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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-31 · Heft 2966 (31.5.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2966 (31.5.1927)
Date
1927-05-31
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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mm, ' das Recht «nf chre natioiyalkultnrette EnÄVickunKSsteihvit habe. In der Verwirklichung diefts Grmb* saM ans Mdsiche Weise ktzegt der Zweck und der Inhalt nfrsßt Bewegung. Hieraus sprachen der ungarische Abgeordnete km tschsikhostonmNschen Parlament SzÜllöi, der Vertreter der jüdischen Gruppen der TschechosiowaEer Dr. MargulieS, die beide die Solidarität der europäischen Minder» lMengruppen betonten, sowie der Führer der btzyWM Mndecheitw ln Polen Dr. Naumann. ' Tagesbericht. werbalb Mt auch Rowosadt Mr haben also wieder um einen schätzenswerten Mitbürger «ehr. Dank den psychiatrischen Sachverständigen und dank dem Obersten Gerichtshof. Die Sachverständigen 'beherrschen ihr Fach fs» gut, daß lste nicht zu entscheiden vermochten, ob Otto R o t h -?st-o ck — das ist der sympathische Zeitgenosse — verrückt sei oder 'nicht. Die Geschworenen hatten ihm die geistige Störung zugebilligt und ihn darum mrter Anerkennung der Tatsache, daß er den Schriftsteller Bettaner ermordet hatte, freigesprochen. Die Sachverständigen lehnten nach anderthalb Jahren Untersuchung einen eindeutigen Befund ab und der Oberste GerichtAtzof er« klärte eS »demgemäß für unzulässig, daß man den Burschen noch fernerhin im Ehrengefängnis der Irrenanstalt halte. Er sei -frei. Otto Rothstock ist also gestern entlasten und -dem Eltern« ihcwS übergeben worden. Er ist österreichischer Bundesbürger, ibleibt also in Oesterreich, und wenn er will, lärm er bei -den!nächsten Wahlen als KaMdst der Einheitsliste empfohlen worden. Diese KomSMe gehört zv unserem pEkrfchen Leben. Sie -fügt stch so zwanglos in -den Rahmen, wie das Sch'.eßinstitut;itt der Universttät, wie die Hakevlrenzlerei überhaupt und die sonstigen Fäulniserscheinnngen. Es wäre eine fällbare Lücke in dem Festwochen-Programm der Fremdenanlockung, wenn diese Rothstock-Gefchichte nicht da wäre. Eine andere Lücke harrt noch der AusMung. Der Nowosad, der doch weiß Gott nicht weniger getan hat als der Rothftock, befindet sich noch im Steinhof. Weshalb eigentlich? Die Gutachter haben offenbar vergessen, ihn als Grenzfall zu erklären, wahrscheinlich, weil er keinen Achen, sondern einen Bruder der Hitler umgebmcht hat. Mer der Oberste Gerichtshof ist doch nicht verpflichtet, sich so sklavisch an ein Gutachten zu -halten. Er schöpft das Recht aus sich selbst, mch es wäre hübsch, wenn das Ganze in einem Auswaschen ginge. Noch ehe die Festwöchner«: ihren Anfang nimmt und noch ehe die Ausstellung „Wien und die Wiener" geschlossen w^ch. Könnte -man nicht dort die beiden Helden dem staunen« Vit PubMum vorstellen? Re gräfliche reftamentssSIschekin. AttS Berlin wird uns berichtet: Wie noch erinnÄ- W, ist die Witwe des Berliner Bakteriologen Professor Dr.!Wfred Schnabel, eine geborene Gräfin Zeimin gen, überwiesen worden/ rin Testantent ihres sah verstorbenen Gatten gefälscht zu haben/ wodurch sie -in hen Besitz deS ansehnlichen Vermögens Schnabels gepatgie. Wegen dieser Testamentsfälschung wurde sie auch zu Gef an gnis verurteilt. Die Verwandten des p erstorbenen Professors strengten nach der Verurteilung b-e* Frau Leiningen-Schnabel einen Prozeh auf Ungült-igkeitSerklärnng des gerichtso-cdnnngsm;ähig als Fälschung erwiesenen Testaments an, auf Grund bessen die Fälscherin das Gut Planitz bei Potsdam als Erbin in Besitz genommen hatte. Das Gericht hat der Klage stattgegeben und Frau Leiningen-Schnabel zur llückgabe des gesamten Besitzes an die Verwandten des Professors verurteSt. Die TestamentMkfcherin will jedoch gegen diese Entsch^nmg M Gerichtes Berufung einksgen. vUh9u()i RHO vÄBBfTvIUrB^ VIII k VKr»9ptO}?{ fft KIM* Tn Köln begann gestern vor dem Schwurgericht ck« -senstktloneüer Mordprogeß: der Kölner praktische Arzt Dckktor Bröcher ist cmgeklagh, feimn Patienten, den Apchit-Äten Bruno Oberreuther, durch ein« tödliche Quecksilber Injektion ermordet zu haben; die Witwe des Ermordeten steht unter der Anklage der Anfiiftu-u m Morde. Dem Fall, der 'psychologisch besonders eigenartig ist, liegt folgender Tatbestand zugrunde: Die Ehe -des Architekten Ober« reuther mit der 19 Jahre jüngeren Frau war sehr unglücklich. Im Krankenhaus« lernte die Frau «den Arzt Dr. Bröcher kennen, der -bald Hausarzt und, wie behauptet wird, auch Hausfreund bei Oberreuther wurde. Dieser erkrankte vor einem Jahre an Grippe und Herzschwäche und wurde ins Krankenhaus gebracht, wo sich sein Zustand auch anfangs -befferte. Sein« Frau und Dr. Bröcher besuchten ihn dort öfter und nach einem Besuche traten schwere Störungen bei dem Kranken auf. Eine Vergiftung wurde feftgestelll und kurze Zeit 'darauf starb Oberreuther. Dr. Bröcher hatte dem Kranken, wie er selbst gestand, eine Einspritzung von Quecksilber gegeben, 'die das Fünf zehn fache der normalen Dos: 8 betrug und absolut tödlich wirken mußte. Die gemeinsame Flucht des Arztes und der Frau vermehrte den Verdacht des Mordes und in Amsterdam erfolgte die Verhaftung beider. Sowohl Dr. Bröcher als auch Frau Oberreuther bestreiten entschieden, des Mordes schuldig zu sein. Der Arzt gibt zu, einen Kunstfehler gemacht und im Schrecken über die drohenden Folgen die Flucht ergriffen zu haben. Frau Oberreuther will von dem Vorhaben des Arztes nichts gewußt haben. In der Verhandlung wurde zunächst Dr. Bröcher verhört; er verantwortete sich ähnlich wie in der Voruntersuchung, belastete aber gleichzeitig Frau Oberreuther so stark, daß nach Beendigung der Einvernahme der Staatsanwalt die Anklage gegen Frau Oberreuther auf Mittäterschaft am Morde ausdehnte. ^;; Rlmgesfer und CM uutergegaugen? Paris, 30. Mai. (Tel.-Comp.) Nach einer Meldung des „Petit Journal" will ein Irländer Anhaltspunkte dafür besitzen, daß der „Weiße Vogel", das Flugzeug RungesserS und Colis, in der Nähe der irländischen Küste versunken fei. Der JMndor habe 20 Meilen von der Küste entfernt m Wrack gesehen, ba§ naä) einiger Zeit untergegangen sei. Er habe die Steuerschraube des Flugzeuges deutlich erkannt. Eine ans Land gespülte, allerdings zorschkagene Flasche habe einen französischen Namen getragen. .Man nimmt an, daß das Flugzeug etwa 100 Mevken von der irischen Küste niedergegangen, dann bis auf —- ----- 20 McÄen herangetrieben mck dort wn^v-e g a n##n fft. re Plaevs traf m More». Wo-m, SO. Mai. Wie die Agenzia Stesam a& H-yOrsta (Azoren) meldet, ist De Prnedo hkycke Wn 9 Wr 18 Mn. (röm. Zeit) dort Bieder et« Srdbebe« dl KM«. Rom, 30. Mai. Wie die Mütter melden, ist gestern aberM kurz nach 10 Uhr sowohl in Bene-vem t M «MH in Avellinv ein neues Echbebm tmr 6 M 7 Im&m Dmwr verspürt worde«. »« Me Rettvugsgesekkschaft keiftet. Mohr atz 23.000 Interventionen im Jahre 1080. Gestern abends hielt die Wiener Freiwillige Rettmrgs-. gefellfchaft unter dem Vorsitze des Stadtrates Prof. Tandck-eir ihre diesjährige Gsneralverfirmmlnng ab. Dem vom Chefarzt Obermedizinalrat Dr. Lamberg erstatteten Rechenschaftsberichte ist zn entnehmen, daß die RettungSgefelfichast im Jrchre 1936 bei 28.164 Unglücksfällen interveniert hat. Dazu waren 14.863 Automobilfahrten notwendig. Wie im Jahre vorher 'war die Zahl der schweren Unfälle anßerordenttkch groß. ES gab g. B. 1360 Knochenbrüche, 1888 Selbstmorde und Selbstmordversuche und 68 9 Unfälle m:t tödlichem Ausgange. Auch iric Berkehrsunfälle durch Airto« «mobile und Motorräder sind auf 870 gestiegen, während die 1 Unfälle durch die Straßenbahn von 547 im Vorjahre auf 477 J gesunken sind. Die Zahl der durch Rausch Verunglückten hat sich gegenüber 1934 verdreifacht: von 107 auf 382. Durch« schnittUch haben beide Rettungsstationen täglich 68 Interventionen mit 40 Ausfahrten 'besorgt. Diese Ziffern zeigen, wie segensreich das Wirken der Wiener Rettungsgesellschaft ist und welche Wichtigkeit sie >besitzt. Dennoch entspricht die Unterstützung durch bte Oesfeutlichkvlt noch immer nicht der Bedeutung dieser Institution. Die Mittel haben bisher nicht ausgereicht, um die schon lange geplante Ansgestaltung des Denstes durchzuführen. Der Sammeltag hat im Jahre 1926 (der 'heurige findet in den nächsten Wochen statt) zirka 315.006 Schilling, <rffo um etwa 47.000 Schilling mehr als im Jahre 1925, gebracht; doch, um -den RetttmgÄrienst in seinem bisherigen Umfang aufrecht zu erhalten, waren -muh zirka 186.000 Schilling nötig, die durch anderweitige Zuwendungen eingegangen find. Im ckbgekaufenen Jahre konnte 8e Rettungsgesellschaft doch wenigstens zwei neue Krantewautomobile modernster Art anschaffen, so daß der FoHvpark jetzt ans 19 Autos besteht. Bei den Neuwahlen wurde der brshevge Prüfideat der Gesellschaft, Polizeipräsident Haus G chw-b^-r, unter stkvmWem Beifall auf drei Jahre neu gewäM .QCXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXXX)00000000000000 i 3S80 Alometer tWich legen im regelmäßigen Dienst die Flugzeuge der PiWWyr Luftverkehrs-A.-G. „Aerolot". Men, 1. Bezirk, BWtMsi straße 7, Telephon 71-0-64, zurück. Paffagjere, Waren und Bkirft tpseden WmUsrMd >Wftr befördert. LKLI'LL UND ÄLTESTES MARIAHILFER BANK- UND WECHSLERGESCHAFT i. Chrystoph Geschäftsstelle der österr. Klassenlotterle Sämtliche bankgeschäftlicheTranfaktionen VI., MARIAHILFERSTRASSE 55-TEL. 130-FILIALE: GE GR. ILM WESTBAHNMOF Berliner Sommertheater. Von Kurt Winzer. SiWr ist sicher! sagt der Berliner. Und so experim-rntiert der T-Heaterdirektor nicht länger und greift nach der bewahrten und gangbaren War«, also die „Komödie" nach Sternheims „Snob". Es ist schon einiges Gestrige in dem fmnosen Stück, aber ich sehe Nichtsein, waritim alle Welt den Schrei nach dem oft zweifelhaften Heute mlsstößt, wem; doch das Gestern seine unsterblichen Meriten hat. Warum nicht Wilhelmisches' Zeitalter vvrführen, wenn es Ergötzlichteiten hat, die im Gruiide zeitlos sind? Der „Snob", trotz seiner Gestrigkeit, unterhielt und — mehr! — amüsierte, erh-eiterte, bewegte sogar das Gemüt. In der „Komödie" gibt es immer erlesene Ensemblekuttst, und das entzückerlde Interieur stimmt von vonihere-in harmonisch ab. Roberts, Tiedtke: das ist ein Duett von feinster Komik. U;id Anni Mewes hat den Charme, mit dem eine Frm; singt, ehe sie Mund oder Arme öffnet. In dem abseitigen Theater der Kommarrdantenstraße, hinter der City, ioo sie sich mit kleinen Engrosulld bMgeil Detailgeschästen, mit engen Straßen und baumlosen Plätzen in den Südosten des Mittelstandes verliert, dort, Ivo es abends ganz still und leer wird, in den BuiveauhÄusern. kein Fenster hell ist, an diesen Ecken ohne Taxis, „ ohne Cafes und Restaurants — dort draußen lvar ein erschütternder Abend zu verbringen, von Lachen geschüttelt, von Bosheit durchsüßt. Man spielte nämKch den Schivank, „Die Perle von Savoyen" von uinfereim Hans Reimann und einem Karl Schnagurck diese Travestie, dieses Pamphlet auf „Poäsio" und „Lierik", diese Berhyhnepiepelnng von „Jemiet nnd Härz", dies' Groteske des Bolksstückes schiniß einfach um. Ach, nne ist Unsinn doch die köstlichste Frucht des hehren MenschMgeistes! Wie ist Lachen das mit all ihren sonstigen Gaben versöhnende Geschenk der Gottheit! Und — Blandine Ebinger ist die Tugend im Stück, die Kmschheit über der Neugierde, das Dirnchen in der Jungfrau. Die Ebinger, unsere Yvette Gnilbert, so sparsam in Stimme uind Geste, dafür mit einem Zucken der Wimpern, einem Kreszendv dos Organs, einem Heben des Fingers ganze Seelenzustände entschleiernd. Das Theater am Zoo hat einen verAweifelten Winter hinter sich. Die Presse lachte es aus, und das Publikum blieb aus. Es folgten Premiere auf Premiere, man versuchte es von der Posse bis zum Jambendrama: aber der Unstern zog nicht ab. Es wurde „literarisch", entfesselte, ungewollte Heiterkeit, und hat jetzt — plötzlich — vor Torschluß, zur höchsten eigenen Uoberraschung einen Erfolg! Mit... U n a m u n o! Sie wissen doch — jener Spanier, ivelcher... Ausgewiesen aus dem Lande, also... An der Grenze Frankreichs lebend und... Wahrscheinlich maßlos überschätzt, denn... Er hat Bücher geschrivben, die voll Geist, Witz, Gedanklichkeit sind. Aber es gibt auch Bücher von ihm, in denen sozusagen nichts sdiht, flache Essays, banale Novellen. Nicht jeder, der Märtyrer einer Idee ist, hat Ideen. Nicht jeder-Exilierte ist ein Genie. Wenn er als größter lebender Denker Spaniens proklamiert wird, muß man eigentlich erst fragen, wie hoch die heutigen spanischen Denker überhaupt stehsn. Es gibt so tvas wie Relativität. Und der . Größte in Spanien kann doch — vielleicht! ich rede mit Vorbehalt! verzeihen Sie, Freunde! — kann doch vielleicht in der iveiteren Welt nur ein Kleiner, Geringer, aus zweiter Hand Schenkender sein. Ich glmlbe gern, daß ein Prophet oft nichts im Baterlande gilt. Mer soll nun jeder, der im Baterlande nichts gilt, i ein Prophet sein? Genug: das geprüfte Thoaterchen errang mit Unamrmo feinen unertvarteten Erfolg. „Ehr gmrzer M«sm" heißt die Novelle des Vertriebenen, aus deren Dialogen ein spanischer Landsmann flxwnenbe, bewegte Akte gemacht hat. Verbergen Aßt e§ sich nicht, daß es sich im Grunde doch um Idee, PrMem, These harckelt, . nicht eigentlich ran den dramatisch sich auswirkerche« Menschen Dennoch wird man berührt und gerührt. Ein Mann, der an der Liebe stirbt, der »ach Leugnen nnd Zugeständnis und wieder Leugnen dennoch — acht — sie liebt, WA, siebt. Er kann ihrer: Tod nicht überlebe!«. AHo: das Messer durch die Kchle! Hebbelscher Geist im spanische,: Herzen. DeuWes Thema in spanischem Kvkorit. Die dramatische Rvtwendigkeit fehlt, der Hörer fragt des öfteren: wapusm nn«? warum so uwd nicht anders!? U,ü> trotzdem geht man mit. Man sicht ivieder: Hauptsache,: die Persönlichkeit l Kunst — was man so nennt; Literatur — wie es so heißt; dramatische Gesetze — n»e man verlangst: alles belanglos. Nur ein Mensch nach da sein, eure Jndividnalitiät, eine Beseelcheit —- und man ist gewomnsn und bezivungeu. Man pfeift ans alle Paragrapher: der Aesthetik, wenn Einer wixMch etwas zu sagen hat. Wenn's nur ein Dichter ist: der Teufel HÄe die Form. Mr ivvllen am Herzen gepackt sein, im Blut erschauern: das ist alles, was verlangt wich. Mer — es ist schon zu viel verlangt... Man erhoffte es, dieses Ergriffenwerden, als man in den letzten, allerletzten Klavierabend der Saison ljftß zu Leonid Kreutzer, der nur Chopin spielte. Mn Meisterspieler — gewiß. Unfehlbar, unangreifbar; allch macht er ausgezeichnet. Aber — — viel Geringere, Unfertige ergreife,: tiefer, rühre»: schrnerzhaft-sützer. AB«

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