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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-03 · Heft 2969 (3.6.1927) · p. Seite 7

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2969 (3.6.1927)
Date
1927-06-03
Page
Seite 7 (sequence 7)
Language
German
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■flr. 2960 Wien, Freitag Wiener Morgeirzeit«ns 3. Juni 1927 Seite 7 sr Lolin 6ss d/Iosss Mautner Copyright Ein Wiener Roman von Leopold Hichler. 1927by R. Löwit Verlag,Wien- Leipzig (50 FortfehMg.) Hut während ich ietzt das Geschriebene überblicke, lächle ich, denn-ich predige Natur und — schreibe einen 'Roman. — lind der Held dieses Ronranes — auch ein Jude -- wie hätte er das Leben genießen können! — Er bar strebsam und fleißig gewesen, hatte in jungen Jahren crworoen, konnte srei sein! Durste unter dem schönen, freien Himmel leben, schlafen, wohnen! — Er tat es nicht. Er ist cm Jude und strebt zu den Michern, zur Schrift!- Lernen, Lernen, Lernen! Du Jahrtausende alte Sehnsucht unseres Volkes! — Warum, lieber Gott, Ijcrjt du lms so geschaffen? Du hast uns anserwählt! So lautet die Heilige Schrift. Wozu? — Zum grübelnden Volk? — Weshalb nicht zum tätigen Volk, das in bitterer, mühevoller Händearbeit sein Brot erwirbt?! — — --- Und während ich hadere, ist cs mir, als flüsterten meine Ur-Urahnen: „Sei still. Bedenk', was. »vir der Menschheit gegeben haben: Den Glauben an einen Gott. Das Kleid, worin dieser Glaube Form und Gestalt getvann: die Thora! — — — Und ich lausche und bin zufrieden und schreibe weiter; denn ich glaube: Ich habe etwas zu sagen. 25. Kapitel. Drei Jahre sind seither vergangen, und in dieser Zeit haben der alte Schulmeister und seine Kollegen mit Ernst Und Umsich in dem willigen Gehirn ihres Schälers gepflügt. Willig und ausnahmsbereit — toie schtvarze Erde — faßtcPGnstav in dieser Zeit und nahni! alles auf, was in ihm gepfercht gedrängt Und gesät wurde. Er arbeitete unermüdlich, jeden Tag vom frühen Morgen: bis zuin späten Albend. Denkend^ angestrengt und imnier auf das Ziel bepackst. — So sind die von einer Jhlre besessenen Menschen. Ninnnermüd', rastlos opfern sie ihre Kraft dem selbstgewählten Ziel' und würden zerrieben, beschützte nicht eine, wunderbare Macht, die Natur ihre Gesundheit. — Die Natur wacht wie eine Mutter. Sie. sieht lange dem Treiben ihrer Kinder zu und ermahnt, iveun es zu bunt wird. — Wollten Nur die Menschen der natürlichen Mahnungen mehr achten. — Ach! Wie wären sie vor Krankheiten geschützt! — Wer die Mensichen sind wie die Kinder: Unbedacht und, ungehorsam. — Gustav tat ebenso. — Die kleinen Strafpredigten, die ihm die Natur hielt: Kopffchmerzen, Frösteln im Körper, leichtes (Fieber — er achtete dessen nicht. -s- Er wollte auch der Natur seinen Willen auftrotzen. — Wirst unterliegen Gustav! Die Natur ist stärker als du! — — — Wn einem Abend — es war nach der Mathematikstunde - - in dem kleinen Häuschen des, Professors Nicklitschek; Gustav wollte eben nach Hause gehen; der Herr Professor begleitete ihn, als plötzlich — so schien es Gustav — der Nußbaum, der kleine Vorgarten und sogar der alte, würdige Schulmeister im Kreise zu drehen, zu tanzen begannen. — Eine furchtbare Kraft zerrte Gustav gleichzeitig zu Boden hinab; rasch faßte er nach der Hand seines Lehrers. — Der alte Schulmeister stützte ihn. „Lehnen Sie sich an den Stamm!" rief er. „Ich bringe rasch ein Glas Wasser!" — — „Na, Gott sei Dank!" sagte der alte Herr, als Gustav nach der Erfrischung wieder munter blickte. „Gott sei Dank! — — Wer jetzt muß ich einmal mit Ihnen reden, Herr Mautner! — — So geht das nicht weiter! Sie richten sich zngrund'!-Es gibt nichts anderes: Sie müssen das Studium lassen! — Sie müssen's lassen, bevor's zu spät ist!" — JAIber Herr Professor! Jetzt? Wo ich so weit bin?!" — „Ja. Trotzdem. — Treiben Sie's nicht Srei Monate Selllngnir für Den „Schmied Der Mbeinngenringe«". Der deutschvölkische Schriftsteller Fritz Majewsk', der sich ,Lauterer" nennt und sich auch den Titel ,/Schmied des Nibelungenringes" beigelegt hat, mußte sich, wie die I. T. A. berichtet, vor dem Erweiterten Schöffengericht Charlottenburg wegen Gotteslästerung und Aufreizung zum Klassen haß verantworten. Majewski hatte ein Gedicht verfaßt, das er im Gegensatz zum sozialistischen Kampflied „Die Nationale" nannte. In diesem halte er von „Satan Jahwe" gesprochen und die Aufforderung an das deutsche Volk gerichtet, Inda auszurotten und d'e Juden ins Weltmeer zu jagen. Der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens hatte gegen Majewski Strafantrag gestellt. Zu Beginn der Verhandlung lehnte Majewski eine jüdische Schöffin ab und beantragte die Zuziehung eines Ersatzschöfsen. Das Gericht erkannte nach kurzer Beratung auf Ablehnung dieses Antrages. Majewsk' verteidigte sich mit der Behauptung, daß der Gott der Inden mit dem Gott der Christen in keiner Weise identisch sei, vielmehr 'ei der Judengoll, als Gott des Hasses, der Gegensatz des Christengottes, des Gottes der Liebe, so daß also ml Recht vom „Satan Jahwe" gesprochen werden könnte. Ferner bestritt er, verschiedene Klaffen der Bevölkerung gegeneinander aufgchetzt zu haben. Es gäbe keine Klaffen, sonauf die Spitze!" Strem;, ernst und doch freundlich, wie dern nur Rassen. Majewski führte aus, daß der jüdische Stamm aus einer sodomi tischen Verbindung entsprungen sei, also auf Würdigung a>ls Menschen keinen Anspruch erheben könne. Der Staatsanwalt beantragte, da vor Jähresfr'st gegen Majewski eine Geldstrafe wegen eines ähnlichen Vergehens schon einmal verhängt war, ohne daß der Angeklagte sich dies zu Herzen genommen hätte, eine Gefängnis st rase von, drei Mo n at c n. Das Gericht erkannte nach kurzer Beratung dem Antrag des Staatsanwaltes entsprechend. ein gütiger Valer drohte er: „Sie! Ich sag's Ihnen! Sie! Ich hatte einen Kollegen, der ist durch Uebernrüdung und Ueberspannüng..." er hielt den Zeigefinger an seine Stirne. ,Mius! Ganz aus!" und den Ton verändernd — wie zu einem kranken, eigensinnigen Kinde — sprach er: „Folgen Sie doch mir, Herr Mautner! Ich bin ein alter Schulmeister und Hab' Erfahrung! Folgen Sie mir! Lassen Sie das Studium!" — „Herr Professor! Ich — Ich kann'S nicht lassen!" — „Herr Mautner! Herr Mautner! Immer der gleiche, starre Eigensinn! — — Gut. Ich kann Sie nicht hindern! Wer ich — — ich unterrichte Sie nicht weiter!" -„Herr Professor!" ries Gustav erschreckt und entsetzt, „wollen mich jetzt im Stich lassen?!" — „Herr Mautner! Ich kann nicht ander!" Und als suche er Unterstützung, ries er: „Mir ist nur unfaßbar, daß Ihre Verwandten dies zulassen?!" — „Die wissen nichts davon." — „Wiei? Die wissen nicht, daß Sie fiir die Matura studieren? Wie können Sie denn das verbergen?" —' „Ich sperr mich in meine Wohnung ein, wenn ich studiere!" — „Ja, aber — fragt Sie da niemand, was Sie in der versperrten Wohnung tun?" — „Ja. Da sag' ich: Ich Hab' geschlafen!" — „O du heilige Mutter Gottes!" rief der alte Schulmeister, „was ist die Welt doch fiir ein Narrenlnrm! --- Sonst schlafen die Schüler und sagen: Sia studieren und da — studiert einmal einer: Wirklich, ehrlich, mühevoll und!..." Leicht strich er mit seiner Hand über Gustavs Kopf, „anerkennenswert 'und sagt: Er schläft! Wer — sagen Sie mir nur: Mensch Gottes!" Er schlug dabei die Hände wie zum Gebet zusammen. (Fortsetzung folgt.) oooooooQoooQoogx)oogoooQoooo<xx)QooooooooooQooocxx3oooo>3oooooooooo<xK)OQOocxx)oooaoi ♦ Sine entmenschte Stiefmutter. Wegen einer furchtbaren Bluttat hatte sich gestern vor einem Salzburger Schwurgericht die 26jährige BahnarbeiterSgattin Philomena Wedl zu verantworten. Die Angeklagte hatte den viereinhalbjährigen außerehelichen Sohn ihres Gatten, den sie bei sich im Haufe nicht leiden mochte, förmlich zu Toi t geprügelt und dann erwürgt. Am 24. Jänner sperrte sie den kleinen Hubert und chr eigenes zweijähriges Kind in der Wohnung ein, ging dann mit einer Freundin ins Gasthaus und kam erst gegen 1 Uhr nachts zurück. Gegen 3 Uhr morgens weckte sie der Knabe, weil er von Unwohlsein befallen wurde; doch die Stiefmutter herrschte ihn an: „Du. frißt dich immer bei der Großmutter aus, es schaut so aus, als ob ich dich nicht füttern könnte. Was paßt dir denn eigentlich daheim nicht?" Darauf sagte das Kind ganz harmlos: „Gestern war zu viel Essig im Gulasch" Durch diese Aeußerung geriet die Wedl derart in Wut, daß sie den Knaben mit der Faust ins Gesicht schlug und ihm Fußtritte in den Bauch versetzte, wobei sie ihm den Mund zuhielt. Die Wucht der Schläge war so groß, daß dabei das Gitterbett zerbrach Dann riß sie den Knaben aus dem Bett, warf ihn zu Boden und trat ihn aberntals mit Füßen. Ms sie sah, daß das Kind furchtbar blutete, und sie sich fürchtete, daß die Mißhandlungen aufkommen könnten, beschloß sie das Kiud zu töteu. Sie löschte das Licht ab, kniete auf den Knaben, hielt ihm Mund und Nase zu und würgte ihn so lange, bis er kein Lebenszeichen mehr von'sich gab. Als das Kind tot war, reinigte sie es, zog ihm frische Wäsche an, sucht«, dann ihren Gatten ans dem Arbeitsplätze auf und teilte ihm mit, daß das Mud plötzlich gestorben sei. Bor den Geschworenen war die Angeklagte ihrer Tat vollkommen geständig, gab auch ursprünglich die Mordabsicht zu, änderte aber dann ihre Verantwortung und erklärte, sie habe es nicht so schlimm gemeint. — Vors.: Sie sollen das Kind wiederholt blutig geschlagen haben. — Angekl.: Ja, ich habe meinem Mann gesagt, gib dm Buben schon weg, sonst erschlag ich ihn noch einmal. Die Angeklagte erzählt dann den Hergang der Tat, genau so, wie er in der Anklageschrift geschildert wird. Die psychiatrische Untersuchung ergabdaß die Angeklagte eine sehr reizbare,. jähzornige Frau, aber geistig vollkommen normal und für die Tat verantwortlich sei. Die Geschworenen verneinten die Hauptfrage auf Mord mit zehn gegen zwei Stimmen, bejahten dagegen die Eventualfrage auf Totschlag mit acht gegen vier Stimmen und verneinten die Zusatzfrage ans Sinnesvcrwirrung zur Zeit der Tat. Der Gerichtshof verurteilte hierauf Philomena Wedl wegen des Verbrechens des Totschlages zu drei Jahren schweren Kerkers und Dunkelhaft an jedem Jahrestage der Tat. Die Verurteilte brach in Tränen aus und erklärte die Strafe anzunehmen. Die Moral der Pogromisten. Bor dom Prefferichter Hofra. Dr. Höst maye r gelangte gestern d'.e Preßklage zum Abschluß, welcher der Schriftsteller Karl Kraus gegen den verantwortlichen Redakteur des Pogromblättchens „Der Volkskamps" Emil Schifter e'mgebmcht hatte. Gegenstand der Klage bildete die Veröffentlichung einer Proikriptiönsliste mehrerer :m öffentlichen Loben stehender Persönlichkeiten. Auf dieser Liste befand sich auch Karl Kraus. Der angeklagte „Schriftleiter", der zur Verhandlung trotz astsgewiesener Zu-, stellung der Vorladung nicht erschienen war, wurde wegen Veuachlässigung der pflichtgemäßen Obsorge -zu einer Geldstrafe von 5 0 Schilling, zur Zahlung der Kosten und. zur' Veröffentlichung des Urteils verurteilt. ' Exemplarische Bestrafung eines unhöflichen Schaffners. Am 10. März wurde die Private Lili Sch. -auf der Straßenbahn von dem Schaffner Anton Be ran in schroffer Weise zur Rede gestellt, weil sie einen angeblich ungültigen Fahrschein vormies. Fräulein Sch., die sich vorher ordnungsgemäß eine Umsteigkarte gelöst 'hatte und ohne sich -irgendwie aufzuhalten umgestiegen. war, sagte zu dem Schaffner: „Was glauben Sie denn eigentlich? Sie machen ja rein, als ob ich die Straßenbahn um 24 Groschen prellen wollte!" Der Schaffner soll nun nach Inhalt einer Ehrenbeleidiguugsklage, über die gestern LGR. Dr. Arie zu verhandeln hatte, die Klägerin mit'einem verächtlchien Blick von oben bis unten gemessen und ihr laut zugerufen haben: „Das glaube ich bestimmt, ja Sie schauen schon so aus!" Wegen dieser Aeußerung erhob die.Klägerin, ein langes Mädchen aus sehr gutem Hause, gegen den Schaffner, die Privatklage. Vor dem Richter lehnte dieser eine Ehrenerklarung ab und sagte, er verlange ein Urteil. Im übrigen stellte er jede Beleidigung in Abrede. Zeugen bestätigten jedoch auf -das -bestimmteste den Inhalt der Klage. Der Richter verurteilte hierauf den Beschuldigten zu einer. Woche Arrest, verschärft durch zwei harte Lager. In der Urteilsbegründung führte der Richter aus, daß' das Vorgehen des Schaffners geeignet war, das Ansehen der städtischen Straßenbahnen nicht nur bei den Wiener Fahrgästen, sondern auch bei den Fremden zu .schädigen und herabzusetzen. Der Verurteilte hielt sich Bedenkzeit offen. Will Lesterreich weitere HnnDeisvertrllge fiinDigen? Die österreichische Negierung hatte dem Zollausschuß zugesagt, nähere Mitteilungen über den Stand der H a ndelsbertragsverhandlungen mit der Tschechoslowakei und über ihre weiteren.Absichten zu machen, die sie etwa nach der Richtung der Kündigung oder der Revision bestehender Handelsverträge verfolgt. Die gestrige Sitzung des Zollausschusses, in der seitens der Regievungsvertreter die erwähnten Aufklärungen gegeben wurden, ist als Vectra us i ch erklärt worden. Man wird aber kaum fehiligchen, tvenn mait hinsichtlich der Handelsvertragsvevhandlungen mit der Tschechoslowakei annimmt, daß Oesterreich - keine Veranlassung zu haben glaubt, die Wiederaufnahme und den Abschluß der Verhandlungen zu forcieren, zumal man hier sagt, daß die Tschechoslvtvakei auf den österreichischen Markt viel mehr angewiesen sei, als die österreichische Industrie auf den Absatz in un-serem nördlichen Nachbarstaat. Vorderhand bildet die Grundlage der neuen Tarifverhandlmrgen noch der. geltende Zolltarif und in Oesterreich scheint man sich der Meinung hinzugeben. daß die Tschechoslowakei alle Ursache hätte, den Wschluß der Handelsvertragsverhand-luntzen zu beschleunigen, . bezw. die entsprechenden Zugeständnisse für den Abschluß in allernächster Zeit zu machen. Was die Bertragsabkommen mit Ungarn und Jugoslawien betrifft, ist es schon seit längerem bekannt, daß Oesterreich den südlichen und östlichen Nachbar lvissen ließ, daß es auf die N e v i f i o n gewisserTar i f s ä tz e Wert lege. Ob auf diese Mitteilungen eine Antwort Jugoslawiens und Ungarns bereits vorliegt, entzieht sich der Kenntnisnah-me. Die Generaldebatte über die Zolltarif noveile wurde daun fortgesetzt. Ackerbaumin ister Thaler hielt eine Rede, die nicht mehr als vertraulich galt. Thaler verlangte selbstverständlich die E r h ä h u n g d e r A g r a rzolle und begründete dieses Verlangen mit den: Ansteigen des Paffivums der Handelsbilanz, das im Jahre 1925 eine Erhöhung um 900 und im Jahre 1926 um 1070 Schilling erfahren hat. Die Wiken Des Ratengefehes. „Nicht der Käufer, sondern der Verkäufer muß geschützt werden." Der Zentralverband der kredttgebenden Warenhäuser und Detailgeschäfte Oesterreichs hat an das Bundeskanzleramt eine Eingabe gerichtet, in der auf die Notwendigkeit einer Reform des Ratentz^^s vom -JatzW

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