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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-27 · Heft 2962 (27.5.1927) · p. Seite 6

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2962 (27.5.1927)
Date
1927-05-27
Page
Seite 6 (sequence 6)
Language
German
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Seite S Wien, Freit«q Wiener Morgenzeitnng 27. Mai 1927 Nr. 8962 Lieder des bekannten jüdischen Komponisten Gnessin er« schienen. Das Organ der Jewsekzie „Emes", das bekanntlich jede hebräisch-kulturelle Aktion mit seiner Feindschaft verfolgt, benützt auch diesen Anlaß, den jüdischen Verlagsanstalten in Sowjetrußland eine Strafpredigt zu halten, Lin Wiener Roman von Leopold Hiohler. weil sie bisher noch keine musikalischen Sammelwerke mit Copyright 1927 b, r. Uwit Verlag,Wien - Leidig (43. Fortsetzung.) jiddischen Liedern herausgebracht haben. Der Sohn des Moses Mautner Wenn die Kinder zu lesen beginnen, buchstabieren sie zuerst die Worte; dann sprechen sie das Wort aus, dam« lesen sie es tvieder und noch einmal, ob sie nur recht gelesen? — So sind die Kinder und im Alter wird man wieder kindiisch. — Gustav stand vor einem Messingschi d' und — buchstabierte wieder: „H-o-d-l-e-r — Hodler und noch — einmal: Hodler." Eine solche Gnadenpause gewährt der Mensch seiner inneren Angst. — Endlich drückte er zagend auf den Kiropf der elektrischen Klingel. — Bald ivurde die Türe ein wenig geöffnet und ein Mädchen blickte fragend durch den Spalt. „Ich bitte," sagte Gustav, „ich!... ist der Herr Professor zu Hause?" — „Ja — da muß ich erst nachsehen. — Wen darf ich melden?" — „M—Mautner ist mein Name." — Jetzt öffnete das Mädchen die Türe: „Mite tveiterzulommen." — — Der Name erwirkt Einlaß; als tvenn der Mensch durch Nennung des Namens ein anderer geworden wäre! Gustav trat ins Vorzimmer, das Mädchen wies ihm einen Platz an Und sagte: „Ich werde nur wachsehen, ob der Herr Professor zu Hause ist!" — — Gustav kannte diese Formel. Er wußte, der Professor sei zu Hause und hoffte, er werde ihn empfangen. — Während er nun wartete, blickte er auf die vielen Türen, die ins Vorzimmer mündeten. — „Wenn ich nur wüßt'!" dachte er, „durch welche Tür' er herauskommen wird." — Er blickte wieder auf das Labyrinth der Türen: „Wie wird er aussehen? Was werde ich ihm sagen?" — Er fand kein Bild und dadurch keinen Gedanken und fürchtete, daß er nicht sprechen werde körmen. Seine Angst wurde so groß, daß er, flüchten wollte. Und als schämte er sich dieser komischen Flucht, ersann er rasch eine Begründung: „Nun ja! Was tu' ich, wenn er grob wird? Wenn er sagt: „Erlauben Sie? Wie können Sie mich in dieser Angelegenheit behelligen?!" — Behelligen. — Das Wort gefiel ihm. Er fühlte sich dadurch der professorlichen Atmosphäre ein wenig näher gerückt. — „Behelligen! —> Ich wer' doch warten!" — Es bedurfte gar nicht dieses Entschlusses, denn in dem Augenblick wurde von innen eine der Türen geöffnet und das Mädchen trat durch diese ins Vorzimmer. Sie behielt die Klinke der Türe in der Hand und sprach freundlich: „Der Herr Professor lassen bitten!" — — — Die Neurologen behaupten: Die Muskeln würden dom Gehirn aus, von den motorischen Nerven gelenkt! Aber als Gustav seinen Platz im Vorzimmer verließ und durch die Türe in ein großes Zimmer trat — nein: sein Gehirn lenkte nichts. Nlur die Beine erhielten und trugen ihren willenlosen Herrn in die Mitte des Zimmers. — Vor einem Schreibtische stand ein alter, hagerer, fast großer Herr. Er reichte Gustav die Hand, deutete auf den Stuhl urhen dem Schreibtisch: „Bitte — nehnrn Sie P'atz. — Was — führt ©ie zu mir?" Gustav öffnete den Mund; aber ihm war, als schwebten unsichtbare Kobolde umher und schnürten seine Kehle. Er konnte nicht sprechen. — Der Professor blickte fragend und ernst, aber je länger er in das hilflose Gesicht seines Besuchers iah, um so freundlicher und wohlwollender blickte er. — Die Augen alter Leute sind matt. Die Frische, der Glanz der Jugend ist erloschen. Die Blicke zünden nicht mehr, aber aus der Asche glimmt traulich wärmend der Funke des Vergehens: „Haben wir alles einmal mitgemacht!" — Wie mildes, warmes Licht flutete die stumme Freundlichkeit des alten Herrn über Gustavs geängstigte Seele. — Das hat Gott den Menschen gegeben: Lieb sein zu dem anderen. — Du mußt nicht gewähren. Du kannst ablehnen, aber wenn du mächtig bist: Sei freundlich und gut zu dem Bittenden. Er ist gedrückt und — auch ein Mensch! — Die An gen Gustavs wurden feucht. Im Herzen ivar ihm so warm, als wär's ein Märchen, in dem er wirke und der alte, mächtige König horche freundlich seiner Bitte. „Nun?" fragte der König. — Und ohne Scheu, fast vertraulich rief Gustav: „Herr Professor! Ich möcht so gern studieren!" — „Studieren? — Wofür haben Sie besonderes Interesse?" — „Für Philosophie, Herr Professor! Für Philosophie!" — „Haben Sie sich damit schon beschäftigt?" — „O ja. Ich Hab' mit Spencer und Schopenhauer begonnen, aber..." Er schämte sich, den Scch zu vollenden; aber der Professor ermunterte ihn: „Nun?" — „Ich — ich versteh's nicht, Herr Professor; ich bemühe mich aber..." — „Ist auch nicht der richtige Anfang. — Was treibt Sie denn zur Philosophie?" — „Ich weih es nicht, Herr Professor. Ich glaub': Es muß schön fein. — Ich Hab' durch Lahre hindurch gelesen und viel gelesen: Romane, Gedichte, Dramen, und ich weiß nicht: Ich Muß so viel denken und fragen und weiß mir keinen Rat Und da glaub' ich: Die Philosophie wird mir..." — „Welchen Beruf haben Sie, Herr Mautner?" — „Ich bin Kaufmann." — — Der greise Gelehrte blickte sinnend zu, Boden, als formten sich Gedanken in ihm; dann sah er Gustav in die Augen. — Lange. Aber er sprach nichts. — Es war eine Lange Paiuse. — Endlich erhob sich der alte Herr, legte seine Hand auf Gustavs Schulter uud sprach ernst: „Es ist schön, wenn ein Mensch, in ihrem Alter, ein Kaufmann, noch solche Ideale besitzt! — — Was kann ich für Sie ünr?" — „Herr Professor!" — „Sprechen Sie nur. Sprechen We Nur." — „Herr Professor! Ich möcht' gern außerordentlicher Hörer werden!" — „Nun?" — „Und ich Hab' nicht so viel Gymnasialklassen, als verlangt werden; aber der Dekanatsbeamte meint, ich könnte anfgeuonnnen werden,, wenn ein Herr Professor mein Gesuch befürwortet und..." Wird's ein Märchen bleiben? — Wird's schön enden-? — Bittend blickte Gustav zu dem alten König. „Da Hab' ich den Herrn Professor bitten wollen..." — „Das kann ich tun. — Haben Sie das Gesuch hier?" — „Ich hab's noch nicht geschrieben Herr Professor!" — „Schreiben Sie das Gesuch und kommen Sie morgen nach Schluß der Vorlesung in meinen Hörsaal!"- Das Gefühl formt die Schritte der Menschen. — Der Unglückliche schleppt. Der Ratlose zögert und der Glückliche — lFpft und schwebt und tänzelt; denn das Glück ist vielseitig und groß! — Gustav hüpfte die Reithlegasse hinunter. Bei der ersten Querstraße rannte er aber an einen anderen Glücklichen, einen Freund des Weines. Dieser tänzelte nach d^n Anprall einige Schritte weiter, dann erst erinnerte er sich an den Stoß, blieb stehen und ohne sich umzudrehen, rief er: „Oha!" — Gustav ging zu ihm: „Jh kann nix dafür. Herr Nachbar! — Wissen's: Jh Hab' neht g'schaut, weil's heut' so schön is!" — Da blickte der Jünger des Dionysos zum Himmel, und während seine verquollenen Aeuglein das Gewölbe betrachteten, meinte er: „N-.rhn! Mir kriergn heut' noh ah Wehder!" — „Llber, Herr Nachbar!" rief Gustav, „dehß mahn ih ja neht! — Schchn is heut' is heut' auf der Welt! Verstehns?!" — (Fortsetzung folgt.) Bühne und Kunst. Sie künstlerische Darstellung der Arbeit. Eröffnung der Michalek-Ausstellung in der Technischen Hochschule. Im Festsaale der Technischen Hochschule fand heute mittags die Eröffnung der ersten im Nahmen der Hochschule veranstalteten Ausstellung ans einem besonderen Anlaß statt: Die Hochschule hatte den Maler Professor Ludwig M i ch a l e k zum Dank für sein, der künstlerischen Verherrlichung der technischen Arbeit gewidmetes Lebenswerk zu ihrem Ehrenmitglied e ernannt, und der Künstler hat aus Erkenntlichkeit'für;' diese.seltene Ehrung zugunsten des „Verbandes' der Freunde der Technischen Hochschule" eine Ausstellung seiner'Bilder und Radierungen veranstaltet, die gleichzeitig eine geschichtliche Darstellung der Technik in Oesterreich in zwei Menschenaltern sind. Der Rektor Hofrat Prof. Sei dl er verwies darauf, daß die Hochschule ihre Räume dieser Ausstellung widmete, weil ihr Inhalt ein einzigartiges Lob der Arbeit, der Technik, fft, deren wissenschaftliche Leiter diese Hochschule heranbildet. Der Präsident der „Freunde der Technischen Hochschule", Geheimrat Dr. Exner, sprach sodann über die künstlerische Verherrlichung der Arbeit, namentlich durch Prof. Michalek. In seinem Schaffen bereinigte sich exakte Kenntnis mit anmutigster Kunst. Der Geist der Arbeit ist hier festgehalten wie im Porträt der Geist eines Menschen; das zeigen auch feine Porträts, wie die des Erbauers der Tauernbahn, W u r m b, der „Uhrmacherin" Marie Sbner-Eschenbach, die Art, wie er die „Geistesarbeiter", Brahms, Beethoven, zu treffen wußte. Seine Bilder der technischen Arbeit sind Dokumente der österreichischen Geschichte. Prof. Mächalek sprach in seiner Erwiderung einige herzliche Worte von dem Glück, auf dem Wege über die Kunst im Alter doch wieder ein Techniker geworden zu sein und gab bei einer kurzen Führung interessante Aufklärungen über seine Wege durch die Stätten der Arbeit, die hier in 130 Bildern festgehalten sind. Morgen wird Prof. Michalek in einem Vortrag „Technik und Kunst" an der Hochschule sein Arbeitsgebiet erläutern. Herausgabe der hebrüifchen Kompositionen Snessinr in Rußland. Wie uns aus Moskau berichtet wird, ist dieser Tage im Moskauer Sowjet-Verlag eine Sammlung hebräischer üMKMise der „Wiener Morgenzeitung'“: Monatlich Wien und Oesterreich ..L 5 — Tschechoslowakische Republik ......... K2 22'— ^o^auden ..Dinar 60 — en . .. Zloty fr- Deutschland . Goldmark fr- Frankreich, Belgien ..Frcs. 35 — Italien .. Lire Rumänien ..Lei 20'- 170* Bulgarien ..Lewa 100*— Amerika .................. Dollar fr- Schweiz und das adrige Ausland.Franken 5-» Oesterr. Postanarkassenkonto 150.693* Au« den Theatern. B u r g the a t c r. Mvr«zen, ijmo 8 Uyr „Lady Windev in e r e s Fache r" (Abonnement sechste Gruppe). A ka d e m re the a t e r. Morgen, halb 8 Uhr „Spiel im Schloß" (Abonnement erste Gruppe). Operntheater. Morgen, halb 8 Uhr „Madavsc Butterfl y". Deutsches Volkstheater. Sonntag verabschiedet sich Alexander Moissi nachmittags 3 Uhr in „Hamlet" und abends als Fedja in „Der lebende Leichnam". Drenstag Erstaufführung von Hans Saßmanns neuem studierter Wiener Kontödie „Das blaue Auge". Kammerspiele. Maria Orska tritt heute und morgen, 10 Uhr nachts, in „Meine Cousine aus Warschau" von Louis Berneuil auf. Allabendlich, halb 6 Uhr „Duett der Liebe" mit Leopoldine Konstantin. Theatev in der Josefstadt. Josef Danegger und Wladimir S o k o l o f f wurden für zwei Hauptrollen in dem Schauspiel. „Peripherie" von Frantise! Langer verpflichtet, Die Premiere findet am 1. Juni statt. Die Regie führt Max Reinhardt. L u st s p i e l t h e a t c r. Gegenwärtig wird eine große Volks« stückrevue unter dem Titel „Die eilige Johanna" von Peter Herz, Musik von Karl M. May, vorbereitet. Die Titelrolle wird von Hansi Niese dargestellt werden. Modernes Theater. Heute Sonderauffühning deungarischen Emigrantenstückes „Der Heimatlose", Schauspiel von Cadero. Bürgertheater. Morgen, halb 8 Uhr gelangt die Revue „Miß Freg oli" von Paul Ollop, Musik von M. Karl May, zur Erstaufführung. Die Titelrolle spielt Idee R » s k a. Apollotheater. Alexander Moissi tritt Montag km Rahmen eiires Ensemblegastspieles des Deutschen Volkstheaters in Romain Rollanos „Spiel von Tod und Liebe" und in Tolstois „Er ist an allem schuld" zum letzten Male auf. — Komponist Jean Gilbert wird seine Operette „Uschi", welche im Rahmen des Ensemble-Gastspieles des Kurfürst en dämm-Theaters, Berlrn, im Apollotheater am 1. Juni zur Aufführung gelangt, dirigieren. Der Lustspieldichter Szenes gestorben. Der ungarische Luftspielautor Bela Szenes, dessen Stücke auch mehrfach auf Wiener Bühnen zur Aufführung gelangten, ist, wie auS Budapest gemeldet wird, dort gestern vormittags plötzlich gestorben. Die „Zauberflöte" in der Pariser Oper. In der Prrißev Großen Oper fand Mittwoch abends unter der Leitung des Direktors der Wiener Staatsoper Franz Schalk die erste Aufführung der „Zauberflöte" von Mozart statt. Direktor Schalk wurde gleich bei Beginn der Vorstellung und vor jedem weiteren Akt, sobald er am Dirigentenpnlt erschien, mit lautem Beifall begrüßt, der sich auch nach jedem Zwischenvild wiederholte und zum Schluß der Vorstellung besonders herzlich klang. Es werden noch zwei weitere Aufführungen der „Zauberflöte" unter der Leitung Direktor Schalks an den beiden Galatagen der Woche, Freitag und Montag, stattfinden. Die Entwürfe für den Genfer Völkeebundpalast. Ende Juni gelangen in Genf die künstlerischenEntwürfe sürden Bau desVälkerbundpalastes zur öffentlichen Ausstellung. Die Beteiligung an dieser Konkurrenz war außerordentlich stark. Es werden nicht weniger als vierhundert Entwürfe zur Ausstellung gelangen. Es sin'" neun erste und neun zweite Preise vorgesehen. Serichtssaal. Mietrechte sind Mnvbar! Der Gepfändete darf aber nicht obdachlos werden. Der Schneidermeister Josef S, erwirkte beim Handelsgericht gegen den früheren Bankier, Dr. G., ein Urteil, auf Grund dessen Dr. G. zur Zahlung eines Betrages von 1350 Schilling verurteilt wurde. S. schritt nun durch seinen Anwalt Dr. Kästenbaum beim Exekutionsgericht um Pfändnngsbewilligung der seinem Gegner zustehenden Mietrechte gegenüber seinem Hauseigentümer ein. Das Exekutionsgevicht gab diesem Antrag Folge. Dr. G. brachte nun durch Dr. I. Kurt Rosenfeld gegen diese Bewilligung einen Rekurs ein, in welchemausführte, daß die Pfändbarkeit des Mietrechtes durch den Mieterschutz durchbrochen werde. Im gegenteiligen Falle wäve es jedem Hausherrn freigestellt, wegen einer Geldforderung den Mieter obdachlos zu machen. Das Laudesgericht als Rekursgericht gab jedoch dem Rekurs keine Folge uud sprach die Zulässigkeit der Pfändung von Metrechten aus. Die Begründung ging dahin, daß das Bestandrecht durch Geltung des Mietergesetzes kein höchst persönliches Recht darstelle und eine Verwertung des Bcstandrechtes möglich sei. Freilich müsse diese Verwertung in einer Weise erfolgen, daß -der Verpflichtete nichtder Obdachlosigkeit anheimfalle. Diese Entscheidung könnte insofern praktische Folgen haben, als eine Partei, die durch Pfändung der Mietrechte eine größere Wohnung erwirbt, einen Teil der Räume, die der Gepfändete nicht unbedingt benötigt, in Untermiete geben könnte. Allerdings darf die betreibende Partei nach dem Meten-Gesetz keinen höheren Zins einheben, als ihn der Hauptmieter für die weitevgegebenen Räume selbst bezahlt. Vollzug aarlllndischerStrafnrteile in PalMna. Aus Jerusalem wird uns geschrieben: Eine Sondernummer der „Official Gazette" vom ü. Mai enthält eine Verordnung des Oberkommissärs, wonach jedervo> einem Gerichtshof außerhalb Palästinas gefällte Gefängnisurteil von palästineustschcn Behörden vollstreckt wird.

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