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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-22 · Heft 2957 (22.5.1927) · p. Seite 9

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2957 (22.5.1927)
Date
1927-05-22
Page
Seite 9 (sequence 9)
Language
German
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Nr. 2067 Men, Sonntag 2& m* m* Wiener M-rsenHettimg ©elfe S LITERATURBEILAGE DER .WIENER MÖRGENZEITUNG’ Srholung vom Buch im Buch. Endlich kehrt wieder, aufersteht, wird.aus glücklicheren Nationen importiert jene Gattung Romian, die nicht Mldung,seettsche Erhebung, geistige Bereicherung, Veredelung des Geschmacks zur beschwerlichen Folge hat, sondern die ohne-alle kulturelle und ideelle Nebenabsicht nur (mir!) unterhalten, spannen, berauschen, entrücken will. Ach, wie Lut es uns nvtl Durch welchen „Zauberberg" der Literatur Missen wir nicht hindurch! Wieviele von uns (offen gestanden! seid wahr!) blieben nicht oynMchtig darin stecken, -rangen nie durch ihn hindurch an das! beglückende Licht, haS auf uns Barbaren und Bücherfvesfer und KünstenteMe etwa'jetzt von Amjevika her Mt? Da ist nänckich jener vom guten Geist dev verzauberten Menschheit geleitete Verlag (Th. Knaur, Berlin), der uns die Bibher von drüben beschert, die kurzen, schnellen Bücher von Menschenfressern und Banditen, Äefahrern, Räubern, von 'Südseeinseln und Grenzgebirgen ohne Pfad, wilden und sanften Meeren, Bücher von Erlebnissen, Usch denen wir (Kinder bis zmN Grabe) uns ständig, heimlich oder. schamlos laut sehnen. Ah, welche Entzückung, Entspannung, Belebung! Jeder von eich ringt sich durch den unbändigsten Maniri, den dicksten Stücken, Ankev-Larsen, durch, wenn er jeweils nach zweihundert Seiten an einem' dieser „Romane der Welt" wieder zu sich und Kräften khiümt, wenn ihm — nach so viel Literaturparfüm — wieder richtige Lust um die Stirn weht, ja ein Sturmi um die Ohren pfeift, ein Orkan das'Gebein schüttelt. Da sind ein paar neue Winde erschienen, von George C h a l be s „Ein Teufelskerl", vott: Zau-e G r e Y „Me Grenzlegion", vvn HerMau Melville „Taipi", dieses das erste Südfeebuch, Vorläufer vvn Stevenson, Conrad, London. Vielleicht ncht (Gott sei Dank!) so künstlerisch, so „literarisch weÄvvkl", dafür- Umso heißeren -Lebens voll, ganz ursprünglich, nacktes Abenteuer ohne Oynament, bevestts so sachlich, wie Man es sieben wieder zu . lieben beginnt. In allen diesen. Büchern ist die Seligkeit unserer Jugend enthalten, jenes Phantastische, das mög- : lich ist; jene Rmnantik, ^die es doch geben kann. Und, weiyi > Mr^"HofMe, Direktoren,' -Ingenieure, Advokaten,. selbst F wenn wir Berdämstiten Schrist stelle r such: die Jugend ist heimlich irgendwo in uns geblieben und erfüllt uns wieder. Wenn wsr diese Bücher lesen. Sie sind alle vorzüglich übersetzt imb1 — nebenbei! — alle! — (ich sage es leise, um niemanden abzuschrecken) wahr und wahrhaftig auch schriftstellerisch eine Leistung, sind literarisch durchaus Wkutabel, sind ja gerade. Lektion für die (Uebev-)Gebrldeten, KulturemrÄdeten, sAr den Feinschnckcker und Sachverständigen. Ich glarrbe,. fürs „Volk" ist diese Serie künstlerisch zu stark. Ihr Erfolg muß bei uns lieget! W(ir gerade, von den literarischen Wälzern erdrückt, zerquetscht, entblutet, müssen uns an ihnen erholen! Heinrich Hintermann veröffentlicht sein Tagebuch einer zentralbrasKyl^scheN Expedition „Unter Indianern und RftsenschlaNgÄl" (GrethÜein u. Co., Zürich). UW hat' Man erst sein. Befremden Aier diese völlig rm- Wvarische, unschriftstellerische Berichterstattung überlvunden, so ist dieses Manko gerade das, woran Man sich erfreut. Jrntwer überzeugter und. giefefselter folgt man ihm, tM seine Leiden und Schrecken und verläßt ihn wie einen' giften Freund, der von seiner großen Reise Wundcrbaves und' Atemberaubendes. zu erzählen verstanden hat. Biele eigene AuftrahMeN.nehnten. das ungenügende- Wort auf und. führen die Schilderung zur Anschaulichkeit. . Nun, die wahre Bestie ist nicht in der Gistschlang-e, sondern im! Menschen zu finden. Dies die Moral des alten, ewsigen Eugen Sue. Der famose Avälnn-Berlag in Hellerqu läßt den „Geheimnissen von Paris" (ttberwältjigendeS Schauerbuch!) den „Etvigcn Juden" folgen, gleich vorzüglich ausgestattet und gekürzt. Fast hundert Jahre ist dieser Roman alt, also istdste Zeit seiner ersten Auserstehrmg wieder gekomimlen. Ein Meister der ungebrochenen Farben, dös scharfen Konkurs, ein Meister des blitzenden Dialogs sogar ist dieser alte Sue, abgesehen vvn seinem Erfindnngsgenie, das Vis Hütte nicht ntehr seinesgleichen gefunden W. Jwuter wieder' überrumpelt er den Leser, beschämt seine Kombinationen, Mertrmnpst seine Vermutungen. Pedanten ni-ügeü das Unmögliche seiner Welt beweisen: sie haben nicht Sinn und Gefühl für die Farbe imd den Glänz seiner Welt. Wer noch zu lesen versteht, wör iM Lesen sich und seine armselige Wahrheit zu vergessen vermag (lernt! lernt es wieder an diesen Büchern.!), der konmit nicht zttr Frage »rach der Möglichkeit der Eindrücke. Sie werden Erlebnis : geniug! Hinterher — vielleicht —lacht, man sich selber aus. Mit Unrecht. Gibt es Besseres und Beglückenlderes, als noch hingerissen tverden -zu können? Wir sind ein so furchtbar differenziertes Geschlecht! Der Unbefangenheit unfähig! zum Genuß verdorben! Sue ist eine Probe auf die in uns lebendig gebliebenen, guten und heiligen!Kräfte. Macht die Probe an ihm. Mächte er Wh überivStttzew! Wie inrmcr wieder mich. ' Ob Mun Max Psttkver kühn wird, wenn ich fein Buch „Hirnmelpifo-rtgaffe" (Wiolff, München) diesen erhabenen sSchmöikern anrerhe? Gleich zuvor: schon stitiMsch ist es künstlerffch anderen Regionen zuzusprechen; sprachlich ist es' eine MerstehleistzM'g. an sich. Und stofflich — ein Kokaiw-Roman, eine große Liebes Novelle voll' Wiener Atmosphäre — hat es den ftsselnjden Zauber großen Abenteuers, hat' es die furchtbare Wahrheit' eines Erlebnisses, zugleich auch seine läuternde Versöhnung. Wird nicht Entsetzlichstes gerechtfertigt und entsühnt, indem eben es Erlebnis ist-.. Ein QNMfschmtt durch eine unserer Seelen, durch die Seele unsres H e N t. Darum fast symbolhaft; darum jeden ergreifen-, jeden bekehrend. Der gezogene' Schluß: „Im Protest stecken bleiben, zeigt den Drketkmten." Also: welches gefm^ kranke Buch! Wu-rt Münzer. VON BÜCHERN, OICH^ERN UNO VERLE6ERN. Katt Soaaeasttdr Roma« »rer rote Schlei«-. Verlag Maximilian Salzer, Berlin-Wien-Leipzig, 1927. Der Psychoanalytiker Urbanftschitsch bezeugt m seinem lesenswerten Vorwort als Seelenarzt dem Autor, daß er einen durchaus glaubhaften neuen ltterarischejrr Typus geschaffen habe: . „Die seltsame Bereinigung von Mutter und Dirne, zweier Begriffs die nach Meininger als unvereinbar geltem" Für Svnnenfeld gftviß eine Genugtuung, wenn ihm der Wissenschaftler nachrühmt, seelisches Neuland.. betreu - zu haben.. Darüber hinaNs sind die bedeutenden literarischen Quälttikten des Romans anzuerkennen. Svnnenfeld hat mit großer Liebe und Wer Teilnahme die Not der bedauernswertesten' Geschöpfe, der. Bernfsdirnen, geschildert. Der Roman ist vortrefflich geformt, das heiße Tempo der ErKhlnjNg nimmt den Leser gefangen, ober er ist nicht nur durch den Gegenstand gefesselt, der hier ungewöhnlich realistisch ' bWndbÄ' "'M ''"'bk?' MWr MW ihtt' zur' Anteilnahmcj an dem Schicksal des Tiroler Mädchens, das Anlage und Erlebnis zur Großstadtdirne macht, und ihres unglücklichen Sohnes. Einige jüdische Typen .sind mit bemerkenswertem ' Verständnis für die Besonderheit jüdischer Art und des Zwiespaltes bezeichnet, der sich aus der Assimilation ergibt. Am feinsten gelang SoNnenfeld eine jüdische Gestalt, die ziemlich im Hintergrund bleibt, aber ausgezeichn-est gesehen und dem Leser besonders plastisch nahegebmcht ist, die eines jüdischen Arztes. Anlaß, den jungen, sehr begabten und herzhaften Autor darauf ausmeäfam zu machen, daß die Ueberdeutlichkeit in der Schilderung des Stofflichen und der Romangeschöpfe ihn gelegentlich. Wr Reportage, ja zur — Kolportage verleitet, was insbesondere für den letzten Teil seines Werkes gilt. Ein technischer Mangel: Er legt den handelnden Personen. jetzt noch Sätze in den Mund, die der Reporter mitzuteilen hätte oder die in den Motivenbericht des Werkes gehörten. Etwa in eine Selbstanzeige. Aber die erwähnte Figuir des Arztes, das Erzählertalent nnd die Hingabe an sein Problem legitimieren Kurt Sonuenfekd als Romancier von Rang. Man darf auf die kommenden Werke gespannt sein. O. A. etios einer Terrterr- Jack London: Jerry, der Insulaner. (Nniverfitas, Deutsche Verlags-A.-G., Berlin.) Jerry ist «in irischer Terrier edelster Rasse, auf einem der Tausende von Atollen des Südseoarchipels zur Welt. gekommen. Bon seinem sechste» ÄebenSnwlrat an, da fein erster Herr chn an den Beisitzer eines Niggertranspvrtschiffes abgibt, verläuft Jerrys Schicksal in der bewegten Kurve des Kampfes um sein junges Lebe». Denn ans den Salontonsinsvln, die Jerry inr wechselvollen Gang des Geschicks kennenlernt, le-en bis heute noch Kannibalen. . Jerry durchlebt mtt den Gaben uralter, durch unzählige Hundegeschlcchter überkommener körperlicher und geistiger Schulung die Mrfgabe eines Tieres, das der ZivMsation zu dienen hat. Er vertritt auf diesen Südseeinseln das europäische Gewissen, die HerrscherbeWigung des Europäers, seine zivilisatorische Sendung. Doch die Geschichte Jerrys gibt wert mehr das Loben eines Geschöpfesganz ans sich heraus, nicht ans der üblichen menschlichen Perspektive gesch-en. Jack London, der große Erzähler, hat hier ein neuartiges Tierepos geschaffen, das in solch unerhörter Kraft noch nie geschrieben umrde. Er schildert weit weniger die Abenteuer dieses Terrier-Hündchaus, als die seelischen Eindrücke dieser dlbeuteuor ans das vierbeinige Geschöpf, welches auf einer Südse«inftl zur Wett kam und diese WÄt A M «ufnchmnt mit JWWm, M vttWiyWl^ jähriges Drbes in ihm auf,; höchste verseiüer hat. W ist das Buch vvn der reichen Seüle eines Hundes, das Jack London geschaffen hat. Zeile um Zeile packt n«S unwiderstehlich, immer neue Erkenntnisse und- EiMMf; Jerrys uwd unser selbst entrollend. Das Hekxnlied deS Hui^eS wurde schon tausendmal, bald liebe-, bald effektvoll ^geschildert; ckber zNM erstenmal tönt, ohne jede gemachte Menschensentimentalität, nur ans dem Wesen deS Tieres selbst erkannt nnd ausgenommen, das Lied von der Geschichte des Hundes. Es ist nicht das Werk menWicher Dressur,. Hund genannt, sondern der uralte Gefährte der Menfchihett, dessen Epos sich vor unseren Augen, Jahrtausende überbrückend, entfaltet. Jack Londons Buch erfaßt den Rhythmus der Existenz „Hund", und so wird es Synchol, was Jerry empfindet, als eines Tages seine Herrin ihm sin kleines Lied ms Ohr singt: „Im Singen verursachte ihre Stimme ein leises, zitterndes Gefühl in seinem Ohr. Und da kam es ihm vor, als ob sie fern und undeutlich, nnd ob er, unter dem Einfluß ihres Singens, wcht ent-, rückt würde... Er setzte, sich plötzliche.. fast krampfhaft: nieder, entzog seinen Kopf ihrer Hand, die seine Schmache gepackt -hielt... und begann mit hochgehdbener Schnauze im Rhythmus ihres Gesanges zu ztttern und hörbar zu rtmen. Dann richtete er mit einem hastigen Ruck die Schnauze gegen den iZenü, öffnete das' Maul und Keß eine Flut von Tönen herausquellen, die sich schnell mit steigender Kraft hoben und dann lmrgsam wieder ®o» starben." Es ist der seelische Rhythmus, dar allen Gtzsschöpfen eigen ist und dessen Erkennen sie immer wieder mtt dem höchsten. Gefühl der Freude erfüllt; die Menschen halten sich der höchsten Aenßernng dieser ftndung für fähig; in Wirklichkeit ist es' bloß die technisch fortgeschrttknste; und wie Jack London diese.EmpfindMgs'änßerung des Terriers Jerry wie-ürgDt, sichren wir mtt ihm, daß derselbe RWHmus durch alle Geschöpfe geht, ob sie nun Mensch oder Hund heißen: und sind ergriffen. S. S/ Jttternationake Bereinheittichuug des UeverfetzungS« ms. Die Kommission zur Reform des UeversehuntzAjwesens, die gestern in Paris im Institut für internatjonake geistige Zusammenarbeit zusamMengetreten ist, hat unter anderem eine '. Entschließung angenommen, in der die Schaffung eines internationalen Uetzerfetzungs» amtes angeregt wird. Dieses Amt soll die besten Uetzev- Setzungen auszenhnen, neue Versuche ermuntern und die Werke in Evidenz halten, deren Uebersetzung in den intellektuellen Kreisen besonders lebhaft gewünscht wird. W ist die Ausgabe eines Berichtes geplant, in dem sämtliche internationalen Auskünfte, betreffend das Uebersctzungsweftn, erscheinen sollen. Bibliothekartag in Dortmund. Die diesjährige Jahresversammlung . der deutschen mtt> österre i ch i s ch em höheren Bibliocheksbeamten (früher Verein deutscher Bchliothekare) findet vom 8. bis 11. Juni in Dortmund statt. Unter den angemeldeten Vorträgen sind hervorzuheben: Dr. Heinrich L o etu c (Berlin): „Aufbau der jüdischen National- und Universitätsbibliothek in Jerusalem"; H. Schramm (Leipzig): „Die deutschen Museumsvibliotheken". Ein internationales SchriststeNerlyeinr soll, wie aus Parss Semeldet wird, in Mentone begründet werden; der hernnte spanische Romancier Blasco I b a n e z, der wegen seiner Gegnerschaft gegen das spanische Direktorium in Mankreich im Exil lebt, hat seinen in Mentone befindlichen Besitz „Casa rossa" dem französischen Staat geschenkt mit der Zweckbestimmung, dort ein internationales Heim für Schriftsteller zu schaffen. Die Briefe der Esther Rachel Kamirrfka. Die vor zwei Jahren verstorbene berühmte jüdische Tragödin Esther Rachel Kaminska. deren Nauie mit der Geschichte de§ jüdische» Theaters in Polen und' Rußland eng verbunden ist, hvt in ihrer langen Laufbahn mit einer Reihe von jüdischen Künstlern, Schriftstellern und anderen Persönlichkeiten korrespondiert. Ein Teil ihrer Briefe ist nun fm Verlag B. Kletzbin (Wilna), von ihrer Tochter und ihrem Schlwichtzv' sohn herausgegeben, erschienen. BÜCHEREINLAUF. I. A. Barbey dMurevilly: Mit verdeckten Karten (NoveG). Verlag M)ilipp Reclam jun., Leipzig. De. Viktor Engelhardt: Die geistige Kultur Aegyptens, Batbyloniens und Judas. Verlag Philipp ReÄam jun., Leipzig. Friedrich Griese: Wittvogel (Novelle). Verlag PhiKpp Reclam jun., Leipzig. Egon Erwin Kisch: Krimmalisttsches Reisebuch. (Berichte aus der Mrklichkeit, Band 1.) Verlag „Die Schmiede", Berlin. Leo Lanka: Jndeta, die Fabrik der Nachrichten. (Berichte aus der WirKichkeit, Band 2.) Verlag ,^Die Schmiede", Berlm. Pierre Mae Orlan: A^koholschmuggler. (Berichte aus der WiMchkeit, Band 3.) Verlag „Die Schmiede", Berlin. Edward Trautner: Gott, Gsgemvart und Koiiain. (Bericht» aus der Wirklichkeit, Band 6.) Verlag „Die Schmiede", BerK«. Madae Hajcchduth, herausgegeben vom Judaistischen I» rsalem, Band I. stltut an der hebräischen Un weist tat in Jeru Große Jüdische Ratioual-Biographtt, gegeben von S. Mnknger, Cerrrautt. 8, heraM-

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