vor. So fanden Demonstrationen an beit Kliniken Hajek und N e u m a n n statt. Gestern früh führte Professor M a r s ch i k in der Poliklinik n. a. einen Mann vor, der vor mehr als sichen Jahren einer schweren Kehlkopfoperation unterzogen worden war. Der Mann hatte an Kehlkopfkrebs gelitten und ist heute vo l lk o m m e n g e s u n d. Da er sich zurzeit in Untersuchungshaft des Landesgerichtes befindet, erwirkte Professor Marschik die Vorführung des Häftlings, der mit zwe i Auf« sehern in der Poliklinik erschien.

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