Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2964 (29.5.1927)
- Date
- 1927-05-29
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 30Ö4 Wkn, Sonntag Wirvev Mvr-M-Eitmrg M. Mak KN Senator und Oberrabbiner Zirel s ohn, für diese seine Rede aus dem Senat ausgestotzen worden sei. Er verlas neuerlich die von ihm eingsbvachtk Resolution, die beantragt, die Union wolle den Wunsch aussprechen, daß der Völkerbund die Beobachtung der Minderheiten- Schutzvertrüge in Rumänien wirksam mache, erklärt aber gleichzeitig, daß er mit Rücksicht auf den Verlauf und Ausgang der Südtiroler Debatte und mit Rücksicht darauf, daß Madame Bakker van Bosse eine allgemein« Resolution zur Frage des Minderheitenschutzes eingebracht habe, welche im Oktober zur Erörterung gelangen soll, auch seine Resolution nicht heute zur Enffcheidung gebrach wissen wolle, sondern um ihre Vertagung ans Ke Mtzvng vom CVtotoc fcttte, damit sie dort zusammen mit 'der allgemeinen Resolution der Madame Bakker va» Bosse zur Erörterung gelange. In dieser Resolution heißt es, die italienische Regierung werde aufgefordert, den Deutschen in Südtirol die nationale und kulturelle Autonomie zu gewähren und insbesondere die Erteilung des Religionsunterrichtes in deutscher Sprache zuzulasien. Der Vertagungsantrag D iz e ng-o^sss wurde angenommen. Lindberghs Flug durch Europa. SuthustaMcher empfang ln Brüssel- — Ne ganze Sarnison ansgebotr«. Brüssel, 28. Mai. Der amerikanische TranSozean- Meger ist heute mittags vom Pariser Flugfeld Le Bourget Mn Fluge nach Brüssel aufgestiegen. Das ganze 34. Fliegerregiment war zur Aufrechterhaltung der Ordnung aufgeboten worden. Vor seinem Abflug führten 300 Flugzeuge ein erndruckvolles Luftmanöver zu Ehren Lindberghs aus. Lindbergh selbst überflog sodann, begleitet von einem französischen Flugzeu-ggeschwader, ü: geringer Hohe Paris, ivas beim Publikum.hellen Jubel auslöstc. Er veranstaltete wieder verblüffende lustakrovatische Kunststticke, indem er beispielsweise sein Flugzeug in einem Winkel von 46 Grad nach unten neigte und so auf den Eiffelturm niederstürzte, bis er nur mehr svenige lvdeter von diesem entfernt, sich wieder aufrichtete. Ueber den: Place de la Concorde ging er bis auf 100 Meter herunter und tvavf dann eine französische Fahne ab. Wiederholt drehte er sich m der Luft ipn die eigene Achse, bis er nach einer Stunde nach Brüssel abflog. Um 8 Uhr 10 Minuten landete er glatt auf dem Flugplatz in E v e r e. Sein Flug hatte z w e i Stun d e n u n d fünf Minuten gedauert. Der Empfang durch die Brüsseler Bevölkerung glich in vieler Hinsicht jenem in Paris, war aber besser organisiert. Auf dem Flugfeld tvaren Zehntau sende von Nengier:?- g c n eingetroffen, doch war die ganze Garnison von Brüssel für den Ordnungsdienst herangezogen worden. Sofort nach der Landung wurde das Flugzeug von einen« starken Truppenaufgebot umstellt, um es vor dem Andrang der Enthusiasten zu schützen. Nachdem Lindbergh das Flugzeug verlassen hatte, wurde er vom Ministerpräsidenten Ja spar im Namen der Regierung willkommen geheißen und vom Botschafter der Bereinigte!: Staaten und zahlreichen anderen Persönlichkeiten begrüßt. Lindbergh begab sich sodaim in die amerikanische Botschaft und von dort nach dem Grabe des unbekannten Soldaten, wo er'einen Kranz in den amerikanischen Farben niederlegte. In Begleitung des amerikanischen Botschafters begab sich Lindbergh sodann in das Kö nigSpalais. wo er vom König in herzlichster Weise empfangen ivurde. Bei dieser Gelegenheit wurde er nnt dem Leopolds-- orden ausgezeichnet. Für heute waren im Aero- und im amerikanischen Klub Empfänge vorgesehen. Morgen nachmittags wird Lindbergh nach Land an weiterfliegen. .* 6. % Poe hat Pen Lzeanslug propherelt. Ozeanflüge sind nicht erst seit Eckener und Lindbergh Modern. So unwahrscheinlich es Kingt, es ist doch Tatsache, daß man schon im Jahre 1833 in der „NetvhmA sun" die sonsattonelle Nachricht lesen konnte, daß der lenkbare Luftballon „Victoria- 76 Stunden nach seinem Aufstieg «t England auf der Insel Sullivan gelandet sei. Die Zeitung wußte sogar viele Einzelheiten über den Ballon, die Passagiere, das Reisewetter und sonstige Abentener bei denr Ozeanflug zu berichten; niemand zweifelte an der Wahrheit der Erzählung, die damals in den Bereinigten Staaten große Begeisterung erweckte. AVer an, Morgen nach der Veröffentlichung erfuhr man, daß der wunderbare Ozeanflug nur im Gehirn von Edgar Men Poe stattgefunden hatte. Alle Zeitungen waren einer ungeheuren Mystifikation Küm Opfer gefallen. Für den Dichter hatte diese Falschmeldung immerhin die erfreuliche Wirkung, büß sein Name mit einem Schlag in ganz Amerika bekannt wurde. Poe hat durch diesen frei erfundenen Ozeanflug bdjmesen, daß er einen sicheren Instinkt für die Probleme dev Zukunft besaß, und er kann aM eine Art dichterischer Prophet gelte«, der das lenkbare Luftschiff und die Ueberfliegung des Atlantischen Ozeans vorausgesagt hat. Fortdauernde Erdstöße kn Neapel. R o m, 26. Mm. Me Bevölkerung der Umgebung von Neapel wird durch fortdauernde leichtere Erdstöße weiter in Aufregung gehalten. In den kleineren Orten sind die B e w o h n e r insFreie geflüchtet, aber wegen der st arten Regengüsse mußten sie ihre Wohnungen wieder auffuchen. Gestern abends hat eine neue starte Wiederholung des Bebens den Schrecken der Bevölkerung erhöht. Die Blätter melden, daß in Neapel ein freistehendes Haus durch das Erdbeben der letzten Tage so stark beschädigt wurde, daß es geräumt werden mußte. Gestern abends ist der g r ö ß t c % c i l des Hauses eingestürzt. i ihm Nalowanw bringt für die heurige Sommersofoofi covcrcoat-nanfei m herrlichen Farben, ganz mit Seide gefüttert, in allen Großenzam Preise von S 185 8lIs!s!sWstsWWWstWssstIstsIsIsstIIWIWIIIII»sssMsIsIMssMMMWsKsWAUs! Arbeitslos. (6Hmc »»5 dem ddMnenMe» Meltrrledk».» Von Grete David. Den triefenden Gumunmantol von sich schleuderiü), warf sich Mosche aufs Bett. Auf sein Bett toäre nicht richtig gesagt, denn gewöhnlich teilte er's mit einem oder gar mehreren Kameraden: cs ist die in Palästina gefürchtete Winters-, d. h. Arbeitsloscnzeit. Bald kamen noch drei andere Kameraden und Logisteilhaber in das kleine Zimmer, placierten ihre P.T. Körperteile, fo gut es gehen wollte, auf die Betten — nebst dem Petroleumkocher die einzigen Möblierungsstücke — und klopften mit de», Beinen zum besseren Zeitvertreib gegen den Betonfußboden. Eine Weile noch hatte die schrullenhafte alte Jungfer Dämmerung Gelegenheit, sich in diesem von Feuchtigkeit und Mißmut erfüllten Raume breit zu nrachen, dann zündete Mosche die Petroleumlampe an und holte Bücher aus den Winkeln. Sie warteten darauf, die guten Bücher, endlich die Leserhirne beschäftigen zu können. Man vertiefte sich, so tief als ,urr möglich, in den Anblick der Dinge, in das Leben der Menschen, die am geistigen Auge der Lesenden vorüberzogen. Nur selten wurde die Lektüre durch kleine Neckereien, liebenswürdige Rippenstöße und die obligaten Jungenwitze urtterbrochcn. Es klopfte an der Türe. Trotz der krampfhaften Berüefung in die Bücher lvar keinem die Störung unwillkommen. Zwei wohnungslos gelvordene Kameraden traten ein. Also mußte auch für diese Platz geschaffen werden. Bei den gottlob recht bescheidenen Bequemlichkeitsbedürftnssen aller Beteiligten wurde das Problem, sechs Menschen in zwei Betten und auf den Cckchen Steinfliesen unterzubringen, nach einigen Versuchen glücklich gelöst. Und man schickte alsogleich die Bücher wieder in ihre Verbannung. Die Stimmung hob sich, durch Gefühle, Gedanken und — durch irre Ausdünstung von sechs Menschen wurde die Lust lyäonrer, behaglicher. Schlomo, der Jäcke — wie er, der ehemals russische, aber seit langem deutsch assimilierte Jude scherzweise genannt würde — verwechselte, in verläßlichstem Hochdeutsch sprechend, einige Dichternarnen und wurde von einen: Kameraden lachend belehrt. Man rauchte die letzten Zigaretten, politisierte über Kunst und Kredit, aber nicht über den Staats-, sondern über den lokalen Kredit, nämllch der: beim Gemischtwarenhändler. So half man sich über die Zeit hinweg. Die oft ge-. suchte, die oft gefürchtete Nacht lvar emgehrochen, che mar: Methodik jüdischer Geschichtsschreibung. 8« gkstschrlft der Soge „Wagt". Von Jakob Krausz. Die sagerrreichsw JudenstM von Mitteleuropa, eine der ältesten der Welt, die Inden genwinde von Prag, hat noch immer keim in sich abgeschlossene, ihre Glttstehung. Entsmcklnng, chven iAufschloung und Niedergang wissenschaftlich einwandfrei darshellnüw, zusammenfasseud« Geschichte. Es gibt eine Unzahl von Geschichten aus dem Prager Ghetto, aber keim Geschichte der Juden irr Prag. Legende!:, Sa- «en, schriftlich und müMich überlieferte, anekdotenhaft ausgeschmückte wunderliche Erzählungen schossm üppig aus der Finsternis und dem Halbdunkel vergangener Jahrhunderts hervor und pflanzen sich von Generation zu Generation fort, verdichteten sich zur Historie, zur festgewurzeltest Geschichte. Wollte dam: ein gewissenhafter Historiker allen diesen Legendes: imchgehen, sie bis auf ihren ersten Keim zurückverfolgen und ihre Wurzel bloUegen, so fand er sich einem rmentwirrbaven Gestrüpp von wohl herrlicher:, feenhaft Se- Mbenrden Schlingpflanze!: gegenüber, die ihn: jedoch de» Weg zur freien Forschung verlegten und den freien ITkus- Wck in die Vergangenheit, in die Mfänge ihres Entstehens trübtem Bor dielen Geschichten war Und fand er di« A-lschichbe der Tatsache» nicht. Ja, die meisten dev Goschichtsschoeiber, welche die Geschichte der Juden von Prag Knn Gegenstände ihrer wissenschafttichm Arbeit gewählt hatten, Unterlage» selbst den: Zauber der Naivität, mit welcher diese herrlichen Sagen von Mund zu Mund, von Geschlecht Ar Geschlecht weitergegebe»: wurde::. Die Verwirrung wuchs noch mehr, als in den letzten Jahrzehnten die Zahl derjenige:, d-ie mit einem ungeheuren Aufwand von Phantasie die Ehrenrettung der Historizität der Legenden niiternahlnen, ohne lmtürlich bannt der wissenschaftlichen Geschichtsforschung 3* Üenfyv i«8 Mvhmchl nahm. Es .kan: dabei höchstens eine lAnzahl neuer bewußter Lege»ne>: über die Entstehung alter, liebgetvyrdener heraus. Wir besitzen 'überhaupt nur sehr wenige, 'fast gar keine verläßlichen, vorurteilsfteien Geschlchtswerke. An: wenigsten über die Geschichte der einzelnen Nationen und Völker. Fast alle historijschtzn Werke, die in dien letzten hundert Jahren, also seit der Erstarkung der nationalen Betoogungen verfaßt tvurden, sind Tenden-arbetten: Apologie der eigenen Nation, Herabsetzung des anderen mit den: eiflen*» rivalisierender: Bolksstamme. Diese voreingenownlone Geschichtsschreibung, dieser vevetvigte Krieg nnt falschen oder verhaltenen Feststellungen unglaublichsten Geschehet ist die Hauptschuld m: dem dauernden Unfrieden der Welt, wett sie die Lüge zur historischen Wahrheit weiht, die Legende zum geschichtlichen Ereignis wandelt und statt nüchterner Go-, schichtserstattuug selbst Geschichte nracht, erfindet. Die jütische Geschichtsschreibung versagt oft gleiches in den Fehler der Apologie. Allerdings muß, hier zugute gehalten werden, baß sie sich verpflichtet glaubte, eine DefeusivstMlung gegen die christliche Geschichtsschreibung einMnehmen. Diese Wwchrmethode in dtzr Bearbeitung der jüdischen Geschichte nmßte schließlich dazu führe»:, daß mehrere g'hetto- Artig geschriebene Geschichtswerks, aber :mr selten eine Geschichte des Ghettos von wissenschaftlichem Wert entstanden ist. Das jüdische Volk ist aber auf solches Wohüvollvi: und solche Nachsicht gar nicht au,gewieser:, und die Mengstlichkeit seiner jüdischen' Geschichtsschreiber ist durchaus nicht berechtigt- Die Geschichte des jüdischen Volkes enthält ft zahlreiche Beweist ehvenvollen Heldenttlins, schaffenden Geistes und menschheitbeMckende!: Belisnnermutes, daß sie es gar nicht notwmdig hat, die M^eichsn des drohender: Verfalles in dieser oder jener Epoche M unterdrücken. Eine ruhig und sachlich wisserrschaftlich geschrieben« Geschichte der Juden sei es die Universal-Geschictzte oder die Geschichte der Jlckffr in einem bestirnintsn 'ZettMchr:itt oder eilreS beftlnruttelr Gebietes — darf sich Ürher, soll sie ihrer Wlfgabe gerecht tverden, nicht selbst zur gewollten Verteidigungsschrift zu.-- gurrst«: des vmr christlicher GeschichtsschreSuM mMarrdrlt«r Judentunrs herMvüüdigen. Denn emo Geschichte der Inder: hat die doppelte IMsgabe: der allgermn:«: Geschichts^ schrerbung die Methodik wissenschaftlicher Wcchrhafttgkcit förmlich anszudrättgen, ihr hierirr als Mxstiev AU dienen, mrdewrseits jedoch dem 'jMschen 'Sttidenter: seiner Dolfsgeschicht« ein verlGlicher Erzieher Au sein, der vor UebertreiüwMr: Met, aber auch nichts VmuttMuMsMrdiges verschweigt. . i . Me haben diese ünseve jAinsichten über Me AußMen Mischer Geschichtsschreibung vorausgeschickt, um dttr'nit zu, hegMndmt, warum wir die von der Loge „Pmga" des! Ordens B'nei B'rith aus Anlaß ihres Wjahrig«: Bestjan-, des herausgegebene' Festschrift: „Die Juden in! Prag^ als einer: wohltuenden Versuch begrüßen, der Mrschm Geschichtsschreibung neue, klare Wege zu! toeisen. Schon der erste Aufsatz bes rikers Prvf. Dr. Samuel St ein Herz „Die Gnwmrdernng der Juden in Böhmen^ ist von einer «eqnickMden Wahrhaftigkeit, zeigt von einem beispielgebenden Verantwortungsgefühl des Lehrers der Geschw^e, d«n die Wahrheit über alles geht. Prof. Steirche^ gibt uns d« ein äußerst anregend^ Privattssimum über bk Methodik der voraussetzmrgslvsen Geschichtsforschung, irrdem er uns iKnblick gewährt in die Werkstätte seines geffttgen Schaffens und gewissermaßen schritttveise den Weg lettet> dev -ihn zu seiner Erkenntnis führte. Wir geben -ohne- Wetters zu, daß wir uns nicht imstande fühlen, zu kvntvollieren, ob das Endergebnis der Forschung SttEnherz' jeder Kritik standhätt, ob ihm nicht die eins oder anders Quelle verschlossen gMeb«n ist. Worauf es «nS hier vielmehr ankommt, ist, daß Steinherz auf alle unsicheren Httfsqnellen verzichtet mrd sie auch dam: ablehnt, loenn er durch sie ein älteres Dattrm für die jWisichlrmg von Juden in Prag gewiklnen könnte. Prof. Steinherz hatte die Leitung der RedMm Dtzr Festschrift imte und damit auch den Autoren der übrigen *WMs % «WP»# *“ *9 ys* » mü tma