Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2957 (22.5.1927)
- Date
- 1927-05-22
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Sefte 2 Wien, Sonntag Wiener Morgenzetturrg SS. Mai 1927 Nr. ZM-7 Eutente snd Völkerbund. —y, Wien, 22. Mai. Nach jraiter Rückkehr arrs London l,ak Briand den Prrssevertreicrn ^Mittciinngcn über da? 2ivfuUci der Lon - donrr Entrevue gemacht. „Wir Heden n.icistige und voll' ständige Arbeit grniacht, die Entente cordiale ist fester und inniger denn je/' Selbstverständlich feistt nicht die Beteuerung, daß dieses Neue Bündnis sich gegen niemand richtet und lediglich der Aufrechterhaltnug des Friedens in Europa dient. Die „Times" geben eine andere, U'eit ausgreifende Darstellimg, indem 'sie ausführen, 'der J-rchalt aller Politik, die Frankreich und England ins Äuge fassen müssen, sei viel größer als vor dem Kriege, die zu lösenden "Ausgaben komplizierter. Kein Land könne feine Interessen auf sein Gebiet oder nur Europa allein beschränken. Das gibt also bereits den Kreis an, in dem l'icl) tue Besprechungen der Außenminister belvcgten. Es tvaren wüber Weltprobsinre, und das seit 25 Jahren bestehende politische Einvernchnren der beiden Staaten stritt auf eine ungleich breitere Basis, und die wieder ^herge stellte Uebereinftimmung wird sich in Europa wie M.Orient in kürzester Frist bemerkbar machen. Es smd vier Fragen, die in London besprochen lourden und in denen teils taktische, teils prinzipielle Differenzen geklart werden mußten. Nach der Aeußerung Briands, der von vollständiger Arbeit spricht, scheint dies gelungen zu fern. Es ging um die von Deutschland verlangte Räumung des Rhernlandes, dann ccm die albanische Spannung zwischen Rom und dem von 'der Keinen -Entente gestärkten 'Jugoslawien, um das Verhältnis zu Rußland und darüber hinaus 51t A5hina und schließlich um das neu äAfgetauchte Begehren Deutschlands, ein Kolonialmandat zu erhalten. Es scheint, daß eine geringe Herabsetzung der Okknpatronskontingente im Rheinland zugestanden worden ist, gleichsam als Konzession an die Person und Richtung Stresemanns. Eine Erklärung des britischen Kriegsministers im Unterhaus deutet an, daß eine größere .'Reduktion oder gar Räumung nicht zu erwarten sei. Das ist eine sehr bedauerliche Wendung, denn sie läßt einen Splitter in einer ofsenen Wunde. Me Besetzung des Rheinlandes ist an sich, acht Jahre nach dem Kriege, ein Unrecht, nnd tvenn die Entente -in ihrer Besorgnis den deutschen Rach-geist in Schranken -hakten will, so stehen ihr im gegebenen Falle ganz andere und wirkungsvollere Maßnahmen zur Verfügung, als die paar Kompagnien am Rhein. Dieses Mittel ist Mdem? auch politisch untauglich, denn es liefert dem deutschen NaticmaliKMUs einen stets griffbereiten Ägttatronsstosf. Für die Entsthsidung der Entente waren wohl die vielen Reden der deutschnationalen Minister und die StaUhelmerei maßgebend, und so zeigt sich, wie das Verhältnis der Regiermrgen zueinander sich imMer in einem Fehlcrkreis bewegt, der nirgends ausgeschnitten rvettwn kann und den auch Deutschlands Zugehvrigke>tt zum'VÄkerbundrät nicht anshebt. Wie sich denn überhaupt und auch setzt wieder die Frage ergibt, welche Funktion eigentlich der Völkerbund noch besitzt, der doch auch als Moralisches Forum in den Hintergrund gerückt ist. -Rußland gehört ihm nicht an. Aber tvürde dev Emtrttt/des Bolschewismus an der Situation etwas ändernd? Die Mitgliedschaft zum Völkerbund ist heute für dicj piMifche Rechnung kein ernster Posten mehr. Allianzen und GegenaÜianzen werden geschlossen ohne Rücksicht auf Lie Genfer Liga, Ne heute nur wenig mehr ist als «ein Archiv, in dem die Verträge registriert werden. Me -russische Politik steht der englischen, in Kürze vielleicht auch ber sranzösrschM, auf dem Boden Chinas, also eines BMerbundstaates, gegenüber. Italien und Jugoslawien streiten um den Einfluß und um die sehr materielle, Beherrschung in .Manien. Alle drei sind Mitglieder des BötterbAndes, und in London ist man, wie es heißt, Äbereingekonrmen, zunächst den Status quo zu sichern und dann die Formel für eine direkte Aussprache zwischen Rom und Belgrad zu finden. Das ist gut und zweckentsprechend, aber das hÄtte. doch auch der VA^rbund anregen können. Der Rat wird sich im Juni wieder versammeln, und eine umfangreiche Tagesordnung absitzon. Er wird den Wunsch Deutschlands vernehmen, ein Mandat zugetÄt zu erhalten. Unter Mandat, einem Begriff, der erst jetzt in das internationale Recht gelang ist, versteht man im allgemeinen den vom Völkerbund einer bestimlmlen Macht erteilten Auftrag, die Verwaltung eines bestimmten außereuropäischen Gebietes zu. ordnerr und so weit zu entwickeln, daß sie die Bevölkerung ohne weitere Friktionen übernehmen und selbst führen kann. Die Zeitdauer, innerhalb deren diessr Auftrag volkführt und be- ■ endigt sein muß, ist nicht fixiert und die Mandatsregierung 'kamr MH in dem betreffenden Gebiet tvie in einem Kolonralland des alten Typus entrichten. DaS erzeugt einerl Zustand der politischen Unklarheit und eine Verwasckstmg der Kompetenzen. Wir sehen diese Peinliche Lage bei dem PaWstwamandat, wo «s sich um eine Bevölkerung handelt, die nur zu einem -rringen Teil sich im Manbefindet und erst langsam dorthin gravitiert. Die Mberfichrung und Verwurzelung ist ein Problem, MÄenr Mses Volk, das jüdische, ganz auf sich allein ian- WrMsi-n U, und bet Völkerbund beschränkt sich auf eine technische Kontrolle, stellt aber keine materiell GachttMe/Dr Hk Wnanzrerung des von ihm erteilten Man- K/K. Nurr verlangt auch Deutschland mt Mandat. $0 %mm LMmchmen, daß die preußischen Junkeir Großindustriellen von altruisüschxn T«n- Herrliche und billige mOHINiSKOSIN *ur See mit den Dampfern des LLOYD TRIESTINO ab Triest: Joden Sonntag, 16-Uhr: Mit der LeTanie.Ellllnie nach Griechenland, Kenatantihepel Jeden 3. Mittwoch, 18'Uhrs Mit der Aor. Schwanen Meer-Linie nach Griechenland, Renetantlnepel nnd Schwane Moer-näfen. Jeden Donnerstag, I Uhr: Mit dom I.leyd-Expreß nach Venedig—Pirüas —Eonatantlnopel. jeden Donnerstag, 18 Uhr: nit der spr »scheu iinie nach Grtecheniand-AegOPfen-Paiasilna-RKOdas-cäpern. üeberdles Expreßnnd Poetdampferrerkehr nach Aeffypten, Indien, China, Japan. A u s k ü n ft e: Passagebureau Lloyd Triestino, Wien, I., Kamtnerring 6. — Telephon 56-0-53. mm zur vollen Höhe ihrer Kultur mit Paradeschritt uud Hakenkreuz brächten. Es geht ihnen um die Kolonie schlechtwegs, und sie wählen den Ausdruck Mandat nur aus Gründen der Opportunität. Ihr Verlangen ist aber von Italien bereit^ ausgegriffen worden, das behauptet, zuerst müßten seine Ansprüche au? ein! Mmrdat erfüM werden. Es ist also eine Forderung an die andere gebunden, und die Londoner Entrevne kam zu dein Entschluß, sich aufs Abwarten zu stellen. Sie mußte ihre Aufmerksamkeit auf den russisch-englischen Konflikt konzentrieren, der sehr bedrohliche Formen aunimmt. Rußland droht, die englischen Scharfmacher tun dasselbe,. Die neugebikdete Entente wird also vor ihre Bewährung gestellt. Sie wurde vor 25 Jahren mit Rußland gebildet und rvcndet sich heute gegen Rußland. Der gewinnende Teil bei dieser neuen Konstellation ist Frankreich, und das Einvernehmen wird bereits im, Bötkxirbmrd deutlich werden. , Die tzrvertenkommission für Palikftina. New Jork, 19. Mai. (I. T. Ach Professor Frank Md-a m s von der Calrforrvia^Universttüt und der landwirtschaWche Experte der Regiernnig der Berchnigten Staaten, A. T. S t rach 0 r it, die zu Mitgliedern der Sachverständi-genkommiMon für Palästina ernannt worden waren, haben bereits an Bord des Dampfers „Providence" die Reise nach Palästina -cvnigetreten. Ein dr-rttes amerikanisches Mt-glied der Experten-KommiMon, Knowles Rche^r-s o n, ber (iwrienban-Mnstlar der Bereinigten Staaten, der jetzt in Europa weilt, wird sich den übrigen Mitgliedern der Kowmission anschliehen. Pros. Elwood M e a d urrd Victor M o-s se ri werden- Mveinigen Dagen die Reise nach Palästina antreden. Dr. Lee K. F va-n-beck, eines der MtMeder der Kommission, hat sich nach London begaben, wo er mit den übrigen Mtgliodern der Kommission, Sir Msred M 0 n -d und Felix M. W-n<r-'b-n-,r?g, /zManmrentveGen und 'öme BoratMV» abhattewM-üd. H«ag«-rM eines Wischen StNdeMn bl Rumänien. Bmckra-^elt, 1«. Mai. (I. T. A.) Der^WiisWMediBnstudent LeO-pesranu, der sich seit drei Monaten in Untersuchungshaft befindet, weil er — als er in der' Nähe der Uniiversität von mehreren Cuzrsien überfallen wurde — einen Schreckschuß in die Lust abgcrb, verharrt bereits seit 10 Dagsn «im Hnn-gerstreit. Es.besteht, Ochste Gefahr .für Wn "Leben. Amerikanische SiMmmdernngsstaWik. Das österreichische Wanderungsawt teilt mit: Rach der türFlich veröffentlichten amerikanischen Statistik für den Monat Februar hat sowohl die Ginwanderungsals auch die Mswanderungsbewegung in diesem Monate im Vergliche zum Monate Jänner eine Steigerung erfahren. Im Februar wurden 32.074 Fremde zuge'lassen, und zwar 21.906 als Einwanderer und 10.379 als Nichteinwanderer (im Jänner waren die entsprechenden Zahlen: 28.023, 18.804 und 9210). Im Februar sind 16-034 Fremde ansgeretst, hievon 3949 als Auswanderer und 12.066 als Nichtauswanderer). Während des Monates Februar wurden we-nig-er Ein wa n ö er-e^r znrückgewicsen als während irgendeines Monates des lausenden Fiskaljahres, im ganzen 1-30-8. Die Zahl der Deportierungen hingegen hat nicht abgenommen. Im Februar betrug sie 1104 und während der acht Monate des lausenden Fiskaljahres 8252, in der entsprechenden Periode heg Vorjahres hingegen bloß B627. Im, Februar sind 78, seit Juli 1026 bis Februar 1027 6?0 O-este rre iche r eingewandert und IC, be- ,NeAtMsweHe ,27f4;>LMerreicher Mede^,a«sgewandert. 8«lMd. Lre AngesteütenverKcher««-. rgcsiern vornnttagcsprach eine Abordnung beim Minister für soziale Berivältung Dr. R e s ch vor und legte ifynt eine beschleunigte Durchführung der Angestellienvcrsiche« rnng nähe. Sie loieö darauf hin, das', die Bestellung der vorläufigen AmtSverivaltcr nnd der Beiräte für die neuen Vcrsicherungsträger schon dringend geworden sei, mn mit den notti-endigsten Vorarbeiten für das am 1. Juli d. I. boll in Kraft tretende (besetz bis dahin fertig werden g»l können. Der Aiiinstcr erklärte, schon im Laufe der nächsten Woche mit der Bestellung der Aintsbertvalter und Beiräte borgehen zu tvollcu. Weiters bemerkte er, es sei aus scin-cn Erkläruugcn in den Ausschüssen ganz deutlich, das; die Krankenkasse der Handlungsgehilfen in Wien (G r emiabk ra n k e n k a s s e) durch Bereinigung mit mehreren anderen Angestelltenkrankcnkasscn in die Versicherungskasie für kaufmännische Angestellte in Wien Ivcrde umgebildet und daß ebenso die Versicherungskassc für Jndustricangestellte auS der Vercinskraickeukasse „Einigkeit" hcrvorgehen werde. Koustitoterung der Landtage. Freitag und Samstag hielten die Landtage Steiermarks, Kärntens und des Burgenlarrdes ihre konstituierenden Sitzungen ab. Im steirischen Landtag wurde der Christlichsoziale Technikprosesior Hofrat Paul zum Landeshauptmann gewählt; zu Landeshauptleutcn-Stellvertreter tvcrden in der nächsten Sitzung der Landesregierung der Ehristlichsoziale N i e g X c t und der Sozialdemokrat P 0 ng r a tz wieder bestellt werden. Der Landesregierung gehören jetzt außer den drei Genannten noch ein Christlichsozialer, ein Großdeutscher, e'm Landbi'mdler uud drei Sozialdemokraten an. In den Bundesrat wurden, drei Christlichsc^iale. drei Soziäldenwkraten und drei Lan'dbündler entsendet. Diese Wahlergebnisse zeigen, wie gründlich Dr. R imck-el-e-n in Steiermark abgewirtschaftet hat. Der Kärntner Landtag, der jetzt 16 Sozialdemokraten, 12 Landbündler, 6 Ehristlichsoziale, 4 Großdeutsche, 2 Slowenen, je einen Nationalsozialisten und Völkischsozialen. umfaßt, hat gestern nur sein. Präsidium konstituiert. Zum ersten Präsidenten wurde der Sozialdemokrat Lukas gewählt. Die Wahl des Laudeshauptrnannes mußte für den 24. Mai verschoben werden, da auf diese Stelle sowohl die Sozialdemokraten als stärkste Partei afS auch die Landbündler, die von den EinheitsWlern - unterstützt werden, Anspruch erheben. Im b n r ig e n l ä n d i s ch e n Land t-a-g besetzen Sozialdemokraten die erste Präsidenteustellc. Zum Lan-- deshauptinann wurde wieder der Christlichsoziäle Hosrat Rauhofer gewählt. Die Landesregierung besteht aus .2- ChriWchsozialen, 2 Sozialdemokraten und 1 Landbündler. MWWMlrr LandtagsabgeorÄneter mid Hejjarosfizier. Der von den Christlichsozialen in den burgenländischen ^Landtag gewählte Abgeordnete Dr. Karal soll, lvie der soziäldemokrattsche Landeshauptnrannstellvcrtreter L e s e r - in der Eröffnungssitzung des Landtages ausführte, früher Horthy-Offizier gewesen sein. Er sei als Offizier im Detachement des berüchtigten H e j j a s gestanden und habe bei Kecskernet, Siofok und Orgovany an den Greueltaten der Hejjasbanden teilgenommen. Auch andem Zuge Horthys nach Budapest sei er beteiligt gewesen. Er war auch Mitglied jener Banden, denen Oesterreich den B er l-u st v o-n O -e d-e n bai-rrg zu lvc-rdanken hat. Soebbrl darf nicht nach Seftrrreich. - Die Wiener Hitler-Gruppe hielt vorgestern auf der EZanidstraße eine Versammlung ab, um gegen die Bettveigerung her Einreiseerlaubnis für den Mhrer der Berliner National« ^soz'Msten, Dr. Goebbcl, nach Oesterreich M protestieren. An der Berisammlung nahmen gegen 350 Personen teil, die nachher entgegen dem polizeilichen Verbot in geschlossenem Zuge gegen die Stadt marschieren wollten. Bei der RochuSkirche ^stellte sich dom Zuge Sicherheitswache entgegen. Es kam zu -mehrfachen Auseinandersetzungen, in deren Verlaus eine Pevso« wegen Nichtsolgeloisümg festgenommen wurde. Der Zug zer« streute sich dann. * , Goebbel hat die bsbarmte Hille r -Be nj-a mmlnng am 4. Mat in Berlin geleitet, nach der es zu den großen Exzessen aus dem Kursürstendam-m gegen jüdische Passanten kam. Da Goebbel verhaftet werden sollte, hat ihn seine Partei aus eine Agttat«mt« reise gelschtckt, die ihn auch nach W-iem sichren sEe. Ae TeledKiMMMmeM der SUuritbtt I lartte-n sitzt { ab 6 U h r asiemH s 38»5<-8V Serie, ° ckh„M..LMr