Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2964 (29.5.1927)
- Date
- 1927-05-29
- Page
- Seite 9 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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' ''"fcrirv F'i.JV '*:* +?V*'' -•'-."H.-- Iti'. JcIa:. Wie-N, Sonntag Wiener MorgenzeMmg M. Mai 1887 Seite 9 Das Buch der Zeit LITERATURBEILAGE DER .'WIENER MORGENZEITUNG „flechtte •« tee BlriMIrit'. Fünf Bücher des Berliner Berlages „Die Schmiede". Tatsächlich: Die Augen der Schriftsteller beginnen klar zu sehen, ihr Herz hat wieder Mut gefaßt, die Feder wird wahrhaftig. Freilich darf man sich nicht an die Konjunkturdramatilcr halten, die in fix geballtem Expressionismus Umsturz- und Scxualstücke auf den Markt warfen. Auch nicht an die flinken Schreiber von Sensationsromanen, die ihre Wälzer mit Psychoanalyse, Kritik des Zeitgeistes und „Blick in die Zukunft" ausstatten und doch nur air Nerbenkitzel spekulieren. Aber da sind im Verlag „Die Schmied e", Berlin, einige knappe, schlanke Bücher erschienen, die sich „Berichte der Wirklichkeit" nennen. Das bescheidene Wörtchen „Bericht" ist hier vollgewichtig. Berufene haben in künstlerischer Form Ausschnitte aus der Gegenwart gezeigt. Wie sie entstand, wie sie ist, woran sie leidet, wohin sie führt. Es sind prachtvolle Bücher. Neue Menschen, tvelche die Zeit als zu ernst, die Entwicklung zu heiß, die Verantwortung des schreibenden Zeitgenossen«zu groß erachten, als daß man sich in weichen LhriSmen, in melancholischen „Stimmungen" verlieren dürfte. Da zeigt zum Exempel Leo Santa in seinem 76 Druckseiten umfassenden Büchlein „Jndeta" acht Jahre europäischer Nachkriegsgeschichte im Spiegel. Zunächst die grandiose Reportage der letzten Sitzung des altösterreichischen Parlaments mit den Köpfen Viktor Adlers und Dasziuskys. Ruf . nach Selbstbestimmungsrecht der Völker und nach deni Völkerbund, Schrei nach dem Kriegsschluß, Geburt der österreichischen Republik, Anbruch der neuen Zeit. Dann aber wird gezeigt, was diese „neue Zeit" bringt. Schiebergeist, Triumph des Gaunertums auf allen Gebieten, Politik nnd Journalismus als bestbezahltes, bestgehaltenes Dirnenpaar. „Jndeta" ist eine Fabrik der Nachrichten, eine Telegraphen-Agentur, die sich in Berlin etabliert und die wichtigsten Fäden des Marktes und der Börse in die Hand zu kriegen sucht. Mit stupender Sachkenntnis ist hier das Metier des Journalismus gezeichnet: „Die Informationen der Jndeta waren aufsehenerregend; nie mrreißerisch, trugen sie sichtbar den Stempel unbedingter Zuverlässigkeit. In den Redaktionen wußte man sie zu schätzen. Sie erschienen in Fettdruck auf der ersten Seite, oft zweispaltig in großer Ausmachung." Jndeta arrangiert internationale Diplomatenzusammenkünfte und Konferenzen: „Man spricht vom Frieden und meint Petroleum; man diskutiert die Abrüstung, damit ein paar gerissene Schieber um so leichter ihre Waffengcschäftc abschließen können; man organisiert, unpolitische Nachrichtenagenturen, um aus etlichen Millionen Menschen mit eigenem Willen und selbständigem Denken eine kompakte uniformierte Masse zu machen, die dann die öffentliche Meinung repräsentiert." Jndeta bricht schließlich zusammen. Gleichnis für den Zusammenbruch von weit mehr: „Man mutz von vorne beginnen. Aber man muß anders beginnen." Eduard Trautner schildert in seinem Büchlein „Gott, Gegenwart und Kokain" die letzte Erscheinungsform des allgemeinen Zusammenbruches, den Giftrausch. Nur ein Sah aus diesem packenden, scharf geprägten, sachlichen Buche: „Das Leben von heute ist eine lange Krankheit, und wersi chnicht verpflichtet hält, an der Organisation dieser Krankheit mitzuarbciten, braucht keine Gewissensbisse zu haben." . . . Pierre Mae O r l a n s Bericht „A l k o h o ls ch m u g g I e r" gilt einer besonderen Erscheinung dieser lieben Gegenlvarr, hervorgerufen durch das amerikanische Alkoholverbot.' Ein neues Pirateutum, abenteuerlich-berwegen, bkutig-verrucht, treibt sein Unwesen in der „Rumstraße" und anderswo. Weit hinüber spinnen sich die Netze und umfassen beinahe den Erdball. Erwähnen wir noch Joseph Roths „Juden aus Wanderschaft" (das in unserem Feuilletontcil entgehender behandelt wurde) und das ganz außerordentliche „K r i m i n a l i st i s ch e R e i s e b u ch" des vorbildlichen „Reporters" Egon Erwin Kisch, so sind die uns vorliegenden fünf Bände dieser sehr bemerkenswerten Bücherfolge angezeigt. Wenn sich die hoffentlich recht bald anschließenden weitere» «Berichte aus der Wirklichkeit" auf gleicher Höhe halten, so ist eine bedeutende publizistische Tat gesetzt. - O t t o A b e l e s. „Erzählungen israelitischer ^KoMfion" ch der Titel einer kleinen Sammlung von Geschichten, die Karel Polarer im Prager Verlag Pokrok in tschechischer Sprache herausacgcben hat. Polacek. der vor einigen Jahren das erste.UchoaM-ittdische Milieulustspiel geschrieben hat (es führt den Titel „Die Schnurchartbinde") bringt m seinem Erzählungsband köstliche Schilderungen des tschechisch-jlidlschen Assimilantentums, porträtiert ihre lächerliche Halbheit, Wtchtigtuerei, Halbbildung, Wurzellosigkeit-und gibt auch sprachlich getreue Porträts. Das Buch wartet auf "inen kongenialen Uebersetzer ins Deutsche. Bo» der chinesischen Seele. Ein chinesischer Gelehrter, K u H u n g M i n g, der jahrelang/ in Europa geweilt, mit Spinoza, Voltaire und Goethe, mit Carlyle und Evcrson so vertraut ivie nur ein Europäer, versucht dem Europäer die chinesische Seele Au erschließen. (L'esprit dm peuple chinois, Paris 1927, Stock.) Man liest mit Bewegung nnd mit Bewunderung und beginnt, die Sehnsucht dieses Volkes nach Rückkehr zu sich selbst, ahnend zu begreifen. Ter Wert einer Zivilisation besteht nicht, so sührt der Verfasser aus, darin, große Städte, herrliche Häuser, schöne Straßen zu bauen, nützliche und komplizierte Maschinen zu erfinden, ia nicht einmal in dem, was, Kunst und Wissenschaft hervorgebracht haben, sondern einzig, in dem Menscheutypus, den sie geschaffen. Nur der Mensch zeigt Wesen und Seele der Kultur, aus der er hervorgegangen. „Der Mensch ist gut", ist der erste Satz der Fibel, aus der das Kind in China das Lesen erlernt. So wird es daran gewöhnt, an die Macht deck Güte zu glauben. Aufgabe der Schule ist es, nicht, wie in Europa, für den Broterwerb wrzuberciten, sondern das Sittengesetz zu lehren, gute Menschen hcranzubilden. Gerechtigkeitsgefühl und Gememsinn ist der tiefste Sinn dieses Sittengesetzes, höchste Entwicklung von Mitvcrstehen und Mitempfinden das Erziehungsideal, nach dem sich der chinesische Edelmensch formt. So liegt der Schutz des einzelnen im Nechtsgesühl des Nächsten. Politik, das Wissen und Wirken um die Gemeinsamkeit — in Europa Wissenschaft und Betätigung —, ist in China Religion. So konnte eine Gesellschaft erstehen, freier als irgendwo sonst, ohne Polizei und Militär, ohne Geistlichkeit, zusanuueugehalten nur durch ihr Sittengesetz, eine Gcsellschaft,. die durch 2500 Jahre bis zur Berührung mit den Europäern im wesentlichen ohne inneren und äußeren Krieg gelebt hat. Wenn es auch in China vorübergehend Kriege gegeben hat, waren sie Ausnahme und Zufall, in Europa Regel und innere Notwendigkeit. Wie sieht nun der chinesische Gelehrte dieses Europa, das den dunklen Hintergrund für die lichtvolle Gestalt Chinas bildet? — „Der Mensch ist böse", dieses Eistpsindetz begleitet den euro- . päischen Menschen in allen seinen Vorstellungen und bestimmt den Aufbau seiner Gesellschaftsordnung. Der Europäer sucht sich za schützen, indem er Furcht erweckt, Furcht vor Gott und vor dem Gesetz. Dazu ist die Anwendung von Macht erforderlich, moralischer oder physischer. Da die moralische Macht nicht ausreicht, braucht der Europäer die physische Kraft und verehrt sie als das starke, ordnende Prinzip. Dies führt zu Militarismus und Krieg. Schlimmer aber als der Krieg selbst ist die beständige Angst, in der die Völker Europas leben, der Nachbar würde, sobald er sich nur stark genug-dazu, fühlt, die Grenzen überschreiten und zu Raub und Mord-kommen. Nicht ein zufälliger Krieg lostet so schwer über Europa, sondern die bo ständige und. unbedingte Notwendigkeit, für den Krieg gerüstet zu sein. Eine Religion im europäischen Sinne, die ihre Wurzeln rm lleberirdischen hat, besteht in China nicht. Der Drang nach dem Metaphysischen fehlt. Die chinesische Religion, wie sie von Konfuzius festgelegt worden war, ist eine einfache Sütenlehre, ist eine soziale Staatsreligion im Gegensatz zur europäischen Kirchenreligion. Der Chinese lebt beinahe ein reines Gefiihlölebcn. Herz und Seele, nicht der Verstand, bestimmen sein Handeln. Dieses Hervortreten des rein Seelischen läßt ihn Sinnenlebelt und Körper vernachlässigen. Es macht seine Bedürfnislosigkeit und Unreinlichkeit, seine Gleichgültigkeit geg^n körperliche Beschwerden verständlich. — Roheit, wie man sie ill Europa findet, ist nicht vorstellbar. — Diese Herzensbildung bestimmt seine Höflichkeit,, die nicht äußerer Form, sondern Rücksicht auf das Geftihl des Nächsten entspringt. — Das Vorherrschen des Gefühlsmäßigen ist auch Ursache seiner Ungenauigkeit; das .Herz reguliert das Denken nicht mit jener Präzision wie Kopf und Verstand. So gleichmäßig und stark die Gemütsbildung, so ungleich und teiltveise vernachlässigt ist die iBerstandesbildung. Der Mangel alles Metaphysischen in der Religion steht im Zusammenhang mit dem Fehlen der meisten Wissensgebiete. Ist doch Wissenschaft genau so wie Religion aus dem Stroben nach Klärung des Metaphysischen hervorgegarigen. Metaphysik, Mathematik, Logik und Naturwissenschaft fehlen so vollkommen, daß ür Naturwissenschaften nnd Logik nicht einmal gleichwertige Worte vorhanden sind. In so kindhastem Zustande die Entwicklung dieser Wissensgebiete liegt, so gewaltig ist. die Ausbildung alles sozialen Wisserrs. Nur dieser hohen Entwicklungsstufe dcö sozialen Denk- und Lehrgebäudes, das — wie der Verfasser sagt — weder in der Gegenwart noch Vergangenheit irgendeines anderen Volkes seinesgleichen hat, ist es zuzuschreiben, baß die Chincsep das größte Reich der West nicht nur gründ e n, sondern durch Jahrtausende in Ordnung und Frieden erhalten konnten. China tvürde, lueuu es von europäischem Geist und europäischen Methoden erfüllt würde, den Krankheitsstoss der Welt uur noch vermehren. Cs braucht seine eigene Zivilisation: ihre Grundlage sind nicht .Handel und Eisenbahnen, auch nicht di« Bodenschätze, - Gold, Silber, Eisen, Kohle, die man hier finden kann, sondern der Chinese, der echte unverdorbene Chinese mit seiner Religion des Gemeinfinns und der Büpgav Pflicht, die ihn durch 2500 Jahre in Frieden leben ließ. A. R o s e n b er g. VON BÜCHERN, DICHTERN UND VERLEGERN. Pcinzrssin Mir;a Riza Khan-Arsa: „Der Ges„n; vrr dunklen Wasser". (Ein Buch von Konstantinopel. — Alexander Fischer-Verlag. Tübingen.) Die Prinzessin mit den vielen Namen und Titeln ist die Gattin des Prinzen Mirza, der gegenwärtig Persien im Völkerbund vertritt. Sie ist Schwedin von Geburt und beschreibt in ihrem autobiographischen Buch das alte Konstxmtinopek, das ihr durch ihre Ehe in jungen Jahren zur neuen Heimat wurde. Die Welt des Orients, dessen Tor ber Bosporus ist, wird freilich fast ausschließlich aus der .Haremparspekcive betrachtet; aber selbst in den kleinen .Haremsintrigen kommt die grundverschiedene Ausfassuug, die sie im Orient und Okzident über Liebe und Ehe haben, zu starkem Ausdruck. Das Buch ist klug, mir kühlen Händen geschrieben, so daß man dem interessanten Franenbildnis des Titelblattes Glauben schenkt und sich gern in eine etwas stilisiert miedergegebene Scheherezadc-Welt versetzen läßt. —tz. Earl Dorr Niggers: „Das! HauS ohne Schlüssel" (Roman. Verlag Gustav Kiepcnheuer, Potsdam). Ein Kriminalroman, der in der heißen Südsee spielt und geschickt, trotz des Milieuklimas englisch wohl temperiert, einen komplizierten Mordfall und seine Lösung entwickelt. Zwischendurch farbige Bilder aus Honolulu, in denen der Reiz der Exotik pulst. Dieser Dvtzendroman hat aber eine bestimmte Nuance, die ganz köstlich yerausgearbeitet ist. Es tritt darin ein chinesischer Detektiv auf, dessen Sprache überaus ergötzlich die Verbindung Mischen den Denkbikdern Chinas und der Diktion Shelleys herstellt. Die kühnen Wendungen dieser Sprache ergeben allerhand Humore, denen sich selbst der Griesgrämigste schwer entziehen kann. Die deutsche Uebertragung von Curt Tyefig hat diese lustigen Sprachblüten mit ziemlich viel Geschick wiedergeaeben. . ©. S. Das jüdische Buch in Rußland. Laut einer amtlichen Moskauer Statistik find im Jahre 1926 in Solvjetrußland insgesamt 237 jüdische Werke herausgegeben worden, welche 1293 Druckbogen, innfaßten und in 660.830 Exemplaren verlegt wurden. Davon waren 42 Werke Lehrbücher, 23 populärwissenschaftliche Büch?*. 45 politisch-gesellschaftlichen Inhalts, 28 enthielten KindeÄrteratur, 24 Belletristik und Poesie, 65 Sammelbücher nnd periodische Ausgaben, 11 über Landwirtschaft und Kooperation und 6 verschiedenen Inhalts. Bibliographie der russischen Revskutionare. Die Gesellschaft der ehemaligen politischen Sträflinge in Moskau hat die Herausgabe eines bibliographischen Lexikons in Angriff genommen. Einstweilen ist der erste Teil des ersten Bandes erschienen, der bei den Vorgängern der Dekabristen anfängt und mit den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts schließt. Der Band ist mit 108 gut reproduzierten Bildnissen geschmückt, von denen einige zum erstenmal zur Veröffentlichung gelangen. Trotz einigen Mängeln und Lücken — es fehlen z. V. Namen der Dekavristen M. Baratoff, S. Schitkosf und S. Kotschuvej sowie die Bildnisse Herzens, Ogarevs und SeVcenkos — kann der Band im allgemeinen als ziemlich vollständig angesprochen werden. Ein neuer Galsworthh. Mitte Juui erscheint in Paul Zsolnahs Verlag der mit Spannung erwartete neue Roman John Galswortyhs „Der silberne Löffel" im 1. vis 30. Tausend. Die Geschichte einer Kindheit. Von Friedrich S ch n a ck, dem Verfasser des Romans „Sebastian im Wald", der an dieser Stelle seinerzeit ausführlich gewürdigt wurde, erscheint soeben im Verlag Jakob H e g n e r, ^Helleran, ein neuer Roman „Beatus und Sabine", die Geschickte einer Kindheit. BÜCHEREINLAUF. Hans Franck: Der RegenboKrn, sistz-minal sieben Geschichten. Verlag tz. Haessel, Leipzig. Hans E. Ktock: Nena'ksstm«2 (Novelle). Verlag H. Haesiel, Leipzig. Dr. Franz Lauer M./yrr' Gin Mg aus der Not und Friedlosigkeit der Miuschen und Völker zum internationalen Wirtschaftsstaat. Verlag Walther Hetoisch, Karlsbad. Peter Panter: Ein Pyrenäen-Bnch. Verlag „Die Schmiede", Berlin. Thomas Raurat: Die ehremo^x-v Landpartie (Roman). Verlag Oesterheld & Co., Berlin. Tobias Schallt: Einsteins spezielle Relativitätstheorie. Berlin 1037 tot Selbstverlag. Dr. O. F. Scheuer: Burscheuschaft und Judensraa«. (Der Nassen-Antisemitismus in der deutschen Studentenschaft.) Verlag Berlin-Wien, Berlin. Friedrich v. Taylen: Das jttgsslnwische Problem. Verlag E. S. Mittler & Sohn, Berlin. Georg Leopold Weisel: Aus dem Neumarker LandeStor. (Die Volkskunde eines Aufklärers, herausgegebeu von Ober» lehrer und Konservator Josef Blau.) Sudetendeutscher Verlag Franz Kraus, Neichenberg. „Kultur und Leben", Monatsschrift für Kui Large schichte und biologische Familienkunde. Herausgeber Willy Horujchuch. Heft Nr. 5, 4. Jahrgang, Mai 1037. Verlag Karl Ho^sr. Schor'dors (Württemberg).