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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-28 · Heft 2963 (28.5.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2963 (28.5.1927)
Date
1927-05-28
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wiener MorgenzeiLung 86. Mai 1927 Rr. 2968 2$ Irrt, Samölag -f Majartzks Wiederwahl. ' -y. Wien. 28. Mai. Prag batte gestern Feiertag. Die Häuser trugen Flaggensetunuck. in den Straßen ring-r inu das Rudolsinuin im Bereich der ebcmatigen Hudenstadt drängten sich Städter und Bauern, um den neugeivählten Präsidenten, das Oberhaupt de>Z jungen tfcl?gcliof 1 oiucttifcl)cn Staates, zu begrüßen. Der Erwählte ist Thomas Garrigue Masaryk, zum ie Minoritätensrage auf der AkerbundLige«. agung der Me Bulgaren in der Mrudscha. - Die gude« In RnmSnleu. - Sie Deutschen in Südtirol. (Bon unserem Berliner Berichterstatter.) drittenmal an die höchste Stelle der Republik berufen, die »r im Sturm des Krieges geschaffen und gemeinsam mit den schöpferischsten Männern der tschechischen Nation organisiert hat. Hm November 1918 tvar er aus dem Exil heimgekehrt und von der ersten Volksvertretung, der revolutionären Konstituante, einstimmig zum Präsidenten gewählt worden. Der Dank für seine Arbeit und das Vertrauen in seine aufbauende und ordnende Mast kam in diesem Votum zum Ausdruck. Zwei Jahre später wiederholte das , Parlament seinen Beschluß. Der neue Staat war bereits in seinen materiellen und kulturellen Unterlagen fest be- : gründet und durch Masaryk in die Gemeinschaft der europäischen Familie eingeführt worden. Die gestrige Wahl trägt aber schon einen ganz anderen Charakter. Für Masa- . ryk stimmten diesmal auch die deutschen Bürger und Sozialdemokraten. Gegen ihn die extremen Nationalisten beider Lager. Für ihn stimmten Parteien, die in der Opposi- . tion zur Regierung stehen und gegen ihn hatte noch in der letzten Stunde die nationaldcmokrätrschc Partei Kramarschs eine Diversion versucht. Das ist die Partei des fascistischcn Chauvinismus, die Gruppe der Machtfetischistcu, die noch in'der 'Atmosphäre der Sturm- und Drangzcit lebt und nichts vergessen will. . Der altneuc Präsident hat eilt Los erlebt, wie es tuteselten und nur wenigen fällt. Er hat selbst den Traum; seines Lebens verwirklichen und seine Nation zur Freiheit I erziehen können; er ist tu freier Wahl ihr Oberhaupt geworden. und er sieht seine Bedeutung als Führer und Den- ker widerspruchslos anerkannt. Seinen Namen nennt die ganze geistige Welt in unbegrenzter Verehrung. In hat das Lernen. und Lehren zum Menschentum geführt und er hat der : Zeitkrankheit des nationalen und religiösen Hasses sich niemals anbequemt. Er ist ein unbeirrbarer Künder der Wahrheit, ein Bekämpser der Lüge, in welcher Maske, zu welcher Zeit und an welchem Ort ämmer'sie auftritt. * Er hat den Staat geschaffen, und es ist sein Lebens- Werk, nuninehr die volle Einigung der Nationen der Republik einzuleiten, sic mit der Vergangenheit zu versöhnen und zu gemeinsamer Arbeit zu bringen. Das ist eine Aufgabe, die an Lebonsklugheit und Voraussicht die schwersten : Anforderungen stellt, insbesondere in der Tschechoslowakei, einem Staat mit ungünstiger Grenzziehung, mit dem hochentwickelten Industrialismus der Historischen Länder einerseits und der tiefsten Primitivität in Karpathorutzland andererseits, mit einander mißtrauenden Völkern und Klassen. Alle Elemente der großen europäischen Krise spielen in diesen Staat hinein, der nationale und soziale Konflikte oft in fast unentwirrbarer Menge aufzeigt, der von ungünstig gestimmten Nachbarn umgeben ist. Masaryk hat sein Ziel, in Mitteleuropa eine Schweiz zu bilden, deren Sicherheit auf die Freundschaft der Umgebung und auf das Bewußtsein der Bürger gegründet ist, noch nicht erreichen können, ja, er,. der Vorkämpfer des humanistischen Ideals, des Weltfriedens und der Völkerversöhnung steht an der Spitze eines Staates, der eine große Armee unterhält und.ihrer Ausrüstung einen überstarken Teil der Budgetkraft widmet. Aber in dent europäischen Chaos ist Masaryks Person eine der stärksten Bürgschaften für die Erhaltung des Friedens, und das sichtbarste Zeichen der inneren Entwicklung der Republik ist die Tatsache, daß der Chauvinismus nicht mehr regiert. Der Präsident will die Herzeu der Minderheiten gewinnen, und wie das Ergebnis der Wahl zeigt, ist er im Besitze ihres Vertrauens. Auch die jüdische Minorität, die in der Kammer keinen Vertreter hat, bringt ihm ihre dankbare Verehrung entgegen. Masaryk hat auch sie ttt sein stets lebendiges Empfinden für das Recht und für das Richtige eingeschlossen. Vor ungefähr einem Vierteljährhundert hat seine fanatische Wahrheitsliebe gegen den an dem Juden Hilsner geplanten Justizmord ihre Stimme erhoben und Masaryk ist trotz des gegen ihn entfachten Sturmes der Straße bei seiner Forderung geblieben. Er erzählt in einer Schilderung seiner Jugendjähre, daß er der antisemitischen Strömung niemals Verständnis abgewinnen konnte. Masaryk hat -aber auch den weltpolitischen Antisemitismus, die Entwurzelung des jüdischen Volkes nicht als feste Tatsache ymgenommen, und er ist eine jener Persönlichkeiten gewesen, die dem Zionismus den Weg gebahnt haben. In Worten warmer Herzlichkeit hat er jüngst in Palästina die Resultate jüdischen Schaffens und jüdischer Arbeit anerkannt, und sein Zeugttis ist für jeden Juden hoher Ruhm. Mit der jüdischen Bevölkerung der tschechoslowakischen Republik beglückwünscht die ganze jüdische Gemeinschaft den Präsidenten zu seiner dritten Erwählung und hofft, daß es ihnt auch weiter gelingew wrrd, den Frieden ztl sichern. Wie bereits kurz berichtet, tagte vor der am Donnerstag erfolgten Eröffnung des Kongresses der Bölkevbundligen dessen Kommission für Mndcrheitsrechte durch zwei Tage; sie hatte sich mit der Lage einiger Minderheiten in verschiedenen europäischen Staaten zu befassen. Anläßlich eines Berichtes über die Lage der nichtmuselnraniischen Minderheiten in Konsta-ntinopvl kam es zu einer eingehenden Erörterung der Lage der Bulgaren in der D o b r u d >s ch a. Sodann wurde dib von der palästinensischen Völkerbund-Liga eingebrachte Boschwerde über die a n t i,s cm i t i s ch e n Manifestationen in Rumänien behandelt. Ueber diese Beschwerde erstattete der Generalsekretär der Union der Bölkevbundligen Prof. Ruyssön Bericht; die Beschwerde, die am 23. Dezember 1926 beim Generalsekretariat eingelaasen ist, zählt die bekannten Vorfälle, besonders die Ausschreitungen der Cuza-Studen'ten, den Tod dos jüdischen Studenten David Fallik, und andere mehr auf. Der Delegierte der palästinensischen Völkerüundliga, 'Herr Dizengoff, der zur Begründung dieser Beschwerde das Wort erhielt, sprach zunächst der rumänischen Regierung und dem rumänischen Volke für ihre freundschaftliche Haltung der zionistischen Bewegung gegenüber den Dank aus und hob hervor, daß seine Ausführungen nicht als Angriff gegen das Rumäncntum anzusehen seien, da er der Ueberzeugung sei, daß der antisemitische Terror nur von einer geringen Gruppe ausgehe; diese finde aber f a st g a r keinen Widerstand im Lande und ihre Terroraktionen würden häufig von angesehenen Personen gefördert. Dizengoff ergänzte den Bericht Prof. Ruysscns durch einige Vorfälle der letzten Zeit und nahm energisch gegen die Antwort Stellung, welche die rumänische Delegation aus das Memoranduin der palästinensischen Völkerbundliga ausgearbeitet und verteilt hatte. In dieser Antwort der rumänischen Delegation wird die ungeheuerliche Verdächtigung ausgesprochen, «daß die jüdische Bevölkerung Rumäniens während des Krieges ein staatsfeindliches Verhalten au den Tag gelegt und zum größten Teil mit dem F e in d -e f r a t e r n i s i e r t habe; damit wird das Einsetzen der antisemitischen Welle nach dem Kriege, welches zugegeben wird, begründet. Die Darlegungen der rumänischen Delegation sprechen ferner von Provokationen j ü d i s ch e r A g i t a t o r e n und lassen sich in diesem Zusammenhang über die Rede des. Senators Zirelsohn aus. Delegierter Dizengoff wies diese Pauschalverdächtigungen des Hochverrates der gesamten jüdischen Bevölkerung Rumäniens energisch zurück, und kündigte eine Resolution an, die er dem Plenum des Kongresses vorlegen wird. Sodann bemühte sich der rumänische Delegierte, Rektor Paucrati, in zweistündiger Rede den Nachweis zu erbringen, daß die jüdische Bevölkerung Rumäniens dem Lande, seiner Kultur und Religion gegenüber illoyal handle; er stellte in Abrede, daß Pogrome vorgekomme-n seien, und legte dar, daß die Juden in Rumänien sich vo l lkommen frei entwickeln können. Die Beschwerden würden lediglich von auswärtigen Personen geltend gemacht, und er halte es nicht für die Ausgabe der Union, sich mit solchen Beschwerden zu befassen, die bloß interner Natur seien und im Innern des-Landes ihre Erledigung finden müssen. Einen ähnlichen Standpunkt nahm der Vertreter der italienischen Bölkerbundliga, Herr V i l l a r i, ein, als in der Nachmittagssitzung der Kommission die Berichte der englischen Delegierten Sir W. Dickinson und Sir W. Rapier über die Lage der deutschen Minderheiten i n Südtirol debattiert wurden. Die Fortsetzung der Debatte in der Minoritätenkommission wurde sodann auf Donnerstag abends vertagt. . Der Mi nor i t ä te n k om Mission gehören folgende Delegierte der jüdischen Volkerbundligen an: D i z e n g o s s (Schriftführer),* Dr. Emil Margulies und D r. Ka rb a ch. In der öko n o m is ch-sozialen Komm is s i oitt sitzt Dr. Goldhammer, in der Erzichungs- und Propagandakommission Dr. Moissinsohn (Palästina). In der zuletzt genannten Kommission hielt D r. M o s s i n s o h n ein Referat über das Schulwesen in Palästina. Er legte dar, daß es in Palästina drei Arten von Schulen gebe, die von der Regierung geschaffenen für die arabische Bevölkerung, die Missionsschulen und das zionistische Schulwerk. Für die Erziehung zum Völkersrieden und die Förderung der Ideen des BWerbundes komme derzeit nur das zionistische Schulwerk in Betracht. Hier ergibt sich von selbst die Notwendigkeit der Propagierung dieser Ideen: beim Studium der Bibel und der Propheten, die ja zur iänze ans diesen Ideen mrsgebmit sind, und kn der Staatslehre, ba Palästina dem Völkerbund als Mandatsland untersteht. Die gut organisierte jüdische Lehrerschaft, welch» weiß, daß nur d i e L e h r e r in der Lage sind, ein» Völkerversöhnung in .Palästina herbeizusühren, ho) Zusammenkünfte mit arabischen Lehrern aus Palästin» und Llegypten veranstaltet und dusch Aussprachen mit ihnen viel zur Besserung des Verhältnisses zwischen Juden und Arabern -beigetragen. Wohl keine Nation hat ein so großes Inter« esse an diesen Beratungen und Beschlüssen als -di» Zionisten, -die aktiv am Palästina-Aufbau tätig sind. Redner ist überzeugt, daß bei der nächsten Tagung der Völkerbundligen die palästinensische Delegation die. einzige sein wird, welche die in der Schul- und Propagandakommission gefaßten Beschlüsse auch tatsächlich durchgeführt habe»:- wird. Die Ausführungen Dr. Mossinsohns erregten geradezu Sensation und wurden mit stürmischem Beifall ausgenommen, insbesondere von seiten der englischen, amerikanischen und holländischen Delegierten, sowie der Delegierten des Völkerbundes Fürstin R a d z i w i 11. Noch vor Beginn des Kongresses wurde eine Beratung sämtlicher Minoritätonvertreter abgohalten, bei der Delegierter M o tz k i n (Paris) den Vorsitz führte; es wurde ei» einheitliches Vorgehen der Minoritäten auf' dem Kongresse beschlossen. Der palästinensische Delegierte Dizengoff wurde zum Vizepräsidenten des Kongresses gewählt. Als Vertreter der Juden nahm Dr. Leo Goldhammer an der Donnerstag stattgesundencn Sitzung des Generalrates teil. In dieser wurde unter anderem die Herausgabe einer Zeitschrift von Minderheitsfvagen beschlossen, die unter der Redaktion von Sir Willougby Dickinson, Prof. Pierre Bovct und Prof. R u y s s e n stehen soll. Dle Wische Minderheit in Rumiinien. Berlin, 27. Mai. Die Mnderhettenkommtssion des Welwevbandes der Völkerbundligen beschäftigte sich heute mit der Frage der jüdischen Mirtdevheiten in Rumänien. Der Führer der jüdischen Minorität in der Tschechoslowakei, Dr. Margulies, wandte sich gegen das Memorandum der rumänischen Liga und deren Argumentation, die auch von dem Rektor der Bukarestcr Universität, Pang r a t i, wiederholt worden sei. In allen antisemitischen Blättern seien stets die gleichen Argumente anzutreffen, die die rumänische Liga zur Berliner Beratung mitgebracht habe. Das führe zur Frage der Verantwortung. Wenn man der Jugend diese Argumente gebe, die von der rumänischen Liga vorgebracht werden, dann dürfe man sich nicht wundern, wenn sich diese Jugend zu den Ausschreitungen und Gesetzwidrigkeiten berechtigt fühle, von denen hier die Rede war. Der Vertreter der russischen Liga (Pariser Emigrantenliga), Prof. W i ch n i a k, sprach den W u tt sch aus, daß die holländische Delegierte Madame Batkcr und andere Freunde der Minderheiten ebenso wie sie nach Südtirol gegangen sind, auch nach Nuinätt i c tt gehen, um nicht nur die Lage d e r j ü d i s ch e n, sondern auch die der russischen Minderheit zu studieren, die unter systematischen Verfolgungen zu leiden herbe. Re Konferenz zum Schutze der Wische« Minderheit-rechte. Eine Kontroverse atoildjen Marlvall und Me. 'Newtzock, 25. Mai. Zwischen Louis Marshall., dem Vorsitzenden des amerikanischen jüdischen 'Komites, und Stephen Wise, dent Präsidenten des amerikanisch-jüdischen Kongresses, ist hinsichtlich der bevorstehenden 'Konferenz zum Schutze der ) üdis chenRtzchte ein Meinungsstreit ausgebrochen. Diese Konferenz ist bekanntlich von dem amerikanisch-jüdischen Kongreß und dem Komitee der jüdischen Delegationen in Paris gemeinschaftlich für Mgust mach. Genf einberufen worden. Marshall gab in einem 'iAufsatz der Be- -fürchtung Ausdruck, daß in dieser Konferenz unüberlegte Worte Und Taten — mögen 'sie auch gut gemeint lebt — böse .Folgen haben könnten. Marshall erinnert daran, daß das Komitee der jüdischen Delegationen ln Paris und der amerrkanis-südische Kongreß laut einein damaligen Abkom-, men sich nach per Friedenskonferenz von Versailles hätten aüflösen sollen.! Dr. Stephen Wise erwidert, das Fortbestehen'der von IMarshall beanstandeten jüdischen Institutionen sei — ebenso wie btp kommende Genfer Konferenz zum Schutze jüdischer Rechte — absolut notwendig, um Über den Schntz jMscher Rechte und die Einhaltung dtzr Friedensoertrüge jederzeit tvachert zu können. Dr. Wise erinnertidamn, daß Louis Mrr« shaU der sich aufattgs gegen die Einberufung des erstvt amelükanisch-jüdischnt Kongresses gewaM hat, auch gegen den MsprUch Ms Minderheitsrechte für dis jüdische Bevölksrung Osteuropas Eiitwendungen gemacht uüd sich'erst svä'e>- entschlossen hat, für diese Rechte einznlreten.

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