Mannheim
Compact Memory

Wiener Morgenzeitung · 1927-05-24 · Heft 2959 (24.5.1927) · p. Seite 3

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2959 (24.5.1927)
Date
1927-05-24
Page
Seite 3 (sequence 3)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
90% known words query
IRI
…/2979076-2981905-2982047--30135-3018329
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

Nr. 2950 Men, Dienstag Wiener Morgenzettmig 24. MM 1987 Me 3 Ae -olitttsrele UnlverfttSt. Im kleinen Festsaal der Wiener Universität darf keine politisch« Versammlung stattfinden. Die Leitung der Hochschule erklärt dies immer, so oft ein dem nationalistischen Kurs nicht genehmer Reiner angekündigt wird. Um diese politikfreie Mentalität zu dokumentieren, hat der Senat gestattet, daß heute abends der Diplomkausmaun Koerber in diesem Saale über den Numerus clausus einen Vortrag hält. Eine Geburtstagsfeier, die Koerbers Genossen ihrem Meister veranstalten wollten, wurie untersast. Sie hätte wahrscheinlich politischen Charakter angenommen und so b'eibt es bei dem Vortrag. Der Mann, der da vortragen wird, ist in der Rassenwissenschaft zu Hause. Er ist sogar ein Gelehrter in diesem Fach und es ist beileibe keine Politik, die er zum besten gibt. Ist es Politik, wenn er in Wort und in Tat verhindern will, daß jüdische Studenten zur Ausbildung zugelassen werben? Was ist das, Numerus clausus? Mama, was ist ein Leutnant? Dieser Koerber hat vor kurzem an der Hochschule für Welthandel Hausrerbot er a teil, da er seine wissenschaftliche Theorie vonc notwendigen Ausschluß der Juden durch recht lebhafte Tat zu verfechten trachtete. Die'andere Hochschule, die für Wiens Bedeutung repräsentative, hält sich nicht an das Gebot des Taktes und §'»bt dem Koerber den kleinem: Festsaal frei, den sie dem gewesenen Staatskanzler Renner verweigert hat. Und das genau einen Monat nach d.n Wahlen. Das ist symptomatisch für Oesterreich und für die Stellung der Maßgebenden zur Judenfrage. Im Sinnck der hier geltenden Demokratie kann dieses Verhalten sogar als richtig angesehen werden. Haben nicht die Inden selbst gezeigt, daß sie ihre politischen Interessen nicht selbst wahrnehmen wollen, und daß sie lieber in politische Untermiete gehen? Es gibt nach diesen Wahlen keine politische jüdische Organisation, keine jüdische Vertretung. Es kann darum als demokratisch gelten, daß jede Rücksicht a's entb hrlicher Plunder fällt, und daß sich die Politik der Nadelstiche verschärft. i Es existiert freilich auch noch eine höhere Demokratie, das Empfinden für Reinlichkeit, das ein Vorgehen, wie es dem Senat beliebt, ausschließeu miißte. Aber — da muß Man wieder an die Wahlen sich erinnern, die im Zeichen der absolutesten Ungeistigkeit geführt ward. n. Der Rektor der Universität — Molisch ist sein Name — hat ärgerlich jede Wahlagitation an seiner Anstalt verboten, d.ren Aula doch, wie bekannt, nur der Wissenschaft gewidmet ist. Nämlich der des Koerber. Der Rektor beweist dies auch und gestattet es gnädiglich, daß dieser Koerber über den Numerus clausus einen Vortrag halten darf. Einen Monat nach den Wahlen, bei denen die Juden sich freiwillig sogar hin'er den Nmnerus clausus hatten zurückwerfen lassen. Wir werden sehen, ob eine der Partelen, die sich die Juden sti rmnen hatten zu treiben lassen, protestieren wird. Aus der ossizlellen AnWagstasel. Vor kurze»: kündigte der akademische Senat das Jnkvasttreten eines neuen Studeittenrechtes an, das, wenn auch mit großen Mängeln behaftet, so doch immerhin den Anschein eines Rechtes hatte. Wir gaben damals unserem Bedenken darüber Ausdruck, ob das Rektorat mm in Hinkunft tatsächlich gewillt sein werbe, Anpöbelungen jüdischer Hörer an de^n offiziel len Anschlagtafeln zu inhibieren. Unsere Zweifel waren nur allzu berechtigt. Neben der Ankündigung des Koerberschen Vortrages mit Lichtbildern unter dem Titel „Das Recht auf den Numerus clausus" an der amtlichen Anschlagstafel (ein Zufall will es, daß gerade für den nächsten Tag im gleichen San/ ein Vortrag Über Völker bundfragen angekündigt ist) prangte an der Tafel des „Institutes zur Pflege deutschen Wissens" wieder eine UMhl von S ch. m ä h s ch r i f t e n g ege,n die Juden. Eine graphische Darstellung sucht nach- Paris, 23. Mai. Die Feierlichkeiten zu Ehren des amerikanischen Fliegi.rs Lind'ber-gh nehmen unausgesetzt ihren Fortgang und sollen in den nächsten Tagen noch bedeutend erweitert ivevden. Mittags wurde Lindbergh vom Präsidenten Doumergue im Elhsee in besonders feierlicher Weise empfangen, wobei der Präsident dem Flieger das Zeichen der Ehrenlegion überreichte. Eine große Menschenmenge bereitete dem Flieger beim Betreten und Verlassen des Elhsee begeisterte Ovationen. Abends wurde Lindbergh vom Ministerpräsidenten Poineare empfangen. Am Mittwoch wird er in der Kammer von der Gruppe für Lustschiffahrt offiziell empfangen werden, während er Freitag Gast der Stadt Paris sein wird. Da er sich keine Kleider auf seinen Flug mitgenommen hat, mußte er sich gestern aus der Garderobe des amerikanischen Botschafters behelfen. Mehrere erstklassige Schneider haben sich erbötig gemacht, Lindbergh in wenigen Stunden von Kopf bis Fuß anszustatten. Der finanzielle Gewinn des Transozeanfluges hat sich für Lindbergh noch weiter gebessert. Die Witwe des 'bekannten Großindustriellen Deutsch de l a Me u rthe hat Lindbcvgh 160.000 Francs znkommen lassen und bei dieser Gelegenheit auch für die Familien Nungessers und C o l i s je 100.000 Francs gespendet. Lindbergh hat heute mittags auf dem Flugplätze Le Bourget seinen Apparat inspiziert und dabei festgestellt, daß er durch den Andenkenrummel der überbegeisterten Menge nicht gar so stark gelitten hat, wie dies ursprünglich aussah. Der Apparat wird nunmehr ausgebessert und Lindbergh will auf ihm mehrere Schauflüge vornehmen. Bisher hat Lindbergh über 1500 Glückwunschtelegramme aus Amerika erhalten. Jedes Dorf, jede Stadt, haben in begeisterten Warten dem „Columbus der Lüfte" ihre Bewunderung ansgchrückt. .Wenn Lindbergh die ihm telegraphisch von Theatern, Varietes und Filmgesellschaften gemachten Angebote annimmt, so würde er in kürzester Zeit schätzungsweise 1 Million Dollar verdienen. Wie jedoch verlautet, will Lindbergh nach seiner Rückkehr nach Amerika sofort mit den Vorbereitungen eines »reuen großen Neberlmrdfluges begrünen, der ihn wahrscheinlich nach Australien oder der» Philippinen führen soll. Der schwedische Gesandte, Graf E h r e n b a r d, hat heute Lindbergh (der schwedischer Abkunst ist) in der amerikanischen Botschaft ausgesucht und ihn im Namen zuweisen, daß die Zahl der Juden ln geistigen Berufen Ungleich höher sei als in manuellen und Phot ographi en zeigen senritische und arische Schädelbilder. Der jüdische Hochschulausschuß wird heute beim Rektorat gegen den angekündigten Bortvag Koerbers lind gegen die antisemitischen Anschläge protestieren. Nützen wird freilich dieser Protest ebensowenig wie alle früheren. , j, der schwedischen Regierung und des schwedischen Volkes beglückwünscht. Der Gesandte teilte mit, daß in Schweden für Lindbergh eine Sammlung einMleitot werden wird, und daß chm der schwedische Klub für Luftschiffahrt die goldene Medaille verliehen hat. Im „Martin" hat Lindbergh mit einer ausführliche»» Schilderung seines Fluges begonnen, aus der neben den schon bekannten Einzelheiten folgende Stellen besonders bemerkenswert sind: Das Schrecklichste während des Fluges waren die Stürrne, die beit Flieger zwangen, stellenweise bis zu drei Metern über den Wellen hinunierzugehen, um dann wieder bis auf 3000 Meter ylnaufzusteigen. Das Furchtbarste wohl aber war der Schnee, der sich auf den Flügelu festsetzte und sofort vereiste. Den Ernpfang in Paris bezeichnet Lindbergh als die gefährlichste Episode seines Fluges. Bald fühlte er sich auf Schultern gehoben, dann wieder von rückwärts heruntergerissen, so daß er auf die Erde fiel, dann ging es wieder plötzlich hoch, um sofort wieder hinuntergerissen zu werden. Mehrere Offiziere konnten ihn dann vor der Menge schützen. Lindbergh erklärt, daß eine regelmäßige Ueberfliegung des Atlantischen Ozeans nur mehr eine Frage von ga»»z kurzer Zeit sei. Eine Luftreise New Dort—Paris werde bald zu beit Alltäglichkeiten gehören, es fehlen, nur noch die erforderlichen s<'>-ch>ni»tel. Wie jetzt bekannt wird, hat die Mutter Lindberghs die Nachricht von der Landung ihres Sohnes tu ihren» bescheidenen Hause in Detroit tvährend des Unterrichtes — sie ist Lehrerin für Chemie an der technischen Schule — erhalten und freudig erregt ausgenommen. Sie erklärte, daß sie an den Sieg ihres Sohnes vo»» Anfang an geglcntbt und nur ein klein wenig gezittert habe, als die Nachricht von dem Ueberfliegen der Landgrenze eingelangt sei. Je Pinedo zum Szeauflu» gestartet. New York, 23. Mai. Nach einer Meldung aus Trepassey auf Neufundland ist der italienische Weltflieger de Pinedo heute um Uhr früh zum Fluge nach denAzoren aufgestiegen. m Mellen M dem M. New York, 23. Mai. (Reuter.) Ein Dampfer hat ein Radiotelogramm gesendet, wovin erklärt wird, er habe ein weißes Flugzeug, offenbar das Flugzeug des Fliegers de Pinedo, um Iß Uhr 38 Minuten (Londoner Zeit) 360 Meilen nordwestlich von den Azoren beobachtet. Rem Pläne des Szeanfliegers Lindbergh. Ler Szeanstieger beim Prststventen der Republik. — Ler „gesShrttche" Smplaug in Paris Nie Rumstraße Bon Pierre Mac Orlan. I»» dxr sehr bemerkenswerten Bücherfolge, welche der Verlag „Die Schmiede", Berlin, unter dem! .Sammeltitel „Berichte aus der Wirklichkeit" herausgibt, ist soeben ein neuer Band ^Alkohol s ch n» u g g l c r" von Pierre Mac -Orlan erschienen, dem wir mit Erlaubnis des Berlages den nachstehenden intereErnten Abschnitt «entnehmen. Der Spirituosenmarkt findet in Permanenz 14 Meilen außerhalb der Terrltorialgewässsr der Vereinigten Staaten statt; zwischen Providence-Netvport und Newyork. Ueberwacht von Klittern der amerikanischen Marine, antzrn auf hoher See die dem Exporte der heißb eg ehrten Mare dienenden Frachtdainpfer und harren der Dinge, die durch die Makler, die meist in Nswyork und Boston tätig find, kommen sollen. Man führt jährlich irr das „trockerre" Amerika 250.000 Kisten Spirituosen ein, so daß der Whisky, der vor einigen Monaten zehn Dollar Per Flasche kostete, nur noch fünf kostet. Das Resultat ist überraschend und sonderbar. In der Rumstraße, wo Tanzboote zu ankern scheine», herrscht unbeschreibliche Geschäftigkeit. Die Wachiboote der Schmuggler sind eifrig um die Frachtdampfer, die die, göttliche Flasche tragen, benrüht uitb suchen der Wachsamkeit der Zollschiffe und der Eilschisfe der Marine zu entgehen. Drei Hauptpersonen beherrschen die Rumstraße: die erste ist der Exporteur oder sei»» Bevollmächtigter, und dieser handelt ganz gesetzmäßig. Die ztveite ist derKäufer, der den Alkohol durchschmuggeln nnU. Die Slangbezeichnung für ihn ist „bootlegger" — der Allsdruck erklärt sich durch die Gewohnheit der Pioniere der großen Goldgräberzeit, die Whiskyflasche im Stiefelschaft zu verstecken. Die Bootleggers sind Schmuggler, hinter denen die Justiz her ist. Sie haben ztvar die Taschen voller Geld, aber lvegen der Gefahr, gefaßt zu werden, l - "" der Berus nicht jeden. Neben Bootleggers und Exporteuren ist durch das Prohibitionsgesetz eilte neue, sehr interessante Menschenart entstanden: die Rumrunners, die. sich mit dem Geschäfte befassen, foioeit es auf dein Wasser liegt. Bootleggers nennt man allgemein all die betriebsamen Leute, die sich zu bereich er»» suchen, illdem sie ihren durstigen Mitbürgern Alkohol zuführen. Es gibt darunter Berühmtheiten, wie Spanish Willy, der ein Italiener ist. Dieser Herr verdient durchaus in unserer so praktischen Zeit zu leben, er kennt alle „hohen" und „nicdrigen" Tricks. Er ist in den Künstlerkreisen Bostons gut bekannt, und wer den Genuß echt schottischen Whiskys zr» würdigen versteht, opfert gerne eilten beträchtüchM Te,il seines Einkommens, um Willy glücklich zu machen. Eine am 22. Oktober 1924 in der „Chicago Tribüne" veröffentlichte Statistik zeigt dis Resultate, die die Behörden bei der Bekampf»»ng der Alkoholschmuggl-.fc erzielt haben. In den drei Jahren der Prohibition wurden 177.000 Individuen verha,..t, und di-e Gefängnisstrafen stiegen auf die imposante Zahl )u 7000 Jahren. Trotzdem sank der Preis des Whiskys yn» die Hälfte und man behauptet sogar — was etwas boshaft ist — daß man ihn in Newyork billiger faufen kann als in London. Das Leben der Rumstraße hätte Mark Twain oder O. Henry in Begeisterung versetzt. Noch bleibt besonders für die, welche das Tragische schätzen, eine letzte Sorte Menschheit zu erwähnen, die die Mkohollvut a»rs allen Berbrecherwinkeln der Erde, (mit Einschluß des alten Europa) zusammengetrieben hat. Was nur der Erdball au schwarzen Schafen und muskulösen Müßiggängern ausweist, was nur zwei Dutzend Großstädte an gänzlich vorurteilslosen Gentleman hervorbringen, sammelt sich nach und nach in den hübschen kleinen Bars, die beneii lieb sind, die stets im >FlÜstertone sprechen, die das Neueste hören uub sich einen möglichst großen Anteil anidem Reichturn cn wollest», den der Rum und sein Kollege, der Whisky, rings um sich hervorzaubern. Aus ihnen bilden sich die kleinen Piratenbanden, die unter keiner Kontrolle stehen und die sowohl die Exporteure wie die anderen Boojtleggers zur Verzweiflung treiben. Die Mehrzahl dieser Highjackers und Hochs«epiraten ist zu allen Opfern bereit, unter Einschluß des Opfers des Lebens ihres Nächsten, wenn er nach Rum riecht. Es siird wüste Gesellen, die dem Tode auf Schonern trotzen, die oft liebliche Namen von Fox-Trojtts ioderBlnies tragen, geliebten Mädchen gelöscht, wie wir sie im amerikanischen Film bewundern. Außer denen, die direkt in der Rumstraße zum Angriff übergeh en, gibt es noch ein« ziemlich finstere Sorte Schmuggler, die man Moonshiners nennt. Sie leben im Gebirge und betätigen sich, wenn der Mond freundW sein Antlitz verhüllt, um ihre nächtlichen Expeditionein zu beschützen. Die Moonshiners sind die ,Aristokratie die Llhnen. Sie sind der reinste Stamm derer vonMarblemesser und Browning l»nd Nacht. Sie betrieben auch schon vor dem Alkoholverbvjt ihr Schmugglergewerbe, meist an der kanadischen Grenze. Die Rumstraße wäre ihrer schönsten Legenden entkleidet, wenn ich hier nicht de»» Besuch erwähnte, den eine blonde, graziöse Frau im vergangenen Juni Paris abstattete. Mit einem Turban auf dem Haar, einen» Batikjumper und vorzüglichem Schuhwerk sah man sie ihr Auto durch unsere überfüllten Straßen lenken. Alle Zeitungen schrieben über die Anweselcheit dieser jungen Dame, »venu auch nicht so viel wie über Jackis Eoogan. Es handelt sich um die kleine Rumkönigjm, die Königin der Bahama-Jnseln und Nassaus, wo die Retorten mmnterbrochen zum Wohls der ausgchörrteirr Mellschheitskehle destillieren. Was die Bahamas anbelangt, dje, der Küste vo»» Florida vorgelagert, auf dem Wasser

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.