Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2965 (30.5.1927)
- Date
- 1927-05-30
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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S-srts 2 M?n, Montac Wiener Morgenzeltuns M. Mai 1927 Nr. 2m Ae ArbettsverMnisse in Paiaftim. Ans dem Bericht des Direktors des Internationalen Arbeitsamtes an die 10. Internationale Arbeitskonserenz. Ten Delegierten der 55 MiLgliedstaaten des Internationalen Arbeitsamtes (I. A. A.) des Völkerbundes znr 10. Internationalen Arbeitskonferenz, die ihre Tagung am 25. Mai in Genf begann, wurde in zwei stattlichen Bänden der Bericht des Direktors dieses Amtes über die Tätigkeit im Berichtsjahre 1926/27 vorgelegt. Dieser Bericht, der sich mit der Zeit zu. einem Jahrbuch der nationalen und internationalen Sozialpolitik und Gesetze gebnng enttvickelt hat, behandelt alle mit der Arbeit zusarnmenhangenden Fragen, nicht nur in den Mitgliedstaaten, sondern in allen bewohnten Teilen der Erde. Probleme der Arbeitszeit, der Arbeitslosigkeit, der Lohnpolitik, der Schutz der Frauenarbeit, der Kinder und Jugendlichen, der Seeleute, der landwirtschaftlichen Arbeiter, der Schutz vor Unfällen und die Unfallversicherung, die Hygiene in der Industrie, die Fabriksinspektion, die Nachtarbeit in den Bäckereien, die Entlohnung der Feiertage, die Sozialversicherung, das Koalitionsrecht, Schlichtungsausschüsse und Schiedsgericht, Genossenschaftswesen, die Wänderungsbewegung, berufliche Ausbildung, wissenschaftliche Organisation der Arbeit, Einrichtungen für nutzbringende Verwendung der freien Zeit, Wohnungsprobleme, der Anteil der Arbeiter an der Leitung der Betriebe, Fragen der geistigen Arbeit, das Problem der russischen und armenischen Flüchtlinge und die Arbeitsverhältnisse in dm Mandatsgebieten und Kolonien wecken in besonderen Abschnitten des ersten Bandes ausführlich behandelt. Der zweite Band enthalt eine 'eingeheilde Darstellung der Maßnahmen, die von den einzelne,: Regierungen zur Durchführung der von ihnen ratifizierten internationalen sozialpolitischen Uebereinkommen getroffen wurden. Unser besonderes Interesse verdient die Stelle des Berichtes, die sich mit den Arbeitsproblemen in Palästina beschäftigt. Wir lesen dort: „Die Arbeitsgesetzgebung in Palästina stcht noch in den Anfängen. Große Schwierigkeiten bei Lösung aller Arbeitsfragen verursachen die Unterschiede zwischen der jüdischen und arabischen Bevölkerung. Die Araber find an primitive Lebensbedingungen gewöhnt; im allgemeinen erhält ein Araber, der bei einem andern Araber in Diensten stcht, einen viel niedrigeren Lohn, als ein Jude, der von einem Juden beschäftigt wird. Gleiche Arbeitsbedingungen für beide Bevölkerungsteile würden wahrschernRch vieles zur Besserung der gegenseitigm Verhältnisse beitragen. Es besticht die Hoffnung, daß die insbesondere bezüglich der Arbeitsbedingungen gemeinsamen Interessen der jüdischen und der arabischen Bevölkerung 'sich als ein mächtiger Faktor in der Anbahnung der Zusammenarbeit der beiden Bevölkerungsteile bewähren werden. In diesem Zusammenhänge soll das im Dezember 1926 veröffentlichte Programm der Achduth Avodah, der bedeutendsten Arbeitsorganisation Palästinas, erwähnt werden, in dem die Verpflichtung der Allgemeinen Föderation der jüdischen Ackeiter zur Förderung gemeinsamer Aktionen der jüdischen und arabischen Arbeiter betont wird. Die Regierung hat in der letzten Zeit zwei Verordnungen betreffend die A r ü e i t s v e r h ä l t n i s s e veröffentlicht: eine Äerordnung vom 16. Jänner 1927 verpflichtet den Unternchmer, in dessen Diensten ein Arbeiter »inen Arbeitsunfall erlitten hat, zur Zahlung einer Entschädigung an ihn oder an seine Angehörigen. Eine andere Verordnung, ebenfalls vom 16. Jänner 1927, bedroht . mit Strafe Personen, die Einschüchterungsakte im Verlaufe gewecklicher Streitigkeiten begehen. Es verdient erwähnt zu werden, daß das englische Parlament während , der Beratung der Gesetzesvorla-ge, der gemäß die Regierung! ermächtigt werden sollte, eine Garantie für bestimmte Ans! leihen für Palästina und andere Territorien zu übernchj ( tuen, am 10. Dezember 1926 einen Zusahantrgg beschlos-! feit hat, der den Staatssekretär für Kolonien verpflichtet, „sich Gewißheit darüber zu verschaffe», daß bei der Durchführung aller Arbeiten, die aus den in Anwendung des gegenwärtigen Gesetzes anfgenommenen Anleihen eine Finanzierung erfahren, a n g e m e s s e n e. Arbeitsbedingungen beobachtet werden". Der Bericht behandelt dann die Arbeitslosigkeit in Palästina und bemerkt dazu, daß „die Wirtschaftskrise eine Abtvanderung der städtischen Arbeiter in die Laudbezirke verursacht hat. Die in den Städten verbliebenen Arbeiter finden Beschäftigung bei den in den Zentren stärkerer Arbeitslosigkeit unternommenen öffentlichen Arbeiten. Die organisierten Arbeiter selbst haben sich bemüht, Abhilfe zu schaffen, indem sie mit den aus Beiträgen der Mitglieder gesammelten Kapitalien Unternehmungen gegründet und Arbeitslose in diesen beschäftigt haben. Trotz der herrschenden Schwierigkeiten bleiben die palästinensischen Arbeitsorganisationen tätig und ihre Unternehmungen machen das Land z u e i n e m u n v e r g l e i chlichen Beobachtungsfeld für soziale Bcrs u ch c. Die allgemeine Föderation der jüdischen Arbeiter hat mehrere technische Abteilungen und Institutionen für soziale Fürsorge gegründet. Diese beruhen auf dem Grundsätze der gegenseitigen Hilfe, wie z. B. die Versicherung gegen Arbeitsnnfälle und gegen Krankheiten. Im allgemeinen zeigen die Lebens- und Arbeitsbedingungen der jüdischen Arbeiter die Tendenz, sich den entsprechenden Bedingungen im Westen anzupaffen, was im besonderen für die Lebenshaltung, den Durchschnittslohn und die Arbeitszeit gill. Jüdische, in der Industrie beschäftigte Kinder, scheinen unter schlechten Bedingungen zu arbeiten. In vielen Unternehmungen ist die Arbeitszeit der Kinder ungebührlich hoch, in manchen Fällen länger als die der erwachsenen Arbeiter. Die Löhne dieser jugendlichen Arbeiter sind . sehr niedrig; die hygienischen Zustande ihrer Arbeitsstätten lassen viel zu wünschen übrig." Diese Feststellungen zeigen besonders deutlich, wie dringend notwendig die jüdische Arbeit in/Palästina des Schuhes der Sozialgesetzgebung bedarf, die, wie es der Bericht hecvorhebt, noch „in den Anfängen" steckt. L. Steinig. öchlußsttzong der Berliner Tagung der BSlkerbnndligen. Berlin, 29. Mai. In der heutigen S ch l u ß - fitzung der Tagung des Weltverbandes der VölkerbundlLgen wurde auf Vorschlag des Präsidenten Prof. Aulard die Absendung eines Begrüßungstelegrammes am den Reichspräsidenten beschlossen und eine von der französischen Delegation vorgeschlagene Resolution angenommen, die Deutschland den Dank für die außerordentlich herzliche Aufnahme ausdrückt. Schließlich gab die Versammlung in einer Erklärung dem dringenden Wunsche Ausdruck, daß Brasilien und Spanien ihren Vorsatz, aus dem Völkerbund auszutreten, nicht zur Ausführung bringen mögen. Einstimmig wurde dann beschlossen, die nächste Tagung anfangs Oktober in Sofia und die folgende im Juni 1928 im Haag abzuhalten. 8kne innere Anleihe Rußlands- Moskau, 29. Mai. Der Rat der Volkskommissare hat beschlossen, eine innere 12prozentige Staatsanleihe von 200 Millionen Rube.l auf zehn Jahre zu begeben. Großfeuer auf dem Leipziger Flugplatz. Me repo» uni Me Mme »er Wglwlizel atuftttnmnt. sie zwgzeine gerettet. - Hleflget 6®a»eiu Leipzig, 29. Mai. In der Nacht auf Sonntag brach aus bisher noch unbskdnnter Ursache in der Flugzeughall e a u f dem F1 ugplatzc Leipzig ein Großfeuer aus. Der Brand entstand in dem Westflttgel der großen Flugzeughalle, in dem die Flugzcugwerkst ä t t e und die Polizeiwache untergebracht sind. Das Feuer fand an den ölgetränkten Hölzer* reiche Nahrung. Die Loscharbeiton wurden durch fortgesetzte Explosionen v o n B e n z i n« Vorräten sowie von Patronen der Luft« Polizei äußerst erschwert. Sämtliche Flugzeuge und Fesselballons, die aus Anlaß eines für Sonntag geplanten Luftsportfestes in reicher Zahl in der Flughalle untergebracht waren, konnten in Sicherheit gebracht werden. Völlig ausgebrannt sind die Depots und die Räume der Luftpolizei sowie die Werkstätten und Lagerräume des Acroexpreß und der Lufthansa. Einige Motoren sowie A k t e n m a t e r i al der Luftpolizei wurden ebenfalls ein Raub der Flamme n. Der Schaden ist sehr g r o ß. Katastrophaler Unfall einer polnischen Maschlnengewehrkompagnie, Bon einem Brand überrascht. — 7 Tote, 28 Schwer' verletzte. War f ch a u, 29. Mai. Eine polnische Maschinengo w e h r ko m p a g n ie, die auf dem Durchmarsch im Dorfe Kuno wo (Woiwodschaft Tosch) in einer Scheune übernachtete, wurde das Opfer einer furchtbaren Katastrophe. Als die meisten der Soldaten eingeschlasen waren, brach in der Scheune ein Brand aus, der sich mit unerhörter Geschwindigkeit ausbreitete, so daß in kürzester Zeit das Gebäude in Hellen Flammen stand. Sieben Soldaten sind verbrannt, vierzehn Soldaten wurden mit so schweren Brandwunden in das Spital gebracht, daß an ihrem Auskommen g e z w e i f e l t wird. Fünfzehn weitere Soldaten wurden schwer verletzt. Die Ursache des Brandes dürfte in einer achtlos weggeworfenen Zigarette gelegen sein. Elve neue Rordpolerpedttion int Flugzeug. London, 30. Mai. Nach einer Meldung aus F a i rb a n k s (Alaska) hat Kapitän W i l k i n s eine neue Nockpolexpedition im Flugzeug unternommen. Die Forschungen werden von Point Barrow (Spitzbergew) aus ausgeführt urtd sollen sich auf Grant Land und Grönland» erstrecken. Bezugspreise der „Wiener Morgenzeitung“: Monatlich Wien und Oesterreich. S 5 — Tschechoslowakische Republik ..K5 22*— Jugoslawien . .. Dinar 60 — Polen. Zloty 6*— Deutschland. Goldmark 4*— Frankreich, Belgien.Fr cs. 35*— Italien. Lire 20*— Rumänien . Lei 170*— Bulgarien ..Lewa 100*— Amerika.Dollar 1*— Schweiz und das übrige Ausland.Franken 5*— Oesterr. Postsparkassenkonto 150.693. Der Hausarzt. Redigiert von Dr. Sanel Beer. Unsere Saisontraukhetten. Dieser Winter des wirtschaftlichen Mißvergnügens hat über die Wiener Bevölkerung eine Reihe von Krankheiten in einer Häufung gebracht, wie sie in den letzten. Jahren selten beobachtet wurde. Wohl häufen sich in jedem Winter die katarrhalischen Erkrankungen und es treten nach Schulbeginn im Herbste die verschiedenen Kinderkrankreiten auf. Aber heuer kann man von einer leichten Grippe- und Masernepidemie schon sprechen. Da über diese Krankheiten keine genaue Statistik geführt wird, so ist eS schwer, bestimmte Zahlen anzugeben, aber die praktischen!Aerzte wissen da besser Bescheid. Der Verlauf ist im Durchschritt ein gutartiger. Da Masern zu den. Krankheiten gehören, die jeder durchwachen muß, so haben die Kinder heuer reichlich hierzu Ge, legenheil. Wo mehrere Kinder sind, erkranken fast alle. Im Gegensätze zu anderen Infektionskrankheiten ist die Uebertragungsgefahr am höchsten im sogenannten Prodromalstadium, wo dir Kinder noch nicht den Ausschlag aufweisen, sondern nur leichte katarrhalischa Symptome, wie Husten und Schnupfen. Wenn nach Auftreten des Ausschlages die Flecken abgeblaßt sind, ist die Krankheit nicht mehr übertragbar, während bei Scharlach - gerade das Abschuppungsstadium für die Weiterverbreitung gefährlich wird. Vierzehn Tage dauert das Inkubationsstadium bis zum Ausbruch des Exanthems (des Ausschlages). Im Gegensätze zu Scharlach dürfte die Uebertragung durch dritte gesunde Mittelspersonen nicht siattsinden. Die Separierung der gesunden Kinder bei/ Auftreten der Flecke bei einem Kinde hat meist keinen Sinn, da der Ausbruch der Masern meist nicht mehr verhindert wird. Säuglinge bleiben meist verschont, weil sip Schutzstoffe von der Müller her mitgebrachl haben. Die Masern selbst verlaufen sehr verschieden. Während ein Kind einen starkeil Ausschlag auftveist, bei dem der ganze Körper und das Gesicht insbesondere wie übersät aussieht, stehen bei anderen die katarrhalischen Erscheinungen im Vordergründe. Die Kinder sind lichtscheu, husten bellend, nießen viel, sind unruhig und fiebern 'Hoch. Dieses Stadium dauert zwei bis drei Tage, und hiermit ist die Krankheit meist erledigt. Zu der gefürchtelften Komplikation gehört die Lnngenentzün« düng, die sich an den fast Immer bestehenderl Bronchialkatarvh anschließt. Hier gilt es, einer veralteten Anschauung entgegenzutreten. Die Mütter fürchten eine Verkühlung und halten dir Kinder unter dicken Federnpölftern, wo sie fürchterlich schwitzen und dunsten. Sie glauben, durch Fernhalten jedes Lüftchens die Nachkrankheiten zu verhüten. Gerade das Gegenteil wird erreicht. In den engen, dichtbewohnten, unsauberen Proletarierwohnungen sieht man die meisten Komplikationen auftveten. ES ist lächerlich, die Kinder während der ganzen Krankheit nicht waschen und umkleiden zu wollen. Auch Sei hohem Fieder und starkem Katarch versagen die Mütter dem Kinde den feuchtkalten Wickel. Alles aus Furcht vor Per- Mhlung. In Walhcheit benötigt das Kind frische Lust, Reinlichkeit, denn diese schützen das Kind vor jeder Komplikation. Als weitere Unannehmlichkeit tritt in der Folge eine Mittelohrentzündung auf, indem der Katarch der Nachenorgane sich durch die Ohrtuve auf die Oyrenschleinchaut fortpflanzt. Schwächliche Kinder sieht man nach Masern oft sich schwer erholen, das sind jene, die schon früher mit Tuberkulose in den Lungendrüsen infiziert waren und bei denen die. Krankheit jetzt wieder in ein frisches aktives Stadium aufgeflammt ist. Hier haben die Masern die ver-' borgenen Tüöerkuloseherde aus ihrem Schlummer geweckt. Die gleiche Gefahr besteht bei der zweiten jetzt grassierenden Krankheit in Wien, der Grippe. Wieder sieht man stets ganze Familien erkranken.' Während das eine Mitglied der Familie mjt einem leichten, efn vjs Mvej' Tage dauernden Schnupfen davonkommt, der ihn gar nicht Mbeitsunfähig gemacht hat, wird ein anderer von einer schweren, mehrtägigen Krankheit ergriffen, die ihn stark herunterbringt. Bisweilen entstehen ernste Entzündungsherde in der Lunge mit allen möglichen Komplikationen. Die leichte Uevertragbarkeit aller grippe- und infiuenzaartigen Erkrankungen tvird leider viel zu wenig beachtet; besonders gefährdet sind kleine und schwächliche Kinder. Es sollten sich aber Erwachsene stets fernhalten, wenn sie Husten oder Schnupfen haben. Das ist oft leichter geraten als durchgeführt, in unserer Zeit der großen Wohnungsnot, nw die Behausungen so dicht bevölkert sind. Es zeigt sich hier wieder, wie wichtig dje allgemetne Aufklärung über die Art der Uebertragung der verschiedenen infektiösen Krankheiten ist. Jeder mutz sich der Verantwottung der Allgemeinheit gegenüber bewußt werden und wissen, daß er schließlich sich selbst und seine engere Umgebung gefährdet, wenn er die vorbeugenden Matzncchmm äußer Acht läßt. Amtlicher Fragekake«. ft. R. Die Impfung soll hi dem ersten LebenshaWjcchr stattsurden, sie ist um diese Zeit am ungefährlichsten. — Berlin X. Der Leiste ich ruch kann im zweiten Lebensjahre operiert werden,' falls nicht eintretende Komplikationen einen früheren Eingriff notwendig machen. — Unklar. Waschungen mit Kaliseifengeist und warmem Wasser einmal wöchentlich sind die beste Reinigung für das Kopfhaar. — Taub. Die plötzliche Schwerhörigkeit dürfte auf eingedicktes Ohrschmalz zurückzus-ühren sein. Lassen Sie die Ohren ävztlich untersuchen und eventuell auHMsn.