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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-27 · Heft 2962 (27.5.1927) · p. Seite 3

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2962 (27.5.1927)
Date
1927-05-27
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
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Nr. 2962 Dien, Fren-ag Wiener Morgenzettung S7. Mai 198? Seile 8 Tagesbericht. Dir autilemitischea Sommerjrilcheu in Sefterrel». Zu der von uns am 21. Mai veröffentlichten Liste von Sommerfrischen, Kurorten und Pensionen, die Mischen Besuch ablehnen, geht uns von einem Leser aus Linz die folgende Ergänzung zu: Juden werden ausdrücklich abgelehnt: in Gutau bei Kefermarkt (Mühlviertel), in Neuhofen an der Krems, in Wartberg an der Krems, in Vorderstoder (beim Steinerwirt), in Traun kirchen im Hotel am Stein, in Schörfling am Attersee bei allen Wirten, mit Ausnahme des Gasthoses „Blaue Traube, inVöckla - markt bei den Gasthöfen „Goldener Adler" und „Schwarzer Adler", in Neu Haus a. d. Donau im Gasthof Ernst. Weiters sind als antisemitisch zu betrachten: Freistadt in Oberösterreich, Golfern (Hotel Post), Lambach (Hotel Menschik), Wallern bei Schallerbach (Gasthöfe Eberstaller und Renner), Franken markt, St. Georgen im AtterWu, Obermühl an der Donau und in S p i t a l a. P y r n die Billa Schwarzenberg. Thermen in Wien. Entdeckungen eines Rutengängers. j Seit langem heißt es. daß noch im Vormärz im Stadtgebiet von Wien Thermen vorhanden waren, die jedoch später verschüttet worden sein sollen. Das Vorhandensein von Thermen ist auch aus dem Umstand zu vermuten, daß j Wien in einer Erdbebenlinie liegt. Bisher ist eine S ch wese l t h e r nve in Wien bekannt, die im Pscmnschen Mineralbad zur Verlvertung kommt. Der Wiener Rutengänger Ingenieur Karl B e i ch I hat nun auf Grund langwieriger Nutengänge feststellen können, daß Wien überdies eine sehr starke I o d t h e r m e, eine Sodather me und eine i ndifferente Therme mit Wasser von zirka 30 Grad Wärme besitzt, lieber den Verlauf dieser Thermen hat Veichl auf Grund seiner Nntengänge eine Planskizze entworfen, die dadurch ihre Bestätigung erfährt, daß die Quellen an 29 verschiedenen Stellen Wiens tatsächlich schon aufgestoßen sind oder künstlich erschlaffen werden. Die neu entdeckte Jodtherme besitzt eine Temperatur von 19 Grad Celsius und führt 8 Liter Waffer per Sekunde. Sie verläuft in einer Tiefe von zirka 300 Mej ter. Diese Jodtherme ist die Abzweigung einer im südlichen 1 Niederösterreich verlaufenden Hanpttherme. Sie wurde beim Brauhaus St. M a r x aufgeschlossen. Ihr Jodgchalt übersteigt den der neuerschloffenen Guntherquelle in Bad Hall, welche so kräftig ist, daß sie nur mehr als Badewaffer und nicht als Trinkquelle verwendet werden kann. Die Sodatherme verläuft ungefähr bis auf , 45 Meter Tiefe längs der Triesterstratze, hat eine Temperatur von 11 Grad Celsius und führt 19 Liter Waffer pro Sekunde. Ihre Aufschlußstelle liegt in der Station j Jnzersdorf der elektrischen Bahn Wien—Baden. j Die indifferente Therme führt auffallend ] weiches Waffer in einer Durchschnittstemperatur von 24 bis 25 Grad Celsius und besitzt eine Sprunghöhe von 10 Meter. Sie hat zum großen Teil denselben Verlauf wie die bekannte Schwefeltherme. l Hinsichtlich sämtlicher Thermen liegt auf dem Wiener , Stadtgebiet die Möglichkeit der Verwertung für« Bade - undHeilzwecke vor; die indifferente Therme! könnte ähnlich verwertet werden wie die Thermen der großen Bäder in Böslau und Baden. krwelterte Arbeitrlosenstatiftlk. Die mrterstüvten Arbeitslosen Oesterreichs nach Geschlecht, Alter und Dauer der Unterstützung. In die österreichische Arbeitslosenstatistik wurde Ende März d. I., wie den „Statistischen Nachrichten" zu entnehmen ist, die Gliederung der Arbeitslosen nach Geschlecht und Alter sowie nach der Dezugsdalker der Unterstützung j eingeführt. Diese Erweiterung der Arbeitslosenstatistik ergibt eine Reihe interessanter Daten, die weitgehende Schlüffe zulaffen. Es spricht für die chronische Natur der österreichischen Wirtschaftskrise, daß die Zahl der Personen, welche im Monat März bereits mehr als 12 Wochen lang die Unterstützung bezogen haben, iveit g r ö ß e r ist als die derjenigen, die noch nicht 12 Wochen lang im Genuß der Arbeitslosenunterstützung standen; von den etwa 216.000 Arbeitslosen des Monates März waren 23,27 Prozent unter 12 Wochen, jedoch 37,4 Prozent über 12 Wochen im Bezug der Arbeitslosenunterstützung, Notstandsaushilfe erhielten 39.33 Prozent. Dabei ist noch zu bemerken, daß mehr als 12 Wochen lang die Männer häufiger Arbeitslosenunterstützung bezogen als die Frauen, was darauf hindeutet, daß bei den Frauen der Berufswechsel oder die Erlangung anderer Erwerbsquellen leichter vor sich geht. Was nun die Gliederung nach dem Geschlecht anlangt, so gehörten im März von den rund 216.000 Arbeitslosen fast 159.000 dem männlichen und rund 66.000 dem weiblichen Geschlecht an. Es ergab sich somit ein Verhältnis von 73,7 Prozent Männern zu 26,3 Prozent Frauen, ein Verhältnis, das mit der Geschlechtsgliederung der kollektivvertragsmäßig entlohnten Arbeiter und Angestellten ungefähr übereinstimmt, das bis im Jithre 1925 auf 74,6 Prozent Männer 25,4 Prozent Frauen stellte. Innerhalb der verschiedenen Altersstufen verschiebt sich jedoch dieses Verhältnis in sehr bezeichnender Weise; so beträgt der Prozentsatz der arbeitslosen Frauen vom 14. bis zum 16. Lebensjahr über 53 Prozent, vom 17. bis zum 18. Lebensjahr fast 36 Proz-ent. Insgesamt waren im März d. I. von den Arbeitslosenunterstützung empfangenden Personen zwischen 14 und 20 Jahren, deren Zahl zirka 26.700 betrug, mehr als 30 Prozent Frauen und zirka 69 Prozent Männer arbeitslos. Das Sinken des Frauenanteils an der Arbeitslosigkeit an diesem Punkte entspricht der stärkeren Hciratsversorgung in diesem Mtersabschnitt. Vom 21. bis zum 30. Lebensjahr (Gesamtzahl über 71.000) war das Verhältnis zirka 27 y2 Prozent Frauen und 72 y2 Prozent Männer. In der nächsten Altersstufe von 31 bis 60 Jahren (Gesamtziffer ebenfalls etwas über 71.000) war das Verhältnis ungefähr das gleiche. Im Alter von 61 bis 70 Jahren stehen nicht weniger als 46.792 Arbeitslosenunterstützung empfangende Personen, davon sind etwa 20 Prozent Frauen und zirka 80 Prozent Männer. Diese Zahlen zeigen, daß die Arbeitslosigkeit am stärksten in den Altersstufen von 21 bis 30 und von 31 bis? 50 Jahren ist; nachdrücklich muß darauf hingewiesen wer-! den, daß verhältnismäßig die g r ö ß t e Z a h l der unter-! stützten Arbeitslosen, nämlich fast 41.000, im Alter bon | 31 bis 40 Jahren steht, also in einem Alter, da unter normalen Wirtschaftsverhältniffen bereits die stabile Einfügung in einen bestimmten Arbeitszweig erfolgt ist und die Berussumschichtung nicht mehr allzu leicht zu werden beginnt; das gleiche gilt in noch verstärktem Maße von der Altersstufe 41 bis 60 Jahre, in der sich, fast 31.000, also ungefähr ein Siebentel sämtlicher Arbeitslosenunterstützungsempfänger des heurigen März befanden. 22 Prozent der unterstützten Arbeitsloserl in diesem Monat gehörten jenen Mtersstufen von 61 bis 70 Jahren an, in denen Arbeitslosigkeit fast gleichbedeutend mit der Unmöglichkeit einer neuen, durch Umschichtung oder Neuanstcllung im alten Erwerbszweig erzielten Existenzmöglichkeit ist. Man kann also nach diesen Ziffern ungefähr 22 Prozent der Arbeitslosen als verloren für produktiver: Erwerb ansehe n. Nichts illustriert die Verheerungen der chronischen Wirtschaftskrise Oesterreichdeutlicher. Ne Pinedo gefunden. Din einem italienischen Schiff Wernimmen. R o m, 26. Mai. Die Regierung hat von den portugiesischen Behörden aus H o r t a auf den Azoren die Mitteilung erhalten, daß der italienische Dampfer „Superb a" sich dem portugiosischM Dreimaster, der das Flugzeug de Pinedos, „Santa Maria", im Schlepptau nach 'sich zog, genähert hat und d e Pinedo unter 40 Grad 7 Miauten nördlicher Breite und 30 Grad 3 Minuten westlicher Länge an Bord nehmen konnte. Die andere Mannschaft ist auf dem Wasserflugzeug geblieben, das weiter nach den Azoren geschleppt wird, von wo de Pinedo den Weiterflug nach Italien nach der Ausbesserung des Apparates antreten wird. Me Mutt« LinNlerOi an die Mutt« Rnnnefferr. P a r i s, 26. Mai. Nach einem New Porker Telegramm hat die Mutter Lindbergh s an die Mutter Nungeffers eine Depesche folgenden Inhalts gerichtete: „Während des Transozeanfluges meines Sohnes waren meine Gedanken unaufhörlich bei Ihnen. Ich drücke Ihnen meine Sympathie aus, wie sie nur eine Mutter empfinden kann. Ich gebe ebensowenig wie Sie die Hoffnung auf, daß Ihr Sohn wieder gefunden werden wird." Das Telegramm trägt die Unterschrift: „Mutter Lind-bergh". Lindbergh rvurde heute nachmittags in feierlicher Weisevon derStadtParisim Rathaus empfangen. Nach der Feier, bei welcher er die Goldene Medaille der Stadt erhielt, begab er sich wieder in die amerikanische Botschaft. Lindbergh gedenkt, am Samstag mit seinem Flugzeug nach Brüssel zu fliegen, wo iihn KönigAlbert, der ein begeisterter Anhänger des Flugsports ist, persönlich beglückwünschen will. Lindbergh hat heute an den Präsidenten des französischen Aeroflugs einen Brief gerichtet, im dem er mitteilt, daß er der französischen Flieger-Unterstützungskasse zugunsten der Familien ums Leben gekommener Flieger Beitritt und gleichzeitig den ihm vom Frau Deutsch -de la Meurthe geschenkten Betrag von 150.000 Franken zur Verfügung stellt. Kn MsenbahmmgM in Spanien. 7 Tote, 15 Verletzte. Paris, 26. Mai. Wie Journal" aus Madrid meldet, sind 'bei einem Zusammenstoß im Bahnhof von Pulpi sieben Schiff im Sturm. Bon H. E. Fischer. Wir haben in unserer Veiwga „Buch der Zeit" vorn 15. d. M. auf das prachtvoll geschriebene Abenteurerbuch „Durch Meere, Häfen und Spelunken" von, H. E. Fischer Angewiesen (Verlag Neufeld u. Henmö, Berlin). Ein Abschnitt der ausgezeichneten Reiseschilderung, welcher einen Seesturin im Golf von Biskaya schildert, soll unser Urteil über dieses lesenswerte Buch und feinen jungen Autor bekräftigen. Ich gehe bei der Funkbilde vorbei und höre, wie der Jüngere zu dem Aelteren sagt: „Eben, als ich dem Alten vorlas: Orkan im Golf, S. O. S.-Meldungen in Küstennahe — da bemerke ich, daß alles Blut aus feinem Gesicht wich, obgleich er mit unerschütterlich gleichmütiger Ruhe den Befehl gab: Alkohol sperren. Nedlitz die Runde. Schonend Passagiere vorbereiten. Schottert prüfen. Meldung." Der Wind verdreifacht seine Stärke und treibt jauchzend die Wetten wie Schneelreisel vor sich her. Das Schiff wird aus der Bahn gerissen uitb rollt schwer stöhnend auf und nieder. Knallend und grell wie ein entfesselter Beckenschlag bricht der wüterrde Ruf des Donners ans der schwarzen Wolkenwand. Wie gräßlich buntes Feuerwexk, gebogen wie ein rotgltthorrder Türkensäbel, schneidet flach ein Blitz in den nachhallenden Donner. Born und achtern harren die Wetten schäumend und zischend über die Reeling. Ich gehe hinunter in die ölig und trübe erleuchteterr Zwischendecks. Hier hat man das kitzelnde Gefühl eines toll gewordenen Lifts, der sinnlos rasch emporsteigt, um mit zerrissenem Seil in die Tiefe zu stürzen. Zerkrümmt, zusammengepfercht, irr Krämpfen des Magens und des Herzens sich winderrd, in vollster Hysterie gell schreierrd, fanatisch betend, stammelnd mib lallend wälzen sich die schmutzigen Menschon'hausen. Mitten, daraus klingt hell und silbern eine Stimme. Eine ganz zarte, vibrierende, zerbrechliche, kindliche Stimme. Sie ist wie die Vision einer allein stehengeblie-- benen Kirche in einem zerschossenen Dorf. Ich gehe mit tastenden Augen diesem himmlischen Schall nach. Und ich sehe da, von schlotternden Menschen emgefchilossen, ein Mädchen. Vielleicht zehn Jahre alt. Ihr Gesicht ist schmal, fein und weiß, und ihre weit geöffneten brauner: Augen scheinen an ganz ferne Dinge zu denken. Em weinrotes, verschlissenes Kleidchen reicht ihr bis knapp an die Knie; ihre Beine sind graziös und lebhaft, und ihre kleinen, langen und kluger: Finger fittb um die eiserne Starrge gekrallt. Sie singt lustige, spanische Volkslieder mit jubelnder Stimme, deren faszinierender monotoner Rhythmus immer von den krachenden Schlägen des Wassers unterbrochen wird. Die Massen quellen auseitumber und horchen auf. Ihre Gedanken tanzen dazu wilde klappernde Tänze unter glühenden Orangenbäumen, Die Frauen schreien nicht mehr, und die Gesichter der Mänrmr werden glänzend. Das Kirrd aber singt mtb singt. Seine winzige Stimme windet sich, roie ein erwachender Vogel spiralenförmig in die Luft, steigt, zur immer größerer Befreiung durch. Es ist, als sähen ihre Augen noch einmal ans all dem Schrecken tief in die geliebte Heimat, das märchenhaft romantische, sagenumwobene, wl.de, sonnendurchtränkte Spanien. Jetzt tvar es nur noch dem plankensicheren, seefesten Schiifmann möglich, überhaupt einen Schritt vorwärts zu setzen. Keine Beschreibung, keine Phantasie würde es fertig bringen, die drohende Schwärze des Himmchs, die Stärke des schrecklichen Lärmes, des Donners und des Wassers, die gigantischen Türme der tobenden Wellen umd die fessettose Wut des sirenerchaft heulenden Windes so zu beschreiben, wie sie sich in unseren maßlos entsetzten und trotz allem vor Begeisterung sich bäumenden Herzen spiegelten. Ich ging durch den Speisesaal, nur zu meinen Kameraden, die sich mittschiffs in den: Logis der Köche aufhielte'.:, zu gelangen, weil es vorn und achterir nicht mehr auszuhalten war. Ms ich gerade die Treppe passierte, die zum Promenadendeck hinausführt, ertönte plötzlich ein kurzer, scharfer Knall, und ehe ich mich informieren konnte, was geschehen sei, lag zu meinen Füßen Borch, der dritte Offizier, gleichzeitig brannte mir ein klatschender dicker Strahl schäumenden Meerwassers im Gesicht. Da das Schiff jetzt nach der anderen Seite hochstieg, übersah ich die Situation sofort: Dorch hotte im Innern des Schisses an der Tür, die zum Promenadendeck hinaussührt, gestanden, als eine furchtbare Wette die Türe durchschlagen, die unerklärlicherweise nicht gesichert gewesen war, und ihn im Bogen hinuntergeschleudert hatte. Borch blutete so stark, daß ich im ersten Moment gar nicht erkeruren konnte, woher, zumal sich das Schiff Meder legte und eine neue Woge durch die zerschlagene Türe schoß und mich an die Wand drückte. Ich nahm Borch, der mich sofort ganz mit Blut bespritzte, über den Arm und balancierte ihn unter heftigster Anstrengung in das Kochlogis. In einer Halver: Stunde war das Leck besettigt. Borch lag jedoch mit eirrem schweren Schulterbruch und gefährlicher Kopfverletzung im Hospital. Boß, der erste Bootsmann, riß die Türe auf und brüllte: „Jungens, bleibt alle hier drin« Windstärke zehr: haben wir schon! Bier S. O. S.-Meldungen Wimen uns selbst nicht helfen! Werden wohl ersaufen!" Wie zur Bestätigung dieses letzten Satzes, der plötzlich in grauenhafter Deutlichkeit wie -in klapperndes Gespenst vor uns auftauchte, erlosch das Licht mit einer Stichflamme und einem Schrei. Kurzschluß. — Im Finstern saßen, kauerten sieben Menschen, schlugen »vild sieben tapfere Herzen. Steil sich aufbäumend, stieß das Schiff in die Höh« und ivarf uns kracheich an die. Schoten. Kreischend heutte der Wind: Charlie schrie: „Was glaubt ihr, was die da oben für Angst haben. Na, wenn's schief geht, krepieren die nicht besser als loir. Und loenn's gut gcht, sind sie verrückt oder herzkrank geworden!"

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