Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2969 (3.6.1927)
- Date
- 1927-06-03
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Gerts 2 Wien, Freitag Wiener Morgenzeitmig 3. Juni 1927 Vrr. 2969 Nur keine Kriegspsychose! schm. Wien, 3. Juni. Im Plenum de-.' Moskauer Sowjets sagte Volksivinwissär Rtrkow in einer Erörterung über den Bruch zroischen Emgland und Rnfland, d eser sei der erste Schritt zum Krieg. In auch diese Erklärung trotz der von beiden Seiten Altgekündigten demonstrativen Flotten besuche in den skandinavischen Eeivässern nicht im allcrwörtlichsten Sinuc zu ,:ehnren, so liegt ihr doch ein Siirn zugrunde, dek die Hoffnung Europas, aus dem trotz Frieden und Frirdeustvillen bald fünfzehn Jahre währeiiden Kriegszustand lemus'ulon'-- inen, zunichte macht; denn der Bruch zwischen England und Rußland bedeutet eine Verlängerung dieses Kriegs,mstandes, ja noch mehr, seine Konrplizierung. Der Chef der britischen Regierung, ein Konservativer der guten politischen Tradition, mußte in der Frage des Verhältnisses Englands zu Rußland den Mitgliedern seines Kabinetts nachgeben, welche der Politik leidenschaftsloser Beharrlichkeit Ueberrunrpelungsmethoden mit Erfolg entgegensetzen zu können glaubten. Denn, der Bruch Englands mit Rußland erfolgte, weil die, welche ihn herbcisührten, glaubten, der Moment sei günstig, um im fernen Osten das englische Handclsprestige mit Hilfe gekaufter Süldnerscharen iviederherznstellerr. Tie Rechnung hatte ein Loch, die Söldner waren nicht so zuverlässig, wie rnan es sonst bei Lohnarbeitern, auch wenn sie Kriegsarbeit verrichten, zu crivarten gewohnt ist. Die nationalistische Bewegling in China ist in entschiedenem Vorteil und Rußland, das verstanden, hat, sie für seine politischen Zwecke auszunützen, hat den Krieg an dieser Front zum mindesten nicht verloren. England wird bctt Absatz für seine Textilienin China nicht durch Krieg mit Rußland erringen können und die Ägyptische Baumwolle, die beste der Welt, die in der: englischen Industriezentren verarbeitet wird, kann mir verwertet trerden, wenn sie durch friedliche Vermittler ausgeboteu wird. Wie die Dinge heute liegen, werden die Millionen Pfund, welche England in Aegypten für die Kultivierung dieser Baumwolle ausgegeben hat, eilte Zeitlang zins- und gcwinltlos aufgewendet sein, gebangt nicht wieder die alte englische Tradition der methodischen Handelsexpansion zur!Geltnng. Wie die Dinge heute liegen, bedeutet der Bruch Englands mit Rußland für diese ägyptische Daumwollproduktion weit nrehr als es dem oberflächlichen Betrachter den Anschein haben könnte. Denn sichet sind die Schwierigkeiten in Aegypten, die sich in der letzten Zeit verschärft haben, .mit eure Folge der labilen Situation, die durch den englisch-russischen Bruch geschaffen wurde. Und sofort hat sich ein Faktor gemeldet, der diese Situation, für sich und damit trotz aller Abmachungen und Verträge, die immer wHeber nur ein Fetzen Papier sind, gegen England auszunützen versucht. Wenn man den Darlegungen -der „West-, lminsöer -Gazette" Glauben schenken darf, so sind die drei englischen Kriegsschiffe, welche von Malta nach Port Said ausglelaufen sind, nicht bloß dazu bestimmt, der letzten englischen Note an Aegypten Nachdruck zu verleihen, sondern auch das in der letzten Zeit so verhätschelte Italien ein wenig im Schach zu halten. Italien, das für seinen Bevölkerungsüberschuß seit je ein jMflußreservoir braucht und das während der letzten zwei Generationen schon tratitionell geworbene Emigrationsland für feinen Volksüberschuß, die Vereinigten Staaten, fast gänzlich verschlossen findet, sucht jetzt das Mflußreservoir an'den Küstenrändern des Mittelmeeres. Die politische Konzeption des Mussolinismus, dem es zw einer expansivnslvsen. «Ordnung der Dinge zum mindesten an Geld, wenn nicht . auch an Willen mangelt, hat das ganze östliche Mittelmeer in ihren Bereich gezogen, und bildet heute für dieses grofip und wichtige Gebiet einen Faktor steter Beunruhigung, gelingt es nicht, durch die richtigen Sicherungsmethoden diese fortwährende Unruhe zu bannen. Italien sucht Frankreich aus dem östlichen Mittelmeer zu verdrängen und läßt sicher ' nichts unversucht, um England, durch Verträge ebensogut wie Lurch Schaffung vollzogener Tatsachen in jenem Gebiet, wo ein Lebensnerv Englands liegt, zum innigsten zu übervorteilen. Verträge haben Italien Expansionsmöglichkeiten in den arabischen Gebieten gebracht Und ein durch politische (Schwächung unsicher gewordenes England kann Italien zu. der Politik vollzogener Tatsachen in "Aegypten und dessen -Nachbarschaft ermutigen. Dies muß einen Zustand der Unsicherheit im ganzen vorderen Orient schaffen. In diesem Gebiet nun liegt Palästina, das Land, wo heute die Judenheit der ganzen Welt ein Werk des Aufbaues setzt, welches nur unter friedlichen Bedingungen gedeihen kann. England, dessen Interesse an dem Aufbauwerk unverkennbar ist, hat vor den Völkern der ganzen Welt die Verpflichtung übernommen, die Bedingungen für dieses Werk zu schaffen. Zu diesen Bedingungen gehört bestimmt und in erster Reche der Friede. Die Bestrebungen, ihn in Europa Und in der ganzen Welt zu sichern, sind bis heute sehr platonisch geblieben. Und was in der letzten Zeit sich ereignet hat, wäre nicht darnach angetan, die Hoffnung aus die .Erreichung des endgültigen Frredenszustandes zu bestärken. .Das Netz der Verträge und Bündnisse, in das sich.Europa in der lebten Zeit eingesponnen hat, sieht so ans, als sollte es zu neuem Stahlnetz des Vulkan werden, das Menschen und Völker unentrinnbar in seine unheilvollen Maschen verstrickt, und ihnen Beivegungen vorschreibt, de sie zroangsvoll tun, ohne imsta»rde zu sein, von sich und der Welt das Unheil abzmoenden. Die Hoffnung des Volkes, .das beispielgebend ein Bolkswerk — zum erstenmal., seit langer Zeit in der Geschieht? der Menschheit -- mit den Mitteln des Friedens schaffen will, blickt noch immer auf ,England, das in seiner politischen Tradition, das Jnstru-. ment des Krieges stets in die letzte Linie gerückt hat. Dar-';. Nur darf, siegt nur in England wieder die alte politische Tradition, Rnkoivs Wort nicht nmhr bleiben: Der Bruck; zwischen England und Rußland'darf nicht der erste Schritt zum Krieg sein, sondern der letzte. Dir chemischen kntdeckrmgen des früheren frantüsifchen Krlegsmlnifters Lefevre. Eine Klage mtf Schadenersatz. Paris, 2. Juni. Der ehemalige Krie^mlnister Lefevre, von Beruf Ch e m i k c r. soll während des Krieges bedeutende Erfindungen gemacht haben, aus denen nicht nur Frankreich, sondern auch seine Alliierten Nutzen gezogen haben. Lefevre behauptet nun. daß o h n e s e i it e G c u e h in i g u n g b e n ft 11 i i c ricn M ä ch t e n Kenntnis von.Entdeckungen gegeben ivorden sei und fordert hiefür eine Entschädigung von vier Millionen Frank e n. Das KriegSministerium hat mit ihm Wer eine gütliche Beilegung der Angelegenheit verhandelt. Diese Besprechungen sind jedoch abgebrochen worden. Nach dem „Petit Parisicn" hat Lefevre nunmehr eine Klage auf Zahlung des genannten Betrages eingeretcht. Zyklonkatastrophe in Holland. Riesige Bemühungen in zwei Bezirke». — zahlreiche Wer. Mittwoch ging, rvie aus Amsterdam gemeldet wird, über Ost holl and, ein, Zyklon von furchtbarer Heftigkeit hinweg, der in den Bezirken Galdertand« und Oberyssel furchtbare Verheerungen anrichtete. Ihr Umfang war vthl tz-rößer als bet der W irbelstu'rmk.a Last rpp he im Jahr« 1926, durch die die holländische Stadt Bo r k o u l v fast vollständig zerstört wurde.!Am stärksten ivnrden die Städte Groenlo, Ne edle, Del den :md Eibergen betroffen. In Need«, einem kleinen Stadt-- chen, das ani meisten gelitten hat, stürzten das Postgebäude, die Kirche und einige Fabriken ein. Aus der Stadt Lichtenvoorde wird der Einsturz voll etwa 100 Häusern gemeldet. Selbst zwei- bis dreistöckige Häuser wurden vom Wirbelstnrm nmgerissen, riesige Bäume entwurzelt und sogar ein Eisenbahnzug aus den Schienen geschleudert. Die Anzahl der Toten und Verletzten -in den heimgesuchtcn .Gebieten ist noch nicht genau zu übersehen,, soweit bekannt, sind allein in der Ortschaft Reede 18 Tote zu beklagen. Anscheinend sind zwei Windhosen vcn ungewöhnlicher Heftigkeit ausgetreten; die schwächere zog von DoesbUrg (östlich von Mrnheim) bis ostwärts des De Vo nt er. Die viel stärkere zweite Windhose, die etwa 1 zwei Minuten dauerte und eine Breite vor: ettva 500 Metern halte, zog von Lichtenvoorde über Groenlo und Etbergen nach Neede wrd richtete später weiter nördlich zwischen IAI l m e l o und Del den große Verheerungen an. Mail befürchtet, daß der Orkan eine große Zahl von Opfern gefordert hat: bisher dürfte allein die Zahl der Verletzten mehr als 2r betragen. Auch die Gegend von ssnadrM detroffen. ' Der Wirbelsturm hat in feinem Fortgang iiCce ut dentsche Grenze auch die um Osnabrück liegenden Teile der Provinz Hannover, wie von dort gemeldet wirsch mit voller Wucht getroffen. Das etwa 9000 Einwohner zählende Städtchen Lingen wurde vollständig verwüstet, die innere Stadt ist c t it einziger Trümmerhaufen, die Kirche und das historische Rathaus sind stark beschädigt, ,cmf dem Marktplatz blieb kein Haus unbeschdigt. Eine große Zahl von Häusern ist bis auf die Grundmauern zerstört. Bisher »mirden in Lingeil drei Tote geborgen, die Zahl der Schwereerletzlen beträgt, soweit vorläufig bekannt, 25 Personen. Auch das Dorf Esche, das ans 12 Gehöften besteht, ist ganz zerstört^ ebenso die Oldenbürgischen Ortschaften Lindner, Aue und HoldtHaus. Las polnische venerallonMat in PalWna. Generalkonsul Dr. Hausner über die Bedeutung seiner Ernennung. Warschau, 2. Juni. Der züm polnischen Generalkonsul in Haifa ernannte Sejmdeputierte Dr. Bernhard Hausner äußerte sich zu einem jüdischen Journalisten ' über seine Ernennung zum polnischen Generalkonsul in Haifa, und erklärte unter anderein: Meine Ernennung zum Generalkonsul tritt am 1. Juli in Kraft, doch werde ich meine Amtstätigkeit kaum früher als am 1. September d. I. beginnen können. Die Niederlcgung meines Sejmmandates werde ich auch zur Zeit der Uebernahme meiner Konsularlätigleit in Palästina durchführen. Der jüdische Sejmklub war naturgemäß von allen vorangegangenen Verhandlungen zwischen mir und dem Auswärtigen Amt durch mich informiert, ebenso handelte ich .während der ganzen Zeit im Einvernehmen mit dem Präsidenten der Zionistischen. Organisation ln Polen,. Herrn L ewite. Meine Ernennung betrachte ich als einen sehr wichtigen politischen Schritt der polnischen Reglern n g, der meines Erachtens sowohl nach innen als auch nach außen von Bedeutung ist. Durch ihn wird in sehr ernster Form mit der alten offiziellen Auffassung gebrochen, daß ein nationaler Jude keinen höheren Staatsposten bekleiden könne. Nach außen hin ist diese Ernennung, wie Vizepremier Bart e l und andere führende politische Persönlichkeiten ausdrücklich betonten, der erste positive Schritt der polnischen Regierung, um ihre Sympathie für das jüdische Aufbauwerk in Palästina zum Ausdruck zu bringen. In meiner Amtstätigkeit werde ich direkt dem Außenministerium unterstellt sein, da das von mir zu leitende Konsulat den Charakter eines Generalkonsulats haben wird. Auf die Frage, ob Generalkonsul Dr. Hausner schon früher in Palästina gewesen sei, bemerkte dieser, daß er im Jahre 1914 mit einem Stipendium der österreichischen Regierung eine Studienreise nach Palästina unternommen hatte. Generalkonsul Dr. Hausner begab sich dieser Tage nach einer längeren Konferenz mit Vizepremier Bartel In wichtigen Staatsangelegenheiten nach Berlin, wo er einige Tage verweilen wird. LsriiMM der „Wiener Modenzeitung“: Monatlich Wie» und Oesterreich. . . . »j..* . *8 5*— Tschechoslowakische Republik.. . , KC 22'— Jugoslawien. Dinar 60'— Polen. Zloty 6*— Deutschland .......... Goldmark 4*— Frankreich, Belgien ............ . Fscs. 35*— Italien ................ .Lire 20*— Rumänien ..Lei 170*— Bulgarien .. .Lewa 100*— Amerika. .Dollar!•— -Schweiz und das übrige Ausland Franken 5s» Oesterr, Postsoarkassenk<mto l50.69?- Sob polnische Parlament. Revision der Prvsseverordnnng. Warschau, 2. Juni. Zum Zwecke der Festsetzung des Tormines, der Dauer und des Programmes der demnächst einzuberufenden a n tz e r o r den t I i ch e n S e f - s i o u des Sejm erschien gestern der Sejmpräsiident R a t ü j beim Premiermarschall P i l s n d s I i. Die außerordentlich? Session wird für den 20. Juni einberufen. Das Programm dieser Session umfaßt u. a. eine Berfa ssungsän de rung betreffend die A u f » 'lösung des Sejm and eigener Initiative, ferner ein Gesetz, das den MMärperfonen das Wahlrecht nimmt, einige Gesetzentwürfe betreffend die, Selstverwaltullgskörper, einen Entwurf über das Versammlungsrecht und schließlich einen zur A e n d e r u n ö derk> estehenbc-n Wahlordnung. Ferner sollen von den beiden Hansen: einzelne Ver» ordnungen des Präsidenten der NepMik, darunter auch das viewefprochene Pressedekrct, das vor kurzem erlassen wurde, einer Revision unterzoven wevden. Ins Budapefter Llefernngspanama. Eirre nenerlichv Verhaftung. Budapest, 2. Juni. In der Angelegeicheit der Liefernngsstandale ist heute en:e neue, a u f f e h e n e r v e - g.ende Verhaftung vorgenommen worden. Die kompromittierte Persönlichkeit, unt die es sich haiwelt, ist der pensionierte Minist e r i a l r a t im Unterrichtsministerium, Julius V i t a r i ü s, der Mitglied des Direktionsvates der von dem Generaldirektor Eugen Stern gegründeten -Aktiengesellschaft für Lieferungen von Brennmaterial an die staatlichen Institute Ivür. Ditarius hatte bei dieser Gesellschaft die Aufgabe, durch seine anSgezeickMten Beziehungen zu den staatlichen Instituten, also auch bet den Untversitätskliniken, dahin zu wirken, daß die Institute ihren Bedarf an Kohle und Brennholz bei der Aktiengesellschaft des Direktors Stern decken. SeMstverständlich evhielt Bitarins für seine Bemühungen glänzende Provisionen, für deren Höhe es bezeichnend ist, daß der pensionierte Ministerialmt sich vor einem Jahr eine prachtvoll eingerichtete Villa in den Ofner Borgen kaufen konnte. Vitarius Ivurde heute der Oberstadthauptmmmschaft vorgeführt und nach kurzem Verhör in Haft genommen. Die Reihe der Verhaftungen in den Liefe rungsskandalen dürfte damit noch nicht abgeschlossen fein. Ans dem Flng ins Spital veruaglückt. Aus Bordeaux wird gemeldet: Der Regiments^ arzt Professor P i c q u e, der die Gattin des Fliegers Careaux mittels Flugzeuges behufs Behandlung Auffnchte, ordnete air, daß die Fmu in einem Flugzeug in dasSpital nach Bordeaux gebracht werde und begleitete ste in einem Kweitei: Flugzeug. UnjertvegS geriet das Flugzeug des Arztes in Flamm e n. Der Pilot lmlrde schwer verletzt. Der Negiinentsarzt, der abzi-ipringen vovsuch!te, erlitt schreckliche B e r st ü m m e l u:: g e n.