Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2963 (28.5.1927)
- Date
- 1927-05-28
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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3cttp'ä4 Wien, Samstag Wiener Morgenzettnng 28. Mai 1927 9h. 2968 «r Aviso für Feinschmecker! TS£?n Sie speisen vorzüglich und billig in den Wiener Grand-Restaurants „National“, II., TaborstraQe Nr. 18 „Zitahof“, VII.. MariaWlferstrafle 88a T l L ji kaq Telephon 33-S33 I eiepnon 44-o-no schöne schattige Oartenterrasse. — Angenehmer Aufenthalt Erstklassige Wiener und l. orientalische Küche Speisen Natur, am Rost und Spieß — Beste Getränke NeueinfUhrung: Balkanplatte Leitung: W. Spritzer — —-— .— .. -.- -— ständigen Bedrohung des Friedens in den stmitlichcn Betrieben iiett»oröeit, da sich gerade diejenigen Arbeiter und Stantsmigestellten gegen das Gehaltsgesetz erklärten, die mit einer gewissen Ansicht ans Erfolg von gewerffchaftlichen Kampfmitteln Gebrauch machen können. Der Regierung ist es zwar gelu-ngen, unmittelbar vor den Wahlen den A n s b r n ch ein e s neue n K 0 n f l i k t e s m i t den Beamten h i n t a n z u h a l t e n, aber die „Technische Union" und die „Postgewerkschaft" präsentieren jetzt die Rechnung für ihr Wohlverhalten, und der Fünfundzwangiger-Ausschust, in dem die Gesamtbeamtenschaft vertreten ist, wird kaum zurückstehen können. Der verflossene Bundeskanzler D r. Ramel ist mitten im Streit mit den Beamten von der Kanzlerschaft abgetreten und hat D r. Seipel Platz gemacht. Schon heißt cs jetzt, daß Generalpostdirektor Hoheisel das nächste Opfer sein wird, das im 5kricg um die Zusammensetzung der Personalvertretungen fallen soll. Noch ist die Drohung mit dem Poststreit eine rein gewerkschaftliche Angelegenkeit. Niemand kann aber sagen, mann sie eine politische werden wird. Die Regierung wird sehr geschickt operieren müssen, mn nicht vor allem den Unwillen jenes Teiles der Bevölkerung heraufzubeschwören, der ihr bei den Wahlen die Macht in die Hand gab. Aber auch jener Teil der Bevölkerung, dessen Schicksal es ist, sich von den christlichsozialen, großdcutschen und landbündlerischen Geisteshelden regieren zu lassen, hat ein Recht daraus, daß zumindest seine Briefschaften ordnungsmäßig befördert, das Telephon, das er ini voraus bezahlen muß, auch funktioniert und daß auf den Fernkabeln, für deren Anschaffung die Völterbundkreditreste verwendet und die Gesamtbevölkerung schwere Zinsen- und Amortisationskosten aufbringen muß, auch Ferngespräche abgewickelt werden tonnen. Wohnbandebalte Im Wiener Gemeinderat. Die gestrige Sitzung ces Wiener Gemeilwerates stand , ganz im Zeichen des Wohnbauprogrämmes des Gemeinde Wien. Auf der 'Tagesordnung standen '166 Geschäftsstückc, zu deren Behandlung 191 Redner vorgemerkt waren. Die . Tagesordnung konnte naturgenläß nacht erschöpft werden. Stadtrat Weber referierte über das Wohnbanprogramm, das im Laufe von fünf Jahren 'Me Erbauung von *0.000 Wohnungen vorsieht. In Hinkunst werden für Leute, die : ihren Beruf in der Wohnung ausüben, größere Wohnungen und für Junggesellen kleinere Wohnungen errichtet werden. Bei der Spinnerin am Kreuz und am Tivoli sollen Gartenstädte ersahen. 'Stadtrat'Weber erklärte dezidiert, daß die Gemeinde für Wohnhausbauten k e ine Än l e ihe ausnehmen tverde, weil der Wohnhausbau als dauernde Tätigkeit betrachtet werde, für die die Mittel jährlich aufgebracht werden müssen. Stadtrat Kunschak, der Redner der Opposition, erklärte, die Gemeinde schände alle Wohn hausbauten llrit der Lüge, daß diese aus den 'Dritteln der Wohnbausteuer errichtet werden. In Wirklichkeit wird durch diese Steuer nur ein Drittel des Erfordernisses gedeckt. .Die Mieter werden in den Gemeindehäusern politisch vergewaltigt und stehen immer Unter der Knute der' Hausvertrauensleute. Ter Hochbau sei von allen Fachleuten, insbesondere von Miolf Damaschke, abgelehnt worden. Nur im Siedlungsbau, den die Gemeinde arg vernachlässige, sei die wirklich moderne Form der 'Wohnkultur. Die 'Gemeinde habe kein den Beweglichkeit, ihrem sich drängenden .Tempo, -ihrem beherrschenden Atem, mit dem sie den Einzelnen einsaugt — diese Stadt ist dem Niedersachsen, der beharrlich und eigenwillig seinen Sinn, seinen Rhythmus, sein Tempo gewahrt und einzeln gewertet wissen will, ein Aergernis. Er wird in ihr nie heimisch sein. Sie trägt nicht zur Entfaltung der. Werte seiner Art bei, und sie ist Mr sein Sehen, für seine geistige Existenz mithin ein Unwert, ein Fremdes, ein Verhaßtes. Und dies Fremde bringt er heute noch in eilte völlig blinde Verbindung mit dem Frerndheitsertesbnis seiner Jugend: „Wenn ich die vielen Häuser und die vielen Menschen sehe..., dann sind mir die Juden wieder genau so verhaßt, wie der Jude Saul auf der Schule." Das Kindheits- und Jugenderlebnis hat hier eine Gestalt. des Juden geformt, die gewachsen ist, hineingewachsen in das individuelle Wertsystem des Mannes, und hat sie ansgeformt zum Symbol, in dem alles Befremdende, Unerwünschte, Abgewiesenc, Hemmeird-Unwerte innerhalb der eigenen Erfahrung zusammenrinnt mtt dem Fremdheitserlebnis der eigenen Jugend. In diesem Symbol des Juden wird das Unerwünschte ursächlich gedeutet, abgelehnt und bekämpft. Der Jude bleibt nicht nur, was er dem tvar: der Fliehend-Abtrünnige, der Unheimliche, der „das Andere" will — er wächst vielmehr in der Vorstellung aus diesem zu dem, der „das Andere" Tag für Tag unterirdisch und feindselig zeugt. Die Lust in Deutschland ist voll solcher Symbolurteile. Die naive Politik der Masse lebt von ihnen in tausendfältiger Gestalt. Man soll die Luft von ihnen reinigen. Man soll selbstverantwortlich sehen, deuten und herleiten lernen. Wer sich eines Symbols bedient statt der eigenen Kraft des Urteilens und statt des Mutes der eigenen Erkenntnis, der schwächt diese Kraft und diesen Mut. Er schläfert sie ein — statt sie auszurufen und sie zu trainieren, daß sie ohne Vorbehalt, ohne Symbol, ohne Sentimentalität ihre Schärfe und ihre eigenen Tiefendimensionen bewahren und mehren. wirksames Mittel zur Bekcnnpfung der Wohnungsnot gefunden, denn das Untermieterelend sei größer als, je zuvor. Die Ausbeutung der Unterniieter ist himmelschreiend. Nach längerer Debatte ivurde schließlich der Antrag aus Errichtung von 30.090 Wohnungen einstimmig angenommen. Sodann wurde der „Gesiba" zur Förderung des Siedlungswesens ein Darlehen von einer Million Schilling gewährt. ' Mutige Ztreilunruhen in Saloniki. Aussperrung m Taöakarveltern. A t h e n, 27. Mai. Vor einigen Tagen haben die Unternehmer die Tabakarlbciter von Saloniki wegen unerfüllbarer Lohnforderungen ausgesperrt. Heute vormittags wurde mit Hilfe von Militär und Gendarmerie der Versuch unternommen, die Tabak« «rbeiter gewaltsam zur Wiederaufnahme der Arbeit zu zwingen. Tabei kam cs zu blutigen Zusammenstößeu. Organisierte Kommunisten griffen den M i l i t ä r k 0 r d 0 n an, der eine Fabrik abgesperrt hielt. Die Soldaten gingen mit dem Bajonett gegen die Menge vor. Zahlreiche Personen wurden verletzt. Die Polizei nahm viele Verhaftungen vor. Staatrpröfident und Minister nicht in der Wöhlerlifte.' Die Warschauer Blätter erzählen interessante Episoden aus den jüngsten Stadtratswahlen. So habe Staatspräsident Prof. Mojzcgyski gleich nach Ausschreibung der Wahlen den Wunsch geäußert, mit seiner Familie — seine Gattin war seinerzeit Mitglied des Lewberger Stad tra tcs — an den Wahlen teilzunehmeii. Sein Adjutant mußte jedoch im Hauptwahlbureau feststellen, daß der Staatspräsident in der Wählerl'ste überhaupt nicht vorkommt., fax forderte die, nachträgliche Eintragung, was jedoch mit der Begründung ab gelehnt wurde, daß „der erste Bürger ^des Staates nicht zu wählen habe". Es wurde eine Vorstellung bei der obersten Wahlbehörde gemacht. Inzwischen war die Reklamationsfrist verstrichen und die endgültige Wählerliste fertiggestellt. Die .Hauptwahlkommission entschied sich für das Wahlrecht des Staatspräsidenten, und so kam es, daß der „erste Bürger des Staates" an letzter Stelle der Wählerliste figuriert. Anch Marschall P i l s u d s k i war nicht in die Wählerliste ausgenommen, weil er nicht in Warschau gemeldet ist und, wie es in der Begründung heißt, auch keinen Paß besitzt. Er konnte auch das Wahlrecht nicht ausüben. Auch Innenminister Skladkowski konnte erst im Wege der Reklamation Aufnahme in die Wählerliste finden. Mininturkunftwerke. Die moderne Kunst geht aus das Große und Imposante. Es gab aber Zeiten, da viele Künstler ihren besonderen Stolz dareinsetzten, möglichst kleine Kunstwerke oder Luxusartikel zu erzeugen. Im sechzehnten Jahrhundert wußte es ein französischer Miniaturmaler so tveit zu bringen, daß er einen Plan von Paris verfertigte, der so klein war, daß ihn eine Brummfliege völlig bedeckte. In derselben Zeit soll ein niederländischer Maler eine La n d s ch a 11 gemalt haben, bic nicht größer war als ein Maiskorn,, aber doch alle Einzelheiten deutlich erkennen ließ. Ein scharfer Beobachter konnte darin eine sich lustig drehenöe Windmühle entdecken, einen Müller, der mit einem Sack Mehl auf den Schultern die Treppe hinauslief, ein Pferd, einen Wagen und ein paar Wanderer. Wo das kuriose Bild aber geblieben ist, weiß niemand, ebensowenig läßt sich mit Sicherheit feststellen, ob die 1600 elfenbeinernen Teller, die einen Umfang von einem Pfennig-Stück hatten, und die ein italienischer Elfenbeindreher dem Papst Paulus V. schenkte, noch existieren. Einem Künstler ans Mecheln gelang es, ein Männlein aus einem Kirschkern zu schnitzen, in dem vierzehn Würfel Platz fanden. Die Augen der Würfel waren so deutlich, daß man sie mit dem bloßen Auge unterscheiden konnte. Kirschkerne hatten es früher den Holzschnitzern überhaupt angetan. Das Dresdener Kunstmuseum bewahrte lange Zeit einen ganz sonderbar bearbeiteten Kirschkern auf, der, betrachtete man ihn durch ein Mikroskop, 180 verschiedene Gesichter aufwies. 1 3500 Kilometer tSgllch legen im regelmäßigen Dienst die Flugzeuge der Polnischen Luftverkehrs-A.-G. „Aerolot", Wien, 1. Bezirk, Tegetthosfstraße 7, Telephon 71-0-84, zurück. Passagiere, Waren und Briefe werden schnell und sicher befördert. Letzte Nachrichten. Ein Bericht Albert Lhomas' über die rnsstfche Frage. Genf, 27. Mai. Der Direktor des Internationalen Arbeitsamtes, Albert Thomas, behandelt in seinem Jahresbericht außerordentlich eingehend auch die russische Frage. Er kommt dabei zu dem Schlüsse, daß Sowjetrußland unter der Eimvirkung dringender und unwiderstehlicher Bedürfnisse zweifellos in naher Zukunft sich all den Bestrebungen werde anschließen müssen, die darauf gerichtet sind, die Gemeinschaft der Völker auf neuer Grundlage zu organisieren. Die langsame, aber sichere Umwälzung der inneren wirtschaftlichen Verhältnisse werde Sowjetrußland dazu zwingen, immer mchr Anteil am internationalen Leben zu nehmen. Von der Lösung der Kapitalsfragen hänge nach der Meinung maßgebender Sowjetkroise die Lösung aller wirtschaftlichen, sozialen und polttischen Probleme ab, die sich in den nächsten Jahren in Rußland geltend machen werden. So sei die Krise der gesamten russischen Volkswirtschaft tatsächlich eng mit dem Problem der Beziehungen Rußlands zur Weltwirtschaft verflochten. Rußland werde also in seinem eigenen Interesse genötigt sein, mchr Anteil an d«r Weltwirtschaft zu nehmen. Antibritische Debatte in der ägyptischen Kammer. L 0 n d 0 n, 27. Mai. Aus Kairo wird gemeldet, daß in der ä g y p t i s ch e n K a m m e r eine Debatte über den kürzlichen Besuch des Obevkommissärs Lord Lloyd in M i n i a (Ober-Aegypten) stattgesunden hat. Die Stimmung >var nach der „Times" ausgesprochen antibritisch. Die Redner bezeichneten den Besuch als Verletzung der Unabhängigkeit Aegyptens und der nationalen Würde. Die gegen England gerichteten Aeußerungen fanden lebhaften B c t f a l l. In der Entschließung, in der die Beamten, die an dom Empfang Lord Lloyds teilnahmen, getadelt werden, wurde e i n st i m m i g angenommen. Sie polnischen Presse Srdonnnzen. W a 1 j dj a u, 26. Mai. Im Gesetzblatt veröffentlicht die Negierung nun ihre im April, wie seinerzeit gemeldet, beschlossene Verfügung über die Presse. Nachdem vor einigen Monaten durch Verfügung des Präsidenten ein die Presse knebelndes Gesetz herausgegeben worden war, das von allen Parteien abgelehnt wurde, ist jetzt mit mehrfachen unbedeutenden Aenderungen ein neues, endgültiges Pressedekret erschienen, das kaum bester ist als das abgelehnte. Zunächst wird für den Staatspräsident e n eine Art Majestätsbcleidigungsparagraph geschaffen, der Strafen bis zu 8 Jahren Gefängnis oder 6000 Zloty Geldstrafe für Beleidigungen des Präsidenten schafft. Die Verfolgung tritt behördlich ein, also nicht aus Antrag des Beleidigten. Ebenso erfolgt behördliche Verfolgung bei der Beleidigung von zivilen oder militärischen Beamten, die in der Ausübung ihres Amtes handeln. Hier ist aber die Verteidigung zugelassen. Die Strafen lauten bis zu drei Monaten Gefängnis und 1000 Zloty Geldstrafe. Die betreffende Veröffentlichung loird beschlagnahmt. Die mündlich erfolgte Verbreitung unwahrer Nachrichten, die «dem Lande Schaden zusügen", werden mtt Gefängnis bis zu drei Monaten belegt, auch wenn die Nachrichten nur als Gerüchte weitergogeben wurden. Ist die Nachricht jedoch gedruckt wordenes kann Strafe bis zu sechs Monaten erfolgen. Nachdem diese Verfügung nun im Gesetzblatt veröffentlicht worden ist, hat es die Negierung in der Hand, jede Presseäutzerung, die ihre Handlung kritisiert oder die ihr persönlich unangenehm ist, zu verfolgen und zu unterdrücken. Mundtotmnchnng der Minderheiten i« Litauen. Kowno, Ü4. Mai. (I. T. Ai) Die Regierung verbreitet eine von sämtlichen Ministern Unterzeichnete Kundgebung an das Volk, in der eine scharfe Tonart gegen die nationalen Minderheiten angeschlagen und gesagt wird, diese dürfeu nicht weiter eine ausschlaggebende Rolle int Parlament 'spielen. Die Regierung wvkle durch Verfassung Länder un g ein nenes Wahlgesetz schaffen, das die Herabsetzung der Abgeordnetenzahl auf min- ' bestens die Hälfte versieht.