Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2966 (31.5.1927)
- Date
- 1927-05-31
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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M. 9968 Wien, Dienstag 4tttette* MorgenzeLtrmg fti. Mai 1927 Lene o Der Sohn des Moses Mautner Ein Wiener Roman von Leopold Hichler. Copyright 1927 by R. I&vit Verlag,Wien — Leipzig (47. 'iJm Osten djer Statdlt Wien ist eine,große SMt.-— Ehre stilhe -und ruhige Stadt. Gm Ort,cchne Sehnsucht und ohne Berkrngen. Die Bewohner sHbasim. — Wie -lange? Wer wird sie erwecken? Der Gott der ^Juden'? Der Gott der Christen? —Sie streiten nicht wehr.darum. Sic schki«, feit.- lOustav stand vor emxm frischen HMel und horchte. — An dieser stillen Stadt tönt eine Musik, nur der Seele des Trauernden vernehmbar. — Es singt und .tröstet und mahnt Und öffnet dien inneren Mck, so daß mancher in sein Herz schaut und sich selbst erkennt. --!Hus dem weiten Hinrmel war die Seele,Frau Saks' hevcchgestiegen Und flüsterte und sang: „Hab' ich's nicht immer gesagt? Ihr werd's mich noch einmal .aus der Erd' herauskratzen wollen!" — „Mutter!" rief Gustav, „ich möcht's so gern! Ich kann's nicht! — Mutter! Verzeih' mir-! Ich war schlecht zu dir. Ach.Hab' dich allein lassen. — Verzeih' mir, Mutter!"-Es.war ganz stille geworden. Er horchtp, aber vergebens. — Da.fühlte er seine .Schuld, kniet« auf dem Hügel nieder und.schluchzte.- Menschen! Wenn Ihr noch eine Mutter habt: Ehret sie; daß Ihr «inst an ihrem Grabe.ohne Reue steht!^— '— Die kl«insle Sünde, das kleinste Vergehen,— es wird : an dem Grab' her Mutter — zur.furchtbaren Last. 24. Kapitel. ' Gustav erreichte in den nächsten Tagen, wonach er so sehnend gestrebt: Er wurde außerordentlicher Hörer an der Wiener Universität. — Mit Andacht und weit aufgerissenen Sinnen lauschte er -Hem, was vom Katheder herab in .verwirrenden Zitaten, ^Fremdwörtern und philosophischen Terininis seinen glühenden Kopf Umschwirrte. Mer — er.konnte davon nichts fassen. Er wähnft, an der Quelle des.Wissens zu sein und hörte bloß das Rauschen der Worte, ohne.eine Mdlodie im Herzen zu fühlen. — — Es ist wie ein ungeschriebenes Ge sich und .kein Mensch — wag er noch so guten Millens.sein — kann dieses Gesetz: „Di« Stufen der Vorbildung" überspringen, übertreten! :—!Wl«s braucht Zeit und Reife. — An dieser Klippe scheitern die Meisten der Dikdungsspätlinge. Sie wollen .ernsten Und haben nicht geackert. — Die .Mittelschule — sie wird belächelt — Und doch — kann.feiner dieser Brücke cntraten, wenn er zur höheren Bildung, strebt. .— — Gustav bemühte sich einige Wochen vergeblich! und.dann, fragte.er seinen Mentor, Doktor Bachrach: „Was soll ich tun, Herr Doktor? Ich kann die Vorlesungen nicht verstehen!?" — Doktor Bachrach blickte sehr erstaunt und tief: „Meso? Was verstehen Sie daran nicht?!" — „Die ganze Sprache. — Schauen Sie, Herr Doktor: Der.Professor Hodler zum Beispiel liest, über Psychologie. Er .spricht einen lSatz und ich — ich muß erst Nachdenken, was er damit gemeint hat Und ich hab's noch nicht gefaßt und grüble noch darüber, sprich: er schon weiter und ich bin noch : mit seinem ersten Satz beschäftigt und bis ich über den zweiten Satz nachdenk', — ist «r — weiß Gott! schon wo!" —i RnLiMaMHi HEINRICH GRAETZ dann hcck>' ich M'igMM Frckvn.verloren!" — „Das ist nichts Neues, lieber Gnsti! — Im.Anfmrg ist jeder; Hörer verwirrt. Da nimmt man eben nach.der Vorlesung das Ächrbuch und studiert dcmn zu Hanfe in Muße, was man nicht verstanden yadf" — „Das Hab' .ich getan, Herr Doktov!" — „Nun?" — ,-Mer die Sprache des Lehrbuches, Ä«..." Gustav zögerte. Er schämte sich .dieses GeistäNdnisses: „Di« Sprache des Lehrbuches, die ist,so — die versteh' ich Mch nicht-! — >Mte! Da,haib' ich im Lexi^ kon nachgeschliagen; aber dort ist die Erllärung derart, daß ich Wer dhe Erklärung nachM-agen muß rrrü» .so komm' ich von einem Suchen ins andere rmdf bis ich's endlich gefunden Hab', weiß ich gar nicht mehr, wovon.ich ausgegangen bin! -- — Sie lachen, Herr Doktor?! Glauben Sie.mir: Es ist hoch schrecklich!, daß ich das nicht begreifen.kann! — Wieso ist das? Bin ich so begvWstWpj?°!" , Doktor Bachvach lachte nicht mehr, denn voll.Mitgefühl rief er: „Nein, Gustr! Nein. Sie.sind nicht dumm. — We nehmen'-s nar zu genaitz und das ist der Fehler!".— (-Fortsetzung folgt.-). Bühne «nd Kunst. Ausimrschgaftspiel Parst« «oft Wiener Lper. Dre bereits sei-t längerer Zeit andauernden Verhandlungen zwischen den Direktionen 'der Wiener Staatsoper und der Pariser Großen Oper sind durch die Anwesenheit des Direktors Schalk in Paris (der, wie 'berichtet, dort einige Aufführungen der ,Lauberflöte" - in der Größen Oper dirigiert hat) soweit gefördert worden, 'daß aller Wahrscheinlichkeit nach das Austausch-Gastspiel im Frühjahre des nächsten Jahres stattfinden dürfte. A Fahre „Beznlel". Eine Feier in Jerusalem. Die jüdische Kunstgewerbeschule „Bezalel" in Jerusalem. feierte dieser Tage das Jubiläum ihres zwanzigjährigen Bestandes. Der Löwenanteil an dem großen Verdienst, diese Anstalt gegründet und durch alle Fährlichkeiten erhalten und entwickelt zu haben, gebührt BorisSchatz. Mit unermüdlichem Eifer war dieser wahrhaftige Palästina- Pionier bemüht, für seine 'Kunst- und Kunstgewerbeschule in Europa und Amerika auf großen Propagandareisen zu wirken. Dian erinnert sich der ' zahlreichen Ausstellungen, die er in fast allen großen Städten veranstaltete. Wenn auch die Meinungen über den künstlerischen Wert der Bezalelschule geteilt sind, so wird man doch die große Bedeutung, die der Bezalel dadurch erlangt hat, daß er in seinen Werkstätten Hunderte von jungen Menschen Palästinas für das Kunstgewerbe erzieht und bemüht ist, einen eigenen Stil zu entwickeln, niemals verkennen. Der Bezalel gehört zu den Taten des neuen Jischuw. Die Bedeutung der Anstalt, das Werk ihres Direktors Schatz, ilvurde bei der offiziellen Feier gewürdigt, welcher Vertreter der Palästina-Regierung, der Zionistischen Exekutive, der hebräischen Universität, des Waad Leunri sowie zahlreicher anderer Institutionen beiwohnten. Prof. Schatz selbst erzählte die Geschichte der Schule, gedachte der Schwierigkeiten, die zu überwinden jvaren und stellte mit Genugtuung fest, daß das Interesse der Juden in Europa und in Amerika für die palästinensische Kunst und das Kunstgewerbe lebendig sei. VOLKSTÜMLICHE GESCHICHTE DER 1UDEN IN DREI BÄNDEN IN ANTIQUA AUF HOLZFREIEM PAPIER GEDRUCKT, HERRLICHE GANZLEINEN BANDE MIT REICHER GOLDPRÄGUNG PREIS S 40 DIESES WERK DARF IN KEINEM Jܬ DISCHEN HAUSE FEHLEN, IST UN¬ ENTBEHRLICH FÜR JEDE BIBLIOTHEK R. LÖW1T - VERLAG („FLEISCHMÄRKTi WIEN ROTENTURMSTR.» Aus de» Theatern. Burgtheatar. Morgen, halb 8 Uhr Paulus unter den Juden". Akademiotheater. Morgen, halb 8 Uhr „Die Fährt ins Blaue" (Abonnement °4. Gruppe). Operntheater. Morgen, 7 Uhr Brllettabend „L e s Petit rienö", „Scheherezade" und „Coppelia". Kammerspiele. Samstag, den 4. Juni, Premiere von „Die Nackten kleiden" von Luigi Pirandello nnt Maria Orska und Jakob Feldhammer. Stadttheater. Ab morgen beginnen die Vorstellungen dev Revue „Wien lacht wieder" um 8 Uhr. Theater in der Josefstadt. Morgen, 7 Uhr Erstaufführung deS Schauspiels „Peripherie" von Frantiset Langer, deutsch von Otto Pick. A p o 11 o t h e a t e r. Morgen Premiere der Operette „U s chi" von Jean Gilbert im Rahmen eines Ensemble-Gastspieles des Berliner Theaters am Kurfürstendamm. Die Frei lichtauMHrungen im Burggarten. Das VolLsopernensemblc eröffnet morgen 8 Uhr im Burggartcn mit einer Ausführung von „Madame Butterfly" sein Gastspiel. Bet ungünstiger Witterung findet die Aufführung im Festsaal der Hofburg statt. Verschiebung des Pariser Gastspieles der Wiener Kammerspme. Im Einvernehmen mit der Leitung des Pariser Theaters „L'Atelier" hat Direktor Franz Wenzler sein für Juni in Aussicht genommenes Pariser Gastspiel mit Alexander M o i s s i auf den Herbst verlegt. Es wird im Anschluß an eine Tournee durch die Schweiz zur Zeit der nächsten Völkerbund sitzung stattfinden, zu der Alexander Moissr eine offizielle Einladung nach Genf erhalten hat. Drei LkÄbermarm-Ausstellungen in Berlin. Außer der Aus stellung, die die Akademie der Künste zum 80. Geburtstag vo> Max Liebennann voraussichtlich am 20. Juni eröffnen wird, fotmt in Berlin, wie I. T. A. meldet, noch zwei weiter: Liebennann-Ausstellungen stattftnden. In den Räumen des Ber< wftch eim Wpchp ausstellung eine Uebersichl über die Pastelle des Ailincistcr^ cr üffner. werden, und um die gleich? Zeit wird die Kunsthandlimi Paul Kassircr eine Ausstellung der Zeichnungen Lic^rmanns zeigen. Die Akademieausstellung wird die Oel^i-der umfassen, so daß sich insgesamt ein Ueöerblick über das gan.-e Schäften des Meisters ergibt. Das Triester Kriegerdenkmal von einem jüdischen Künstler geschaffen. Me I. T. A. meldet, wurde am 37. Mai im Beisein des italienischen Königs in Triest ein monumentales Krieger denkmal eingeweiht, das die Form eines weithin sichtbaren Leuch> turmcS hat. Das Denkmal, welches allgemein gerühmt wirA hat der jüdische Architekt Bcrlam geschaffen. Vereine, Vertrüge und Versammlungen. Frauengruppe der Zionistischen Bezkrksfektion 9. Heute, Cafe City, 6. Bez., Porzellangaise 1, .6 Uhr abends, Vortrag Dr. Jsmel Wald mann: Zionismus und Sozialismus." Gäste willkommen! — Zeire-Misrachi, Wien. Heute Dienstag, Hd Uhr, Ausschutzsitzung. Tagesordnung: Generalversammlung. — Verband jüdischer Kaufleute und Gewerbetreibender. Heute, 8 Uhr abends, :m Wiener Würger-Cafe, 2. Bez., Pmterstraße 11, Sitzung der Kredilsektion. — Jüdischer Frauenbund. Heute, H8 Uhr, 2. Bez., Untere Augartenstraße 36, Gibolvortvag Esther Mieses: Wochenabschnitt und das Buch Ruth. Eintritt frei. — Maimonides-Jnstitut. Heu te, Universität, H ö r s a a l 17: 6 Uhr: Dr. A. Kaminka: ,Arr»vege der neueren Psalmenexegese." 7 Uhr: „Die Lehren der Pharisäer und das Bild von ihnen in den iEvangelien." — Wiener Beth-Hamidrasch, 2. Beiz., Tempelgasse 3. 6 Uhr: Lektor Dr. S. Gelbhaus: „Psalmen." — Bukowmaer Zentwlverband. Donnerstag, 8 Uhr, Sprechabend im Mener Bürger-Cafe, 2. Bez., Pmterstraße 11. Tagesordnung: teimatsuno Bundesbüraerrecht. — Staatswissenschaftlicher ereia. Heute, %& Uhr, kleiner Festsaal der Universität, Vortrag Pros. Dr. Günther (Innsbruck): „Die deutschen Mittel schichten feit dem Kriege." Einttrtt frei. Keren Kajemeth. Donnerstag, den 2. Juni, K7 Uhr abends. Besprechung der Kommissäre und Mitarbeiter. Tagesordnung: Erfahrungen lbei den letzten Leerungen, Rabatt sek tion, Blauweiße Zünder, Kunststelle. Die Lesssmbe dar Zionistischen Sektion Innere Stadt ist jaden Dienstag von 6 bis 6 Uhr abends, Gase Habsburg, 1. Bez.. Rotenturnvsttatze 24, allgemein zugänglich. Es liegen jüdische Zeitungen und Zeitschriften aus folgenden Ländern auf: Erez- Jisrael, Oesterreich, Deutschland, Polen, Rumänien, Schweiz, England, Nordamerika. Jüdisches Realgymnasium <mit Oeffentlichkeitsrecht), 2. Begtrk, Castellezgasse 35. Aufnahmen in die erste bis achte Klasse täglich Morschen 16 und 1 Uhr .in der Direktionskanzlei. Eerichtssaal. Krankhafte Merfacht. Der 29jährige Plattenleger Franz Lauer hatte sich gestern vor einem Schöffengerichte unter dem Borsitz des Oberlandesgerichtsrates Dr. Wilhelm wegen zweifachen Mordversuches zu verantworten. Lauer hatte im Jahre 1924 die Bekanntschaft der Näherin?lnna Nit sich gemacht, Verlobte sich mit ihr und unterhielt mit .ihr ein Verhältnis. Die Wisch schwor ihm, daß sie mit keinem anderen Manne vorher intime Beziehungen unterhalten habe, und auch Lauer betchrerte, daß sie die erste Frau sei, die in seinem Leben eine Rolle spiele. Im November 1926 erhielt jedoch Lauer einen anonymen Brief .in dem ihm mitgeteilt wurde, daß feine Braut im Sommer 1923 in Eisenerz mit einem verheirateten Manne ein Verhältnis hatte. Die Nitfch gestand, daß dies wahr sei, behauptete jedoch, im Schlafe mißbraucht worden zu sein. Lauer, der wegen dieses Vorfalles Selbstmordabsichten äußerte, forschte nach dem angeblichen Verführer, konnte ihn aber nicht ausfindig, machen. Anfangs Jänner d. I. kam Lauer, der an geradezu krUnkhafter Eifersucht litt, abermals auf eine vermeintliche Untreue seiner Braut. Bei einem Spaziergange in Hietzing wurde die Ritsch von einem Manne gegrüßt. Er drang in feine Braut, zu erzählen, wie sic die Bekanntschaft dieses Mannes gemacht habe. Er quälte sie solange, bis sie gestand, mit diesem Manne — es war der Eisenbahnangestellte und Kapellmeister eines Eifenbahnerchores Karl Fler« —( eilt Abenteuer gehabt zu haben. Lauer brachte in Erfahrung, daß Fleve am 25. Jänner abends im Kellerlokal des Hauses Hackingerstraße 55 mit seinen Musikern Probe hielt. Er ging mit seiner Braut hin und stellte Flere, den er durch einen Burschen aus dem Musiklokal rufen ließ, zur Rede. Dieser spielte den Ueberraschten und sagte, er kenne die Ritsch überhaupt nicht. Lauer machte dabei eine Bewegung, als wollte er aus seiner Tasche einen Revolver ziehen, worauf Flcr^ in das Musiklokal flüchtete. Kaum hatte er die Schwelle der Eingangstür überschritten, als Lauer einen Schuß gegen ich» ab feuerte. Das Geschoß drang in die der Cingangstür gegenüberliegende Wand des Musiklokals. Dann schoß er auf seine Braut und traf sie in die Herzgegend. Anna Ritsch wurde schwer verletzt, konnte jedoch gerettet werden. Nun versuchte Lauer Selbstmord, indein er zwei Schüsse gegen sich selbst abgab, ohne ssich aber zu verletzen. Lauer wurde von den Psychiatern für überaus reizbar, ledoch nicht für geisteskrank erklärt. Er sei von überwer-- tigeni Ideen bezüglich der Jungfernschaft befallen. Anna Ritsch und Karl Flere gaben als Zeugen an, daß sie miteinander nie intim verkehrt haben. Die Ritsch habe die Erzählung nur erfunden, um von ihrem eifersüchtigen Bräutigam Ruhe zu haben. Der Gerichtshof verurteilte Lauer nur wogeu schwere«r Körperverletzung zu einem Jahre strengeLi Arrests, wovon vier Monate durch die Untersuchungshaft als verbüßt erscheinen. Der Rest der Strafe wurde ihm bedingt erlassen. Da der Staatsanwalt die Nichtigkeitsbcschwrrre erhob, mußte Lauer weiter in Haft bleiben. GeWrliche Räuber. Vor emenl Salzburger Schivurgericht begann gestern ein für zwei Tage anberamnter Prozeß gegen die Brüder Karl und Franz Josef Spieß wegen Raubes. Beide machten lange Zeit hindurch zahlreiche österreichische Lwte durch ihre verwegenen RauLülberfälle unsicher. So