Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-05-31 · Heft 2966 (31.5.1927) · p. Seite 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2966 (31.5.1927)
Date
1927-05-31
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
91% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2982054--30205-3018406
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

r -f? s Dion, Dienstag M. M al 1927 **. 2m Ut Sttl>eZimasGegen die antisemttischen kxzeffe >. RumSuien. Ar Aaffe«vttsim»ml«ng »er Wiener gndrnfthaft. -y, Men, 31. Mai. ^., <Ä:Hwei AeußeningSsorimn d<s Judenl)aise:> süi-,r>e der Mssische Professor WiscknüU *. er Wiujii.acn oü>j.ti^ioit ii Berlin vor: Don brutalen dlmisemitismus der Masse und den latenten, der durch strlke BersobMng sein Ziel erreich?!: suche. Diese zweite Form ist die geftihrtich!7r:'. Sie bedient sich einer gelehrt klingenden Airgunrentation, sie belierrsch: die Jniclle^ne^r und wirkt von ihnen mrs auf die Ge-j setzgMrng imd ans die AwZbi'ldmrg der Jugend. Sie vergiftet die Gegenwart iusb zugleich auch das keimende Leben der zukünftigen Führung in Staat und Gesellschaft. Die Basis der Beweisführrmg ist immer dieselbe und der pvtVischc Gesetzgeber vvn heute muß sich nicht anstrengen, etwas' neues zu ersinnen. Er hat eine ansehnliche Literatur von ehrwürdigem Alter vor sich und er nmh sie nur immer entsprechend :nodifizieren. Der technische Fortschritt hat rrene Gebiete des Rechtskcbens aufgeschlossen und da bekommt auch der Antisemitismus gewisse modern scheinend« Verzierungen. Wenn zum Beispiel ein polnischer General aus einer LllftschuAonfexenz sich gegen die tzewnziehu.^ n, scher Spestder wendet, so mag das als eine neue Spielart gelten. Im Wesen ist!s> nichts anderes als die in Deutschland beliebt getvesene Fernhaltung der Juden vom Militär, die ja für die Gegenwart diente, um eben die Juden zu belcidigerr, und auch für die Zukunft, um den Beweis für die militärische Unbrauchbarkeit der Juden vorzubereiten. Die Juden Mcrden von der Landwirtschaft durch Zwangsgesetze ferngehalten und zum Händlertum getrieben. Also sind sie, das war dann die sogleich gezogene und sogleich verbreitete Lehre, unfähig yax Landwirtschaft. Das ist die Logik, mit der wir uns abplagen müssen, und die alle Schichtungen der Judenschaft in irgendeiner Form trifft. Der Nationalismus halt sich an das patriotische Gefühl. Er behandelt alle Juden in Bausch und Bogen als minderwertiges Sklavengesindel und schreit dann, . wenn sie sich politisch radikalisieren, über ihr mangelndes Staatsgesühl und über ihre revolutionäre Richtung. Dazu kommt dann noch der Stumpfsinn des Genevalisierens, der wnnittelbare Mrlaß und die Rechtfertigung der blutigen Verfolgungen in allen Zeitläuften. Mer das muß sich nicht gerade in exzessiven Pogromen äußern und da der Begriff „Jude" nun einmal mit dem jeweilig gebrauchten Begriff des Kindes identisch gemacht wird, so genügen auch die gesetzlichen Mittel. Der Parfumfäbrikant Coty sieht im Juden Änfach. die nationale Gefahr des Bolschewismus und fx infiltriert seine Herzensangst auf dem Wege seiner Zeiiöötg in i*e Massen. Dasselbe geschieht in Deutschland, in Oesterreich, in Polen, in Ungarn, in Rumänien. Und, es W.tausend gegen eines zu wetten, daß die sich jetzt vortze- -reitende' antibolschewistischie Einheitsfront vyr allem die inftermUÄmalen Judenntordschreier anziehen wird. Denn die das heißt alle .Juden sind von vorncherem KomnmiMsten, Bolschewiken, Feindeder Ordnung und der Gesell- Waft. Ebenso sicher aber ist wohl die Wette, daß auch die Bolschewiken in Rußland gute Gegenspieler abgeben iver- 'dett. Unter ihnen ist der Jude, der. nicht in ihr Horn stoßt, em anglaphLler kapitalistisch orientierter Imperialist ander «mß als solcher behandelt werden. Run ist Antisemitismus des Individuums immer ein :fIymptom ethischer Minderwertigkeit, und dort wo der An- WftmitisMus ins, System geht, wo das Individuum zur ■ Partestwächst-und Einfluß auf Gesetzgebung Und Verwaltung gewinnt, dort wird auch die politische Minderwertigkeit klatt ^Ran sch« die Staaten an, die den Judenhaß offiziell oder vfsiziös bekennen, welches Bild bietet ihre. Verwaltung? Wie ist ihr« Wertung nach außen? Welches Schicksal haben ÄeStaaten erfahren, die ihr Rechtsleben durch, den geduldeten und geförderten Haß gegen die jiMsche Minderheit versenchen ließen? Und wie sieht von einem höheren M-- sWspiunkt aus dieser ganze Kontinent aus, .in dessen politischer Entwicklung das Verbrechen an den Juden eine so wichtige Rolle gespielt hat? Dem österreichischen! Minister-. Präsidenten Dachse ist einmal zugerufen wordendaß Oesterreich an bemt Antisemitismus zugrunde gehen wird. Das ist 'buchstäblich wahr geworden, in Oesterreich, in Rußland, aber nicht durch jüdische Schuld, .sondern einfach dadurch,, daß di« Duldung der Rechtlosigkeit eines Teiles der Be- »ölksmng das Rechtsgefühl überhaupt angrrff und schließlich die Organisation des Staates in dem Augenblick zerstörte, jloo sie sich auf das ernsteste hätte bewähren sollen. Dieses Mais schreckt die Anrainer und die/(Erben nicht ab. Die antrjüdische Praxis und Theorie währt fort.und keine der vielen internationalen Bereinigungen sozialer oder politischer-Matur wagt ein Wort gegen.diese Pest, keine ivill es verstehen, daß in der Zeit der.Massenideen und Mrfsenwirtziugen auch die fortdauernde Verfolgung eines Teiles der europäischen Bevölkerung in die Ferne wirkt.'Der chinesische und indische Student sieht hier nrtt seinen Augen die große Lüge im europäischen Rerhtsleben und er bringt seine Ersiftnungen nach Hause. Er findet, daß dieses Europa ein -morscher Organismus ist, ohne Führung, ohne.eene andere gemeinsame Idee als die des abgrundtiefenunverständlichen Hasiss^Mgen sine Minderheit von Wehrlosen. Lord Plumer ta Sngtaud. Lvm4> o n, 30. Mai. (I. T: A.) Der Oberkommrssar für Palästina, Feldmarscha'll Lord Plumer, und seine Gattin trafen in Plymouth ein. In London wird Lord Plumer mit dem Kylonienminister A m e r y eine entgehende Besprechung Wer die palästinensischen Probleme im Zusammenhang mit Herrn Ämerys bevorstehender To"'- durch die KoloniaMnder abhalten. In den Olympiasälen fand gestern die angekündigte Proteftversanrmlung gegen die antisemitischen Vorfälle in Rumänien statt. Sie wurde bekanntlich von einem Komitee emberufen, dem die wichtigsten jüdischen Körperschaften, sowie das Präsidium der Wiener Israelitischen Kultusgemeinde an gehörten, und die Wiener Judenschaft beteiligte sich in Massen. Lange vor der angefetzten Stunde war der Saal überfüllt. Der Präsident der Kultusgemeinde, Herr Professor Dr. P ick, führte den Vorsitz und erteilte -als erstepr Redner OüwpiffHiiff Chajes das Wort, der im wesentlichen ausführte: er müsse zunächst zwei Selbstverständlichkeiten feststellen: Die Einberuftr hätten sich nicht von irgendwelchen chauvinistischen Tendenzen leiten lassen. „Wir erheben Protest gegen ein Unrecht, und es ist uns zunächst gleichgültig, welchem Volke dieses Unrecht zugefügt wird. Wir würden diesen ^Protest auch erheben, wenn e§ sich um Nichtjuden handelte." Ferner: „Wir bezwecken nicht das rumänische Volk als ganzes zu verletzen. Es ist mir Bedürfnis, hier zu sagen, daß das Volk in Rnmämrn nicht judenftindlkh gestimmt ist. Wir wollen hier im Wege der großen. Oessentlichkeit mit der rumänischen Regierung sprechen. Der bessere, natürlichere Weg, daß nämlich die eine Million Menschen starke jüdische Bevölkerung Rumäniens direkt $u ihrer Regierung und zum rumänischen Volke spricht, ist leider jetzt noch verrammelt. So müssen wir uns den Juden Amerikas, Englands, den bulgarischen und polnischen Juden und den Juden Frankreichs anschließen und uns durch» Vermittlung der Qoffentüchkeit an die rumänische Regierung wenden. Als Präsident einer Böttrrbunbliga, — sagte Chajes, — bin ich mir dessen bewußt, daß ich im Namen aller Menschen spreche, die es mit dem Völkerbund ernst meinen. Es ist keine unbefugte Einmischung. Alle Staaten, die den Völkerbund als überstaatliche Organisation anerkennen, haben jadamit gerechnet, daß sie einen Teil ihrer unbegrenzten Souveränität an diesen Bund abgeben. Es ist Pflicht, hier festzustellen, daß es in Rumänien keine Pogrome gab. Hingegen: die.. Inden fühlen sich in Rumänien durchaus unsicher. Sie haben nicht das Gefühl, und was schlimmer ist, sie haben die Erfahrung, daß die Regierung ihnen den gebührenden Schütz vorenthält. Das Zentrum der Judenfeindschaft in Rumänien ist die Studentenschaft, die unter der Führung des vielleicht ehrlichen, aber fanatischen Professors C u z a steht. Die rumänischen Juden empfinden es als tiefste Demütigung, daß von entscheidender Seite der energische Versuch, diese Bewegung einzudämmen, nicht gemacht würde. Es ist bezeichnend für die herrschenden Zustände, daß der mutigste Vertreter'des rumänischen Judentums sagen mußte, die Juden würden sich vielleicht mit dem Gedanken des Numerus clausus abfinden, um wenigstens einen Teil der jüdischen Studenschaft zu retten und um hintanzuhalten, daß aus dem Numerus clausus ein Numerus nullus ''werde. Gesetzlich gäbe es keinen Numerus' clausus in Rumänien,-aber keinem einzigen jüdischen Studenten sei es jetzt möglich, einen Horsaal zu betreten. Obwohl die rumänische Regierung die Mittel dazu hätte, die antisemitischen Ruhestörer an der Brutalisierung der jüdischen Hörer zu verhindern, sei sie in keinem einzigen Falleem- , gefchwitten. Daß Totu, der Mörder FaMs, freigesprochen wurde, sei ein Werk der Geschworenen gewesen und könne der. Regierung nicht vorgeworfen werden. Borzuwersen aber der Regierung ist, daß sie es zuließ, wenn Totu zum Nationalhelden erhoben wurde. Es ist nicht glaubwürdig, daß die Regierungen Braticmu und Avarescu, die es doch zustande brachten, die sozialdemokratische Bewegung im Lande zu knebeln, nicht die Macht haben sollten, die Studenten an ihrem, verbvecherischen antisemitischen Treiben zu verhindern." Chajes schilderte dann die traurigen Fälle der Behelligung der Juden auf den Eisenbahnen. Am traurigsten aber sei es, daß die Juden Rumäniens nicht die Möglichkeit haben, das zu sagen, was er hier auf diesem Podium sage. WS es einer versuchte, nämlich der Rabbiner Zirelsohn, ,.im rumänischen Senate, habe über Antrag des Vorsitzenden der Senat beschlossen, diese Protestwde des Juden nicht im das Protokoll a u s z u n eh m e m Seine Berufung auf das parlamentarische Recht blieb fruchtlos. Man nahm seine Demission ruhig an. Chajes sagte weiters, die rumänische Regierung habe es wirklich nicht nötig, die Sache auf ein Nebengeleise zu schieben, wie dies in Amerika geschah, wo der rumänische Geschäststrüger einfach erklärte, alle Nachrichten Mer Duldung des, Antisemitismus in Rumänien seien bolschewistische Lügen. Er beschäftigte sich ferner eingehend mit der in der „Wiener Morgenzeitung" bereits behandelten merkwürdigen Antwort des Präsidenten der - rmnämschen BMetbtmdttg« -im, MjuoMttenÄmmWM der Gerlkror Tagung -der Völkerbundligen. Er schloß mit den Worten: „Die rumänische Regierung als Mitglied des Völkerbundes möge einsehen, es liege in ihrem Interesse, daß wir bald in aller Oeffentlichkcit sagen können: Rumänien hat seine Pflicht gegenWer der jüdischen Bevölkerung getan." (Minutenlanger Beifall und Zustimmung.) Zur Begründung der dieser Versammlung vvvgelegten Entschließung ergriff sodamt >der Vizepräsident der Wiener KuktuSgemeiude, Dr. Ornster«, WS WWt. Diese Versammlung sei nicht auf Auwieb irgend einer jüdischen Organisation oder Gruppe Rumäniens emberufen worden. In beiden Hemisphären habe man sich nach gewissenhafter Erwägung aller Umstände zu diestr öffentlichen Protestbewegung entschlossen. Dr. Orrrstein verwies darauf, daß Louis M a r 's h a l l erklärt habe, nirgends auf der Welt würden nationale Mnderheiten, und besonders Juden, so unterdrückt, wie in Rumänien und daß Luoien Wolf auf Grund seiner Forschungen festgestellt habe, die Lage der Inden in Rumänien sei unerträglich. Redner schildert dann, wie ein Teil der rumänischen Presse den> ingrimmigsten Judenhaß predige, ohne von der Regierung auch nur im geringsten behindert zu werden. Er wiederhole sodann die Vorgänge, die zum Fallikprozeß führten. Die Gerichtsverhandlung sei eine der schändlichsten Karikaturen gewesen. Man müsse sagen, daß diese Zustände tut das Mittelalter streifen. Tatsächlich ist gegenwärtig in Rumänien die Sicherheit de jüdischen Bevölkerung selbst unter den Augen der Staatspolizei gefährdet. Alle Rekrimationen bleiben fruchtlos, deshalb müssen wir hier die Klage erheben und wissen uns eins mit dem Welbverband der, Bölkerbundligen, sowie mit der Liga zur Wahrung «her Menschenrechte. Wenn es ein Weltgewissen gibt, so darf es zu solchem Unrecht nicht schweigen. Redner schloß mit der Verlesung der folgendev Resolution: Die am 30. Mai 1927 tagende Protostverfamwlung der Wiener Judenschaft hat mit tiefer Empörung von den Leiden ihrer rumänischen Glaubensgenossen vernommen. Die antisemitischen Exzesse werden von nnverantwortli^en Elementen verursacht, die öffentlich das Judentum beleidigen, den Patriotismus und die persönliche Ehre der Juden angveisen, ihre Aechtung fordern und pöbelhafte Elemente zur Begehung von Verbrechen gegen die jüdischest Mitbürger aufstacheln. Die heutige Versammlung erhebt daher schärfsten Protest gegen die Duldung dieser gesetzlosen, die staatstreue jüdische Bevölkerung Rumäniens schwer gefährdenden Agitationen und fordert für ihre Glaubonsgenofsen ln Rumänien jenen tatkräftigen Schutz der Gesetze, auf welchen sie als rumänische Staatsbürger nach der rumänischen Berfassung und nach den vom rumänischen Staate übernommenen Bertragspflichten vollen Anspruch zu erheben berechtigt sind. Di« Entschließung wurde unter stürmischen: Beifall der gesamten Zuhörerschaft per acclamativnem einstimmig angenommen. Präsident Pick schloß sodann um V210 Uh: abends die Versammlung. Ae Minderheitssrageu ta der Union der BilllerbundUgen. B er bin, 30. Mai. In der Schlußsitzung der Union der Bölkerbundligen (über die wir bereits gestern berichtet haben. — Die Red.) wurde auch der Bericht des Sonderausschusses für nationale Minderheiten genehmigt. Die Tagung stimmte der vom Ausschüsse vorgeschlagenen Herausgabe einer völlig neutral gehaltenen Zeitschrift für nationale Minderheiten zu. Die Ange'lgenhert der deutschen Minderheiten in Südtirol, der bulgarischen in der Dobrutfcha und der jüdischen in Rumänien wird, wir in der Kommission beschlossen wurde, im Oktober nochmals behandelt werden. Unterricht Mer m BMerbuud. B-erlin, 30. Mai. (Del. Comp.) Der preußische Kultusminister Dr. Becker hat an die Schulbehörden einen Erlaß bezüglich des Unterrichtes Wer den Völkerbund gerichtet, worür es rmter anderem heißt, jeder Unterricht über den Völkerbund müsse vom Gefühl für die Würde des eigenen Volkes, von verständnisvoller Achtung vor dem fremden Volke und von der Einsicht getragen sein, daß die CnÄvicklung eines jeden Volkes durch die Zugehörigkeit zu einer umfassenden Gemeinschaft aller Völker gefördert werde. Die nationaltulturelle Freiheit der MluorlMen. Berlin, 30. Mai. (Wolfs.) Attlf Einladung der Minderheitsvertreter auf der Tagung des Weltverbandes der VölkerbuWgesellschaften fand heute im Hotel Esplanade ein Nachmittagstee statt. ,Als erster Redner ergriff Dr. Wilfan das Wort. Er.erinnerte <m die Solidarität der Führer der etwa 86 M 40 Millionen Menschen umfassenden Minderheitsgruppen, die vor allem «rf 4xm Gamudsatz beruht, daß jede RMonaWlt « DM i,

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.