Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2964 (29.5.1927)
- Date
- 1927-05-29
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2964 Wkn, Sonntag Wlrrrer Morse»MM«s S9. Mal ISS? der Untersuchung die Uhr, die Brieftasche, das Zigarettenetui, verschiedene Kleinigkeiten, Instrumente und Fläschchen, sogar ein Bild von der Wand stahl. Als der Junge wieder draußen Ivar, nannte der Arzt der Mutter eine Anstalt, wohin sic ihr Kind bringen sollte, und die Mutter wiederum entschuldigte sich wegen der Unannehmlichkeiten, die der Junge ihm, dem Arzt, bereitet habe, aber sie werde die Sachen gleich am nächsten Tage wieder znrückschicken. Die vornehme Dame vergaß anscheinend ihr Versprechen. Nach einiger Zeit erlaubte es sich der Arzt, sie an die Sachen, die ihm der Junge fortgeschleppt hatte, zu erinnern. Aber in dem Hause der vornehmen Familie kannte man tveder die Dame noch ihren kleptomanischen Sohn. Die Betrügerin und ihr würdiger Junge waren längst Wer alle Berge. Sie Stadt de« größten Wohnungselends. Aus Warschau wird uns geschrieben: Es gibt wohl kaum eine Großstadt Europas, in der das Wvh-- mmgselend derart groteske Formen cmgjMommen hat wie in Warschau. Einst war Warschall eine iveitläufig gebaute Stadt, deren riesige Palast- und Häuserkomplexe schöne und große Gärten einschlossen. Seit dreißig Jahren sind diese Gärten immer mehr verschwunden, und an ihre Stelle sind Kasernen eingebaut worden, um Raum für die stets in größerem Umfang nach Warschau drängenden Menschen zu schaffen. Der erste Ansturm geschah nach dem Revolutionsjahr 1905, als die russische Regierung Tausende von Juden in Polet: und vor allen Dingen in Warschau ansiedelte, womit sie ztveierlei erreichte. Erstens verhetzte sie die einheimische polnische Bevölkerung noch mchr gegen die Juden, als dies schon zuvor der Fall war, und dann wurden selbstverständlich den Juden selbst die größten Unannehmlichkeiten mit dieser Zwangsansiedlung bereitet. Nach dem Krieg und der Rückkehr zahlloser in das innere Rußland verschleppter Familien nahm der Zufluß von Menschen nach Warschau noch zu, dessen Bevölkerung nun auf etwa eine Million Einwohner, darunter rund 40 Prozent Juden, angewachsen ist. Die arme Bevölkerung, die in Warschau besonders zahlreich ist, wurde nun stets mchr zusammengepfercht, und das Ergebnis ist das heutige Wohnungselend, gegen das die Behörden machtlos sind. Nach einer neueren Veröffentlichung ist heilte noch die Hälfte der Stadt ohne Kanalisation, und in den Mbeitervierteln haben 99 Prozent aller Häuser weder i Gas noch elektrisches Licht. Durchschnittlich habeil in Warschau drei Personen zusammen nur ein Bett, und es gibt zahllose Familien, die sich überhaupt keines Bettes erfreuen. Ebenso häufig sind die Fälle, in denen. 7 bis 10 Personen in einem einzigen Zimmer Hausen und auf das. einzige vorhansvene Bett nicht weniger wie sechs Personeil entfallen. Nicht weniger wie zwei Drittel der Bevölkerung bewohnen nur eiil Zimmer oder ein Ziinnrer mit Küche, und 53 Prozeirt aller Kinder wohnen >i.< dell Erwachsenen zusammen in nur einer Stube, die häufig in feuchten Kellern oder in 'kalten Dachräumen liegt, die aus Brettern znsammengefügt sind. Wenn man sich noch die riesigen um verschiedetle Höfe geschachtelten Mietskas"rnen vorstellt, die meist in unglaublich verwahrlostem Zustand sich befinld'en, dann bekommt man erst den wahren Eindruck von der furchtbaren Mt, in der der größte Teil der Armenbevölkerllng Warschaus dahürveMert. orientalische Herrscher der Fetztzeit. Orientalische Herrscher sind keineswegs stets die Tausendu'ndeine-Nacht-Gestalten, an welche die Bowvhner des Abendlandes zu denken pflegen, trenn von Sultanen und Maharadschas und ähnlichen Fürsten gesprochen wird. Sie wandeln nicht in Märchenpalästen, sind nicht mit seidenen,-edelstcingcschmückten Kleidern angetan und reiten nicht auf den Straßen ihrer Reiche auf feurigen Kriegs- Hengsten. Die Fürsten in Holländisch-Jndien zum Beispiel sind in der Mehrzahl loyale Untertanen des niederländischen Regimes, die es oft nicht sehr üppig haben, die häufig eine gewaltige Familie zu erhalten haben u-nd die in Palästen wohnen, in den vieles noch an frühere Größe und an einstigen Luxus erinnert, welche jetzt aber, wenigstens im Innern, ein wunderliches Durcheinander orientalischer Kunst und europäischer Massenproduktion anftveisen. Je weiter der Reisc-nde in das Innere Javas vordringt, desto einfacher wird die Unterkunst der vielen Sultane. Der Sultan v o n B u l u n g a n wohnt einfach, der Sultan von Bima haust in einer schäbigen Scheu n e und die verschiedenen R a d s ch a s auf Flores sehnen sich vermutlich nach etwas wie >'iner Mansardenwohnung in einer westeuropäischen Stadt, voransg.setzt, daß ihre Kenntnisse europäischer Wohnungsverhältnisse soweit reichen. Die einheimischen Fürsten auf Java sind allerdings sehenswert: Djvkias, ein junger Sultan, in einer Generalsunisorm, ein kultivierter Gastgeber, und Solos, ein korpulenter Sultan, behängt mit Ritterorden, schwerfällig zu Fuß, jedem" Gast bloß die zwei stereotypen Fragen stellend: „W i e v i e l e K i n d e r h a b e n S i e?" und „Wie groß ist die Zahl Ihrer Orden?" - In beiden Fällen übertrifft der Sultan mit seinen mchr als fünfzig Ritterorden und seinen mehr als 300 Kindern jedermann. Ohne die Zustimmung des Residenten u-nb des Generalgouverneurs dürfen aber auch diese ■ kein' Reise unternchmen. GROSSE MODENAUSSTELLUNG Anläßlich der Wiener Festwochen veranstalten wir am 31. Mai 1927, 11 Uhr vormittags IN UNSEREN SALONS EINE'GROSSE MODELLSCHAU MIT KONZERT Wir. zeigen die letzten Pariser Original-Modelle und des eigenen Ateliers in herrlichen Nachmittags- und Abendkleidern. Kostüme u. Complets, Nachmittagsu. Abenamäntel für DERBY, PROMENADE, REISE UND SPORT Eine Sensation Wiens ist die fabelhafte Innenu. Außendekoration unseres Hauses MODENPALAIS JULIUS KRUPN1K VII., KAISERSTRASSE I1I.II3.lI5 ANERKANNT BEDEUTENDSTES SPEZTALHAUS MITTELEUROPAS Wie Die »rutsche Schüiuzeu» erlösen wird In der Berliner „Weltbühne" schreibt Alfred Döbli. » Ich fasse in den Tornister meines Jmrgen und angle ein neu gekauftes Bnch. „Geschichte der deutschen Literatur", Bötticher, und Kürzel, 200 Seiten etwa, 1921., 30., Verbesserte Austage. Nach altem Brauche lese ich zuerst den Schluß. Da „schuf der Dichterphilosoph Fr. Nietzsche seine Herrenmoral des Uebermenschen, d. i. des Kraftmenschen ohne alle Pflichten, aber mit allen Rechten". So. In: weiteren Verlauf hält sich von „naturalistischen Verirrungen" fern Prinz Emil von Schönaich, natürlich Durchlaucht, auch ein gewisser, ntir gänzlich ungewisser Karl Ernst Kurvt. Näheres über diesen bedeutenden Mann er» fahre ich sicher bei Bartels. Ob ich den auch kaufen muß? Mein Junge nie int, er will mal fragen. Gerhärt H'a u p tm a n n, muß mein Junge lernen, stieg in „niedrigste Sphären" — das ist aber gar nicht schön, nein, pfui — er „schuf aber auch tüchtige Charakterstudien". Zehn Zeilen für ihn, fast eine ganze Seite für „das stärkste dramatische Talent —" Ernst von Wildenbrnch. Wie -mir da wird? Derart, daß ich mich umgehend nach Heinrich Heine erkundigen muß. Mir schwant etwas. Düstere Wolken meiner eigenen Schulzeit tauchen auf, ich sehe die Herren mit den würdigen oder flotten Bärte», ich höre schneidige Stimmen. Laß sehen, mein Sahn, wer Heinrich Heine war. „Das junge Deutschland": „eine Prosa voll Hohn über das Heilige, durchtränkt von altes negierendem Wiy, ohne Scheu vor niedrigster Sinnlichkeit, Zügellosigkeit. Die lungen Leute wurden in den geistreichen jüdischen Salons gehegt —, Führer waren die zum Christentum übergetre- Venen Inden." Haut den Juden! Der Dolchstoß in den Rücken schwebt in der Lust. Aber nun, Heine, ich weiß schon alles. „Trotz seines Ueberlritts ein glühender Feind des Christentums. Beton «derer des französischen, Verächter des deutschen Wesens, zog ec später, von der französischen Regierung unterstützt, nach Paris, wo er nach langem, schweren, durch zügellosest Leben hervorgerufenen Leiden starb." Mag es allen Hunden so gehen! Ein Spion, ein Maultvurf, ein Sendling des Erbfeindes von Locarno. Börne und Heine „im Kampf gegen das Christentum und Sitte". Steht alles da, lesen die Jugen, liest inein Junge. Wo? Jir einer Berliner Simultanschule. Einem Realgymnasium. Sine Kadiver-Affilre in Budapest. Der Sadistensalon des GymnasialProfefforS. «Magyarorszag" berichtet von einer Budapester Kadivec-Afsäre, in deren Mittelpunkt der Professor cm einem dortigen Obergymnasium, Alexander Karaesony i, steht. Ein bekannter Budapester Künstler hat bei der 'Oberstadthauptmannschaft die Anzeige gegen den Professor erstattet, weil dieser den 17jährigen Sohn des Künstlers in seiner Wohnung, tvo der junge Mann Privatstunden nahm, sadistischen Mißhandlungen unterzogen hat. Der Professor hat, dem Inhalt der Strafanzeige zufolge, den Knaben wiederholt mit einer Geißel gezüchtigt. Die Gattin Karacsonyis soll, wenn auch in einem 'Nebenzimmer, Zeugin dep sadistischen Prozedur gewesen sein. Professor Karaesonyi soll sich, wie die eingeleitete Untersuchung bereits festgestellt hat, an mehreren seiner P r i v a t s ch ü l e r in ähnlicher Weise vergangen haben; es scheint, daß Karaesonyi in seiner Wohnung einen S a l 0 n für sadistische Experimente unterbü''" -.----— ■ 1;■■■■ -- Rothstock wird steigegeben. Ae satschelvung Des Sdersten Serl-tsyület. Wie der „Oesterreichfiche Pressedienst" erfährt, ift gestern mittags di« in nichtöffentlicher Sitzung beschlossene Entscheidung des Obersten Gerichtshofes in der Jnternierungsangelegenheit des Betlauer-Mörders Otto Rothstock herabgelangt. Wie -noch erinnerlich, wurde Rothstock am 5. September 1925 von den Geschworenen freigesprochen, nachdem ihn die Psychiater als g e i st e s g e st ö r t bezeichnet «hatten. Die Zusatzfrage, ob er zur Zeit der Tat des Gebrauches seiner Vernunft gang beraubt war, wurde mit 6 Ja und 6 Nein bejaht. Das Gericht sprach Rothstock frei und verfügte seine Internierung i-n der Irrenanstalt Am Steinhof. Nach U/bjährigem Aufenthalt beantragte fein Verteidiger beim Bez.-Ger. Hietzing (als Pflegschaftsgericht) die Entlassung des Mörders, der angeblich bereits geheilt sein sollte. Das Begirksgericht gab diesem Antrag Folge, und sprach seine Entlassung aus. Dagegen ergriff der Wiener Magistrat (Abt. 13, Landessanitätsrat) als Aufsichtsbehörde die Berufung. Das Zivillandesgericht (als Berufungsinstanz) holte ein neuerliches Fakultätsgutachten ein, mit dessen Ausarbeitung die Professoren Wagner-Jauregg und Emil Raimann betraut wurden. Zwecks Beobachtung wurde der Mörder indie psychiatrische Klinik des Hofrates Wagner-Jauregg gebracht, wo er sich noch immer aufhält. In dem am 3. Februar dem Gerichte übermittelten Gutachten hieß es: „Es liegt bei Rothstock ein Grenzsall eines Psychopathen vor, der nicht a Vista beurteilt werden kann. Ob mit einer Wiederkehr einer ähnlichen Reaktion, wie sie Rothstock einmal zu verantworten hatte, zu rechnen sei, ist eine Propheten frage. Er ist nicht geisteskrank, aber ein Attest auf Geistesgesundheit gibt es überhaupt nicht!" Der Widerspruchssenat des Zivillandesgerichtes (Vorsitz Hofrat Dr. Stein) hat am 12. Februar d. I. der Berufung des Landessanitätsrates Folge gegeben und die. Entlassung für unwirksam erklärt. Er hat die Zulässigkeit einer weiteren Internierung ausgesprochen, jedoch hinzugefügt, daß: „Dies will keineswegs sagen, daß'Rothstock deshalb in einer geschlossenen Anstalt gehalten werden muß. Darüber soll die Anstaltsleitung im Einvernehmen mit den Verwaltungsbehörden urteilen." Rothstock verblieb nun in der Psychiatrischen Klinik und sein Anwalt Walter Riehl legte anfangs März den Rckurs beim Obersten Gerichtshof ein. Gestern ist nun die oberstgerichtliche Entscheidung herabge'langt. Dem Rekurse wurde Folge gegeben. Der Oberste Gerichtshof bemängelt es, daß die zweite Instanz den Rothstock nicht persönlich vernommen hat und zweitens, daß diese Instanz nur über die Zulässigkeit der Anhaltung Rothstocks entschieden, aber, die Anhaltung nicht selbst verfügt habe. Deshalb sei dem Begehren auf Entlassung aus der geschlossenen Anstalt Folge zu geben. Die Sache liegt al-o folgendermaßen: Ob der Mörder geistesgestört ist, können die Psychiater nicht entscheiden, (Alle Nichtpsychiater' wissen, daß er geistig ganz gesund ist.) Da aber das Gericht zweiter Instanz erklärte, seine Anhaltung sei, da doch die Wiederholung der Tat nicht ausgeschlossen sei, zulässig, so liegt darin für den gewöhnlichen Menschenverstand auch schon die Verfügung, zumal doch das Erkenntnis von einem Gericht ausgeht. Der Oberste Gerichtshof findet das nicht. Es müßte also logischerweife der Fall zumindest noch einmal verhandelt werden. Der Oberste Gerichtshof gibt den Rothstock frei und erspart damit alle weiteren Eventualitäten. Einen Monat nach den Wahlen. Es wird nunmehr abzuwavten sein, welche Maß? nahmen die Verwaltungsbehörde beschließt. Mord an einem Wirtschastrbefitzer ln Stöckern«. Ein Siebzehnjähriger aus der Besserungsanstalt der vermutliche Täter. Gestern mittags wurde der Wirtschaftsbesitzer Anton Wolf in Hausleithen bei Stockerau von seinem von der Feldarbeit heimkehrenden Sohne mit eingeschlagener Schädeldecke tot aufgefunden. Der Tat verdächtig, erscheint der seit einigen Tagen von der Besserungsanstalt Korneuburg dem Gutsbesitzer als Hilfsarbeiter zugewiesene siebzehnjährige Tluhar, der seit mittag flüchtig ist. Seine Ausforschung ist eingeleitet. Me Streikdrohangen der Postler. Generalpostdirektor H 0 h e i f l machte gestern den Vertrauensmännern der „Technischen Union" und der „Postgewerkschaft" Mitteilung von e i n i g e n Zugest ä n d n i s s e n, die die Postverwaltung machen könnte. So zum Beispiel würden die N a ch t d i e n st g e b ü h r e n um 25 bis 30 Groschen erhöht und auch den mindergualifizierten Angestellten die Erreichung höherer Dienstposten ermöglicht werden. Mit diesen Zugeständnissen geben sich die beiden Gewerkschaften nicht zufrieden. Sie werben morgen ihre endgültige Entscheidung fällen und sie abends dem Generalpostdirektor Mitteilen, Die Handelskammer hat in Vertretung aller maßgebenden wirtschaftlichen Spitzenorganisationen eine Resolution gegen die Streikdrohung der Post-, Telegraphen- und Telephonangestellten und gegen eine etwaige neuerliche Gebührenerhöhung gefaßt. Die Streitdrohung, fo heißt es in der Resolution, stelle ein Vorgehen dar, welches jeder Verantwortlichkeit im Interesse der Allgemeinheit