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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-29 · Heft 2964 (29.5.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2964 (29.5.1927)
Date
1927-05-29
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Zektc 2 wiener Movgonzetrnng W. Mai 132? »e. ÄM Wien rpnntnq Der Berliner Kongreß. —y, Wien, 29. Mai. Ti.' Minoritätcnkommission der Union der Vöiü'rbundtigen hat si5; mit der Indenfragk zu beschäftigen gx habt. Es handelte sieb ttm die Läge der Juden tü Rrc Manien; deren Gchirksal ist nur eilt kleiNkk Ausschnitt äits der physischen und psychischen Not der Judenschaft. Utid das Judentum und seine Situation ist mrr ein kleiner Teil des MiNoritäkeNpiöblems, einer Fküge, die in die sem Umfattge vor detN Kriege völlig unbekannt umr. Die Frage ist quälend geworden. Sic steht im grcltst.e Widerspruch zu der Kriegsdevise, die die Freiheit dcr kleinen Völker erkämpfen. wollte. Die Minderheiten haben dieser Parole vertraut, und sic haben in der Einsetzung des Völkerbundes die Bürgschaft Sdlfilt ctBIifB, daß die Aufnahme der Schlltzbestimmungen in die Staatsgrnndge sehe ihnen auch tatsächlich ihr Recht sichere. Sie sind in der schwersten Weise enttäuscht ivorden. Das hat jede gute Wirkung des FrtcdensvertcagO vereitelt, Zorn und Ant angehäuft UNd die Autorität des Völkstbuttdrs gerade bei denen untergraben, die am stärksten und eifrig sten seine Propagierutlg betrieben hätten. Diele Eüttvicklung verhindert in den Staatelt, in denen. Minoritäten leben, die Konsolidierung des inUKett Friedens. Sie schasst tveiße Sklaven, eine Kategorie von Meuschell, die entschlossen sind, niemals und unter keinem Umständen sich mit diesem Zustattd anszusöhnen. Daß es in dem Vorkriegseuropa Minderheiten gegeben hatte, die des Rechtes auf ihre Sprache uttd ihre nationale Erziehung bercnrbt waren, war eine der Ursachen des Weltunglücks. Daß solche Minoritäten aber noch fortbestehen, ist ein Ungeheuerlicher Betrug, dtt keinen Frieden uttd keine Gesundung erzielen läßt. Am stärksten ist jenes Element betroffen worden, das schon vorher unter jüdischer Mknnft und Mindcrheitsstellung zu leiden hatte. Dir jüdische Minorität hat keine territoriale Macht, NNd sie MUß diesen Mangel bitter büßen. Sie rvird nicht nut mißhandelt, sondern auch noch verhöhnt. Sie ist der kompakten Majorltät ivehrlos preisgegeben. Ihr Beschwerderecht ist sine lächerliche Farce, mit dsr die Machthaber Und die Gesetzzuschneider im Handumdrehen fertig werden. Die jüdische Minderheit besitzt keine mit Arme« und Polizei ausgestattete Mutternation, sie besitzt keine zentrale Körperschaft, die im Namen aller die aktive Klagelegitimatimr handhaben könnte. Sie besitzt aber auch nichtmehr den moralischen Schatz der unbedingten Solidarität. In jedem dieser Kerkerländer dev Zerstreuung gibt es jüdische Gruppen, die müd'. und Mürbe geworden sind Und in einer blinden Bequemlichkeit sich unter Opfern an Ehre Und Pflicht zum Kompromiß und Verzicht bereit finden. In jedem dieser Länder gibt es Mische Gruppen, die nur allzu gern als Schutzjuden bei großen Parteien Unterschlupf suchen und sich aus der Gemeinschaft zu lösen bestreben. Abfall aus der einen Seite, HaßsMß äUf dek andern, das macht die Lage dieser Minderheit zu einer Hölle. Die Nvt führt die Minoritäten zueinander UNd bat sthoit im Vorjahr zu einet geMeinsarNett Konferenz den Mrtlaß gegeben, in der sich die Vertreter dieser schicksrtlsgleichen Nationen aus einheitliche Verfechtung gemeinsamer Teltdenzeu eintgtell. Es war ein historisches Ereignis, daß diese Tagung die jüdische Repräsentanz als gleichberechtigt aufnahm. Das Unglück scheint doch hin und wieder hie Men- ,scheil gerechter zu stimmen. Zwar haben sich die Hoffnungen, daß die Mutternationen der nichtjMschen Minderheiten sich dem Eindruck der Genfer Union fügen werden, nicht erfüllt, lvcnigstens bisher nicht. Aber es ist doch die Tatsache geschaffen worden, daß das jüdische Leid als düs Los einer. Nation sestgestellt wurde und diesen Erfolg verdankt man nicht zuletzt den Bestrebungen, jüdisch: Bölkerbmidligen zu bilden und so den jüdischen Forderungen eine breitere und willigere Ocfsetttlichkeit zu geben. Der Fluch der Vereürsamung ist doch gebrochen worden, und was ehedem in Bittschriften an Staatskanzleien versickerte, das wird heute von der Tribüne der internationalen Kongresse mit ccklem Nachdruck gesagt. Aber selbst in diese Institutionen dringt der Haß hinein und es zeigt sich, daß auch das Bekenntms zum Völkerbund und seinen Grundideen ganz gut mit einer Verteidigung seines Gegenteiles verbunden werden kann. Die rurnänlsche BölkerbUndtigä hat dies durch ihre Delegierten auf dem Berliner Kongreß bewiesen. Die Stätte her -Tagung hätte sie nachdenklich ftinunen müssen. Denn «- hat vor 50 Jahren einen Berliner Kongreß gegeben, auf dem die Rechtlosigkeit der Juden Rumäniens von den Mächten besprochen wurde. In Bukarest feierten jüngst Kammer And Senat die vvr 50 Jahren erfolgte Unabhängigkeits- Mlärung Rumäniens und in dieser Sitzung durste kein jüdischer Vertreter das Watt Nehme». Er hätte sagen müssen, wie sich tmch diesen 50 Jahren das Schicksal der Juden dieses Landes zeigt. Was er nicht sagen durfte, das ist aber rotever itt Berlin ausgesprochen worden und nicht von den Mächten, sondern von den Vertretern des betvUßte» Julvewuins, das seine Forderungen kennt und vertritt. Es ist gesagt worden vor einer Macht, die nicht auf Krieg und Sieg gestützt ist und die die Gewalt vertmrft, vor der >Macht der Idee und des Gewissens. Das Wort, das sich der Jjbee der Macht entgegenstellte, wird nicht verhallen und auch der Völkerbund wird es hören müssen. Die Mathematik der Tote«. Nit Fkvge der rumänischen guven vor der Union der MierdundligeN. — Mükgülltt antwortet PaNtzrati. (Bon unserem Bertt-Iwr Berichterstatter-) In der gestrigen Sitzung der MindekhciWttkojltlnissioN der Union der Völ-kdkbUNdligen wurde die Aussprache über die antisemitischen Manifestationen in Rumänien fortgesetzt. (Wir haben darüber gestern früh in einem kurzen Telegramm aus Berlin berichtet.) Auf die Ausführungen des Bukarester Universitätsrektors Pangrati antwortete zunächst der Generalsekretär der jüdischen Wlkörbundkiga in der Tschechoslowakei, Dk. Gtftll NlcktMies. Er »vendet sich gegen die Argumentation, mit welcher die rumänische Völkerbundliga und Herr Pangrati blc antisemitischen Ausschreitungen in Rumänien z u verteidigen versucht haben- Diese Verteidigung macht sich die bekannten Anwürfe gegen die Juden, daß sie nicht genügend patriotisch seien, daß sie mit den Feinden fraternisierten, und daß sie im. Weltkrieg zu wMg Tote gehabt haben, zu eigen, und verwertet sie als Rechtfertigung. An dieser Statistik ist manches auffallend. Warum vergleicht die rumänische Liga die Anzahl der gefallenen rumänischen Juden mit der Anzahl der gefallenen deutschen Juden, wo doch Rumänien unter anderen Umständen und viel kürzer im Kriege gewesen ist als Deutschland? Warum erwähnt sie nicht die Anzahl der Tausende von verschollenen Juden, ' bas heißt Toten, bei denen nur die Daten nicht sestgestellt werden konnten? Warum erwähnt sie nicht die Schwerverletzten und Verwundeten? Was soll aber diese Argumentation, diese Mathe- I Küchen, Vorzimmer! Kinder-«. Mädchenzimmer S0e*iäüfti MÖBELHAUS WEISS Vü., Keubaugasse 61 .. -..• -■■■" -~ •.. .. ----—4,-—-—--------— ' matt! der Toten? Selbst wenn diese Vorwürfe wahr waren, würde das nach den Grundsätzen, zu denen sich diese Versammlung erst gestern durch den Mund des Grafen Bernstorff bekannt hat, einem Staate das Recht geben, eine Gruppe von Menschen außerhalb des Gesetzes zu stelle» und sie dem Pöbel auszuliesern? Hat nicht ein zivilisierter Staat dazu das Strafrecht mit den Garantien, die auch den Verbrecher schützen müssen? - Sicher kann man kein Volk als Ganzes verurteilen. In jedem Volke gibt es eine Menge, die leichtgläubig ist uüd gföii Schlagmortett folgt, die sich leicht dazu verleiten läßt, zu verallgemeinern, und in ihrem Verhältnis zu anderen Gruppen sich von Haß leiten zu lassen. Das ist die eine Seite des Nationalismus. Redner kennt einen anderen Nation ülisNius, der nicht in der Herabsetzung und Verfolgung des andern Volkes, sondern in der Leistung für sein eigenes Volk sein Ziel sucht. Wenn mün die'Jugend, die Studentenschaft so belehrt, Ivtznn man ihnen die Argumente gibt, die hier von der rumänischen Liga ausgesvrochen wurden, dann ist es begreiflich, wenn diese Jugend sich zü den Ausschreitungen und Gesetzlosigkeiten berechtigt fühlt, von denen hier die Rede war. Der Rektor der Bukarester Universität habe hier, das wolle er zur Illustration anführett, bei Besprechung des Falles des Studenten Totu, der den jüdischen Studenten Fällt aus antisemitischen Motiven ermordet hatte, betont, Totu sei ein Einzelner, und man könne ihn nicht .mit dem Volk i identifizieren; — obwohl man ihm vielleicht entgegenhalttztt könnte, daß fich Ä i -e führende Intelligenz zu seiner Verteidigung gedrängt hat, -Und daß Totu unter dem Beifall der Nation wie ein Nationalheld gefeiert wurde. Andererseits aber habe Rektor Pangrati hier zur Rechtfertigung des Antisemitismus den Fall eines Juhen au geführt, der einmal einen Artikel mit Beleidigungen für die christliche Religion geschrieben haben soll. Also wenn es sich um den Mörder Totu handelt, ist es die vereinzelte Tat eines einzelnen, wenn aber ein Jude einen Artikel schreibt, dann ist das ganze jüdische Volk dafür verantwortlich- Ist das die wirkliche Gerecht tigkeit? (Änm. der Red-t Es ist sestzustellen, daß der Autor des vom Rektor Pangrati angeführten Artikels, eines Feuilletons in einer Ezsrnowitzer Zeitung, ein christlicher R n itt a n c, aber kein Jude mt.) Das jüdische Volk ist zweitausend Iahte laug durch die Welt gegangen, immer von den gleichen Beschuldigungen verfolgt, und es zieht sich auf diesem Wege eine blutige Spur, eine Spur von Argumenten, die hier mm der rumänischen Aga für Böllers Versöhnung vorgebracht worden seien. Das Ziel der Versühnung Uttd der Berftänb-igung, bas wir tzttk alle erstechen, setzt voraus, daß Man vor allem im eigenen Häufe mit strenger Gerechtigkeit gegen die Elemente des Hasses und der Feindschaft auftritt, viel mehr gegen sich feldst als gegen die andern, und daß man ängstlich bemüht bleibt, den Geist der Straße nicht in diesen ÄNal ztt netpflanzen: dazu sei aber notwendig, nicht der Geist der Selbstgerechngkeit, sondern der Geist osk Selbsikkikss, der Kritik gegen die eigene Gemeinschaft. Kreltich hökö dazu MUt. Das nvek sei üvrkyaupt die Bormrsr fetzung für die Arbeit in diesem Kreise, die ehrliche Hittgäbe an den Geist dek Geestündigung. Redner erklärt schließlich, daß er keinen Wert daraus lege, das; die vorgeschlagene Resolution odek irgendeine Resolution zu diesem Problem heute beschlossen werde. Ihm genügt es, daß diese Frage uus btt Tagesordntttig des Gewissens der zivilifletten Menschheit, welche er in diesen Bersantmelten hier zu erblicken glaubt, gestellt, ItitB gemeinsam mit den Fragen des Rechtes aller änderen Minderheiten verhandelt wevde und daß sie auf dieser Tagesordnung stehen bleibt. Der Vertreter der russischen Liga, Professor W i chntäk (Pdklsek Kmigrantengrupps), führt aus, es Me zweierlei Arien vsn Anilsemitrsmußt den brutalen ,m ©affe und den latenten, der weder in Gesetzen Noch in osseNbaven Gesetzlosigkeiten zutage trete, aber sich im Leben der Völker unmelnander und in der Art der Verwaltung in der andauernden stillen Versolgung, die man soziologisch zu rechtfertigeu vorglbt, durchsetze und welcher das Leben dieser Minderheit zu einem unerträglichen macht. Der letztere sei ihm der wichtigere. Gerade darum, weil es sich hier um einen vermanenteu Zustand handle, wüvdö Sr wünschen, daß Madäine Baklar van Böjse und andere Freunde der Minderheiten, ebenso wie sie Nach Tirol gegangen sind, auch nach Rumänien geben und zwar, um nicht Nur die Lage der Mischen MlNderheit, sondern die Frage aller Minderheiten m studieren, Witz zum Beispiel die der russischen Minderheit Allerdings müsse er Madame Äakker van Bosse watner deNn es gäbe in Rumänien eine allmächtige „Siguranza", welche unbequeme Personen a b z u s ch ä f f e n oder verschwinden zü lassen vermöge. M ö r d 6 v i (Bulgarische Liga) stellt fest, daß die Juden trotz des Berliner Kongresses die zugesügten Bürgerrechte bis nach dem Weltkrieg nicht bekMMdü Habens Als unlängst bulgarische Gtudenten die rumänischen Studenten in Bulgarien besuchen wollten, habe matt sie ge, z w u n g e n, das antisemitische Abzeichen aazustecken. P a N g r a t i (RUNiättische Liga) bekllst sich auf das Zeugnis d e s O b ö r r a b b i n e r s v o -u B u k a r e ft,. der eine Broschüre geschrieben hat, in. welcher er die Zustände itt Rumänien als durchaus b e r n h i g e n d und das rumänische Volk als tolerant bezeichnet habe.. Er beruft sich auch Noch auf das Zeugnis eines anderen Oberrabbiners, und er behauptet ferner, daß, wenn in den Neuerworbenen Ländern die Zustände nicht so gut seien wie in Alt-Rumanien, dies daraus zurückzuführen sei, daß in diesen Ländern zur Zeit der Erwevbutlgen dieser Länder durch Rumänien noch dunkles Mittelalter geherrscht habe und sie kulturell noch nicht auf der Stufe von Alt-Rumänien angelangt seien. Woher komme diese ganze Agitation gegen Rumänien? Er glaube, auf diese Frage die Antwort darin gefunden zu haberi, daß es sich hier um eine aus S ö w j e t! r e i f e n Uttd Sowjet g eldern gespeiste feindliche Bewegung gegen Rumänien handle. Baron A b e l s w a r d (Schwedische Liga) spricht den Wunsch aus, es müsse die Frage der gesamten Minderheiten einer wirklichen wissenschastlichen, von objektiven Männern geführten Untersuchung unterzogen werden, denn diese Debatte führe eher zu weiterer Entfremdung als zur Annäherung. Er bitte daher däS Bureau, eine solche Untersuchung einzuleitsn und dafür auch Gerd zur Verfügung zu stellen. S t ö t e ö (Rumänische Liga) verteidigt gegenüber Dt. Margulies die Berechtigung der Mathematik >der Töten. Er sucht durch verschiedene statistische Daten, die aber von anderer Seite durch Zurufe bestritten werden, und durch Verlesung weiterer Zeugnisse von Rabbi-nevil die Vorwürfe zu entkräften, iviEryolt zugleich andererseits die in der schriftlichen Antwort der Liga gegen die jüdischen Minderheiten allgemein erhobenen aUtWnttischen AnwÜrje. Der Antragsteller D i z e tt g o f f (Palästina) repliziert kurz auf die Ausführungen der rumönlschmi Vertreter mW charakterisiert den Wert der von diesen bchogeuen Zeugnisse der Rabbiner durch die Feststellung, daß dtejmüM, welche anders gesprochen haben, wie zum BeWd der

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