Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2959 (24.5.1927)
- Date
- 1927-05-24
- Page
- Seite 5 (sequence 5)
- Language
- German
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HU v .. -,r: ■. . *..;<•. ... W., "Wv'. W... ' Nr. 2859 Wien, Dienstag Wiener M-rgenzettung 24. Mm 192-? Serie 5 Osr Lohn riss ß/losss IVIsutnsr Lin ^/isnsn fioman von Lsopoicj Hichler. Copyright \Wt by R. Löwit Verlag,'Wien - Lelpatg (40. Fortsetzung.) Massen-Meeting Mittwoch, 25. Mai 1927 OLYMPiASAAL, L, prä2ise 8 Uhr abends Rothgasse Nr. 4 Der Plumpe mit dem Prügl der Grobheit. — Und der Unsichere — verbirgt sein Weh hinter einem Lächeln. -- Gustav lächelte: „Was. hast du denn gesagt, Mutter?!" rief er. „No, — vom Heiraten!ham mr doch geredet Ich Hab' wissen wollen, wie viel!..." — „Mutter! Reden wir ein anderes»«! darüber! Heut' is ja schon spät!" — „Sali! Da hat er Rächt! sagte H^rv Hermann und holte rasch sein ,Modell. — Diesmal mit Erfolg. Frau Sali schlüpfte den Mäntel und Herr Hermann reichte seinem Sohn; zum Abschied die Hand: „Mich, Gusti! Schlaf' gut." — „Küss' sie Hand, Eltern!" rief Gustav. — „Gute Nacht. — Das Mädel wird Euch hinunterleuchten!"- Herr Hermann ging und Frau Sali hinter ihm. — Bei der Türe blieb sie aber lstehen. —In dien: Herzen der alten Frau hännnerte ein kleines Schuldgefühl: „Du hast deimm Kind' weh getan!" — — Eine Mutter kennt ihr Kind, auch daun, wenn es die wahre Gesinnung hinter einem Lächeln verbirgt. — Nnr wußte sie nicht, wie es gut zu Machen sei; denn sie fürchtete, durch irgendein unbedachtes Wort 'den Fehler zu vergröbern. — So blieb sie auf jder Schwelle unsschltüssig stehen, als wolle sie etwas sagen Und wüßte nicht: was. — — Da tat jdps Herz, was.der Verstand nicht traf. — Sie streckte die Arme aus, faßte ihren Sohn beim Kopf und küßte ihn, trotz seinein Widerstreben ulch rief: „Mai stolzer Sohn!" — „Wieso, Mutter?" fragte Gustav empört, denn er fichlte sich durchschaut. „Wieso?" Aber Frauen sind klug unjd Frau Sali erividerte rasch: „Weil du dir von deiner Mutter willst ka Pußl mehr geben lassen!"-r — „Also, ich bitt, dich, Sali!" rief nun Herr Hermann ärgerlich und zerrte seine Frau. „Wern tna da übern achlten?" — „Ich komm' schon, Hermann." — — — Vor dem Tore hielt ein „Einspänner". Hoch oben am Bock' saß -der ' Frieide, der schlummernde Kutscher. „Sehst de, Sali!" zeigte Herr Hermann, „dem geht's gut! Er kenn schloifn!" — „Steig' ein, Hermann. Steig' ein!" — — Oben in seinem Zimmer ging Gustav indes ruhelos hin Und her. Er konnte nicht schlafen. — — Er nahm ein Buch: Herbert Spencers System der'synthetischen Philosophie. — — Ich höre manchen Leser: „Wie kommt Gustav unter die Philosophen?" — Soll ich's erzählen? — Uber ich muß 'weit zurückgreifen! —- Gut. — — Es war etwa im zweiten Jahre der .'Selbständigkeit Gustavs, damals als er sden Kampf um das tägliche Brot gewonnen hatte und pla wollte er — wie jeher Mensch, der durch eigene Kraft etwas geworden —, hinauf, zu der eigentümlichen Schitche,. der — fit venia arrogantiae — „oberen Zehntausend". — Die Gesellschaft aber blickte und stichelte ihn hinaus. Sie will keinen Handwerker. — Man darf darob niemand vserurteilen; denn ivir alte — ob lhochmütig ober bsescheiden, töricht oder klug — wir alle sind im Grundse schuldlos. — >— Eine höhere Macht, eiste rätselhafte Kraft, unerklärlich in ihren Wegen, lenkt Uns und fi'chrt — letzten Endes alles zum Guten.- Vielleicht war die Demütigung Gustavs beabsichtigt,' dämit er dien Weg in jenes Laub fände, das der gesellige Mensch so selten betritt: Die tiefen Gründe des eigenen Herzens. — Ein Land, wo jeder Wunder über Wunder schauen kann! Gustav schaute und sann nnid -- wuchs; so wie der tzöckerigie, jder ans dem Kreis "der geraden Glieder ge- Diebesten Neuerscheinungen der modernen Literatur stets vorrätig LOOS / Blondinen bevorzugt / S 10*80 JOSEPH ROTH / Juden auf Wanderschaft S 320 MARCELL PROUST / Im Schatten der jungen Mädchen / S 2160 JACK LONDON / Jerry / S 8*40 BRYAN / Edison / S 1620 DOSTOJEWSKI / Beichte eines Juden 1 n-on DEKO A / Der Philosop md die Dirne ALFRED POLüAK Oichoster von oben S 1440 KISCH / Kriminalistisches Reisebuch / S 3 20 Buchhandlung R. Löwit Wien, l., Rotenturmfir. 22 stoßen, in die Einsamkeit flüchtet urch» dort — gleichsanr als Entgelt — den scharfen Verstand erwirbt. So wuchs Gustav, denn er ivar allein und nützte seine Zeit. 'Er begann zu lesen. Nichts Bedenteiidies. Er las zunächst das seinem Geschmack Gemäße. Jene Romaite, die damals periodisch in Heftchen zu sechs Kreuzer erschienen — Lacht nicht! — Die Leser jener Romane haben ein ehrliches Interesse nnd sind wahrer als die kalten Aestheten, die zeitlebens, aber gelangweilt durch die Goetheschen Epen sch. äugeln. Sie wähnen, den Weisen zu erfassen und täuschen sich und der Welt ein Verständnis und ein Interesse vor, wozu ihnen meist der ernste Wille unjd auch die Herzensbildung fehlt. Der naive Leser ist. echt, wie ein Kind m4d> wie dieses er-' sehnt er leichte und verdauliche Kost. — Er will am Beginn seiner Entwicklung nichts als .Handlung und sogar blutige Handlung. — — 'BeWs fand Gustav 'in diesen Romanen. — Handlung war in Fülle unft der Tod schritt durch Dies Kapitel, wie der Landmann durch das reife Kornfeld und mähte fast sichtbar zum wonnigen Schauer Gustavs. — Er genoß, und wile ein Seidenwurm spann er sich in dm Inhalt diiieser Romane. — Ein stilles, wunderliches Kind, der gute Geschmack saß verborgen wie immer — und Ihr glaubt: Er sei empört gewesen?! — Nein. Er lächelte. „Till nichts," dachte er, OBERRABBINER PROF, DR. J. H. CHAJES: „DIE GEGENWÄRTIGE LAGE IM ZIONISMUS" Bericht über die letzte Sitzung des Akt -Komitees in London Juden, erscheinet in Massen! „er ist noch nicht reif! Abwarten!" Da rief Frau Wichtigkeit sehr empört: „Abwarten! Sagst Du? Abwarten!? Und wenn er bei diesem Schund bleibt?" — „Liebe Taute!" meinte das Kind. „Ist ein guter Kern in ihm, läßt er davon, und fehlt ihm dieser, nützt Dir auch keine Gewalt!" — Kinder haben immer recht. In ihrer Naivität ahnen fk die Wahrheit. Jahre vergingen und in dieser Zeit stieg 'Gustav allmählich aus dem trüben Schlamm der Sechs-Kreuzcr-'Hefte zu den klaren Höhen der schönen Literatur. — Auch dort blieb er nicht stehen.-In der Seele dieses Menschen gärte ein unstillbarer Drang nach Höherem: Das Leben selbst, seinen Ursprung und Zweck wollte er ergründen und suchte die Antwort in der Philosophie. — Deshalb grübelte er jetzt mitten in der Nacht in den: „System der synthetischen Philosophie". — Nicht lange. — (Fortsetzung folgt.) IHK>POQQOOtWH>OOQ9000QOOOOOQQ€>OQ9<>QOQOO<K>000<>QOOOCa€»0<KH>OOOOOOOQOOOOQOOOOQQQOWMK? Bühne und Kunst. Ne« einstuvierler „sharolais". Mit Moissi im Deutschen Volkstheater.' Die drei oder vier Tvagödienstofse, die Richard Beer-Hofmann in fünf Akten unter dem Titel „Der Graf von Charolais" zusammengefaßt hat, wirken durch die in vollendeter Spvachform meisterhaft abwägende und abgewogene Dialektik; unmittelbare Tragik ist nirgends gestaltet, und so war dieses Trauerspiel vor zwanzig oder fünfundzwanzig Jahren auf der Bühne ebenso alt und fremd, wie es heute ist. Um.es dem Zuhörer näher.zu bringen, müßten Schauspieler da sein, welche die Dialektik beherrschen. In der Neueinstudierung des Deutschen Bolkstheaters (die übrigens anonym läuft) ist alles bloß auf Schau-Spiel und Wort-Spiel angelegt, und so wird alle Fremdheit, Ueberflüssigkeit, Arabeske^und Unwahrscheinlichkeit doppelt fühlbar. Moissi als Charolais wird die unwahrscheinlichste Gestalt, da., er statt . Dialektik bloße Wortkoloratur gibt (und damit sein darstellerisches Manko, am stärksten in der Schlußszene, enthüllt). Der Gerichtspräsident, den Ferdinand Greg ori — noch als „Faust" des Burgtheaters in unseliger Erinnerung — vorstellt, ist ein pathetischer Schwätzer, und Otto S ch m ö l e rollt eine gaumige Philosophie der Freundschaft mißmutig hinunter. In diesen Mißmut verfällt auch' Edth ofer als Philipp in der Verführungsszene, nachdem er vorher in der Szene mit dem Sekretär (Louis Böhm) sehr schöne Ansätze zu jener Kunst der Dialektik gegeben hatte, die eine Ausführung des Stückes braucht. Aenne Röttgen gibt der Desiree viel liebliche Weichheit (in der Schlußszene etwas zuviel). Für die Separat-Tragödie des roten Jtzig setzte Hans Homma klares unpathetisches Empfinden ein, das zu Dank verpflichtet; der jüdische Dialekt macht diesem ausgezeichneten Schauspieler geradezu unüberwindliche Schwierigkeit. Das Publikum bejubelte Moissi's Arien und Passagen. S. S. Theaterbrand!n Turin. Aus Turin wird gemeldet: Montag morgens, ü Uhr brach im Teatro Alfi cri am Corsa Re Umbecro, dem größten Schauspielhaus der Stadt, ein Brand aus, durch den das Gebäude vollständig eingeäschert wurde. Die Ursache des Brandes ist noch nicht ermittelt. Aus den Theater«. Burgtheater. Margen, 7.Uhr, „Cyrano von Bergern e" (Abonnement 4. Gruppe). Operntheater. Inder heutigen „Margarete-Aufführung (Faust) fingt wegen Jlidisposition der'Frau Angerer Frau Berta Kiurina die Partie der Margarete. Mephtsto Fedor Scholjapin. Dirigent Herr Alwin. — Morgen, 7 Uhr, „T a nnhäuje r". DeutsöyesVolkstheater. Donnerstag zürn letzten Mal „Komödie Ides Glücks". mit Alexander Moissi. Sonntag verabschiedet! sich der Künstler als Fedja in „Der lebende Leichnam". Montag, den 30. d. M., halb 8 Uhr, findet als Theatre pare- Vorstellung eine Beethoven-Feier der Wiener Frauen statt. Modernes Theater. Heute Erstaufführung des Lustspieles „Der Herr von Saient-Obin" von Adre Picard und H. M. Harwood. Die Aufführung des Schauspiels „Der Heimatlose" wurde auf Freitag, den 37. d. M., verlegt. Die gelösten Karten behalten ihre Gültigkeit. L u stj p i e l t h e a t e r. Heute Premiere der Komödie „Die Keuschheitskonkurrenz" von Richard Manz mit Haust Jarno. Bürgertheator. Die Revue „Miß Fregoli" von Paul Ollop, Musik von M. Karl May, gelangt Samstag, den 38. d. M., mit Jda Ruska in der Titelrolle zur Erstausführung. Keine Studenteltkarten für „SensationSvvrstettungen" Die Direktion der Staatsoper hat dem Rektorat der Universität mitgeteilt, daß Stehplatzkarten zu „Sensationsvorstellungen" an die Studentenschaft nicht mehr abgegeben werden. Diese Bestimmung wurde bereits beinr Schaljapin- Gastspiel gehandhabt. Die akademischen Bchvrden werden Schritte zur Rücknahme dieser Maßregel unternehmen. Wiener Musiker in Paris. Aus Paris wird gemeldet: Auf Einladung der französischen Gesellschaft für künstlerischen Austausch, die eine Zweigstelle des Ministeriums der schönen Künste bildet und von Robert Brussel geleitet wird, hat das Wiener Rose-Quartett, dem Prosesiivr Denäler zugezogen war, an drei Abenden alle Mozart- Quintette im Saal Erard vor einem festlich gestinmtten Publikum zur Aufführung gebracht und stürmischen Beifall geerntet. Der Direktor der Wiener Staatsoper Schalk ist hier eingetroffen und hat cm der Großen Oper die Leitung^ der Proben zur „Zauberflöte" übernommen, die er Mittwoch dirigieren wird. Sam Bernard gestorben. Der ftidische Schauspieler Saut Bernard, einer der Prominenten der englischen BühNe in den Vereinigten Staaten! und in England, ist an Bord des „Columbus", mit welchem er die Reise nach London machte, im 64. Lebensjahr einem Schlaganfalk erlegen. S-rnr Bernard war in Birminghaur, England, geboren und debütterte schon mit 13 Jahren inr Grand Dukes Tymtre. Er betätigte sich auch als dramatischer Autor und war Vizepräsident des Jüdischen Theätervereines. Die jüdische Abteilung auf der Ausstellung für Frichhofsknnst in Karlsruhe. Die gegenwärtig in Karlsruhe K Ausstellung für Friedhofskunst enthält bekanntf> eine besondere Abteilung, die die jüdische Friedhofskunft illustriert. Eine besondere Koje ist den badischen Juöenfriedhöfen gewidmet, von denen W. Kratt, der Schöpfer des badischen Denkmälerarchivs, im Auftrag des Oberrates der Israeliten stimmungsvolle Aufunhmen gemocht hat. Bereine, Bortröge und Versammlungen. Zionistische FrauenorganisationOesterreichs. .Heute. 141 Uhr, tm Zionistischen Bureau, 1. Bez., Kärninerstraße 28, Sitzung der Leitung und der Beziriksvertretevinnen. Tagesordnung: 1. SchekÄ-Mtion. 2. Ebischeba-Albewd. 3. Bericht der Kassieritt» neu. 4. Anträge betreffs der Wahl der Delegierteu zmn Wiizo-Kongreß. 5. E>verttua>lia. Erscheinen der Kassierinnen notwendig. — Zionistische Bezirkssektion Alsergrund. Der Vortag Dr. Jakob Weiner über ,Neuorientierung der Zionistischen Organisation Oesterreichs" findet heute um Uhr abends im Cafe Esplanade, 9. Bezirk, Alse rba>Hstraße 41, und nicht, wie irrtümlich angegeben, im Cafe Avkaden statt. — Lesestube der Zionistischen Sektion Innere Stadt. Jeden Dienstag von 6 bis 9 Uhr abends, Cafe Habs- 'bnvo, 1. Bez., Rotenturmstraße 24, allgemein zugäng'lich. — Verband jüdischer Kmrfleute und Gewervetreibenver, 2. Bezirk, Rembrandtstraße 11. Donnerstag, K7 Uhr abends, Vorstandssitzung. — Jüdischer Frauenbund. Heute, 148 Uhr, 2. Bez., Untere Angartenstraße 35, Bibelvortrag Esther Mieses: Wochenavschnitt und „Sprüche der Väter". Eintritt frei. Gäste tvillkommen! — Bukowinaer Zentralverband. Donnerstag,' SA8 Uhr abends, Monatsversammlung im Wiener Bürger-Cafe, 2. Bez., Praterstraße 11. — Maimonides-Jnstitttt. Heute, U n i versr t a t, H ö r s a a l 17: 6 Uhr, Dr. Ll. K a m i n k a : „Elegien Davids ans seiner Leidenszeit." 7 Uhr: „Aphorismen do< Antigonos aus Socho." — Wiener Beth-Hamldrasch, 2. Bez., Tempelgasse 9. Heute, 6 Uhr, Lektor Dr. S. Gel b h a u s : „Psalmen." Jüdisches Realgymnasium (mit Oefseutllchkeitsrecht), 2. Bezirik, Castellezgasse 35. Aufnahmen in die erste bis achte Klasse täglich Mische kl 1<2 und 1 Uhr in der DirektionÄanzlei. Jüdisch-akademische Lese- und Redehalle, Brünn. Doktor R o be r t We l ts ch, Ehefredatteur der Berliner „Jüdischen Rundschau", spricht als Gast der Md.-alad. Leseuild Redehalle Brünn am Mittwoch, den 25 Mai, 20K Uhr, int Festsaale der Bürgerschule (Husstraße) über das Thema: „Neuorient i e r u n g i m Z i o n i s m n s." Der Verein der Pretzburger in Wien verausMItet am Sonntag, den 19. Jnni, mittels Sonder-Salonschifses einen Dagesansflug nach seiner Vaterstadt Bratislava. Abfahrt nm H7 Uhr früh, Ankunft in Wien gegen All Uhr nachts. Anmeldungen bis längstens 6. Juni beim Obinaim des Aktions. Komitees, Gustav Weiß, 2. Bez., Große Spevlgasse 38.! iU!. J