Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2961 (26.5.1927)
- Date
- 1927-05-26
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982049--30156-3018352- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Seile 6 Wien, LonnerSrug Wiener Morgerrzerrrmg 26. Mai 1627 Nr. 2661 Ose Lohn riss h/iosss Mautner Copyright 1937 Ein Wiener Roman R. Lowit Verlag, Wien — Lejpalg von Leopold Hichler. (42. Fortsetzung.) Einer! Wer sollte das? Er kannte niemand. — — Traurig blickte er durch das Fenster des Wagens auf die Straße. — An einer Anschlagsäule bemerkte er ein Plakat: „Vortrag im Wiener Voiköbil-.ungshmis." — — Volksbildungshaus! — „Volksbi dungssaus? Dem Suchenden bilden sich leicht Assoziationen. Volksbildungshaus! Dort is ja der Professor .Hodler, der Philosophieprosessor! Dieser gute Mensch, der so viel für die Volksbildung getan hat! — Wem: er diesen...!" — Mer er kannte ihn nicht! — Der Faden der Hossmmg, kaum gemebt, zerriß. — Mer der Wille des Menschen sornit und ftigt neue Fäden zum Seil und hält sich fest und klimmt daran hinauf. — ,-Mußte er ihn denn kennen? Wenn er zu ihm ginge mvd sein Streben gesteht und ihn bittet?! — Wird er ihn abweisew?" — Und schon öffnete Gustav die Türe tes Wagens, in dcnr er saß, stieg auf das Trittbrett und klopfte auf den breiten Rücken des Kutschers: „Herr Kastrier! Herr Kästner! Halten S' ahn Moment! Ich will aussteigen!" Unsere lieben, alten Einspänner! Sie warerr des besten Willens, taten nur imnrer anders, als der Fahrgast loünschte. Du kamst zum Standplatz und wolltest rasch zum Nordbahnhof. j,,Wern ma scho nmchen!" sagte der Kutscher. „Jh Hab' a guhrds Roß!" Dann kletterte er von ,eirrctzu (Bock herab, ging hervor zu der schmalen Brust seines Pferdchens und löste die Riemen der Decken, dex Kotzen, worin das Pferd gehüllt war. Dann stieg auf den Bock, faßte den obersten der Kotzen und langsam — wie den eisernen Vorhang im Theater — zog er den ersten Kotzen vom Rücken des Pferdes. — Dann breitete er liebevoll die Arme ans — in der Ausdehnung des Kotzens — faltete diesen in der Mitte, hierauf noch einnml in der -Mitte und breitete den so zusammengelegten Kotzen auf seinen Sitzplatz. — Nun wendete er sich zur zweiten Decke. Diese wurde ebenso wie die erste behandelt: Umständlich und igenau. — Dem Fahrgast im Innern des Wagens wurde der Raum zu klein und — zu heiß! — Aber der Kutscher hatte bereits die dritte Decke vom Pferde Mögen. — Diese dritte und letzte Decke nmrde anders behandelte Zunächst setzte sich der Kutscher und hüllte seine Beine in diese Decke. Dann hob er die linke Hüfte, pferchte in den Raum zwischen Hüfte und Sitz den Rand der Decke und dann — hob er die rechte Hüfte und tat — wie der ' Turner am Barren: Gogeugleich. — Fassen der Leitseile und Lösen der Bremse war nur noch Kinderspiel, denn schon ries er: „Hüöh!"-Aller Hüllen entledigt stand nun das ,,'guhrde Roß" da, wie die sieben hungrigen Jahre; »ber es zog an und die Fahrt begann: Langsam und sicher. — iDer Fahrgast, dessen Phantasie den Zug bereits in Floridsdorf «wähnte, öffnete die Türe und rief verzweifelt: „Ich bitt' Sie, um alles in der Welt! Ich versäum' den Zug!!" Mit unerschütterlichem Gleichmut wies der Kutscher auf die kurzen Schritte der hungrigen Jahre: „Er geht ja eh?"- 'So war's, weirn man vorwärts wollte; aber sonderbar: Dieses kaum bewegliche Gefährte, diese Sanduhr und Geduldspiel des Verkehrs nmrde zum wilden Wagen des Ares, wolltest dn während der Fahrt Halten lassen! '— <—• „Bleiben S' doch stehen, Kästner!" rief Gustav auf dem Trittbrett, „ich muß ja aussteigen!" Mer Kästner erwiderte stolz: „Jh kann erm rieht drhaltn." Endlich gelang es, Kästners wilden Braunen zu zügeln. Gustav stieg aus und fragte: „Wissen S' a Kaffeehaus in der Näh', Herr Kästner?" — „Glei um d' Eck is ahns." — „Also warten S' dann ahn Moment, Herr Kästner; ich schau' im Kaffeehaus was nach und komm' gleich." ' „Habidjehre! Was steht, zu Diensten? Was kann ich dienen? Was ist angenehm?" begrüßte der Markör. „Ich bitt' Me!" rief Gustav, „bringen Sie mir schnell den Lehmann — ja richtig — einen Likör auch, ja, ja!" — „Mtvater, Kümmel, Chartreuse, Vanilli, Marass..." — „Ja. .Ja. Was Sie wollen. — Was ich will — ja, einen Vanilli!... Aber zuerst bitt' Sie schnell den Lehmann!" — 7 oder.II?" — ..Wo die Rainen stehen." — „Also II", svrach der Markör überlegen und belehrend und brachte zuerst deu Likör und hernach den Lehnmnn. — Gustav such'?: „Hodler — H - H >— H Hartl — Hermann — Hermann — wieder Hermann. — Wie viele >>ermann es nur in dem Wien gibt! - - — Jetzt kommen sie gar mit zwei r daher! Herrmann! — Schrecklich? — l.Holck — Halt! Jetzt bin ich schon zu nvcit — nmß ich zurück — Hodler' — Da ist er: 19. lDezirk. Reith^egasse! — — Er blickte auf seine Uhr. „Zwöl? <llhr — Der Professor konnte zu Hause sein!?" Mer nun chatte er Bedenken-: „Schliß .sich das, so eindringen? Sv ohne weiteres in seine Wohnung eindringen? — Am Ende Verderb' ich mir's dadurch?!- Vielleicht wäre schreiben besser?" — — So stritten Takt und Wille in ihm. — Mer der Wille ist ein alter Sophist rmd redet den Takt ins Grab: „Warum verder-» I ben? Ich tu' ja nichts .Unrechtes! Ist das. unrecht, wenn | ich hinsahr'?!" — — „Zahlen; bitte.!" rief Gustav laut. I — Der Kellner kam: „Der Herr? Hai. einen Vanilli: Macht! vierzig." — „So. — Geht schon aus." — „Danke sehr. Danke vielmals. Llber..." Der Kellner erblickte den unberührten Likör. „Hat er vielleicht neht g'schmeckt?" — „Nein. — Ja, ja! Ich Hab' nur keine... Ich nmß schon fort, ich'... Wollen Sie ihn vielleicht austrinken?" „O bitte sehr, bitte sehr! Danke sehr!" Und er bc tzeitete seinen. Gast mit zierlichen, dienernden Schritten zur Türe.- So Herr Kästner!" sagte Gustav. „Jetzt fahrn mr in die Reithlegassn!" — — Die Lage der Reith.cgasso tvar Herrn Kästner nugcnbtickich ein Spenecrsches System. Dunkel und undurchdringlich; aber er dachte: Das Beste sei, die Frage wiederholen. „In die Reithlegassn?" rief er fragend. „Ja, in die Reithlegassn." — „Reithlegassn!" wiederholte Herr Kästner und blickte schwermütig in den Nebel; dann beugte er sich zu Gustav hinab, der neben, dem Wagen stand und sagte freundlich: „Erlauben S' scho, Herr Mautner. — Wo is denn >deh nur g'schwiud?" —. „Ja, ich tveiß das nich.! Wenn;Sie das nicht..." — „Reithlegassn! Reithlegassn!" wiederholte Herr Kästner immer wieder und rieb seine Stirne, als wolle er die schlummernden Geister der Orientierung tnecken. — — Es gelang ihm, denn plötzlich rief er freudig: „Jh wahß scho! — Wissen S', Herr Mautner! Sie geht einer von der Döblinger Hauptstraßn und geht dann außer und dnrt..." Er wollte u-mständlich die Lage und vielleicht auch die Geschichte der Reithlegasse wiedergeben, aber Gustav, nngednldkg und zappelnd wie ein gefangener Fisch, rief: „Ich bitt' Sie, Herr hKastner! Fahrn. S' schon! Fahrn S' schon!" . (Fortsetzung folgt.) Bühne und Kunst. Moufieur Flagranti. Modernes. Theater, Der Titel „Monsieur Flagranti", den das Lustspiel von Andre Picard und H. M. Harwoo d in der deutschen Uebertragung . erhalten hat, sagt mehr als deutlich den Inhalt des Stückes voraus: Ein junger Mann von guter Erscheinung und gewandtem Auftreten hat als der in flagranti Erwischte zu fungieren (natürlich für einen anderen, und gegen Honorar), natürlich wird er nicht erwischt, sorrteren der Andsre, der nicht erwischt werden, aber das Vergnügen haben will, das inzwischen Monsieur Flagranti gehabt hat. Die Uebertragung hat nicht nur den Titel verdeutlicht, sondern auch die Nuancen der Handlung und düs Vergnügen an diesem nicht neuen Stpff waren mäßig, gäbe es nicht zwei wirklich lustige Variationen: erstens wird die übliche Gattenvertrottelung des Gheimannes durch einen ergötzlichen Schuß politischer Satire kompliziert, und zweitens wird der ganze Handel durch einen (natürlich jüdischen) Buchmacher vermittelt, ist also gewissermaßen eine sportliche Angelegenheit zwischen Herrn von Saint Obin (so heißt der „Sieger" im Rennen) und seinem Auftraggeber, dem Deputiertem Coureel. Schade, daß der Direktor des Modernen Theaters, Herr Körner, für die drei ausgezeichneten Männerrollen des Stückes nur einen guten Darsteller hüt, nämlich sich, selbst (als Saint Obin);, er bringt alle graziösen .Eindeutigkeiten leicht und lustig. Leider muß konstatiert werden, daß sonst die Schauspielerei in der Johannesgasse unzulänglich ist Die Bombenrolle des Ehemannes, die einem Romanofski zufallen müßte, blieb völlig uninteressant, und der Deputierte war nichts,als die übliche Rollensägersigur. Die Frau, die Objekt des Flagranti-Äbkommeus ist . wurde von einer Darstellerin, mit dilettantischen Bewegungen und unmöglicher Sprachmanier gegeben, und aus beim ^jüdischen Buchmacher aus Paris wurde ein schlecht ge- |;jiitelter Buchhalter aus Gaya. Das Publikum amüsierte sich über. Ludwig Körners himwrvott-zungenfertige Beiläufigkeit, die den Haut-gout mancher Stellen mit beinahe französischem Parsum deckte. l S. S. . Sie Keufchheitskonkutrenz. Lustspieltheater. Dieses „kecke Spiel" von Richard Mauz, ein gepfefferter Bauernschwank aus dem Bayrischen, eine verflucht derbe, aber gut gezimmerte SeLualposse, ist mit etlichen satirischen Lichtern a la Ludivig Thoma illuminiert. Me Väter der „G'moa" veranstalten eine Keuschheitskonkurrenz, um die sittlichen Zustände im Bezirk zu bessern. Den Preis, eine nette Brautausstattung, gewinrck die Kellnerin Leni, ein gehontes Frauenzimmer, das sämtliche Männer des Dorfes zum Besten hält, aber auch ausnahmslos ins Bett. läßt. Sie. spendet allen, Liebes- - freuten und sichert sich dadütch die Stimmest Mer für die Konkurrenz. Richtig — so eine Wahlkorruption war noch nicht da —' geht sie beim Skrutinium als Keuschheitskönigin hervor, kann aber die Gratulation nicht persönlich entgegennehmen, weil sie just in die Wochen kam. Der Keuschheitskonkurrenz folgt eine Konkurrenz der präsumtiven Väter des neuen Weltbürgers. Hansi Jarno spielt die Leni mit drallem Humor (von der Mutter hat sie die Statur), aber rechit skizzenhaft. Gottlob. Sie ist iwch zu naiv, um die Molle dieser mit allen Salben geschmierten Kellnerin mit dem erforderlichen Raffinement auszustatten. Ausgezeichnet der Dorfpfaner Paul Mahrs, eine ergötzliche Mischung ivon Weltfrerndheit und Menschenkenntnis. (Seine Gestaltung erhebt sich hoch über die Vorlage). Vollsaftig, reif 'für einen Exl-Mend der schlaue filzige, Kropsbauer des Herrn Felix Stärk. Me von Heinrich Neckamm prächtig inszenierte Premiere hatte großen Lacherfolg. O. ,A und Schneider-Atelier Heilig & C°-, l„ KirnlnerstraBe llr. 9 Telephon 78-1-86 Telephon 78-1-86 Enallsdies Hbonnementsystem. A monatlich 8 SO— 1 Frühjahrs-Anzug 1 Sommer-Anzug 1 Modehose 1 Frühjahrs-Rock 1 Herbst-Rock B monatlich 8 SO'— 0 monatlich 8 SO— 1 Frühjahrs-Anzug 1 Sommer-Anzug 1 Herbst-Anzug 1 Frühjahrs-Rock 1 Winter-Paletot 1 Modehose 1 Frühjahrs-Anzug 1 Sommer-Anzug lSmoklng-Anzug 1 Sport-Anzug 2 Hosen 1 Winter-Paletot 1 Modehose 1 Überrock A«s de» Theatern. urgtheater. Morgen, halb 8 Uhr ,Z)as GJcttU i sein Bruder" (Theatergemeinde Serie A, weiß). Äkademietheater. Morgen, halb 8 Uhr „Weiberfeinde" (Abonnement 2. Gruppe). Opern theater. Morgen, 7 Uhr „Palestrina". Renaissaneebühne. Charlotte Ander hat' ihr Gast. ■ spiel in ,F! uru l i" um 14 .Tage verlängert. Apollvtheä ter. Alexander Moissi gibt mit dem Enjemble des Deutschen Volkstheaters Montag, den 30. d., die Abschiedsvorstellung seiner diesjährigen Wiener Tätigkeit. Zur Aufführung gelangt Romain Rollands „Spiel von Tod und Liebe" um» Tolstois „Er ist an allem schuld". Die Opermvoche. In der nächsten Woche aelanaen in der taranfierl beste enol. Stoffe und erstklassige HaBarbelt. «(leider bleiben Eigentum des Abonnenten. Abonnementsdauer 2 Jahre« Bügeln, Reparaturen kostenlos inklusive Abholung und Zustellung. Donnerstag „Don Inan", Freitag „Andre Chen'.er", Samstaa ,Pohengrin" („Elsa" zum erstenmal Frau Margit Angerer). ' Professor Stella Wang. Der Bunoesminister für Unterricht hat der Pianistin Stella Waug-T:.nd>l den Titel „Professor" verliehen. Bezugspreise der „Wiener Morgenzeitung:“: Monatlich Wien und Oesterreich . ............ 8 5 — Tschechoslowakische Republik. , , . , , . . . Kö 22'— Jugoslawien, , . .... ... . . . » , « Dinar 60'— Polen ... .. . . i * Zloty ö'1— Deutschland . ... .... , ... . . . Goldraar« 4*— Frankreich. Belgien ... .; .; . . . . . . FrCs, 35'— Italien .. «Lire 20*— Rumänien . Lei 170-— Bulgarien . ... . . ... .Lewa 100*- Amerika ..Dollar 1'— Schweiz und das übrige Ausland ... . . Franken 5*— Oesterr. Postsoarkassenkonto 150.603-