Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2968 (2.6.1927)
- Date
- 1927-06-02
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
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Men, Donnerstag Wiener Dtoegeirzettuns t. J»m im 2968 Bertrmllches über die öfterretchW« tschechischen Handelsvertrags. Verhandlungen. Drei SQeftn Selvel« wer sie eenfet «irWaftikmsemi». Uih die Beratung der Zolltarifnovelle im Ausschuß noch ein w-enig hinauszuziehen, verlangte gestern D r. Bauer im Zollausschuß vor Abführung der Generaldebatte Mitteilungen der Regierung über die handelspolitische Lage Oesterreichs, über den Stand der H a n d e l s v e r t ra g s v e r Handlungen mit der Tschechoslowakei und eine Expertise über die Ergebnisse der Genfer Welt w irisch aftskonfercnz durch 'Einvernahme der nach Genf entsandten österreichischen Experten. Dr. Seipel schlug vor, diese Expertise in der Weiten Hälfte der nächsten Woche, etwa Donnerstag oder Freitag, abzuhalten. lieber den Stand der tschechoslowakischen Handelsvertragsverhandl u n g e n und über die Besprechungen Wecks Revision anderer tzandclsVerträge werde die Regierung wirklich Mitteilungen'von Bedeutung zu machen haben. Zu deren Entgegennahme möge ^nan eine vertrauliche Sitzung des Z o I l a u s s ch u s s e s halten, die heute um J44 Uhr nachmittags stattfinden wird. Das Ergebnis der Genfer Weltwirtschaftskonferenz faßte Dr. Seipel in drei Satze zusammen: 1. Es wurde auf der Konferenz zum Ausdrucke gebracht, daß die Zölle der verschiedenen Staaten zu hoch seien. In diesem Zusammenhänge wurde empfohlen, die Staaten möchten auf die Herabsetzung der Zölle hinarbeiten. 2. Zwischen der Handelspolitik der verschiedenen Staaten bestehe ein enger Zusammenhang, es, könne' daher ein wirklicher Erfolg nur durch eine „k o n-' zertierte Aktio n" aller Staaten erreicht werden. 3. Neben der Exportindustrie befindet sich die Landwirtschaft in allen Staaten in einer besonders b e d r ü ck t e n L a g e. In der Nachmittagssitzung erstattete Abgeordneter Heinl als Generalberichterstatter sein Referat über die Dritte Z ol l ta r i f n o v e l l e. Sesterreich ratifiziert seine« Beiiritt zum Biilkerbuud. Obwohl Oesterreich schon seit Jahr und Tag Mitglied des Völkerbundes ist, wurde die Regierungsvorlage, durch die der Beitritt Oesterreichs zum V ö l k e r b u n d vom Parlament ratifiziert werden soll, nnbegrciflicherweise bis heute noch nicht beschlossen. Gestern endlich hat der Verfassungsausschuß des , Nationalrates die diesbezügliche Vorlage genehmigt, desgleichen eine Zuschrift des Bundeskanzleramtes über Aenderungen des Völkerbundstatuts. «L Denecln kräftig! Len Organismus — schlißl vor, W *w**jtAr Erkrankungen. J Heute wird mit den Postlern ver« handelt. Ue «IchtWaMa gegen »a« mtimttm. Bundeskanzler Dr. Seipel hat die Vertreter der Postgewerkschast, der Technischen Union und des nichtsozialistiischen Gewerkschaftsbundes für heute vormittags zu einer Besprechung geladen. Er glaubt, die Bewegung der beiden sozialistisch eingestellten Gewerkschaften der Postler und der Telegraphen- und Telephonangestellten jetzt durch den sogenannten Gewerkschaftsbund und den Fünfundzwanziger- Ansschutz der Hoheitsbeamten paralysieren zu können. Für gestern hatte er sich die Vertreter der beiden letztgenannten Beamtenorgamsationen zu sich geladen und die Harren des Fünftlndzwanziger-Ausschnsses legten.dar, daß die Wünsche der Postgewerkschaft und der Technischen Union mit alten Forderungen des Fünfundzwanziger-Ausschuffes in vielen Punkten übereinstimmen. Dr. Seipel versprach den Fünfundzwanziger-Ausschüßlern, Gelegenheit zu geben, zu dem jeweiligen Ergebnis der Sveiteren Verhandlungen Stellung zu nehmen. Der Hauptstreitpunkt, die Frage der Personalvertcetungswahlen, wurde in einer Besprechung mit den Abgesandten des Gewerkschaftsbundes der nichtsozialistischen Post-, Telegraph- und Fernsprechangestellten erörtert. Ihm zuliebe wurde die Mahl in die Personalvertretung zu einem Zeitpunkt festgesetzt, den die. Technische Union ablehnte. Diese hat sich an den Wahlen nicht beteiligt, so daß die Nichtsozialisten jetzt, obwohl sie,!vie die Technische Union behauptet, nur eine kleine Minderheit der Angestellten bilden, die Personalvertrctung unumschränkt beherrschen. Der nichtsozialistische Gelwerkschaftsbnnd erklärte gestern nun, daß die Ueberreichung der Ultimaten Zelenkas namens der Technischen Union und Dr. Meyers namens der Postgewerkschaft einen Solidaritätsbruch darstelle. Der GewerkschaftAbund werde deshalb S o n d e r v e r Handlungen mitder Negierung führen, zuinal er sich an das Ultimatum der Postgewerkschaft und der Technischen Union nicht für gebunden erachte. Auf die Mitwirkung des Gewerkschaftsbundes bei einem eventuellen Streik hat wohl Herr Zelenka ohnehin nicht gerechnet. Wenn nun heute der Versuch gemacht werden sollte, etwa den Gewerkschaftsbund gegen die Technische Union und die Postgewerkschaft auszuspielen, so wäre daraus, wie uns versichert wird, nur eine Verschärfung der S tr e ikg efahr bei Post, Telegraph und Telephon zu befürchten. @to Eisenbahnunglück in Berlin. Em Zug fährt in eine Arbeiterkolonne. Aus Berlin wird gemeldet: Mittwoch gegen fünf: Uhr früh ereignete sich im Bahnhof Z o o l o g i scher Gärten ein Eisenbahnunglück. In eine Avbeiterkolonne, die sich von ihrer Arbeitsstätte nach dem Bahnhof Zoologischer Garten begab, fuhr von rückwärts ein Eisenbahnzug hinein. Zwei Arbeiter wurden getötet, zwei schwer verletzt. p—.... . f ' ------ Reifemttritt Bon Peter Panter. Im Verlag „Die Schmieds, Berlin, erscheint soeben „E i n Pyrenäenbn ch" von Peter . Panter. Wir veröffentlichen mit Erlaubnis des Verlages die Einleitung, lvelche der Autor unter dem Titel „Beichtzettel" dem sehr bemerkenswerten, , reich illustrierten Reisewerk vorausschickt. Geographie hatten wir beim roten Merke. Der Mann war ein Lehrbeamter mit vieler: kleinen Aederchen im Gesicht, die ihm ein kupferrotes Aussehen gäbet:; wegen seines Spitznamens hatte er sich anstandshalber einen roten Bart mngebunden. Er mochte uns nicht, und wir mochten ihn nicht. Er galt für falsch und rach? süchtig, Klassenurteile sind immer richtig — es wird schon gestimmt, haben. „Hast du Geographie gemacht?" — „Ich habe keine Ahnung!" — Wovon sollte ich auch eine Ahnung haben? Das kümmerliche Geographiebuch verzeichnete ein paar Namen nnd stotterte in holprigem Deutsch etwas vor: „Bodenbeschaffenheit" und „Sardmenhandel", der Rote hatte dazu mit einem Rohrstock an der Karte entlanggestrichen, und die Klasse hatte korrekt geschlafen. „Wir kommen nunmehr zu den Pyrenäen/' sagte der Rote. Ich weiß nicht, ob er heute auch noch dazu kommt — aber bis auf das schöne Wort „Maladettza", was kein Fluch, sondern ein Berg ist, habe ich nichts behalten. Es ist alles wie ausgelöscht. Das gute Schulgeld! — Die schöne verlorene Zeit! — „Pyrenäen" — das war so eine rostbraune Sache ans der sonst, grünen unb schwarzen Karte, darin standen «in paar Bergkleckserechts und links gefiel sich die Karte in Blau,, das war das Meer... Ja, und sie trennten Spanien und Frankreich. Auch mußte man jedesmal ein kleines bißchen Nachdenken, bevor man den Namen.schrieb. Das waren die wissenschaftlichen Kenntnisse, die mir die deutsche S^ule. in bezug auf die Pyrenäen mttgegeben hatte. Aber der. Rote lchrte nicht nur Geographie, sondern auch Geschichte, und da ging es muntrer her. Es war!eine Morvsgeschichte, in der es nichts wie Schlachten, Fürsten und Staaten gab. Was ein Staat war, hatte er , uns nie erklärt, aber das Leben holte das rasch em. Wenn man zum Beispiel in die Pyrenäen fahren will, braucht man euren Paß. Die europäischen Staaten fordern zurzeit noch Eintrittsgeld, und das kann ihnen niemand verdenken. Autorität übt man am besten dem Schwachen gegenüber aus — dem, der keinen Fußtritt zurückgibt, wenn der. armselige verschuldete Popanz die Fahne. hebt... Bauern, die für ihren ganzen Besitz soviel Steuern bezahlen wie ein Schreibmaschinenfräulein, AktiengeselWasten, die, wenn es ans Zahlen geht, nur mit ihrer französischen Bezeichnung „Societes Anonymes" auftreten. .. das arme Luder muß sich doch einmal, ein einziges Mal fühlen! Der Ausländer ist eine schöne Gelegenheit. Ueber die Kuppen und Grate der Pyrenäen hinweg läuft jene kleine gekreuzelte Linie: die Grenze. Der Fall lag ivunderschön kompliziert: ich wohne in Parus, und es waren drei Mächte zu bemühen: Deutschland, Frankreich und Spanien. Ich bemühte sie. ‘ Es kostete: vier Arbeitstage sowie zweihündertachtmiddreißig Francs. Die Sache spielte sich in Liebe und Freundschaft ab: niemand benahm sich irrsinniger, als ihm seine Vorschrift das vorschrieb, es wurden wä>er Knie- ' beugen noch Freiübungen verlangt, auch vom Einzeldorbvimarsch Ivurde allgemein abgesehen. Regiert wurde ich bei den Deutschen von einem sehr wohlschmeckenden großen Mädchen, bei den Franzosen von einem höflichen, staMgen Mann, bei den Spaniern vvn einem Botschaftssekretär und zwei dunkelgetönten Konfularbeamten. Jeher stempelte, trug in Bücher ein, schrieb und ferttgte qus, ließ von unbekannten Mächten, die hinter, geschlossenen Türen thronten, unterschreiben. — — -Das Ministerium des Innern ordnet an, das Ministerium des Aeußern mischt sich ein, die Grenzübettvachung weiß vor: allen beiden nichts und macht ihre Dummheiten selbständig. ‘ So, genau so war einst , die Herrschaft der Kirche. Ein Mann ohne Beichtzettel war ein verlorener Mann, «in ausgestoßener Mann, eine unmögliche Ep- Modenhaus $¥1113 Wien, II., Talrörstrafie 1 Telephon 404-97 Tolephon 40 4*91 verkauft infolge vorgerückter Saison nur erstklassige Modelle m Kleidern und Mänteln zu Spottpreisen! G PfaMfecate Krdsclflrf Einffihrungspretee zu Kassapreisen. " in 0UB§€S<5 Crepe de Chine, la Kleiderware ........ 8 8*50 Crepe de Chine, imprime ........... 8 8*50 Foulard (feinster Lyoner Druck} ........ 8 0 30 Crepe Georgette (Kleiderware) in allen Farben . 8 11/80 Die neuesten Pariser Mantelstoffe eingelangt! Schwere studentische Ausschreitungen i« Bukarest. Bukarest, 1. Juni Letzten Sonntag abends haben rumänische Studenten in den Hauptstraßen von Bukarest schwere antisemMsche AuMchreitungeu inszeniert. Di« Studenten zogen vom Studentenheim in geschlossenen Reihen durch die Straßen und wurden beim Bierhaus „Earpathia" von der inzwischen aliarmierten Gendarmeriebereitschaft aufgehalten. In der Calea Bictoriei kam es zwischen den Studenten und der Gendarmerie zu einem Zusammenstoß, nachdem di« Demonstranten einer Aufforderung des Militäranwalts Oberleutnant Dinescu, in Ruhe' auseinanderzugehen, nicht Fotze geleistet hatten und auch gegen die Bereitschaft aggressiv, vorgingen. Bei dem Zusammenstoß wurden mehrere Soldaten das Gewchr vom Arm gerissen. Ein Student Soldaten tätPch angegriffen, und wie das Regieruugsorgan „Jndreptarea" meldet, wurde einem vergriff sich sogar cm Militäranwalt Dinescu. Die Ordnung konnte nur schwer hergestellt werden, und die in kleinen Gruppen versprengten Studenten insultierten auf ihrem Rückzug jeden Passanten, .in dem sie einen Juden vermuteten. Aus Befehl des Oberleutnants Dinescu wurden 15 Studenten, unter ihnen auch der bekannte hakenkreuzlerische Studentenführer Tudore Popescu, verhaftet. Hingegen konnte der Student E m i l i> a n, d er den Militäranwalt insultierte, noch nicht dingfest gemacht werden. Die verhafteten Studenten wetten vor das Kriegsgericht gestellt werden. Das Regierungsorgan „Jndreptarea" teilt in seinen: Artikel über die Ausschreitungen mit, daß die Regierung beschlossenfjo&e, auch in Zukunft mit gleicher Energie jeden gegen die öffentliche Ruhe und Ordnung gerichteten Versuch, von welcher Serie immer er unternommen werden sollte, zu verhindern, da Vorgänge, wie sie sich am letzten Sonntag ereignet haben, nicht ohne SttaffanWoist bleiben dürfen. Die Regierung sei fest entschlossen, in so schweren Momenten, wie es die gegenwärtigen sind, niemandem die Mißachtusflrg der Gesetze unhi die Störung der öffentlichem Ordnung ir Ruhe zu gestatten. scheinung, ein Auslvurf. Der Geist war von Jugend an in das Eisenkorsett des Glaubens eingezwangt worden, so Laß er gar nicht anders denken konnte. „Hat er den richtiger: Glauben?" Allenfalls verstand man noch, daß er den falschen hatte — aber gar keinen? Davor bekreuzigte sich der Gläubige erst und verbrannte dann den andern. Und die Hexenrichter waren keine schwarten schleichtenden Schufte, lvie der aufgeklärte Liberalismus sie so oft abgebildet hat — es waren anständige reputierliche Leute, mit einem ordentlichen Studium hinter sich, einem festen Psiichtenkveis um sich, einer geachteten Laufbahn vor sich. . . Trommelten die Trommeln, brodelte das Volk auf den gwßen Plätze::, surrten die Gebete der1 Mönche um die VerurtMen? Sie sähen das mit ruhigen Augen an. Die Feuer brannten, die Schrei« stiegen zum Himmel auf, wie hätte das anders sein können? Das mußte so sein. Es mußte so sein, weil das mittelalterlich« Europa an einer Sache hing, die es von Natur aus nicht gqv> sondern die sich der Mensch erst gemacht hatte: an der Kirche. Wer hing am Kreuz? Der Gläubige selbst: röchelnd, mit herausgequollenen Auge»:, in seiner Bewegung gchemmt, an die Hölzer gebunden, glücklich gestützt, nicht allein —- so hing er da. Und stcht heute auf, sicht das Kreuz mit langM Blick an, schüttelt sich und geht? — Er ist von einem Kreuz zu einem andern gekanfen. Gr stiert auf die Fahnen lvie ein Huhn, das man Mtt der Nase vor den Krekdestrich gehalten hat, unbelveglichen Auges, ex sieht nur das. Hat er die richtige Staatsangchörigkeit? .Allenfalls versteht man :wch, dttß er die falsche hat, aber gar kein«? — Davor schrickt der Pvlizeimann zurück und jagt der: andern davon. Und sie sind so stolz auf ihre Beichtzettek! Bon den Reich«: buchtet und benützt, von den Angestellten als Krippe geliebt, tausendmal verkauft au die wahren Gewalten der Erde, deren Grenzen ganz, ganz anders laufen, als es di« GchgraMeibÄche^angeben,NijachM los, wo tvahre Macht ihm gegenübersteht: so bläst sich der Staat ans und hat das Scheußlichste getan, das es M: dem praktischen Zweck e-in« MW Mo chiM» llelistzrn.