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Wiener Morgenzeitung · 1927-06-01 · Heft 2967 (1.6.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2967 (1.6.1927)
Date
1927-06-01
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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'Bim, Mittwoch Wiener Morgenzeitnng 1. Jmu Tm i Nr.M67 Die kxzeye in RLMKAieu. —y, Bien, 1. Juni. liegt eine offizielle Acußernng eines Organs öer rumänischen Regierung zu den anlijüdischni Vorgängen, vor. Der Wiener rumänische Gesandte, Herr Charles MrtrlinLA, gibt in der „Renen Freier Messe" Erklä mngen über diese ganze -Angelegenheit, tvvbei er sich auf das Memorandum ferner Regierung stützt, welches an die - Bollcrbundliga in Genf am 17. Jänner 1927 als Antwort «ruf die Petition deS Komitees der jüdischen Delegationen in Paris gerichtet wurde. Weiters bezieht sich dieses Memorandum auf die bekannte Stellungnahme des SeNanatvrs LHervabbmer Dr. Nremirowar gegen diese auswärtige Intervention, auf einen Bericht des Herrn Dr. Braun stein-Mibafchan in der „Neuen Zürcher Zeitung" vom 28. Februar d. I., in welchem die Bezeichnung „Pogrom" für die Unruhen zurückgewiescm und vor Nebertreibungen gewarnt wird, urrd auf die Enquete des amerikanischen Obersten Am ent. Das Memorandum gibt eine Geschichte der Entwicklung der Juden in Rumänien. Diesen Absätze lassen wir hier im Wortlaute folgen: „In den geschichtlichen Dokumenten werden sie (die Juden) erst im achtzehnten Jahrhundert erwähnt und in tveNkgcr - als einem Jahrhundert (1820 bis 1899) wächst ihre Zahl um mehr als 2000 Prozent, wie die Sta-tistik zeigt. Tie sichern sich e i n e w i r t s ch a f t l i ch e P o s 1 t i-o n, tv e tche in vielen Gegenden derienigen der Einheimischen überlegen ist. Das Memorandum bietet einige > Beispiele: 1903 gehörten in der Stadt Botoschani 117Z städtische Besitztümer den Juden, 1241 den airderen Einwohnern? in Jassy 2026 Len Juden, 265 Len anderen; in Falticeni 618 gegenüber 363 ustv. Nachdem es die Neigungen eines Teiles des jüdischen Bevölkerung erwähnt, soziale Veewirrun- >;en hervorzurufen, während ein anderer Teil sich damit i erfaßt, ar m und ' reich au szu.be uten, setzt' das Mei norandum fort: „Trotz allem, was soeben gesagt wurde, Lenkt f liemand in Rumänien daran, die ganze jüdische Bevölkerung mit den Profitmachern und .Verrätern zu identifizieren; tm Gegenteil, selbst noch vor Kriegsende, - das heißt am 28. August 1918, hat nein Gesetz alle in Rumänien geborenen Personen/. welche daselbst wohnhaft sind und deren Eltern ebenfalls in Rumänien geboren wurden^ als rumänische Staatsbürger asterkannt. Dem Gesetz vom 20. Dezember 1918, das-noch weitgehender gefaßt war, folgt die gesetzliche Verfügung vom 22. März 1919, also noch vor dem Minoritätenvertrag, welche besagt, daß alle Personen, die erklären, daß sie in Rumänien geboren und daß sie niemals unter fremdem Schutz gestanden sind, auf ihr Ansuchen ipso facto rumänische Staatsbürger werden." Was die Vorfälle cvn de n Hwchfch u le n anbelangt, so wird aüsgeführt, daß die Behörden intervenieren und Beruhigung schaffen, daß die christlichen Studenten aus den Internaten ausgeschlossen und die arn meisten gewalttätigen von ihnen verhaftet wurden. We diese Fälle seien jedoch „Privatangelegenheiten, in denen die Behörden und Gerichte Rumäniens einzig das Recht haben, Entscheidungen zu treffen". Zum Abschlüsse wird ' noch ein Artikel des Senators Streitmanu in der „Politica" vom 16. Jänner zitiert, in welchem dieser die Einmengung ausländischer Staatsbürger jüdischer Konfession als ungerecht und unberechtigt bezeichnet^ * Diese Erklärungen aus dem rumänischen Ministe-, rium des Aeußern kreuzen sich mit dem an die Minoritätenkommission der Union der Völkerbundligen erstatj; teten Bericht des Generalsekretärs Th. Ru y fs e n, der «' im Aufträge des Präsidenten Sir Willoughby Dick infam aus „Dokumenten und Tatsachen" zusammengestellt wurde. Es ist gensiß richtig, daß das Wort „Pogrom" im technischen Sinne aus die Vorgänge nicht anzuwendchr ist. OberraLbiner Dr. Chajes hat dies vorgestern in der Wiener Masseiwersammlung aüsgeführt, und auch die „Wiener Morgenzeitung" hat den Ausdruck „Pogrom" abgelehnt. Aber die antisemitischen Unruhein in Rumänien haben doch das Maß des Unerträglichen erreicht, und für die Beurteilung ist rächt die Anschauung der Regierilng, sondern das Empfinden der Betroffenen maßgebend. lieber lokale Ausschreitungen wäre kaum solche Erregung entstanden. Aber die Zuchthausurtelle von Piatra-Neamtz, wo Juden, die einige Steinlverfer verprügelten, in die Kerker geschickt wurden, die triumphalen Freisprechungen des Mörders Morares e u, des Mörders Codreann, des Mörders To tu, die vielen schweren Mißhandlungen jüdischer Passagiere in den '1 Eisenbahnen, die fortgesetzten Unruhen in Jassy, Kifchirrew, Ploesti, Foesani, Ungheni, Buzeu, die stürmischen Krawatte in Bukarest am 10., 17.und 20. Dezember, dann in Klausen bürg am 23. Dezember (wo eine jüdische Wohltätigkeitsveranstaltung überfallen wurde) sind doch Symptome für den Bestand einer Bewegung, die sich nur deshalb so weit entwickeln konnte, weil sie von den Regierungsbehörden nicht mit der nötigen Energie zurückgewiefen wurde. Diese Ereignisse fließen ans einer vergifteten Stimmung, aus einer Atmosphäre der Verhetzung, und es ist kein Zweifel, daß die Urheber der Unruhen sich in hohen und angefche-NkN Stellungen befinden und die stärkste Wirkung auf die Jugend ausübeu. Es kommt natürlich nicht darauf an, wie das Gesetz lautet, sondern darauf, wie es gchandhabt wich. Und es ist sstr ein Lach, das Mitglied des Völkerbunds ist, sehr wichtig, wie seine führenden Schichten die Judenfrage sehen. W..m . die jüdischen Einwohner als „Gäste" angeschen werden (wobei noch zu fragen wäre, ob mm Gäste mißhandeln darf), so darf man sich nicht wundern, dah es heute m den rumänischen Hochschulen fast: überhaupt keine jüdischen Studenten mehr das H^mkreuglertmu offen zu Machan den ' * Juden ausfordert und dafür nicht vor Gericht gestellt «. rrd. v : Die Enqrrete des Obersten A m ent ist bekanntlich so vvrgenommen worden, daß die jüdischen Persönlichkeiten in Anwesenheit von staatlichen Funktionären, in Kischinew sogar in offener Sitzung des Gemeinderates ausgefragt wurden. Ihre Antworten sind auch unter diesem Drucke so ausgefallen, wie mitgeteilt wird, und den Zeugniffeu von Rabbinern und Journalistik ist die mannhafte Erklärung des Kifchinewer Oberrabbiners Zirelfohn entgcgcnzuhalten, der wegen seiner Freiinütigkeit gemaßregelt worden ist. Der Professtw Cn-za ist wieder Professor, und nnc er sein Handwerk betreibt, das erkennen wir aus der Lektüre der rumänischen Zeitungen selbst. Die Tatsachen sprechen eine allzu verstaNdÄche Sprache, * als daß sie durch Dementis dieser Art hinwoWesthafft werden könnten. Sie haben sich auch in einer Werse enttvickelt, die einen öffentlichen Widerstand hervorgernsen hat. Auf dem Völkerbundligcn-Kongreß in Berlin ist eine gründliche Debatte vor dem führenden intellektuellen' Forum der Welt geführt worden, und die Diskussion wird har mithin Zeit genug vor sich, anstatt irr Memoranden durch eine energMe Aktion dem verbrecherischen Treiben entgegenMtretrn mrd Abhilfe M schaffen. Aue MaWdlttlAM m Amerika a» die nrnMWe Königin. ' „.ÄdeverM" teilt mit: 'An Bukarest - traf - cme vwM! Gesandten Rumäniens in Washington übermitdettc, von 30.000 Amerikanern untetzeichrrcte Petition an die Künstchv von Rumänien ein. In derselben Hecht e5 u. «u. Wir benutzen diese Gelegenheit, um "beit 'Wuu.q ch «ckrsHÜßwechep, daß Eure Majestät ein besorrderes Mugemnerk Dr die AMrderhciten in Rumänien habe, welche gogeNwÄrtH M wpLwü-g wohlwolleusd behmrdelt werden, und zwar die hrthvlifchen 'Rumänen, die Protestanten, Irtc Juden. die.-Aap-. tchem DiejeMttschrift War anfangs vorr 60 hervMwaMÄen- - amerikanischen Persönlichkeiten unterzeichnet und sollte der Königin gelegentlich ihres Besuches in Wmerika überreicht werden. Inzwischen kanten zn diesen 60 Unterschriften nach! 30.000 verschiedener Persönlichkeiten aller sozialen .Schlichs ten Und Berufe, wie NniveMStsprosefforen, Mchkth Finattzlwte,BLrtw^. der verschiedensten Religionen üstA iWvAU. im Herbst fortgesetzt werden... Die rumcttrWe Regierung Felix Marburg Wer seine Reise«. Durch Palästina «ch durch die Krim. Aus Berlin meldet I. T. A.: Vor einer großen Anzahl jüdischer Persönlichkeiten, unter denen sich u. a. Albert Einstei n, Kurt Blumen-fe ld, Rahum G o X d - mann und Dr. Jakob Klatzkin befanden, hielt der hier emgetrofsene Präsident des Joint, Herr Felix Marburg, eine Rede, in der er eine Schilderung seiner letzten Weltreise gcck. Der Wiederbesuch Palästinas habe ihn mit besonderer Freude, erfüllt. Unter Führung von Colonel Kisch und Dr. Magnes habe er Gelegenheit gehabt, viel Wunderbares zu sehen. Wunderbar ist die Aufopferung jener, die in die Kolonierr gehen. Sie erleben die schweren Jahre wie eine kurze, aber notwendige Kur. Er schilderte ün einzelnen das Leben in den Kolonien, das der Philosophie und der Heiterkeit nicht entbehrt. Es ist ein Pioniertum im besten Sinne des Wortes. Die Menschen sind belesen, erfahren, unterrichtet. Beim Besuch der Hebräischen Universität in Palästina hat er den Eindruck empfangen, -baß Palästina der wirkliche geistige Mittelpunkt werderr wird. Die Studierenden in den jüdischen Kollegs mögen einige Zeit an der Hebräischen Universität studieren, sie würden dann viel Inspirationen mitbringen. Hervorragenden Männern der Wissenschaft ist es ein Stolz, in Palästina zn arbeiten. Herr Marburg ging nun zur Schilderung seiner Erlebnisse in Rußland über. Er schilderte im einzelnen das Werden der jüdischen Kolonisation, wie die Arbeit im im ersten, im zweiten und im dritten Jahre vor sich'geht. Alles ist mit Freude am Werk, Strapazen und Entbehrun- ' gen werden nicht gescheut, er sah Frauen am Häuserbau ] Zuland. Die KleknrentnerhUfe der Gemeinde Wien. Der Wiener Gemeinderat hat in seiner gestrigen, stellenweise sehr stürmischen Sitzung über Antrag des Stadtrates Brertner die bereiis vor den Wahlen angekündigte Kleinrentner-Hilfe von einer Million Schilling beschlossen. Dieser Betrag soll den Besitzern von Gerneindeanlehen je nach ihrer individuellen Bedürftigkeit zugute kommen. Die Anmeldefrist endet am 31. Juli 1927. Stadtrat Brertner erklärte in seinem Referat, daß diese vorläufige Notstandsaktion kein Präjudiz für die dringend notwendige gesetzliche Regelung der Kleinrentnerfrage bilden solle. Von den Wiener Anleihen find bis jetzt ungefähr 220 Millionen Kronen Nennwert noch nicht eingelöst worden, worin der Auslandsblock nicht inbegriffen ist. Wieviel davon auf Kleinrentner entfällt, wird erst mit Mlauf der Anmeldefrist feststellbar sein. Ueber den zweiten Antrag des städtischen Finanzreferenten, wonach die Gemeinde die Haftung für die Beibehaltung eines 6prozentst;en Zinsfußes für Kredite der Zentralsparkasse der Gemeinde Wien an Gewerbetreibende zu übernehmen habe, entspann sich eine lebhafte Debatte Wer die städtische Finanzpolitik. Es wurde Klage darüber geführt, daß die Kleinkaufleute durch die Uebersteuerung zueyst zugmnde gerichtet werden uyd daß man ihnen dann das äbgepreßte Geld gegen Zinsen wieder als Kredit zur Verfügung stellt. Stadtrat B rei t n er geriet während der stürmischen, ganz unparlamentarisch, mit Schimpfworten geführten Debatte sehr in Harnisch. Er erklärte in höchster Erregung, daß es ein kindisches Beginnen sei, die (Gemeinde von ihrer 'Steuerpolitik abzubringen, von der sie nicht um Haaresbreite abweichen werde. Der Antrag wurde selbstverständlich gegen die Sttimnen der -Opposition angenommen. Ueber Antrag des Bizebürgermeisters Emm e r - kin g wurde sodann ein Betrag von 5 Millionen Schilling Wr den An ta uf vom Sy n e uem A n und beschäftigt. Von Jahr zu Jahr vermehrt sich das Wb Und Gut. Die Kolonisten des zwetten Jahres verfügen bereits über Haus und Vieh, die des dritten Jahres leben bereits in einem gewissen Komfort. Ueberall sieht man saubere Häuser. Die Kolonisten sind auch geisttg sehr inteveLsiert. Paul Sandors Mitteilungen unrichtig. Wir haben in der vorigen Woche emen im Budapester „Egyen'lüseg" erschienenen Reisebericht des Abg. Paul Gandor wiedergegeben, in welchem dieser eine gelegentliche Unterhaltung mit Felix Marburg mitteilt. Danach habe Marburg bemerkt, er halte die Arbeit in Palästina, die v i e I Geld verschlingt und nicht entsprechende Resultate zettigt, für wenig aussichtsreich, dagegen habe er viÄ Freude an der Kolonisation - in' Rußland. Auf eine Anfrage des J.-T.-A. -Vertreters in Berlm erwiderte Herr Marburg, seine Worte seien von Herrn Sandor, mit dem er sich zwanglos unterhielt, sehr ungenau und m i ß v e r st ä n d l i ch lviedergegeben worden. Das Gespräch war privatim und mcht für die Presse bestimmt. Gewiß habe er n i ch t das gesagt, war Herr San-' dor fhm in den Mund legt. Ae WetteutommMn. Paris, 30. Mai. Hier hat am 28. Mar eine Konferenz zwischen Felix Marburg, Sir Alfred Mond und Dt. Lee Frankel in Angelegenheit der Experten^ kommifsion firr Palästina stattgefunden. Herr Warbprss' wird am *1. Juni nach New Aork zurüMMort. -ore Orncylung von zwer -Garagen!fur »xe* rr^M Autobuslinien bewilligt. Eine Linie soll über die Ma ri ah ils e r straße durch die Gur-g Aber den Graben, Salztorbrncke in die Leopoldstad>tz die Weite Linie vom Elter le i np l a tz auf die Landstraße bis zur Ba r ichg ass e und die dritte Lin« von der Volk so per durch die Stadt zum S-ll-d b a h n h o s geführt werden. Die ^Position verlangte eine Autobuslinie von Floridsdorf über d i e B rig i t t e n a u in d ie Stadt, um die Straßenbahnlinie 31 zu entlasten. Nach einem Schlußwort -des Refereuter wurde dre Sitzung um 12 Uhr nachts geschlosseiu Rothstoü in Freiheit. Der Mörder des Schriftstellers Hugo Bettaüer, Otto Rothstock, ist nunmehr auf freien Fuß gefetzt worden. Bon der psychiatrischen Klinik Wagner-Jauregg als gesund entlassen, wurde er ln das Sicherhettsbureau gebracht, wo ihn seine Schwester abholte. Mo es heißt, will Rothstock Wien ni-cht verlass'e-n, sondern hiev bleiben und einen Posten als Zahntechniker suchen. app vMWM der „Wimr MrxMrettiwx": Moaatlicb uad Oesterreich. . . 5*— Tschechoslowakische ReptibÜk . ...... # . JCi 22‘)— Jugoslawiea.......... , Dinar fiO^ Polen i . » ^■*1.. .. . , Zloty 6^ ■' ■ DetttacWand ....... -m-,» . «GoMniäfK l'*- Frankreich, Belgien . . , .Ftcs. 2Ö'— Italien » ... . . ^Dhe 20^*^- RiMnHpteQ * . . ^.»«,1^.. »Lei tTO** Bulgarien *••**•.* »Lewe tOO'"" (Amerika » •1 . « . « . . . .... % »» Dollar 1z und das übrige Attateod FrarÄM 5lfc» Oestetr. Postroarkassenkonto MkbSS- MSWMSWITSNZ □□onoiainon:

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