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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-22 · Heft 2957 (22.5.1927) · p. Seite 10

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2957 (22.5.1927)
Date
1927-05-22
Page
Seite 10 (sequence 10)
Language
German
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Wien, 'Scmnktrt Wiener Morgerrzeilrmg 32. Mai 1927 Nr. 2957 £e!tf 10 Wienerischer Judentod. Zur Geschichte der habsburgischen Privatschatulle. Von Eck von Reischach. 2liimuv, ftill, finster und fremd strich der Jude durch die Gassen des spätmittelalterlichen Wien. Schon lange war die gicte Zeit vorbei da er, zwar nicht geliebt, aber respektiert, im klcjtren babenbcrglschen Wien ungehindert dort saß^ tvv es im gefiel, trotzdem sefn Leben auch damals schon nie frei von Tragödien und schauerlichen Romanen >var, wie ja bereits der erste Grost-Jude Wiens, den die Geschichte kein;!, der herzogliche Müuzmeister Schloin, nu Jahre 1195 unter den: Schwert eines rasenden Kreirzfahres verröchelte. Noch waren dem Inden in dieser „guten, alten Zeit" Handel und zahlreiche Gewerbe frei gestanden, er konwc in gewissem Sinn an dein' gefeltfch östliche,u Leben des Herzogshofes teilnehmech ja er reiste bisweilen in politischen Geschäften des Herzogs und im Jahre 1225 hat der Jude Tccha zwischen Herzog Leopold VI. und König Andreas II. von Ungar;; vermittelt. Hundert Jahre später war alles bereits grausam verändert und wienerische Welt wurde wienerischen Juden eine immer ärgere Hölle bis zu der grauenhaften Katastrophe. Das hatte alles seinen guten oder vielmehr bösen wirtschaftlichen Grund. Fast tausend Jahre lang, tvährend der Römerzeit, der Völkerwanderung und der folgenden dunklen Jahrhunderte, in denen genug alte römische Städte, wenn auch reduziert, weiterlebten, fast tausend Jahre lang haben die Inden den gesamten Handel Mitteleuropas in Händen gehabt, jetzt aber, im 13. Jahrhundert, war es aus damit. Der deutsche Kaufmann war entstanden, drehte dem jüdischen binnen kurzem den Kragen um, da er ihn einfach nicht in seine auf religiöser Grundlage beruhendem Organisationen hineinließ und zur Zeit etwa, da Rudolf von Habsburg den König Ottokar schlug, mag der Wiener Jude bereits nichts, anderes mehr gewesen sein als Wrrchcrcr. Etwas anderes konnte, durste und sollte er nicht mehr sein. Mm aber rast der Wille zur Macht allezeit inr Juden nicht minder als im getauften Christen und in jener, für heutige Vorstellungen ganz unglaublich kapitalsarmen Zeit war Geld geradeso eine große Sache wie heute. Und der Jude, der 'hatte es, nahm aber nicht 173 Prozent für Darlehen, die er im Jahre 1244 noch nehme« durfte, geschweige denn 65 Prozent, die hundert Jahre später als üblich angesehen wurden, soirdern stets zwischen 200 und 300 Prozent. Er konnte sichs leisten, so sehr dse Pfaffenwelt darüber Zeter schrie, denn Geld brauchten Stände und Herren ebenso wie die Weißgärber und Pfeilschmtzer von Wien. , Im Wiener Ghetto, das um den heutigen Judenplatz herum, hatte einfach alles seine Pfänder liegen. Nun aber brach eines Tages das Schicksals unberechenbar und blind, über die Wiener Jndenschaft herein, das Ghetto bleannte ab, die Judenschaft wurde, arm, man hatte von ihr nichts mehr und damit' war ihr im Geist des naiven und ganz realistisch denkenden Mittelalters das Todesurteil gesprochen. Unnütze Fresser. 1406, an einem Sabbatabend, brach das Feuer in der Judenftadt aus, fromm'e Hand dmfte stundenlang nicht dagegen rühren und sowie das Hornwrrk von St. Stefan seinen Feuerruf heulte, strömten die Studenten in hellen Hqufen aus ihren Bursen, ließen Aristoteles und Xenophon, schnallten ihre breitere Ochsenzungen um, steckten dm dreikantigen Miserikordra-Dolch hinten ans Gesäß und in einem Hui rannten alle Fakultäten zur Judenstadt, alle „Wunderburgen", irr denen gerade die Bettler ihre fälschen Glieder abschnallte;;, leerten sich und auf einmal wimmelte es zwischen Flammengeprassel und dumpfem Häusersturz von Plünderern, die der Juden Gewandkeller aufbrachen und „als sich aber ein Jüd. Mut machte und versuchte sich dawider zu stellen ... da schlug man ihn tot, was in jener Zeit nichts Außergewöhnliches war. Den andern Juden aber wurde nichts nrehr U-bles getan, nur daß in einem Nu ihre Teppiche zerstört ioaren", so schrieb es 150 Jahre später der jüdische Chronist Josef ha-Kohen. Seine „Exzellenz", der Herr Herzog, hatten davon große Fatalitäten. Bei der Plünderung waren nämlich zum großen Teil auch die Pfänder der Christen, die die Juden in ihren Kellern hatten, zunt Teufel gegangen und alle Welt war außer sich. Viel hat inan jedoch nicht wieder zustandegebracht, denn die Hochschuljugend brauchte nur zu schwören, daß sie nichts mitgenommen. Man suchte nicht nach. Um die nun folgenden Ereignisse zu verstehen, muß nran sich vergegenwärtigen, daß Oesterreich damäls in der Verfassung eines Balkanstautes sich befand, die verschiedenen Habsburger miteinander fortwährend Krieg führten, ununterbrochen Geld brauchten und zu diesem Zweck die unglaublichsten Ideen ansführen ließen. Im Jahre 1411 kam dev junge Herzog Albrecht V. zur Regierung, nach einem Chaos von Kabalen, das seine beide« Onkeln gegen ifjn geschaffen und das erste,;vas dieser junge Fürst brauchte, war natürlich wieder Geld und er preßte in den folgenden zehn Jahren seine Inden in einer geradezu fabelhaften Weise aus. Allerdings ist wohl nicht von der .Hand zu weisen, daß die Wiener Jude« damals mit den Hussiten in Böhmen enge Beziehungen hatten, großzügige Waffenlieferungen an sie dnrchfüyrten und wayrscheinlich entsprechende Kriegsgewinne einstrichen. Alles zum nraßlosen Acrger rechtgläubiger Christeuhpit. Durch die barbarischen Schröpfungcn des Herzogs gewitzigt, ließ die Jndenschaft kein Geld mehr sehen, schrie seit 1417, das; sic keinen Heller mehr habe, durch den Brand um' alles gekommen sei, und borgte sich daS Geld zur Bezahlung von Steuern ostentativ von Christen, was alles besonders den Herzog höllisch verdroß. Diese Politik der Inden ist nicht ihre klügste gewesen, denn alsbald lhf das obligate Gerücht durch das Land, daß der „Jüd Jschrocl" zu Enns das allertcuerstc Gut erbärmlich geschändet, Hostien in Stücke geschnitten und gesamter Judenschaft zum. Fressen gegeben. Am 23. Mai 1420 wurden mit einen; Schlag alle Juden ausgehobeu und in die Stadttürme geworfen, wo sie mit der „gelinden Frag" gefragt wurden. Nach einem I Monat hatte nran herausgebracht, wer wirklich gar kein Geld mehr hatte, jagte dies erbärmliche und verdrießliche Volk auf etliche Donauplätten, welche man ohrre Ruder nach Ungarrr „hinabrinueu" sieh. Man hat von diesem Volk nie mehr etwas gehört. Hierauf schritt man daran, dse zurückbehaltener; Kapitalisten in Ruhe und genrächlich abzufoltern, ihnen Pie Julvelen aus den Därmen zu ziehen, denn sic liebten cs, sie im After zu verbergen. Man hielt sie in den Gewölben des SchergcnhauseS bei der HiMmelpfortc, esu Häuflein aber auch in der Synagoge, Pie dort stand, wo heute die Häuser/ Judenplatz 7 und 8 stehen. In der Syrragoge lagen sie wirr durcheinander, Männer, Weiber urw Kinder. Und jeden Tag kam! ein Minoyit ihnen den wahren Glauben zu Prediger;, in cincnr fragrvürdigen Hebräisch. Aber die Judenpest blieb halsstarrig, so daß herzogliche Gnaden einen Wutanfall hatten und befahlen, alles, ivas jüdisch r;nd unter 15 Jahren zu packen und ins Taufbecken zu stecken. Der richtige Glaube ließe sich dann noch mit Ruten erhärten. Vorwitzige Knechte 'raunten davon den Juden zu, als sie ihnen die Suppe in die Synagoge brachten. Und in selbigler Nacht, bereits halb wahnsinnig, warfen die Juden Lose. Den Rabbi Jonas traf es, sie alle mit einem schartigen Messer abzustechen. Er tat es. Unvorstellbar die Szene. Des Nachts in der finsteren, engen Synagoge, dem längst entweihten, vorn Kot der Gefangene« verpesteterr Raum. Wie sie beim Schein eines kleinen Oellänrpchens starben, der Nächste mit cincnr Lmnpen dem Vorderniann immer den Mund verstopfte, daß die Wachen keinen Schrei, kein Röcheln vernähmen. Bis dann der rasende Greis fje alle mit Oel angoß, anzündete, dann auch sich erstach und erst stinkender Rauch, der durch die Ritzen der Tür drang, dse Krrechte ahnen ließ, was drinnen geschehen. Die ganze Wienerstadt brauste auf gegen die Jrrden, die so schändlich gehandelt und dse Seelen ihrer unschuldigen Kindlein mit sich in die Verdammnis gezogen. Als die Geschichtci abcr in der Himmelpforten ruchbar wurde, haben viele Juden nach der Taufe geschrien und man führte sie feierlich vor den Herzog, dem' das wohl ges B B 0 B B S B B B B B B B B B B Die besten Jleuerscthetnun£em «2<er modernen Stieratm B B B B B IB B 0 IT stets vorrätig BBBBBaBBBBBBBBBBB&BBaBBBBBB FELIX SALTEN, Martin Overbeck, geb. . ROMAIN ROLLAND, Mutter und Sohn, geb. HEINRICH MANN, Mutter Marie, geb. . . ARTHUR SCHNITZLER, Spiel im Morgengrauen, geb. JEAN CASSOU, Schloß Esterhäzy, geb. . SOMERSET MAUGHAM, Der Besessene, geb. GUSTAV MEYRINK, Der Engel vom westlichen Fenster, geb. JACK LONDON, Jerry, geb. LEO SLEZAK, Der Wortbruch, geb.. . . STEFAN ZWEIG, Verwirrung der Gefühle, geb. 8.50 18.50 9.50 » 9.90 » 7.50 » 10.— » 15.80 » 8.60 » 12.60 » 12.60 bei a K JLöwvtt, Wien, I. fil motcnhifmshra^e 22. B B B B a B B a B B B a a a 0 W B Bl! fiel und der sie beschenkte. Dpn Halsstarrigen aber zeigte man es immer mehr. Schließlich baten sie fußfällig, herzogliche Gnaden mögen doch befehlen sie töten oder verjagen zu lassen, die von Wien trieben es zu-arg nsit ihnen. Worauf der Herzog sagen ließ, eines von Leiden würde er tuen. Am ttächstci; Tag, den 12. März 1421, erschien Albrccht V. vor den; Gefängnis und ließ alles vor sich auf die Gasse treiben. Ganz in flandrischen Samt gekleidet, umgeben von seine« Bogenschützen in ftften blinkenden Harnischen, einen Bisamapfel vor der Nase — die Juden stänke;; zu sehr — sah er sich alle an, 92 Männer und 120 Weiber. Den schöneren Frauen ließ er dft Lumpen abreißcn, betrachtete sie von alle« Seiten und ließ sie fragen, ob sie sich taufen lassen wollten. Als sie nicht wollten, zuckte herzogliche „Exzellenz" die Achsel und ritt davon. Die Juden aber stieß man in Leiterwagen und fort ging es durch die Straßen der Stadt, dft ganz leer waren. Noch hofften manche. Aber als sie auf der Gänswcide an der Donau anlangten, da wnßteu fies. Gerade dort war es, wo heute die Wejßgärberländc mit ihren Zinshäusern, Kinos und Restaurants sich beftndeL Damals iveite Flächen, mit kurzem Gras bestanden. Schon drängte sich ganz Wien dort- Me geistlichen Orden, der Klerus mit Kirchenfahnen und ÖremticTtbeu Kerzen, die Universität, die Zünfte, in der Mitte des Herzogs Hoheit auf einem Klappsessel, umsprungen 'Von! seinen Astrid spielen, und auf langen Bänken die adeligen Tanreir in ihren wappengeschmückten wallenden Gewändern. Es war ein schöner Borfrühlingstag, am blauen Himmel trieben viele blaue Wölkchen und der Wind war lau. Knapp am Ufer der Donau aber erhob sich ein langer Holzstoß, bedeckt mit Strohmandeln, Pech und Wachs. Kaum erblickte den die Judenschar, ivarf sie sich auf die Erde und schrie zu Adonai in seltsamer Sprache, erschrecklich zu höre« filr dke Christenheit, zu Gott empor, der so stumm und unerreichbar blieb. Da kanr der Freinrcum mit seinen Knechten, streute den Juden Schwefel-« Pulver in Haar und Lumpen und als er sie ausließ, begännen sic — zum verwunderten Entsetzen aller, wie sämtliche Chroniken berichten — zu tanzen uni) zu springen wie einst David vor der Bundeslade und also näherte sich der schreckliche Zug dem Stoß, vor welchem! schon die Fackeln rauchten. Herzogliche Gnaden, <m dessen Stuhl sie einzeln vvrübermilßten, waren über all das sehr verwundert und ließen sie noch einmal zur Taufe fordern. Mer sie spien nach dem . Herzog. Da warf man sie auf den Stdß, traktierte sie übel, schmiß Feuer in das Stroh und „212 Jüden sein verbrunnen wie Zunder." Das Volk von Wien aber blieb an Ort Und Stelle, auch als der Herzog, dem die bratenden Leiber zu sehr stanken, gegangen war, es harrte geduldig bis die Asche etwas kühler geworden, dann aber drängte sich alles hex, den Judenschatz zu suchen- Und sie fanden tatsächlich ganze Klumpen geschmolzenen Silbers und Goldes, viele Edelsteine, denn all das hatten dft Jude« in ihren Leibern verborgen gehalten gehabt- Gar mancher Wiener wurde für sein Leben reich durch diesen Judenschatz. ' Dann aber ging auch der Herzog daran, seinen Profit zu machen. Jegliches Judenhaus war sein und er belohnte feilte Getreuen vielfach damit. Schon am 12. April 1421, genau einen Monat nach der Verbrennung, schenkte er „seinen: getreuen Hans dem Musterer, Bürgermeister! zu Wien, Haus und Gärtlern, gelegen in der Judengassen, was weiland von Jonas denr Steuß, unserem Inden, an uns gekomm-en ist", insgesamt löste der Herzog aus dem Verkauf des Judengutes 11.722 Pfurrd. Pfennige, was ungefähr 169.000 heutigen Schillingen entspricht. Also für den ewig geldbedürftigen Herzog nicht sehr viel. Es war aber das Gericht so schlau gewesen, sowohl durch gelinde wie strengere Marter, von den Juden genaue schriftliche Belege über ihre christlichen Schuldner herauSzupressen und sobald die herzogliche KamMer die Schuld- Briefe .und „Judenbücher" hatte, war sie sogleich hinter den christlichen Gläubigern her, denn herzogliche Gnaden ioaren doch der Rechtsnachfolger der Juden, seiner KamMerknechte, und unbarmherzig hieß es zahlen bis auf den letzten Pfennig. Welche Summen der Herzog auf. diese Weise eiiürfeb, entzieht sich jeder Kenntnis. Ja, die Kain* mer zog sogar Häuser und Felder der Fudenschuldnjer, die bereits dem Gläubiger verfallen waren, ein, bevor noch die Jrrden brannten, schon ein Jahr ftüher, womit klar ist, ivarum die Juden auf alle Fälle brennen Mußteir. Seitdem sind über 600 Jahre vergangen, viel Wasser die Donau hirwbgeflosserr. Die Wienerische Judenverbröy» nung ist vergessen worden, von Jud und Christ, so gründlich vergessen worden, daß in den Neunzigerjahren dße Juden von Horodenka, als Franz Josef, der Nachkomw» jenes! Albrecht, durch ihr Städtchen kam', auf einem' Triuntph» bogen, den sie ihn; errichteten, folgenden Jargonvers schrieben: „Unter Deines Rosses Hufen, Ist dem Morsch: git zu schlufen . . ." So ist das Leben.

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