Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2963 (28.5.1927)
- Date
- 1927-05-28
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Set he 6 Men, SaindtaH Wiener MorgenzeiLrmg LS. Mat 1827 Nr. 2963 lDsi-Sohn 6ss IVIosss lVIsuwsi- Ein Wiener Roman von Leopold HicHler. Copyright 1937 by R. Löwit Verlag,Wien — Leipsig (44. 23. Kapital. l'.Uiaibc und abgespannt saß während dieser Ereigüsse Arau Sali in ihrer Wohnung. Sie war vom Feste ihres Sohnes spät nach Hause gekonnnen und Herr Hernmln hatte während der Heim'ahrt wiederholt k agcnd proinamn hatte während der Heim'ahrt wiederholt k agend prophezeit: „Wirst de sehen, Sali! Jetzt is der Schlaf vorüber. Jetzt wern mr nix mehr schloifen kömmt!" — Und «<nrm war er zu Hause in seinem Bett' — da — (lerne Klagen, ohne zu leiden — schlief er sogleich ein. Frau Sali aber blieb wach. Die ganze Nacht. — Ts dämmerte bereits, ein schwacher Lichtschimmer drang urrch die Spalten der Jalousien. — Frau Sali war noch inmer wach. Sie blickte zu dem Bett' ihres Gatten hinüber. Tr schlief fest: einen ruhigen, friedlichen Zug um seine Lippen, als sei diesen niemals ein böses Wort entschlüpft »und es vergeht kahn Tag," dachte Frau Sali, während He ihren Mann betrachtete, „mir sind zu guten schon sechsündvierzig Jahr' verheirat' — aber kahn Tag vergeht, vo er nicht streiten möcht'!" — Trotzdem blickte sie jetzt liebevoll zu ihrem Lebensgefährten hinüber. Sechsundvier- Iig Jahre Ehe! Welch' lange Zeit! — Sie betrachtete ein ehrliches Gesicht und dachte: „Ahns must man ihm lasen! — Treu war er immer zu mir!" — ulnd als wollte Herr Hermann dies bestätigen, bewegte er seine Lippen und begann im Schlaf zu sprechen. Rasch beugte sich Frau Sali ru ihrem träumenden Gatten und horchte. „Neugierig bin »ch, was er red't!" lispelte sie. „Jetzt wer' ich ahnmol die Wahrheit hören!" — Sechsundvierzig Jahre Ehe! Welch' kurze Zeit, sofern eine Frau vertrauen soll! Methusalems Gattin dürfte auch mißtraut haben. Herr Hermann lispelte im Traume weiter: „Schikkern — schwarze Rösser — am Bock sitzen!" Und Frau Sali Machte ein wenig enttäuscht: „Was redt' er da?" Mer to sind die Männer! Reden Sie schon einmal im Schlafe ind die Frau wähnt, hoffend und fürchtend, auf der rich-, '.igen Fährte zu sein, sprechen sie in Fragmenten. „Schikkern, schloifn — keine Ruh' — aber meine Frau darf nicht ..." — „Aha! Jetzt kommt's!" dachte Frau Sali. Ihre Spannung war am Höhepunkt. Sie beugte sich ijarrz nah Zu den Lippen ihres Mannes. „Reden Sie mit Meiner Frau," sagte Herr Hermann. „Sie sitzt am Bock sind schleift!" — „Was er mir alles einreden will!" dachte Frau Sali, „die ganze Nacht Hab' Ich kahn Aug' zugetnacht, sagt er: Ich schlaf'." Plötzlich 'erhob sich Herr Hertnann und rief laut: „Halt!" Dadurch wurde er munter und öffnete die Augen: „Wo bin ich?" — „Bei mir bist diu, tnei Hermann." — „Bei dir?" Der alte Herr blickte verwundert in dem wohlbekannten Schlafzimmer umher. „Bei hir?'' — Weißt du, Sali, was ich jetzt geträumt haß'?" „Rahn, Hermann," sprach sie mit Ueberzeugung. — i,Jch Hab' geträumt: Du bist am Bock von dem Einspänner gesessen und auf einmal bist du der Kutscher geworden und tzu bist davon gefahren und ich Hab' dich halten wollen und hu bist mir immer weiter'davon und bist — großer' Gott — e so. weit — in den Hinnnel hinein und ich Hab' dich gesehen, Sali, und Hab' geschrien und Hab' so e Angst gehabt, daß du nur nix mehr zurückkomlnen wirst und . ."." — „Da brauchst du kahn Sorg haben, Herinann. Ich bleib'." — „Nicht stuften. Sah!eben! Im Ernst: Ich Hab' e große Anlgst gehabt um dir. Es war auch nicht mehr ahn Pferd beim Einspänner! Es waren zwah schwarze 'Rösser.'" — „Was sagst du, Hermann? Schwarze Rösser?" — „Ja. Zwah schwarze Rösser." — „Schwarte Rösser?! — Wahßt du, Hermaim, was schwarze Rösser bedeuten?!" — „Was sollen sie bedeuten? — Narrischkaten." — „Nahn, Her- . mäün. Das senn kah:ie Narrisch"a en. Zwah schwarze Röffer! Da stirbt ahner von uns und weil ich am Bock gesessen'bür, wer' ich ..." — „Sali! Red' nix e so. Du wahßt: Du tust mr weh damit." — „Hermann! Zwah schwarze Rösser! Und ich bin oben gesessen!" — „Sahlebeu! Nicht: e so reden. Bersprech' m'r, daß du nie mehr e so reden wirst und nix daran denken wirst! Was soll ich denn tim ohne dir?!" — „E andere nemmen." — „Sali!" Herr Hermann schnellte empor. „Sali! Dir willst m'r heut' tveh tun! Du . . ." Seine Empökung, seine Furcht, beides tvaren so echt und überzeugend, daß Frau Sali gerührt wurde. „Nahn, mei alter Brummer!" rief sie froh und doch klang Bangigkeit mit. „Nahn, Hermann. 'Ich will dir nix weh tun'! —Ich — Hab' nur so gedacht. — Komm eher, mei alter Brummer; ich gib dir e Prlssl!" 2lber der alte Herr war noch zu ärgerlich und rief abwehrend: „Ich mög kahn Pnssl." — „Früher emo hl, Hermann, hast du gemögt," erwiderte Frau Sali, ein wenig verletzt, denn eine Frau — sogar in Todesahnungen — bleibt eine Frau! — "Herr "Hermann achtete nicht dieser Bemerkung und fragte "bekümmert: ,/Sag' . m'r nur, Sahlebeu, wie kommst de auf solche Gedanken?" — „Ich weiß nicht, Hermann. — Es is mir heut' auch nicht ganz gut, so — eng da . . sie griff zum 'Herzen, „So e plngst Hab' ich!" — „Warum hast du Angst?" — „Weiß ich? — Vielleicht, iveil ich nicht geschlafen Hab'." — „Du hast nicht geschlafen?" — „Ich Hab' nicht können. — Der Jung' geht mir nix aus'n Kopf. — Die ganze Nacht Hab' ich an ihn gedacht." — ,Mas?" — „Ich glaub', ' Hermann: Ich habt .ihm. tveh getan.". — „Narrischkaten. — Wieso?" — „Weil ich gesagt Hab': E Händler is mehr wie e Selcher!" — „Aber Narrischkaten! Das is doch allesahns. — Was is Händler? Was is Selcher? Die Hauptfach' is die Parnosse." — „Hermann! Ich bin doch neugierig, ob er heut' abend kommen wird? Heut' is sei Tag. Wirste sehen: Er is beleidigt. Er wird nicht kommen!" — ,Mber, Sali! Was fallt dir ein? Er wird kommen. Er denkt gar nicht mehr an das, was du gesagt hast!" —- Gustav dachte tatsächlich nicht nrehr an die Worte seiner Mutter. Sofern hatte, der alte Herr recht. Nur ahnte er nicht die Ursache dieser Vergeßlichkeit: Ein beschriebener Bogen Papier — das Gesuch um Ausnahme an die Universität — hatte alle Empfindlichkeit wegen seines Berufes beseitigt. Er wußte: Das Gesuch würde bewilligt, und seine (Fortsetzung folgt. NEUE AUSGABE HEINRICH GRAETZ VOLKSTÜMLICHE GESCHICHTE DER JUDEN IN DREI BANDEN IN ANTIQUA AUF HOLZFREIEM PAPIER GEDRUCKT, HERRLICHE GANZLEINEN BÄNDE MIT REICHER GOLDPRÄGUNG DIESES WERK DARF IN KEINEM Jܬ DISCHEN HAUSE FEHLEN, IST UN¬ ENTBEHRLICH FÜR JEDE BIBLIOTHEK RLÖW1T-VERLAG I.,FLEISCHMARKTi WIEN ROTENTURMSTR.22 Gerichtssaal. Die Gattin in die Tiefe seftürrt. Der Prozeß gegen Höllerer. Unter ungeheurer Beteiligung des Publikums begann gestern vor einem Wiener-Neustädter Schwurgericht unter Vorsitz des Hofrates D r. Straßgschwa <n dtner der Prozeß gegen den Bahnbeamten Franz Höllerer, der, wie erinnerlich, vom Schwarzen Berg bei Lilienfeld seine Gattin in einen fünfzig Meier tiefen Abgrund gestoßen hatte. Höllerer hatte ein Verhältnis mit einer Bureaukollegin, namens Wimmer, mit der er eine Reise nach Italien unternommen hatte, und die er auch heiraten wollte. Da seine Frau in die Scheidung nicht eimvilligen wollte, beschloß er sie zu beseitigen. Er unternahm mit ihr häufig Ausflüge, um ihr Mißtrauen zu zerstören. Am 6. März machte er wieder einen Ausflug auf den Schwarzen Berg, führte sejne Frau an eine gefährliche Stelle und forderte sie auf, eine Blume. zu pflücken. Anfänglich weigerte sie sich dies zu tun, er redete ihr aber zu, und als sie sich bückte, stieß er sie in den Abgrund. Dann ging er langsam zu Tal und holte Hilfe. Marie Höllerer wurde aufgefunden und ins Badener Spital gebracht. Dort erzählte er, daß seine Frau beim Mumenpflücken verunglückt sei. Er verwickelte sich jedoch ln Widersprüche, wurde in Untersuchung gezogen und gestand schließlich, seiner Frau einen Stoß versetzt zu haben. Er leugnete jedoch die mörderische Absicht und gab an, in momentaner Erregung wegen d-i-r fortwährenden Ehezwistigkeiten gehandelt zü haben. Frau Höllerer schwebte lange zwischen Tod und Leben, konnte aber doch gerettet werden uno zeigt heute noch deutliche Spuren ihrer schweren Verletzungen. Auch in der gestrigen Verhandlung blieb Höllerer, ein kluner schwächlicher Mensch mit nicht unsympathischen Gesichtszügen, bei seiner Verantwortung. Er sei dem Verein der Männerrechtler beigetreten, und wollte von Frauen überhaupt nichts mehr wißen. Mn kritischen Tage habe er mit seiner Frau ei-nen Ausflug unternommen und auf dem Wege aus einem Buche gelw-nt. Al? seine Frau sich bückte, um eine Blume abzureißen, habe er sie halkn wollen, dabei zu zittern begonnen und ihr unabsichtlich einen Stoß versetzt. Vors.: Sie haben geglaubt, daß Ihre Frau den Sturz nicht überleben wird und haben verhindert, daß die Eltern der Frau sie besuchen. — Angekl.: Ich bin kein Mörder. -- Stacttsanw. Dr. Gerö: Weil der Mord glücklicherweise unterblieben ist. — Angekl.: Hoher Gerichtshof und meine lverten Herren Geschworenen! Ich habe den Stoß meiner Frau nicht absichtlich gegeben und kann nur sagen: Lieber an die Mauer als in den Kerker. Bert Dr. Teirich (zum Angekl.): Wessen bekennen Sie sich eigentlich schuldig? — Angekl.: Der Fahrlässigkeit. Ich habe eine strafbare Tat begangen, für welche ich büßen muß. Ich wollte mich wegen meiner Unvorsichtigkeit selbst dem Gerichte stellen. Al? erste Zeugin wurde die Mutter der Frau Höllerer, Anna Dorer, vernommen. Sie gab an, daß ihr bei ihrem Besuche im Spital die Tochter erzählt habe, daß ihr Mann sie hinuntergestoßen habe. Unter großer Spannung des Publikums wird nun die Gattin des Angeklagten, Frau Marie Höllerer, eine nettgckleidete Frau, vor die Zeugenbarre gerufen. Sie gibt an, daß sie ihren Mann aus Liebe geheiratet habe. Die Streitigkeiten s:tz-:u «wst ein, als ihr Mann zu der Wimmer in Beziehungen trat. Ihr Man-n wollte durchaus die Scheidung, doch habe sie davon nichts wissen wollen. In der letzten Zeit hörten die Streitigkeiten auf. Die Frau kommt dann auf den kritischen Ausflug zu sprechen und erzählte, daß ihr Mann beim Weggehen ihrer Schwester gesagt habe: „R e s i, p f i r t di Gott, wann mir nimmer z' r n ck k o m m e n, gehört alles dir." Die Familie Danzer, die den Ausflug mitmachen wollte, habe ihr Mann nicht einladen wollen. Auf dem Schwarzen Berge habe sie von ihrent Mann ein Messer ausgeliehen, um Blumen auszustechen. Er habe zu ihr gesagt: „Du hast ja gern solche Astln" und sic aufgefordcrl, einen ckbzuschnciden. Dabei habe er sie angefaßt, plötzlich zu zittern begonnen und sie habe einen Stoß verspürt und sei sofort in Bewußtlosigkeit verfallen. Ich bin 15 Tage bewußtlos gewesen und wußte nicht, was mit mir verging. Ich bin fest davon überzeugt, daß mein Manu mich umbringen wollte und daß er mir absichtlich den Stoß versetzt hat. Ich werde nie mehr mit ihm das Ehel-'ben weiterführen. (Bewegung.) Ich verlange eine Entschädigung, denn ich bin heute noch krank und arbeitsunfähig. Ich habe Schmerzen im Kopf und in den Füßen und kann in der Nacht nicht schlafen. Er muß mir außer der Entschädigung und dem Schmerzensgeld noch Alimente bezahlen. Er hat 170 Schilling Gehalt und ich begehre 100 Schilling. Fräulein Anna Wimmer, zu der Höllerer in Beziehungen stand, sägt aus, er hRbe ihr immer von seiner unglücklichen Ehe erzählt und sie habe ihm inrmer zugeredet, sich mit seiner Frau zu versöhnen. Sie habe sich von ihm zu der Jtalienreise bewegen lassen, weil er ihr versichert Hube, er werde sie nicht berühren. Doch habe er sein Wort nicht gehalten. Ich habe -rso sagt die Zeugin — keine. Absicht gehabt, der Frau den Mann zu rauben. Heftig weinend: Ich bereue alles tief, ich bin kein schlechtes Mädl, ich bin nicht schuld an diesem Unglück. Nach Einvernahme des Revierinspektors Diwcvld, vor dem Höllerer das Geständnis abgelegt hatte, an das er sich gestevn nicht erinnern wollte, wurde die Verhandlung abgebrochen. Heute wird ein Lokalaugenschein vorgenommen. Vereine, Vorträge und Versammlungen. Verein Theodor Herzl. Heute, 8 Uhr abends, im Vereinslokale, Masergasse 4, Vortrag Ing. Deutsch: „Persönliche Eindrücke aus Palästina." — Zionistische Jugendgruppe Leopoldstadt, 2 Bez., Zirkusgasse 33. Heute um 3 Uhr Sichah der Kwnzoth „Reuth" und ,,Beth", 4 Uhr: Kwuzah „Dreh", A6 Uhr: Kwuzah „Achwah", 8 Uhr: Kwuzah „Ales, Hd Uhr: Hebräisch für Fortgeschrittene. Morgen, 7 Uhr früh, Kwuzoth-Wanderung. Die Kwuzoth „Ales" und „Beth" treffen sich um 148 Uhr Frang- Josefs-Bahn, die Kwuzoth ,Menth" und „Achwah" um Uhr Schwedenbrücke, die Kwuzah „Droh" um 7 Uhr Stadtbahn- Haltestelle Schot tenring. — Maimonides-Jnstitut Wien, Hetzgasse 40. Heute, 4 Uhr, Dr. A.Ka minka: „Sprüche der Väter." — Wiener Bet-Hamidrasch. Heute, 3 Uhr, Lektor Dr. S. Rubin: „D'.e Familienreinheit im alten Israel." — Volkshochschule Leopoldstadt, 2. Bez., Zirkusgasse 46. 7 Uhr: Dr. Gustav Ich heiser: „Vom Wert der Wissenschaft und der Kunst." Eintritt frei. V o l k s h e i m - E x k u rs i ou e n. Morgen Sonntag: Die städtebauliche Entwicklung Wiens. Ein Rundgang durch den 1. Bezirk. Führung: Univ.-Prof. Doktor Heinrich Glück. Treffpunkt: 0 Uhr vormittags beim Liebenberg- Denkmal. Hydrobiologische Exkursion (Halbtägig). Fi'chrung: Prof. Dr. Olga Janowitz. Treffpunkt: 9 Uhr vormittags bei der Reichsbrücke. Vortrag Alfred Adler. Morgen Sonntag, %8 Uhr abends, spricht Dr. Alfred Adler im Großen Saale der Volkshochschule Ottakring über keine Amerika-Reise. Gin Fest im Merores-Waisenhaus. Das ursprünglich für den 16. Ma' angesagte Fest im Merores-Waisenhaus, 19. Bezirk, Aauernfeldgasse 40, findet bei jeder Witterung morgen Sonntag um Vtb Uhr nachmittags statt. Jüdisches Zentrum der Sozialen Hilfsgemelnschaft Anitta Müller, 2. Bez., Untere Augartenstraße 36. Morgen Sonntag im Rahmen der Englisch-Kurse Ausflug nach Mauer. Treffpunkt: 1 Uhr, Stadtbahn-Halteftelle Schottenring. — Im Nahmen der Hebräisch-Kurse Ausflug nach der Paunzen. Treffpunkt: 2 Uhr, Stadtbahn-Haltestelle Schottenring. Gäste herzlich willkommen! , ' Tiflii 111 i .ul