Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-06-03 · Heft 2969 (3.6.1927) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2969 (3.6.1927)
Date
1927-06-03
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2982057--30237-3018441
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Nr. 2969 «BfcYiji öWtfOgf Wiener Morgenzettuu^ 3. Jmd E Sette 3 Tagesbericht. Ne neue Flugsensation. Der gzeMm »es «ordvoMier» v»r». Paris, 2. Juni. Der amerikanische Transozeanflieger Lindbergh wird morgen von London: hierher zurückfliegen. Er bleibt bis Samstag hier, um dann auf einem Jagdavion nach Cherbvurgh zu fliegen, wo er sich nach Amerika ein schiffen wird. Die Rückfahrt wird er auf dem ihm vom amerikanischen Präsidenten zur Verfügung gestellten Kreuzer „Memphis" unternehmen. Mittlern veile beginnt sich das öffentliche Interesse den Vorbereitungen des amerikanischen Fregattenkapitäns Byrd zuzuwenden, der auf feinem mit drei Motoren ausgcstatteten Flugzeug „America" zum Start nach Plans bereitstehen soll. Die Zeitungen bringen ausführliche Berichte über die Persönlichkeit Byrds, so daß für Lindbergh nur mehr tvenig Interesse vorhanden ist. Byrd hat schon als zwölfjähriger Knabe an einer Weltumseglung teilgenommen. Berühmt wurde er durch seinen vorjährigen Flug von Spitzbergen zum Nordpol am 6. Mai 1926, den er knapp vor dem Amundsenflug vollbrachte. Byrds beabsichtigter Transozeanflug unterscheidet sich von dem Unternehmen Lindberghs durch seine umfassenden Vorbereitungen, so daß der neue Flug nicht als mutige Einzelleistuäg zu gelten haben wird, sondern als ein Versuch, eine regelmäßige Flugverbindung zwischen Amerika und Europa herzustellen, bei der irichts dem Zufall überlassen bleibt. Byrds Apparat ist mit einer drahtlosen Station versehen; jeder Teilnehmer — Byrd wird mit zwei Monteuren fliegen — hat einen besonderen Keinen .Apparat bei sich, um im Falle eines Unfalls Notsignale geben zu können, ferner werden Kautschukboote für jeden Flugteilnehmer mitgeführt. Sobald günstige Wettermeldungen ein langen, will' Byrd den Abflug versuchen. > Ser Arzt als Sistmörder. Verurteilung des Kölner Arztes Dr. Broecher zum Tode. Köln, 2. Juni. Nach mehrtägiger Dauer wurde heute der Prozeß gegen den Arzt Dr. Broecher wegen Vergiftung des Ehegatten seiner Freundin, Frau Ob e r re u th-e r, die wegen Anstiftung zu diesem Morde angeklagt war, zu Ende geführt. Die Zeugen hatten fast alle günstig für den Arzt ausgesagt. In seinem Plädoyer führte der Staatsanwalt aus, daß Doktor Broecher den Architekten Oberreuther mit Vorsatz und Ueberlegung getötet habe. Frau Oberreuther habe den Arzt zur Tatangestiftet. Zweifellos sei sie die Stärkere gewesen, da sie Dr. Broecher an sich fesselte und um ihn kämpfte mit dem Ziele, ihn zu heiraten. Der Staatsanwalt ist davon überzeugt, daß der getötete Oberreuther von dem Liebesverhältnis seiner Frau mit dem Arzte keine Ahnung hatte. Als Dr. Broecher horte, daß der Leiter des Krankenhauses eine Sektion der Leiche vornehmen wolle, brach er in die Worte aus: „Daun bin ich verloren!" Als Frau Oberreuther von dem Oberarzt des Krankenhauses erfuhr, ihr Geliebter habe ihren Mann vergiftet, sei. sie lediglich erstaunt 'gewesen und sei gar nicht mehr zur Leiche ihres Mannes gegangen, sondern habe mit dem Arzt die Flucht ergriffen. Sie habe den Tod ihres FrantiseL Aangers „Peripherie". Theater in der Josefstadt. .. Es ist ein Haus in dieser Nacht durch Vogekruf r,um Blüh'n gebracht." Diese Verse aus einem nachgelassenen Gedicht Christian Morgensterns gingen mir beim Heimweg aus dem Theater durch den Sinn. Seit Max Mells „Apostelspiel" ist dem Referenten kein Stück und keine Aufführung so nahegcgangen. Eine Vorstadtlegende, nicht bloß gekonnt, sondern auch gemußt. Von einem Streiter für die Liebe geschaffen. Die Waffe, die einzige, sind die gebreiteten Arme. Bezeichnend, daß die Einfügung einer Person, des „Betrachters", der zwischen den einzelnen Bildern vor den Vorhang tritt und zu dem PMikum spricht, kein technischer Notbehelf ist, keine, Klitterung der Handlung durch Conferencier oder Raisoneur. Die zwölf Bilder ergeben auch ohne den Zwischenaktsprecher ein festgefügtes, packendes, prachtvoll gesteigertes Drama. Und doch kann man den „Betrachter" nicht genug oft an die Rampe kommen sehen. Es ist ja der Dichter selbst, der uns noch mehr zu sagen hat, als sich in seinem Theaterstück Luchen ließ. Er mußte zu uns von den Leuten in der Zinskaserne der Vorstadt sprechen und bleibt bei ihnen, auch auf der Bühne. Die Liebe, sie höret nimmer auf. Frantisek Langers Vertreter am Theater in der Josefstadt ist Waldau. Einen besseren find'st du nicht. # Der Franz ist ein Jahr gesessen,' weil er die an dem Einbruch Hauptbeteiligten nicht verraten hat. Wohin geht er, tvohin k a n n er nur gehen, jetzt, nach der Freilassung? In die Zülskaserne mit den vielen Menschenkäsigen, wo er in der Küche-Kabinett-Wohnung Bettgeher war. Er hat Glück, der Franz. Dort ist jetzt die traurige, herzensreine Dirne Anna Afterpartei. Die zwei Gestrandeten werden ein Liebespaar. O, es ist keine bloß animalische Angelegenheit, kein Schutz- und Geschäftspakt zwischen Strizzi und Strichmädel. Man »nutz die ergreifende Szene gesehen .fcAA.« mmm PtöMidke Pfingsten nur mit Dr. A. Oetker s Pfingsttorte. & dkg Butter rührt man mit 12 dkg; Zucker und 8 Dotter schaumig, fügt 1 Päckchen Dr. Oetker’s Vanillinzucker) V8 1 Rahm, von einer Orange Saft und Schale, 8 dkg geschälte geriebene Mandeln, 16 dkg griffiges Mehl, welches mit */* Päckchen Dr. Detker’s Backpulver vermischt wurde, hinzu, zum Schlüsse den Schnee der 3 Klar. Bei mittlerer Hitze gebacken, wird die Torte erkaltet durchschnittenmit Marmelade gefüllt und obenauf glasiert. Das neue illustrierte Rezeptbuch Dr. O e t k e r*s ent* hält ca. 200 erstklassige Rezepte mit 51 Abbildungen. Preis 80 g. Ueberall erhältlich. Wenn vergriffen, direkt bei Dr. A. Oetker, Baden-Wien, D.-Nr. 125. Mannes gewollt, in der Hoffnung, daß dann der Weg zur Ehe mit dem Geliebten frei werde. Abends wurde nach mehrstündiger Beratung das Urteil verkündet. Dr. Broecher wird wegen Mordes zum Tode verurteilt. Die bürgerlichen Ehrenrechte werden ihm für Lebenszeiten aberkannt. Die Mitangeklagte Frau Oberreuther wird wegen Begünstigung zu fünf Jahren Gefängnis verurteilt, wovon sechs Monate der Untersuchungshaft in Anrechnung zu bringen find. Me ein Wischer Kind in ein Kloster lam. Vor einiger Zeit verschwand, wie I. T. A. meldet, in Lemberg das vierjährige Töchtevchen einer jüdischen Familie, Blanca Komis, was viel Aussehen erregte. Das Kind wurde von seiner Amme spazieren geführt; beide kamen nicht mehr zurück. Soeben erfuhren die Eltern, daß sich ihr Kind im Kloster befindet. Sie eilten in Begleitung einer riesigen Schar Juden dorthin und forderten stürmisch die Herausgabe des Kindes. Die Oberin gab zu, daß das Kind im Kloster lebt und bei guter Gesundheit ist, weigerte sich aber, dasselbe herauszugeben. Polizei eilte heran und Vertrieb die Menge. Die Skandalaffäre der Srästn Keglevich'Kohner. Einstellung des Strafverfahrens wegen unheilbarer Geisteskrankheit. Budapest, I. Juni. Der oberste gevichtsmedizinische Rat hat hat nach einer eingehenden Untersuchung die Gräfin PcNrl Ieglevich, geborene «Alice Kahn er, geschiedene Frau jAllexander v. Lederer, als unheilbar geisteskrank erklärt und ihre Internierung in einer Jrren- >anstalt beantragt. Unter dem Eindrücke dieses Gutachtens hat die Staatsanwaltschaft das gegen die Gräfin ivegen WechselfälschUng eingeleitete Strafverfahren ein gestellt. f Die Skandalaffäre der Gräfin Keglevich-Kohne' hat seinerzeit in Budapest großes >Aussehen erregt. Gräfin Keglevich, eine 60jährige Dame, ließ sich vor einigen Jahren von.ihrem ersten Gatten, dem Großgrundbesitzer Alexander v. >Lederer, scheiden, und heiratete den nur 20 Jahre jüngeren ^Grafen.Paul Keglevich. Die riesige Absertrgungssumme, die sie von Alexander v. Lederer anläßlich der Scheidung erhalten hatte, brachte sie mit chrem aristokratischen Gemahl in wenigen Jahren durch, worauf Graf Keglevich seine Frau im Stiche ließ. Gräfin Keglevich fälschte schließlich, um sich Barmittel zu verschaffen, einen auf 12 Milliarden lautenden Scheck auf den Namen ihres ersten Gatten, Allexander v. Lederer, der jedoch zur kritischen Zeit in der 'Schweiz weilte. Durch eine telegraphische «Anfrage der Bank, bei der der Wechsel präsentiert wurde, kam die Fälschung auf Und Frau Keglevich-Kohner wurde nebst ihren Beratern, die sie Ku jder Wechselsälschung bewogen hatten, verhafte" Verbrecher mid Polizist. Aus New Aork wird uns geschrieben: „Hells Kit» chen", das Verbrecherviertel New Aorks, gab dem gefürchtetsten Polizeibeamten des Distrikts anläßlich seines Rücktrittes einen ebenso ungewöhnlichen wie sentimenälen Abschied. Policeman Diamond, in der ganzen Höllenküche nur als die „Eiserne Klaue" bekannt, hat sich nach 26 Jahren Dienst entschlossen» in den Ruhestand zu treten und seine irische Heimat zu besuchen. Am Vorabend seines Abschiedes wurde ihm zu Ehren ein Fest veranstaltet, an dem 600 Personen teilnahmen. Die Gastliste enthielt die Namen vieler Kollegen, Geschäftsleute, Vertreter der Behörden und zahlreicher berüchtigter Verbrecher des Distriktes. Viele seiner erbittertsten Feinde waren gekommen, um von ihm in Frieden zu scheiden. Das Haupt der gefährlichsten Vevbrecherbande vor: Hells Kitchen hielt haben, in der sich die beiden finden. Sie sind einander verbunden. Verhaftet. Und bleiben es. Franz hat auch weiterhin Glück. Er trifft bei Anna, die ihren Beruf nicht cmfgeben kann,, einen reichen alten Herrn, ist eifersüchtig und führt mit einem kräftigen Hieb den längst fälligen Herzschlag des Lastevgreises herbei. Franz beläßt ihm die Golduhr, Ringe, Silberstock, dicke Brieftasche, schleppt die Leiche an einen entlegenen Ort, ruft die Patrouille, der Kommissär stellt „kein fremdes Verschulden" fest, die lebenslustige Witwe des reichen Baumeisters, froh, den Alten los zu fein, schenkt dem redlichen Entdecker der Leiche die hinterlassenen Effekten. Unter den Kleidungsstücken ist auch ein Frack. Jetzt kann Fmnz, der treffliche Tänzer, wieder seinen Beruf ausüben, studiert mit Anna, die Talent hat, einige Nummern ein und kriegt ein Engagement. Fabelhaftes Glück. Aber Franz, das Naturkind, findet keine Ruhe. Soll denn niemand erfahren, wie sich das zugetragen hat? Zunächst quält ihn die Eitelkeit. „Wenn ich tanze, will ich, daß mir die Leute applaudieren. Mit dem Baumeister ist es genau so." Seine Freunde von einst, für die er sich einsperren ließ, zwei brave Vorstadtjungen, denen trotz jenes Einbruches kein Biedermann gleichkoimnt, stopfen ihm rechtzeitig und kräftig das Maul. Dann aber meldet sich ein unabweislicher Mahner, das Gewissen. Er geht zu dem Poljzeibeamten, der seinerzeit den Akt behandelte und legt ein Geständnis ab. Doch der Beamte, überzeugt, daß Fmnz ■ vollkommen unschuldig ist und bloß ein „Winterquartier" im Untersuchungsgefängnis anstrebt, wirft ihn hinaus. Nun kommt Franz aus dem Gleichgewicht. Nicht ertragen, daß ihm niemand den Totschlag gla-üben will. Da erinnert er sich jenes versoffenen Richters, den er einst in den Vorstadtaulagen traf. Er ist nicht die Hauptfigur, aber die wichtigste, die für die Bedeutung des Bühnenwevkes entscheidende Figur. Menschenliebe und Goüesvertrauen — jawohl, dieser Fuselsäufer ging den Weg zu Gott —- befähigten ihn, aus der Erkenntnis: „Summum jus summa injuria" jode Konsequenz zu ziehen, ganz besonders, wenn er Straftechtsberhandlungen präsidierte. Der Staat mußte den Richter natürlich davonjagen. Jetzt fungiert er, ein Beamter der himmlischen Gerechtigkeit und von dort oben ohne Dekret und Gehalt eingesetzt, als Rechtsfreund der Vorstadtmenschen, die schon deshalli, weil sie in Schmutz und Dumpfheit Hausen, schuften, hungern, ludern, mit den ungöttlichen Staatsgesetzen in Konflikt geraten, und läßt sich mit etlichen Gläsern Rum bezahlen. Zu ihm flüchten Franz und Anna, er versteht, richtet, erlöst sie. Die Freude an diesem Drama darf nicht blind Machen. Die schöne, große Schlußszene ist mit einer Dosis Literatur verwässert. Der Richter sagt ungefähr: „Fmnz, nicht den Baumeister, die Anna tvolltest du toten. Da sie dich auch später betrogen hat, ist durch ihre nachträgliche Schuld, der ihr zugedachte, aber ihrem „Gast" versetzte tödliche Hieb gesühnt. Gehet hin, bleibet vereint und liebet euch!" Verwunderlich nicht nur, daß Fmnz, das Naturkind, diesen gar nicht einfachen Rechtsspruch begreift. Noch weit Verivunderlicher,. warum der armen Anna das weiterhin geübte, mit herrischer Uebevwindung geübte Dirnengewerbe als Schuld gebucht wird, zumal sie nachweist, daß die Preisgabe ihres m Körpers an andere, als den geliebten Franz, nicht zu vermeiden war. Sie mußte sich doch Kleider, Wäsche, Schuhe verschaffen, um mtt Fmnz in der Bar auftreten zu können. Mer der Funke, der im Prolog entzündet wird und in allen vorangehenden 11 Bildern leuchtet — die Liebe eines tvahrhaftigen Dichters für die Enterbten 7— glüht auch in dem letzten Bilde, ja er entfacht sich in der immäginären Gerichtsszene zur Flamme. Da nimmt inan schon etwas Literatur in den Kauf. * Zumal Sok 0 loff diese Szene beherrscht. Sein Rich^ ter, äußerlich verkommen, verwahrlost, innerlich Güte, Reinheit, Geist, ekstatische Hingabe an das Werk der Liebe, laßt den Guckkasten „Bühne" vergessen, in dem die Gestalt agiert. Einem Menschen bis du begegnet. Unvergeßlich die Schamhaftigkett, mit der er, dem supponierten „Staats-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.