Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2964 (29.5.1927)
- Date
- 1927-05-29
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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:',v; Wien, Sonntag Wiener Morgen,zeirnng 26. Mm 1627 Nr. 2W4 vei- „Wiener ciissen« L ... Wie war ich froh, gleich nach meinem Eintreffen in Wien auch ihn, den gutmütigen und selbstlosen Sender Spüvak anzutresfen. Er kam von seiner aufgelösten Heeresabteilung an der Front, und ich befand Mich gleich zahlreichen meiner Altersgenossen, die in der zerstörten und verarmten Heimat nichts anzufangen nmßten, auf einer ziel- und zioecklofen Wanderung. Wir begegneten einander in der „Einheit". Man hatte uns beiden Joint-Speisemarken zugiewtesen. Jetzt, gemeinsam mit ihm, war es leichter, in der fremden, unbekannten Metropole auszuhalten,' in seiner Nähe fühlte man sich geschützt und sicher, wie einst vor vielen Jahren, als er noch Helfer" »var und mich nach Unterrichtsschluß vom Eheder auf seinen Schultern nach Hause trug, da ich abends große Angst vor Teufeln und Hunden hatte. Als Lohn hiefür erhielt er von meiner zärtlichen Mutter einen Heringskopf und ein Gläschen sehr starken Schnaps, das er nach Art der Bauern mit einer raschen Handbeüvegumg in seine Kehle goß, wobei er mit der Linken seine Kopfbedeckung festhielt. Sender übte den Beruf eines Belfer im Cheder seines eigenen Vaters aus, der zugleich Borbeter in der „großen Klaus" war. Wahrend des Vorbetens griff Sender mit seinem schönen, Hellen Triller ein, der von der meckernden Stimme seines Vaters auffallend abstach und diesem oft Gelegenheit znm Atemholen gab. Bereits damals galt Server Spüvak als Sonderling: er besaß eine große Kollektion jüdisch-deutscher Briefsteller sowie allerhand Selbstunterrichtsbriefe, lernte Grammatik, las Zeitungen, bis er eines Tages aus dem Städtchen verschwand. Es hieß, er habe sich nach Czernowitz gewendet, um „auf Kaiserrabbiner" (lies: Kreisrabbiner) zu studieren, worüber sich sein Vater fchr ärgerte, zumal er deswegen fast die Hälfte seiner Zöglinge verlor. Man wollte dem Vater eines solchen Sohnes die Erziehung der zarten Jugend nicht mehr an verträum. Sender hinwiederum ließ von sich nichts hören; er wurde allmählich vergessen, bis ich ihm, wie oben erwähnt, in der „Einheit" begegnete. Der Altersunterschied spielte keine so große Rolle meäjjt wie ehemals, unb wir schlossen uns enge aneinander. ^Allabendlich trafen wir uns im Vereinssaal in der Glockengasse, wo das Lemberg« „Tagblatt" auflag, um in der Rubrik „Städte und Städtchen" eifrig nachzulejen, denn die Sehnsucht irach der heimatlichen Scholle war mächtig und anhaltend. Ernst Pflegte Sender die Berichte aus unserem Städtchen nach Lembe^ einzusenden, mid sie erschienen mit sein« vollen Unterschrift: Sender Spüvak. Man bewunderte und beneidete ihn. Me besagte allabendliche Zusammenkunft in der Glockengasse hatte übrigens einen durchaus egoistischen Nebenzweck, indem wir nämlich dort je eine Tasse gezuckerten Tees verabreicht erhielten, was uns sehr ivillkommen war, umsomehr als keiner von uns beiden über irgerümrelche Einkünfte verfügte. Aber bald fand Sender einige Lektionen; er unterrichtete meistens bei Landsleuten, die ihn gerne ins Haus kommen sahen und ihn an andere empfahlen. Seme Besuche in der Glockengüsse hörten allmählich auf, und auch das Interesse fürs Städtchen, für uns« liebes Solotwine, war geschwunden. Statt dessen machte sich bei ihm eine sonderbare Schwärmerei für das jüdische Wien bemerkbar, insbesondere für das der Vergangenheit. Nachdenklich durchwanderte Send« in seiner freien Zeit die Leopoldstadt, stundenlang schlenderte er im Werd, am Salzgrieß und in der Judengaffe herum, suchte Schatten und Spuren der Vergangenheit, die ihn — er konnte es sich selber nicht erklären, weshalb — so mächtig anzogen. Wo war er nicht schon überall gewesen, um seine romantische Sehnsucht zu befriedigen! Er wurde ständiger Besuch« des jüdischen Museums in der Malzgasse und ging so lange hin, bis ihm jeder Gegenstand, jedes Bild v«traut war. In der Kultusgemeindebibliothek stöberte et in alten Schmökern und las unablässig den „Israelit" und andere in Wien erscheine^ jüdische Zeitschriften. Auf dem alten Friedhof in der Seegasse kroch er tagelang herum, um die Aufschriften auf den umgesallenen, mit Moos bedeckten. Grabsteinen zu betasten und zu entziffern. Sv fehlte er auch bei keinem Bortrag, der die Geschichte der Juden in Wien zum Gegenstand hatte; « hötte die Borttäge von Prof. Straus und Dr. Abeles und grübelte dann stundenlang in den von den Vortragenden angeführten Quellenwerken. Sooft wir uns ttafen, zeigte er mir jedesmal neuangeschaffte Bücher und Publikationen, die seinen Lieblingsgegenstand behandelten. Mit groß« Wärme sprach er von den verschwundenen Generationen der Wiener Juden und pries besonders deren hingebungsvolle Arbeit auf dem Gebiete des Geistes und d« Bildung. Zuletzt sprach er sogar von ein« Reise nach Ersenstadt. Oie Geschichte einer Sehnsucht Von J. TIGER IL Für ferne Schwärmereien hatte ich damals wenig Verständnis; et tadelte dies sehr, wie er einst mein ungeläufiges Lesen des „Traf" im Sidöur tadelte. Für die Dau« wurde et mir lästig. Eine Nachmittagsbeschäftigung, die ich zufällig erlangt hatte, wurde mir nnllkommener Vorwand, ihm auszuwcichen. Er kam dann noch mehrere Male in meine Arbeitsstätte, stellte ab« seine Besuche ganz ein, sowie er meine Gleichgültigkeit bemerkte. Unser Verhältnis tvard gelockert, und lange Zeit hörte ich von chm überhaupt nichts, bis uns das Schicksal wieder zusammenführte. Diesmal wohnte Sender nicht mehr im zweite-!,, sondern im vierten Bezirk. Ich hatte mich damals mit meiner Wohnungsgeberin Überwürfen und nahm sein An«bieten, vorläufig zu (ihm ins Kabinett zu ziehen, freudig an. Er wohnte in einem alten Hause mit langem, morschem Holzbalkon im Hofe, den einige Bäumchen schmückten. Diese Wohnstätte hatte Sender Spüvak nicht ohne Absicht gewählt. Es ist nämlich eine große Wandlung in ihm vor sich gegängen. Bei einem kleinen Geschäftsmanne hatte er den Posten eines Buchhalters inne (die Buchführung erlernte et noch seinerzeit in Solotwine aus den aus Berlin bezogenen hektographierten Selbstunterrichtsbriefen...) und zeigte wenig Sinn für seine einstigen Liebhabereien. Jetzt hatte Sender andere Neigungen. Sooft wir gemeinsam ausgingen, spürte « mit seinem feinen Gehör einen Leierkasten auf und lauschte lange Zeit den Melodien. Es waren verklungene Töne aus v«llungenen Zeiten. Des Monds, zu Hause, stand er stundenlang am Fenster und lauschte den Mädchen von gegenüber, die Schubert spielten und sangen. Mit gleicher Begeisterung hörte er den „Hofsängern" zu, die das Lob Wiens und der Wiener verkündeten. Er sang dann selbst diese Weisen nach. Die Lieder „Erdberg" und „Petersdorf" klangen merkwürdig aus der Kehl« des kleinstädtischen galizischen Belf«s. Während ich noch hin und wieder das Lemberg« „Tagblatt" las, hatte Sender nur mehr für Wien Interesse. Jü»em Neuangekommenen Bekannten erklärte «fachmännisch die Geschichte vom Stock-im-Ersen, und als ich ihn gelegentlich am Michaelerplatz traf, besichtigte er nicht mehr wie einst die hebräische Inschrift „Jahwch" auf d« Michaelerkirche, sondern suchte, mit einem Kupferstich in d« Hayd, in seiner Phantasie das alte Bnrgtheater zu rellmstruieren. Send« war ganz versunken und machte sonderbare Handbewegungen, wodurch er die Neugierde d« Passanten erregte. Das Theater besuchte Sender selten, außer wenn man Wien« Stücke gab. Er lauerte auf die Gelegenheit, Musik von Strauß und Ziehrer zu hören. Wie delektierte er sich am Anblicke von alten Bildern, Trachten und Möbelstücken! Eines Tages kaufte er ein altes Grammophon mit überspielten Platten. Der Trödler schmunzelte befriedigt als ex ihm den Pofel angehängt hatte. Sender trug den Schatz behüt.saim nach Hause, wo er das alte Ungeheuer krächzen ließ. Die Hauptsache: es spielte alte Wiener Melodien. Diese abgeleierten Stücke gingen mir auf die Nerven und es kam zu Zerwürfnissen. Ich hielt ihm seinen Mangel an Feingefühl und Gastfreundlichkeit vor und drohte an, auf Nirnmerwiedersehen zu verschwinden. Ja, einmal war ich nahe daran, das Grammophon saink den Platten zu zertrümmern. Da stellte er sich, ohne ein Wort zu sprechen, schützend vor den .Apparat, streichelte die 'Platten und steckte sie dann einzeln sorgsam in ihren Behälter. Später frönte er seinen Grammophonfveuden nur, wenn ich abwesend lvar. Sobald ich nur die Schwelle Übertrat, stellte er das grunzende Instrument ab, ein wen,ig verschämt, bei ein« Schwäche ertappt worden zu sein. Bei der nächsten Gelegenheit ging nws«e Freundschaft in Brüche. Diesmal handelte es sich aber nicht mehr um das leidige Grammophon, sondern ein junges Mädchen war die Ursache, was in einem besonderen Abschnitt berichtet zn werden verdient. IN. Sie lvar die Tochter des Schneiders von gegenüber hatte krumme Beine und trug eine Gretchenftisur. Send«s Herz schlug für sie. Eo ließ es an kleinen Mlsmecksamkeiten nicht fehlen, lvodurch ihm sowohl die Tochter als auch der Vater gewogen lvurden. Der böhmische Schneidermeister lvußte die Geschicklichkeiten Senders wohl zu schätzen. l§r verstand es, mit fcftm Bügeleisen zn hantieren, nuckelte Spulen auf,, verrichtete allerhand Handlangerdienste. Dem Mädchen zuliebe ließ er sich auch, dd er infolge einer Kopfverwundung fast kahlköpfig war, eine Perücke ansertigen, die er kunstvoll gescheitelt trug. Ja, es lvar nich zu v«kenttcn, daß dieser abgehärmte Dreißig« das Mädchen liebte, >vas mitunter' recht komisch nnrkte. Obwohl ich in der: verschiedenen Leopoldstädter Tanzschulen, wo ich mit meinen Freunden, gleichfalls HandelsackgeMte, Stammgast war, schönere und gescheitere MM chen kannte, bemühte ich mich sehr um das Schneidertöchterlein, teils, weil ich mir in der Pose eines „Eroberers^ gefiel, teils um Send« — ich konnte mir selber nicht erklären, weshalb — zu ärgern. » > Meine Bemühungen waren nicht vergebens; Kino und Tanzschule, wo ich sie sicher und kühn „fühtte", übten tie-i s«e Wirkung, als die Vorlesungen Senders aus seinen allen Schmökern. Sender wurde mißmutig und scheu, erzählte aber nichts dem Schneid!«, hinter deffen Rücken sich alles abspielte. Er litt und schwieg und nur in den Klängen des Grammophons fand et einigen Trost. Aus Uebermut störte ich ihm auch diese einzige Freude, hänselte ihn ohne Erbarmen, bis auch seine unendliche Geduld riß. D« ganze zurückgehaltene Groll ergoß sich über mein Haupt und bald lagen wir uns beide in den Haaren. Das heißt, et lag in meinen struppigen Haaren, ich hingegen in seiner glatten Perücke, die zur Erde ftog. Nie im Leben hatte mich sonst Send« geschlagen, behutsam.pflegte er mich auf seinen breiten Schultern noch Hause zu tragen, vor Hunden und bös-en Gassenbuben zu schützen, aber jetzt wurde mir vor ihm bange. Seine starken Fäuste schlugen blindlings nach mir, wutschnaubend »schnürte er meine Kehle zu, mit einem Worte, es erging mir übel. Erst, als ich mit äußerster Anstrengung ihm das Wort „Belfer!" zurief, ließ er locker und ich konnte wiMr Atem hollen. Beide sahen wir verstört aus, « aber, mit seiner geröteten Glatze und denr verzerrten iGesicht, bot einen scheußlichen. Anblick. In diesem Augenblick trat das Mädchen in uns« Kabinett..? 1 .• 1 Wir gingen bald aufeinander und während der sechs Jahre, die seit damals verflossen sind, haben wir uns nicht wieder gesehen. Oft gedachte ich des gütigen, charaktervollen Menschen, ab« ich brachte es nicht über mich, ihn aufzulsuchen, seine Schläge konnte ich ihm keinesfalls : verzeihen ... > Das Schicksal jedoch führte uns für einige Tage wiederum zusammen und diese letzte Begegnung will ich und muß ich verzeichnen, denn sie erklärt, warum ich, diese .Skizze ^Der Wiener Chasen" benenne. Ms ich anläßlich d« jüngsten Osterfeierkatze mein heimatliches halbzerstörtes Städtchen aufsuchte, führten mich rneine dortigen Verwandten gleich am ersten Feiertag in die „Große Klaus" damit ich den beliebten Vorbeler höre, den sie allgemein den „Wiener Chasen" nannten. Ich glaubte zunächst, ein fremder Kantor sei hieher verschlagen worden, der, ein guter Säug«, diesen. ehrenvollen Titel führte. Aber alsbald agnoszierte ich unse ren Sender, Sender Spiwak, der das Erbe seines inzwischen verstorbenen Vat«s übernommen hatte. «Auch sein „Dales" war ein väterliches Erbstück, o, ich erkannte diesen sogleich an d« z«fransten, unechten und deshalb vergilbten Silberhalsborte und den dunklen, abgeriebenen Rändern, wv sich die Schiausäden befanden. Und nun leuchtete mir auch ein, warum sie ihn den. „Men«" nannten. Seine Melodien hörte ich damals in den Gäßchen des siinften Wien« Bezirkes, wo sie der schäbige Werkelmcmn aus seinem Leierkasten holte, indem et sich mit der ganzen Kraft seines halblahmen Körpers gegen die Kurbel stemmte. Erst jetzt, als Sender diese Melodien so kunstgerecht pavaphrasierte und für die Festgebete verwendete, erkannte ich, wie sehr ich seine Wiener Musikalischen Neigungen unterschätzte. Besonders währerÄ d« langweiligen „Chol-Hamved"-Dage, als man im öden, trostlosen Städtchen nichts anzufangen wußte, als bei Send« zu sllzen und seinen Grammophon, unseren gemeinsamen Bekamrten, von denr er sich nicht trennen wollte, zu lauschen. Der invalide Kasten, den ich schon wegen sein« Unhandlichen, altmodischen Konstruktion nie leiden mochte, war hier ein Freudenspend«. Ich war gerührt. .Send« selbst fragte viel üb« Wien, doch vermied er es geflissentlich, einen gewissen Punkt zu berühren.. H Uebrigens war seine Frau eine echte Chasens-Gattin, nq einzigen Wohnzimmer, stets anwesend. Sender seufzte wied«holt und ich verstand meinen armen Freund, der sein Herz in Wien verloren hatte. Fürwahr, semen stolzen Titel hatte er teuer erkauft..; < Mls ich am Abend des letzten Pessachtatzes in die D»» ligenoe stieg, die mich die sechs Milerr bis zur nächstes Bahnstation führen sollte, gab mir Sender das Geleite und bat mich inständigst um die Zusendung einig« Gvammophonplatten aus Wien. Er brauchte neue Gesangsmotive... Ich versprach, gleich nach mein« Ankunft in Men, seine Bitte zu erfüllen und hiell auch mein Versprechen. Doch bezweifle ich, ob « die heutigen! Platten für seine Zwecke wird vertvenden können und ob nicht gar sein Renommee atS „Wien« Chasen" leiden wird, wenn «»sich doch entschließt, sie M benützen.