Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2963 (28.5.1927)
- Date
- 1927-05-28
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Ti '■» ’v W 'IJ^-W Ä'» mf*mrrj^r <%- *7/i-v> 2963 Wien, Samstag Wiener Morgenzeitung 28. Mai 1927 Seite 3 Tagesbericht. Lindbergh kommt «ach Me«? Eine Rundreise vurch die europSischen Hauptstildtt. Paris, 27. Mai. Der Transozeanflieger Lindbergh hat heute früh auf einem ihm zur Verfügung gestellten französischen Jagdflugzeug eine Stunde hindurch Flüge über die Stadt veranstaltet. Eine riesige Menschenmenge sammelte sich auf den Plätzen und winkte den: Flieger, der absichtlich sehr niedrig flog, begeistert zu. Nach seiner Rückkehr auf das Flugfeld führte er einige derart waghalsige Akrobatenkun st stücke ans, daß die französischen Flieger geradezu entsetzt lvaren. Heute nachmittags wurde Lindbergh im Senat empfangen. Er wird morgen nach Brüssel fliegen. Wie verlautet, hat sich Lindbergh heute entschlossen, einigen europäischen Hauptstädten einen Besuch a b z u st a t t c n. Er will einen Rundflug von Brüssel nach London, zurück nach Paris und dann nach Berlin, Wien, Prag und Rom fliegen. Nach einer Meldung aus Newyork rüstet ganz Amerika zum Empfang Lindberghs. Besonders Washington plant eine große offizielle Ankunstsfeier, der auch der Präsident Coolidge und das Repräsentantenhaus beiwohnen wird. St. Louis, die Heimatstadt des Fliegers, will den Tag seiner Rückkehr als gesetzlichen Feiertag erklären. Das Flugfeld Chicagos soll auf den Namen Lindberghs umbenannt werden. Verschiedene Städte Am-rikas werden goldene Ehrenmedaillen durch ihre Bürgermeister Lindbergh überreichen lassen. Ile belgische Königin bei der Mutter Rungeffers. Paris, 27. Mai. Die im Paris inkognito weilende belgische Königin hat gestern abends der Mutter Rungeffers einen halbstündigen Besuch abgestattet. De Pinedos Slug. Rom, 27. Mai. Die Newyornr Vertretung der .--genzia Stcfani erhält aus Horta einen Bericht über den Flug de Pinedos von Trepassey nach den Azoren. Darnach wurde de Mnedo durch äußerst starken Gegenwind behindert und entschloß sich, da er die Azoren nicht in der von ihm berechneten Zeit erreichen konnte, auf das Meer niederzugehen, um erst nach einer Acnderung der Windverhältnisse tvieder aufzusteigen. Dies geschah in den letzten Nachmittagsstunden des 23. Mai. Da sich die atmosphärischen Verhältnisse weiterhin erheblich verschlechterten, war das Flugzeug „Santa Maria" gezwungen, drei Tage auf dem sehr bewegten Meer zu bleiben, wobei ihm eine portugiesische Goelette Beistand leistete. Nach zwei Tagen ununterbrochenen Kampfes mit dem immer stürmischer bewegten Ozean erlitt es eine leichte Havarie an einem Flügel. Gestern nahm der italienische Dampfer „Superba" die „Santa Maria" ins Schlepptau und brachte sie in den Hafen von Horta, von wo das Flugzeug nach der Revaratur des Flügels seinen Flug sortsetzen wird. Eine antisemitische Kulturtat in Graz. Studenten verhindern eine Aufführung von Shakespeares „Sommernachtstramn". Der Regisseur B. M a r h o l m hat in der grünen Steiermark mit dem Hakenkreuz nähere Bekanntschaft genracht. Marholm, ein gebürtiger Brünner, hat seinerzeit gemeinsam mit Harry Walden die Direktion der Wiener Renaissancebühne geführt und wurde später Schüler und Gehilfe des berühmten russischen Regisseurs T a i r o f f. Aus Rußland zurückgekehrt, hat er in Wien u. a. eine deutsche Aufführung von Auflis „Dybnk" in der Nolandbühne und eigenartige, viel bemerkte Aufführungen in der Volksoper geleitet, lieber Einladung des Grazer Stadtiheaters übernahm MarholM einige Regieaufgaben in Graz, darunter zunächst die Inszenierung des „Sommernachtstraum". Aber die antisemitischen Kulturträger von der Grazer Universität wollten sich eine Shakespeare-Aufführung, die ein „fremdrassiger" Künstler formt, nicht bieten lassen und krawallierten fürchterlich. Weder die Entrüstung des Publikums, noch das Einschreiten der Polizei konnte ihren Kultursieg verhindern: Bereits um Uhr mußte die Vorstellung abgebrochen werden. Gewohnt, ganze Arbeit zu tun, zogen die ehrenfesten Burschenschafter aus dem Theatersaal zum Bühnentürl und demonstrierten solange gegen den Juden Marholm, der es gewagt hatte, der Einladung in arische Graz Folge zu leisten, um dortselbst für die Popularisierung Shakespeares zu wirken, bis sie die Schutzleute — der Platz vor dem Bühnentürl ist kein Universitätsboden — auseinanderjagte. Abgetragene Msnmam««». Zwischen Deutschland und der Tschechoslowakei wird das Visum aufgehoben. — Und Oesterreich? Wie aus Berlin gemeldet wird, haben , die vor einigen Tagen begonnenen Verhandlungen zwischen Vertretem der deutschen und tschechoslowakischen Regierung über die Aufhebung des Visumzwanges zu einem posi- Die Gefahr eines Post-, Telegraphen- und T e l e p h o n st r e i k s ist, wenn man den aufgeregten Meldungen, die von interessierter Seite lanciert werden, glauben darf, wieder sehr nahe gerückt. Die „T e chnische Union" und die „P o st g e w e r k s ch a f t", die beiden im sozialdemokratischen Fahrwasser segelnden Organisationen der Post-, Telegraphen- und Telephonangestellten, haben auf ihre Forderungen, die sie schon vor geraumer Zeit gestellt haben, eine ihnen ungenügend erscheinende Antwort der Generalpostdiroktion erhalten und wollen am Montag ein kurzfristiges Ultimatum stellen, nach dessen Ablauf etwa am Dienstag nach Pfingsten der Streik beginnen soll. Strittig sind eine Reihe von Forderungen, die sich auf die Bezahlung der sogenannten Nebengebühren, das sind Nachtdienstzulagcn und Fahrtzulagen für die Postchausseure, und Gebühren für die auf der Strecke arbeitenden Monteure usw. beziehen, ferner die Vorrückung mt die höheren Gehaltsstufen und die Anstellung auf systemisierten Dienstposten, kurzum Dinge, an denen die große Oefsentlichkeit durchaus nicht interessiert ist. Wie der Generalpostdirektor, bezw. die Regierung in den Staatsbetrieben mit ihrem Personal auskommt, das ist Sache der Regierung bezw. der leitenden Beamten, denen sie die Führung der Monopol-Unternehmungen des' Bundcs anvertraut. Im hohen Grade interessiert an der 'klaglosen und reibungslosen Aufvechterhaltung des Post-, Telegraphen- und Telephondienstes ist aber die ganze öffentliche und Privatwirtschaft Oesterreichs. Sie kümmert sich nicht darum, daß!fiein~Jfamm&amanzuü nadk Jttaß #150.— HerrenkleiderhausBeinrichWeinberger l., Singerstraße 6. tiven Ergebnis geführt. So ist damit zu rechnen, daß in absehbarer Zeit auch zwischen diesen benachbarten Ländern die Visummauern fallen. Be: dieser Gelegenheit erhebt sich die Frage: Wie stehen eigentlich die schon lange angebahnten Verhandlungen Mischen Oe st erreich und ,der Tschechoslowakei über die Aushebung des Visums? Seinerzeit haben tschechoslowakische Regierungskreise Bereitwilligkeit zur Aufhebung des Visums im Verkehr mi. Oesterreich erklärt, dabei aber bemerkt, daß von österreichischer Seite Schwierigkeiten gemacht werden. Dann hörte man lange nichts, bis endlich die österreichische Regierung doch die Sprache fand und erklärte, es sei umgekehrt, die Tschechoslowakei mache wegen des _ Arbeiterschutzes Schwierigkeiten. Dann wieder lange'- Pause, bis es zu der österreichischen Erklärung kam, die besägt/^ daß wir das Visum gegenüber allen Staaten aufzuheben be^st^ seien, die an uns desgleichen tun. Vor den Wahlen lanciektE man allerhand Nachrichten von unmittelbar bevorstehender Aufhebung des österreichisch-tschechoslowakischen Visums, versah .sie mit Zitaten aus Aeußerungen tschechoslowakischer Vertreter (die prompt dementiert wurden) und seither ist es still; die Wahlen sind vorüber und wir haben mit der Tschechoslowcuü den Handelsvertrag aufgehoben, aber das Visum besteht weiter. die Disziplin in den Staatsbetrieben Oosteroichs flöten gegangen ist, weil parteipolitische Einflüsse der verschiedensten Art in der Beamten- und Gehaltspolitik des Bundes alles in Unordnung gebrachten haben. Der Oefsentlichkeit ist es ziemlich egal, ob die Personalvertretung der Delegraphenangestellten nur aus Anhängern der Einheitsparteien besteht, wie es gegenwärtig der Fall ist, oder ob Abgeordneter Zelenka mit seiner „Technischen Union" die Personal- Vertretung der Telegraphenangestellten fest in der Hand halt. Der ganze Streit, der jetzt zum Streik zu werden droht, ist aus einem Konflikt über die Personalvertretungswahlen hervorgegangen. . ,, . , * Die tieferen Ursachen für die ständigen Streikdrohungen der öffentlichen Angestellten in Oesterreich liegen wohl darin, daß alle politischen Parteien und die Regierungsparteien nicht in letzter Linie mit der Beamtenfrage ihre politischen Geschäfte machen. Sie alle haben ihnen nahestehende Beamtenorganisationen, die sie je nach ihren augenblicklichen demagogischen Bedürfnissen mit Forderungen hervortreten lassen. Dazu kommt noch, daß die wechselnden Regierungen in ihrer Personalpolitik eine recht ungeschickte Hand bewiesen haben. Dies läßt die Beamtensrage nie zu einer länger dauernden Beruhigung kommen. Es gibt nur zwischen den Streiks und Streikdrohungen Zeiten der Waffenruhe, die kaum länger daucrn als von einer Budgetberatung zur andern. Das Gehaltsgesetz zum Beispiel, daß die Ansätze für eine definitive Regelung der Gehalts- und Vorrückungssragen und der Anstellungsverhältnisse hätte dauernd festlegen sollen, ist zu einer Stillegung des Poftverkehres ln Sefteneich? Sin Ultimatum der Technischen Union nnd der Postgewerkschaft. Das tzrlebnis des jüdischen Kinder. Von Dr. Michael Müller-Claudius. Im Verlage C. A. Schwetschke L Sohn in Berlin ist dieser Tage eine Studie über den deutschen Antisemitismus von Dr. Michael Müller-Claudius unter dem Titel „De n t sche Ras seP a ngst" erschienen. Der Autor behandelt, wie dies richtig ist, den Antisemitismus nicht als eine jüdische, sondern als eine d e u tfch e .Angelegenheit und sogar als eine deutsche Gefahr. Wir entnehmen dem Buche das folgende Kapitel, das dort „Erlebnis und Syrnbol" benannt ist. 1. Georg Brandes erzählt in seinen Lebenserinnerulltü" diese frühe Kindheitsszene: „Wenn er (Georg Brandes selber) bem Dienstmädchen nachtrollte, das den jüngeren Bruder an der Hand hielt, hörte er zuweilen hinter sich etwas rufen, nnd ivenu er sich umwandte, erblickte er einen grinsenden Jungen mit verzerrteni Munde und drohenden Hält den. Lange Zeit hatte er nicht weiter darauf geachtet, aber allmählich kehrte der Ausruf öfters wieder, uub er fragte das Mädchenwas er bedeute. Sie antwortete: Ach, gar nichts! Auf seine wiederholte Frage sagte sie nur: Das ist ein garstiges Wort. Mer eines Tages, als er voll neuem den Ausruf vernommen hatte, wollte er. Bescheid wissen, und als er nach Haufe kam, fragte er feine Mutter: Was bedeutet das? — Jude I sagte die Mutter. Jude»:, das sind eülige Mensthen. — Garstige Menschen? Ja, antwortete die Mutter lächelnd, zuweilen recht häßliche Menschen, doch llicht inuiler. — Kann ich einen bilden zu sehen bekommen? — Das kanllst du loohl, antwortete die Mutter und hob den Kleine»! zu dem großen, ovalen Spiegel empor, der über dem Sofa hing. Er stieß einen Schrei aus, der die Mutter bewog, ihn eiligst wieder auf den Fußboden herabzulassen, m»d er zeigte sich so entsetzt, daß die Mutter bedauerte, ihn nicht vorbereitet zu haben. Später sprach sie zuweilen davon." * Einmal ertönt dieser Schrei in jedem jüdischen Kinde. Er ist der Schrei des Verwundeten, dessen Wunden nicht mehr heile»!. Und mit diesern Schrei ist das Killd — der Andere geworden. Diese» Wunde, die »oir nicht kennen, »nuß in ihm biologische Kräfte auslösen, deren Befonderheit darauf gerichtet ist, Qual, Marter und Gefahr dieser Wunden zu bannen — biologische Kräfte, zu deren Auslösung in uns Anderen keine Veranlassung besteht und die nun wie ein trennender' Strom ztvischen uns und ihnen fließen. Dieser Strom trennt — und er verbindet. Denn sein Quellpunkt liegt in einer Wunde — und in der Hand, dem Wort, dem Lächeln, das die Wunde schlug. < Und diese Hand, dieses Wort, dies Lächeln ist nie eines Inden gelvefen — sondern unser. Dies ist ein Ring von seltsam mystischer Tragik. Wieviel Trennendes der reine Rassenunterschied mit sich führen mag — »oir luiffeu es nicht. Wir können es nicht »vissen. De»ln che das Belvußtseiu seine erste Reife erhält, trägt das jüdische Kind jene Wunde in sich, entfesseln sich langsam, naturhast und mit biologischer Notwendigkeit jene Kräfte, die sich um die Not der blutenden Wunde lege»» — und die unserem Erleben für all.' Zeit fremd bleibe»». Alle, die hingehen und alle Tage zu dem deutschen Volke sprechen: „Hebet eure Hände aus gegen die Juden! Verdammt sie! Dell» sie sind die Fremden!" — weiß einer voll ihnen, in welcher Tiefe der Verfemterr die Fremdheit der Rasse und in welcher tieferen Tiefe jene andere Fremdheit anklagend leidet, die unsere Hände in die tiefsten Tiefen des Kindes schon warfen, bittere Saat, über deren Wachstum der Sämann am wenigsten richten darf, denn »vas er in der Ernte das Fremde »»ennt, ist in der Saat mit ihm verbunden, wie seine Hand mit seinem Leib? Die jüdische Frage trägt für uns Tiefeil in sich, die wir wagen müssen zu sehen und mit unserer Erkenntnis zu durchleuchten. Ohne dies Licht gibt es keine Rechtsprechung und keine Verantwortung. Ohne dies Licht werden »vir uns selbst schlagen. Davon wird die Rede sein. Alles unerhellte Dunkel ist Gefahr für den, der in seinem Gewissen nicht willens ist, es zu erhellen. 2. Ein gelehrter, besinnlicher und kultivierter Philosoph erzählte mir: „Ich ging im Niedersächsischen zur Schule. Ein Jllde war nur in meiner Klasse. Mer er »oar doch so anders, daß schon »vir Juden diesen Brüdern, so rocht mißtrauen lernten. Ich habe bann nie mehr mit Inden eine Berührung gehabt. Mer heute noch, lvenn ich in meiner Heimat geweserl bin und nach Berlin zurückiomme und die vielell Häuser und die vielen Menschell sehe, muß ich wieder an meine Kindheit denken, und danil sind mir die Juden »vieder so verhaßt, »vie der Jude Saul auf der Schule." Ich habe diese Aeußerung im Wortlaut bewährt. Sie ist symptomatisch. Der Jude, der Andere, tvurde auf der Schule mit Mißtrauen umgeben. Man hatte keine Deutung für fein Anderssein. Dieses Jugenderleben der Fremdheit wirkt bis ins Mer hinein bestimmend aus die Urteilshaltung gegenüber den Juden. Die Stadt mit ihrer Masse, ihrer unklar sich tausendfach überschneiden"