Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2961 (26.5.1927)
- Date
- 1927-05-26
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2901 Wien, Donnerstag Wiener Morgenzertnng 26. Mai 1SS7 Tagesbericht. Wien« UniverfitStS'WIffenschast. . Körber benützt einen amtlichen Mt. Jetzt also kann der Rektor Molisch seine Unterscheidung zwischen Politik und! ischaft an der Hand einer Tatsache begründen. Der Vo..rag Körbers war Wissenschaft, nämlich die an dieser tt i<iersität zugelassene und fürs Volk zugeschnittene. Körber sprach über das Recht auf den Numerus clausus, und sein Auditorium ivar ein recht gewähltes. Die ganze Sturmtnlppr in Hitlerhemden, die ewigen Besetzer der Rampen und der Borhallen in den Hochschulen. Leute also, die jedenfalls mit Rechtsfragen gut Bescheid ivissen. Den General Kraus nicht zu vergessen. Körber konnte sich also als verfolgter Christ vorstellen, gegen den das Judentum seine Macht mobilisiert. Daun zeigte er Lichtbilder, einen schönen Germanen und einen weniger schönen Semiten, und er bedauerte es, daß die Studenten in Deutschland die Unterschiede zwischen Ariern und Juden weniger beherzigen als die Kommilitonen in Oesterreich. Einige statistische Ziffern, zumeist Hausnummern, leiteten dann zwanglos zum zweiten Teil der Wissenschaft, in dem u. a. mitgeteilt wurde, daß der Professor Kelsen gleichfalls gegen die Ostjuden sei: Als Beispiel eines solchen mit allem Grimm einer germanischen Seele bedachten Jndivi-- duums erschien dann das Nationale eines jüdischen Studenten aus Tarnopol auf der Projektionslernwmrd. Hier hört der Spaß auf. Woher hat dieser Körber das Nationale? Es besagt doch weiter nichts, als daß dieser jüdische Student studieren will. Das ist in den Augen der Körber und Genossen ein Verbrechen, in den Augen anderer Leute eine nachahmenswerte Sache. Wer aber liefert an der Universität einen Akt an einen Unberufenen aus? Der Herr Molisch wird da nicht Unwissenheit vorschützen dürfen, wenn es sich um einen frechen Amtsmißbrauch handelt. Es muß an der Hochschule, für die Juden Steuer zahlen, Ordnung und Anständigkeit geschaffen tverden. Der Tedvy-BSr al» Gelvfafe. Ein origineller Mllionenrmrb. Die polnische Staatsbank Übersandte Mitte April ihrer Filiale in Kömgshütte einen Betrag von 1.5 Millionen Zlloty in Banknoten, die abends '.n dem Tresor der dortigen Postanstalt eingeschloffen wurden, weil fie nicht mehr rechtzeitig der Filialbank übermittelt werden konnten. Am nächsten Morgen fehlte das Geld. Man verhaftete den Poftdirektor und mehrere Beamte unter dem dringenden Verdachte, das Geld geraubt zu halben. In Wirklichkeit aber war der Täter der 39jährige Posta ffisten t Karl Keßler. Dieser hatte einen Schlüssel zu dem Tresor, entnahm diesem nachts das Geld und schaffte es ' zu seinem Freunde, dem Kaufmann Gottfried Cieslik, wo es in der Wohnung von der Ehefrau des Cieslik verborgen wurde. Beide Männer fuhren noch in der gleichen Nacht über die Grenze nach Deutschland. Sie verständigten vorher Frau Cieslik von ihrem künftigen Aufenthaltsort und gaben ihr genaue Anweisungen über die Fortschaffung des Geldes nach Deutschland. Das geschah nun auf sehr originelle Weise. Die Fmu stopfte einen sogenannten Teddy-Bären, den ihr Kind im Arm tragen mußte, mit der Hälfte der Banknoten aus und kam so unbehelligt mit dem Raube nach dem preußischen Ort Mvkischacht, wo ein Schwager Wie Lindbergh ankam. Von B. Sendrowicz, Paris. Unser Pariser Mitarbeiter, dem es gelungen war, auf dem Pariser, Flughafen der Ankunft Lindberghs in der nächsten Nähe beizuwohnen, sendet uns die nachstehende Schilderung. Am Freitag, den 20. Mai, um 12 Uhr 52 Minuten, hatten bte amerikanischen Behörden der gespannt aus Nachrichten wartenden Wett bekanntgegeben, daß der amerikanische Flieger Charles Lindbergh auf seinem Monoplan „Spirit of Saint Louis" seinen Flug Newyork—Paris begonnen hatte. Am Samstag, den 21. Mai um 0 Uhr 45 Minuten Pariser Zeit erfuhr der Erdball, daß Lindbergh über Neufundland gesichtet worden war. Der Aeroplan flog sehr niedrig, die zahlreichen Neugierigen konnten die Silberfarbe des Flugzeuges erkennen. Die Bevölkerung von Neufundland bewies dieselbe Anteilnahme, die das kühne Unternehmen des jungen Aviatikers in allen amerikanischen Herzen fand: in der freien Luft knieten die Leute nieder und -beteten für ihren Mitbürger. Um 2 Uhr 10 Minuten meldete die Western Union, daß der „Spirit of Saint Louis" von einem Schiffe im vollen Ozean unter 49 Grad 24 Minuten nördlicher Breite und 43 Grad 72 Minuten westlicher Länge gesehen worden war. Lindbergh hatte ein Drittel der Entfernung von Neufundland bis Irland zurückgelegt. Während langer Stunden blieb man von nun an in Paris ohne Nachricht. Obzwar es materiell unmöglich war, über den Flug genau unterrichtet zu werden, sofern nicht das Flugschiff durch einen. Dampfer bemerkt worden wäre, verstärkte sich die pessimistische Auffassung. Das unbekannte Schicksal der waghalsigen französischen Flieger Nungesser und Coli, die skeptischen Aeußerungen über die Möglichkeiten einer erfolgreichen Beendigung der Reise Lindberghs trugen dazu bei, daß man wohl die Ankunft des Cieslik wohnte. Auch ein zweiter Versuch, den Rest der Banknoten ' Teddy-Büren wegzuschaffen, gelang ausgezeichnet. Das Trio traf sich dann vor einiger Zeit in Frankfurt. Cieslik versuchte dort bei der Diskonto-Gesellschaft 500.000 Zloty gegen deutsches Geld einguwechfeln. Die Bank glaubte nicht an die Echtheit der Scheine und fragte deshalb bei ihrer Filiale in Breslau an, die aber die Scheine für echt evklärte, gleichzeitig aber ans den Raub in Königshütte aufmerksam machte. Die Frankfurter Bank verständigte sich stillschweigend mit der Kriminalpolizei, die nunmehr sofort umfassende Maßnahmen zur Ansteckung der Riesenunterschlagung traf. Cieslik war inzwischen nach Offcnbach übersiedelt und hatte sich hier mit seiner Frau in der Moqartstroße einquartiert. In gemeinsamer Arbeit mit der Offenbacher Polizei wurde vor einer Woche der Aufenthaltsort des Cheipaares ermittelt, das sofort verhaftet wurde. Im Besitze des Cieslik fand man noch 350.000 Zloty vor. Karl Keßler hatte inzwischen unter falschem 9?<rat«n in einer Privalwohmmg zu Niederrad Unterkunft gefunden. Als man ihn festnehmen wollte, war er, wie seine Logiswirtin berichtete, nach München abgefahren. Er konnte dort aber nicht ermittelt werden. Die Nachforschungen führten zu einem Herrn in Bockenheim, in dessen Besitz auch ein von Keßler geschriebener Brief vorgestmden wurde. In diesem teilte Keßler mit, Sekte# jRahtrtengenaht braun.usdtwarz T * daß man ihm alle Postsendungen unter einer bestimmten Adresse postlagernd nach Schliersee nachsenden möge. Die Polizei setzte sich sofort mit der Schlierseer Behörde in Verbindung, der es auch gelang, Keßler festzunehmen. Be: der Durchsuchung seiner Effekten fand man noch einen Betrag von 400.000 Zloty. .... ... Wo ist de Pinedo? Roch leine bestätigten Meldungen über de« verbleib de« vernnglüilten italienischen Weltflirger«. — Lindbergh ist von de« Pariser Feier» übermüdet. Rom, 25. Mai. Zuverlässige Meldungen über den Aufenthalt des italienischen Weltfliegers de Pinedo sind bisher noch nicht eingelangt. Die Nachrichten, wonach de Pinedo in Fayal angekommen sei, sind bisher nicht b e st ä t i g t. Alle Berichte stimmen jedoch darin überein, daß sein Flugzeug „S anta Maria" von einem portugiesischen Dreimaster nach den Azoren geschleppt wurde. Nach einer Berliner Mitteilung ist die Mannschaft des Flugzeuges, einschließlich de Pinedos, von einem zurzeit vor den Azoren befindlichen deutschen Kreuzer ausgenommen worden, während das Flugzeug von dem portugiesischen Segelschiff zu den Inseln weiterschleppt wurde. Die Pariser Ehrungen Lindbergh«. Paris, 25. Mai. Der amerikanische Ozeanflieger L rn d b e r g h scheint durch die ihm dargebrachten Ehrungen mehr überanstrengt zu werden als durch den dreiunddreißigstündigen Transozeanflug. Für heute abends hat er sich unbedingte Ruhe ausgebeten, um sich ein klein wenig a u s r u h e n zu können. Lächelnd erklärt er, daß das Tempo, mit dem er von Ehrung zu Ehrung gezerrt werde, mörderischer sei als das 176- Meilen-Tempo seines Fluges. Heute wurde Lindbergh in Begleitung des amerikanischen Botschafters vom Kammerpräsidenten B o u i s s o n, zahlreichen' Abgeordneten und Persönlichkeiten des Flugwesens empfangen. Bei dem Empfang war auch B I e r i o t, der bekanntlich als erster den Kanal überflogen hat, zu- Lindberghs erhoffte, daß aber nur die wenigsten an sie glaubten. Um 14 Uhr 50 Minuten wurde die aus Balentia in Irland kommende Nachricht bekannt, die besagte, daß dort ein von Westen kommender und sich nach Osten bewegender Aeroplan von mehreren Einwohnern gesehen worden war. „L'Exchange Telegraphe" meldete aus Limerick, einem Hafen der irländischen Grafschaft Kerry, daß dort ein Flugzeug gesehen würbe, von dem man vermutete, daß es das Lindberghs sei (17 Uhr 50 Minuten). Aber die Erinnerung an die falschen Nachrichten, die den Versuch Nungessers als gelungen gemeldet hatten, obwohl nicht die geringste offizielle Depesche «ingelaufen war, hatten das Publikum mißtrauisch gemacht. Die um 19 Uhr 40 Minuten von der englischen Admiralität gemeldete Passage eines Flugzeuges, im dem man den „Spirit of Saint Louis" vermutete, lautete wie folgt: Das Kriegsschiff „Maithsome" bemerkt einen Monoplan über Plymouth in einer Höhe von 8000 Fuß. Die Radiostation von Landsend (England) signalisiert den Flieger um 13 Uhr 53 Minuten, zu welcher Zeit er vom Dampfer Delian unter 52 Grad 45 Minuten Nord, 12 Grad 5 Minuten West gesichtet wurde. Da diese letzten Nachrichten nur auf Umwegen auf dem Flugplatz bekannt wurden — man gab offiziell keine Nachrichten aus —, glaubte man allgemein, daß bei diesen Telegrammen der Wunsch des Vaters des Gedankens gewesen sei. Während aber um 7 Uhr die Anzahl der Neugierigen am Landungsplatz in Bouvget, dem Pariser Lufthafen, nur einige Tausende betrug, begann seit der Verbreitung der letzten zwei Telegramme, die wir oben erwähnt haben, eine regelrechte Völkerwanderung nach Bourget. Dieses Vorstädtchen von Paris ist normalerweise in zirka 40 Minuten per Auto vom Stadtzentrum aus zu erreichen. Gegen 10 Uhr war es Ätzer den Autos, Taxis, gegen. Mehrere hundert Abgeordnete brachten Lindbergh eine begeisterte Ovation dar. Für morgen ist Lindbergh bei B r i a n b eingeladen, anschließend folgt ein Empfang im Cercle interallie, sodann der große feierliche Empfang durch die Stadt Paris im Rathaus. Freitag wird er vom Senat empfangen werden, sodann vom schwedischen Gesandten, so daß nicht einmal für die vorgesehenen Schauflüge über Paris Zeit geblieben ist. D i e Mutter des verunglückten französischen Ozeanfliegers Coli hat an Lindbergh einen Brief gerichtet, worin sie ihn trotz ihres Schmerzes um ihren Sohn auf das aufrichtigste beglückwünscht. Ein gleiches Schreiben hat sie an die M u t t e r Lindberghs gerichtet, mit den „Glückwünschen für die glücklichste der Mütter von einer unglücklichen Mutter". Großes Kopfzerbrechen bereitet Lindbergh die täglich bergweise bei ihm eingehende Post. Heute wurden ihm durch eine Speziälpost nicht weniger als drei volle Postsäcke mit Briefen und Karten, sowie mehr als 3000 Telegramme aus allen Teilen der Welt zugestellt. Jntereffanterweise hat er fast 700 Telegramme von allen möglichen Lindberghs der Welt erhalten, die ihren Namensvetter beglückwünschen und-sehr oft versuchen, verwandtschaftliche Beziehungen zu ihm Herstellen zu wollen. Der amerikanische Präsident Coolidge hat heutr dem Oberkommcmdanten der amerikanischen Flotte in den Autobussen, Auto-Cars, die von der Menge requiriert worden waren, unmöglich, sich dem Ziele zu nähern, und fie waren gezwungen, sechs Kilometer von ihrem Ziel entfernt, anzuhatten. Man mußte die Reise zu Fuß fortsetzen. Glücklicher waren diejenigen., welche die Eisenbahn benützt hatten. Durch das unendliche Wagenmeer, das bewies, daß man im autoreichsten Lande des Kontinents war, schlängelten sich immer neue Menschenscharen, deren' Stärke auf 100.000 bis 200.000 geschätzt wurde. All diese Menschen waren nur von einem Gedanken beseelt: bei der Ankunft des ersten Ozeanützerfliegers anwesend zu sein. Franzosen, natürlich sehr viele Amerikaner, Engländer, Deutsche, Spanier usw., Chinesen, Japaner, Neger, kurz, das ganze Babel-Paris, arm und reich war da. Pelzmäntel, Smokings, Fracks, Zylinder, Arbeitskleider, Mützen, alles kunterbunt durcheinander bemerkte man in dieser dem Flughafen sich entgogenwalzenden Menge, die mehr schlecht als recht von. der Pariser Polizei im Zaume gehalten wurde. Lieder erklangeu, Gläser klirrten. Die Masse, die bis zum Tageseude dankbaren Auges die Uebungen eines Piloten verfolgt hatte, trachtete irgendwie, die Zeit totzuschlagen. Die Restaurants des Hafens machten Bombengeschäfte. Unterdessen hatte die amerikanische Gesandtschaft ihr Hauptquartier in dem vor dem Landungsplatz gelegenen Pavillon ausgeschlagen. Das amerikanische Sternenbanner flatterte, von zwei Trikoloren umgeben, von seinem Dache. Der Landungsplatz selbst war, wie Üblich, währond der Nacht beleuchtet. Die Scheinwerfer ivaren vorbereitet, traten jedoch noch nicht in Aktion. Die wildesten. Gerüchte wurden verbreitet. Die Journalisten waren gezwungen, durch telephonischen Anruf bei ihren Redaktionen die letzten Nachrichten einzu holen. Nur einigen unter ihnen, zu denen zu zählen ich so glücklich war, tvar es möglich gewesen, in den Kontroll-