Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2956 (21.5.1927)
- Date
- 1927-05-21
- Page
- Seite 4 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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Gelbe 4 Wien, Samstag Wiener Morgenzeitung 21. Mai 1027 Nr. 8068 BolksMluugrkariofiMen ln RumSnlea< Die BoIk^uih!nn.q in Rumänen ist. »vie uns aus Bukarest lvrichtet wird, so ziemlich Vurchgeftihtt. Drs Material luftrb setzt anfgearb^itci. aber schon bisl>cr bat Ncse urplötzliche Volks'ählim» einm? interessante Kuriositäten zutage gefördert. Besann! ist, Last der Zrvcck dieser Bolks- -.Muul-t, die Fcsti'tcUimg des „etlinischen Ursprumis" der in Rumänien lebenden Bevölkerung mar. Deshalb ist auch vtc wichtigste Rubrik int Fragebogen Punkt 2 „Origiua ■dntcct". Mm verössenclicht das offiziöse Organ der Regierung „Jndreptarea" und nach ihm alle übrigen rumäui Die Schreckenstat von Bath. Dar SchulgebSode von einem Wahnsinnigen in die Last gesprengt. — Anm Protest gegen dte Schalftenrr. — Nst Kilogramm Dhnamlt. - 41 Tote 'chen Blatter das Faksimile chählbogeus des Königs von Rumänien, der seine Personalpaten >vie folgt angab: König der Rumänien, geboren 24. August 1865 in der Gemeinde Sigmaringcn Bezirk Hohen,zoltern. Deutschland. In die Rubrik „Origina etuiei" schrieb der König: „Germatr", Drutschn-. Kdi' Rubrik der Religion: Römisch- {”rf- Bekanntlich wurden sämtliche rmnänischert Jnderr gezwungen, die Rubrik „Origina ctnica" mit „jüdisch" 'aus- -nsnlien. Zuwiderhai'de'ude io erden strafrechtlich verfolgt. Die rumänischerl Juden, die atis assimilatorischen oder ans anderen Scheingründen es unattgenehm empfanden, ihre Natiollalität einzubetennen, u>crben jetzt durch den König der Rumänen, der sich zur deutschen Abstammung bekannte, ei>ws Besseren beiclirt. Paris, 20. Mai. „Petit Puristen" meldet aus Mw Work Einzelheiten über die Explosion in der Schule von Bath. Mindestens 41 Personen wurden getötet, darunter 38 .Kinder unter 12 Jahren. Eine.interessante Geschichte hat sich in der Stadt Szatnlar auf neurnmänischem Gebiet zugctragen. Die Euzisten und sonstige antisemitischen Gruppen schriebe»: in ihren Organen, daß Rumänien von Hnn,derttausenden von Juden überschwermnt sei, mib Last die Volkszählintg gewissermaßen eine Razzia ans diese angeblich zahllosen Juden bedeutet. So behaupteten sie u. a., daß in der Grerrzstadt Szatmar 16.000 Juden wohnen, 5>:c dort eine bedeutende Gefahr darstellen. T^e durchgeführte -Volkszählung brachte jedoch alles in allem 8000 jüdische Seelen heraus. Die Cuzisten schrien '.um, ii'it Szatmar sei ein Schwindel geschehen oder 8000 Juden habet! sich irgendwie unsichtbar und unbemerkbar gemacht, d. h. 8000 Juden hätten sich von der Volkszählung gedrückt. Und da geschah nun etwas, was wohl noch bei keiner Volkszählung in der Welt geschehen sein dürfte. Vorigen Freitag wurde in Szatmar in den von Juden bewohnten Vierteln eine neue Kontrollvolkszählnng durchgeführt, wahrend welcher der Verkchr gesperrt >vcrr.. Doch auch diese nette Volkszählung ergab dasselbe Resultat. Die Tat ist das Werk eines G e i st e s g e st ö r te n nautens Andre Keh oe. Er stand feit langem im Prozeß wegen z u h o h e r Besteuerung; insbesondere die U mlagen f ü r S ch n l b a u >ten hatten ihn in solchen Zorn versetzt, daß in seinem kranken Gehirn der Plan zu dieser Wahnsinnstat rgifte. Um X10 Uhr vormittags sprengte er sein Landhaus mit allem Meterhöfen und Scheunen in die Luft. Er selbst ftchr im Auto nach der Stadt. Um % 10 Uhr ertönte eine furchtbare Detonation. Durch die Explosion war der Nordflügel der Schule vollständig zerstört. In einer fürchterlichen Panik flüchteten die Kinder, die verschont geblieben waren, ü«ber die Trümmer hinweg. 260 Kilogramm Dynamit waren in .allen Schulzimmern verteilt worden. Nur einem Kurzschluß in der elektrischen Leitung ist es zu verdanken, daß die große Menge Dynamit, die im Südflügel ausgestapelt war, nicht explodierte, wodurch ein noch größeres Unglück verhindert wurde. Einige Minuten lang beobachtete Kehoe die Zerstörung ohne ein Zeichen von Reue, bis er den Direktor der Schule H u i ck b e me r kle. Er rief ihn zu sich, utvb in dem Augenblick, als er neben feinem Automobil stand, schoß er in eine hinter dem Automobil stehende Tonne, die gleichfalls mit Dynamit gefüllt ivar. Bei der Explosion wurde der Geisteskranke samt dem Schuldirektor und zwei Passanten zerrissen. Die Nachforschungen der Polizei in den Ruinen v«x Kehoes Landhaus «haben erwiesen, daß seine GattiU als erste der Tat zum Opfer siel. Teile ihrer Leiche wurde« in den Trümmern des Landhauses gefunden. Es ist.noch völlig ungeklärt, wie es Kehoe gelang, sich in «den Besitz solcher Mengen Dynamit zu setzen. Als Kassier der Schule konnte er das D y n a m i t ungestört legen und die verschiedenen Lager untereinander durch elektrische Drähte verbinden. Die meisten Kinder sind scher verletzt, viele von ihnen dürften nicht mit dem Leben «davonkommen. Motion einer Granate in Sromverg. Broinberg, 20. Mai. Beim Abbruch eines Hauses beschäftigte Arbeiter fanden eine Granate, die sie auf der Straßeliegen ließen. Spielende Kinder brachten die Granate zur Explosion. E i n e P e r s o n wurde getötet und mehrere schwerer oder leichter verletzt. Antisemitische Sommerfrischen und Kurorte. Zur Förderung des Fremidenverkehrs. Das Hamburger „Israelitische Familienblatt" «veröffentlicht aus Grund langwieriger Vorarbeiten eine Liste von Kurorten, Sommerfrischen und Hotels in Deutschland und Oesterreich, in denen Juden unerwünscht sind. Wir geben nach dieser Aufstellung die Namen der österreichischen Orte bekannt und wären unseren Lesern für Ergänzungen der Liste sehr verbunden. Ms antisemitisch verseucht haben in Oesterreich zu gelten: Agathendors (Kärnten), Aigen (Ennstal, Oberösterreich), Efserding (Oberösterreich), Fügen (Zillertals Tirol), Gobelsbmg am Kamp (Niederösterreich), Hopsgarten (Tirol), Kotschach rm Gailtal (Kärnten), Marrk (Nieüeröst.), Mattighofen (Od.-Oest.), Mattsee (Salzburg), Mittersill («Salzburg), Möllbrücke (Körnt.), Murnau (Steierm.), Neumarkt a. Wallersee (Oberösterreich), Nußdorf a. Att er sie (Oberösterreich), Oberlängenfeld (Oetztal, Tirol), Pürgg (Steiermark), Schönberg am Kamp (Niederösterreich), Schrunz (Vorarlberg), Seeham bei Matterfee (Oberöfterreich), Seekirchen (Oberösterreich), St. Johann im Pongau (Oberösterreich), St. Jakob (Pillersee, Tirol), St. Margarethen (Kärnten), Damsweg (Lungau, Oberöfterreich), Trosaiach (Oberösterreich), Türnitz («Oberösterreich), Wald im Oberpinzgau (Oberösterreich), Wehr a. d. Enns (Nrederosterreich), Wildbäd Jnnichen (Tirol), Wollersdorf a. d. Qstbahn. (Niederösterreich), Gbbsitz (Niederösterreich), Zillertal (Tirol), Ferner nennt die Liste die folgenden Hotels und Pensionen als judmfeiudlich: G «aschurn (Montafon, Vorarlberg): Keßlers Hotel Rößle-Poft; Karlsbad: Hotel National, Jbalra, Florenz, Insel Malta, Rosenstock, Brandenburger Hof, Haus Abbazia, Pension Pelzer (Villa Max), Elisabeth, Keilbevg-Hotel; Marienbad: Goldene Krone, Haus Gustav, Villa Theresia, Bayrischer Hof, Hotel und Cafe König (Villa Waldschlössel lehnt polnisch-jüdischen Besuch ab); Spital am Pyrhn(Oberösterreich): Gaschof „Zur Post"; St. Georgen (Oberösterreich): Bcmern-Löckner; Teplitz-Schönau (Tschechoslowakei): Gaschof „Zum Anker". Sin rheaierslandal in Berlin. Berlin, 20. Alai. Im neuen Theater am Zoo gab cs bei der gestrigen Uraufführung des Stuckes „Das unsichtbare Mädchen" einen gewaltigen Skandal, über den das „8-Uhr- Mendblatt" schreibt: Gestern gelang dem blutjungen Autor Hans Kafka aus den ersten Anhieb das, was Dausende von Dichtern und Hunderte von Theaterdirektoren vergebens Zeit chres Lebens ersehnen, daß nach jedem Satz des Stückes, herzhaft, dröhnend und anhaltend gelacht wurde und innerhalb je fünf Minuten mindestens dreimal ein Beifallsdonner durch das Haus 'hallte. Aber noch mehr: Als das Stück plötzlich aus war, hatten die Zuschauer noch lange nicht genug. Sie waren durch die Komödie in eine derart-ge Erregung versetzt, daß viele behaupteten, das Stück sei noch gar nicht aus. Me Logenschließer mußten die Leute beschwören, daß das Stück zu Ende sei und löschten die Lichter aus. Das Publikum weigerte sich trotzdem das Theater zu verlassen, sondern forderte klatschend und pfeifend: Weiterspielen! Man bemächtigte sich der elektrischen Kontakte und knipste das Licht wieder an. Man riß g e w a k t s a m d e n Bühnen- Vorhang auseinander, fand aber die Bühne leer. Schon erklärten sich einige junge Schauspieler aus dem Publikum bereit, anstatt der entwichenen Kollegen weiterznspielen. Schließlich gelang es den Logenschließern das Publikum zu beruhigen und zum Verlassen des Theaters zu bewegen. Unbeleckt ist selbstverständlich nicht im genauen Wortsinn zn denken, sondern ich meine, nicht allzuschr von -Künstlerkonzerten überflutet. Zu dritt fuhren wir von Wien ob, meist in Personenzügen, weit in diesen Städtchen di« Schnellzüge nicht hielten. Der Impresario, ein sehr auf-geregter kleiner Herr, der mit der Zunge anstieß und stotterte, reifte voraus. Er sagte, er müsse Quartier machen. jJch aber habe ihn in Verdacht, daß er nicht mit Uns zusammen sein wollte, weil wir ihm mit unserem sonnigen Humor auf die Nerven fielen. llnjr Humor war derart sonnig, daß /uns nach einigen Taget schon gegenseitig elend voreinander wurde .nd wir uns nicht mehr ohne Ucblichkeiten ins »Antlitz sthen konnten. Immer dieselben wilden Scherze. Bei der Ankunft das verwechselnde Vörstetten. Der Pianist schielte, sah aus wie ein verpatzter )>phisto, meldete sich als Herr Slezak — ich gab mich als seinen Kammerdiener aus, und der Geiger, der mitwirkte, dokumentierte sich als Reisemarschatt. Wir trieben diesen ausgezeichneten Scherz so lange, bis wir manchmal Mer nicht wehr wußten, wer wir eigentlich seien. Besonders beliebt war das Ansagen der Licker mit falschen Komponistennamen. Ich annoncierte di« „Adelaide" und zeigte auf den Klavierspieler, dev sich als Beethoven bedankte. Oder ich kündigte den „Lenz" an — von Johann Sebastian Bach. i r Ein Blödsinn jagte den andern, u»td als nach vierzehn Tagen die Reise zu Endo war, trennten wir uns in dem beglückenden Bewußtsein, daß wir uns längere Zeit nicht mehr zu sehen brauchten. Aus solch einer Konzert-Tournee kam ich auch in Me Provinzstadt in Schlesien. Dort war der Tanzsaal eines Gasthoses zum Konzertsaai bestimmt. Der Impresario suchte das Künstlerzimrncr. — ,Alle Türen waren geschlossen. Erließ den Gastwirt hvlenund bat uvn den Schlüssel zur Garderobe. „Den geb ich nie her, d-o ei dem Kammerle Hots a Masse Krom drinn, das bleit zu!" ,^Ja, entschuldigen Sie, der Sänger muß doch einen RauM haben, wo er sich aufhält, wenn er nicht auf der Bühne ist" sagte gereizt der Unternehmet „Er soll sich ei die Kuliß stellen!" „Aber das geht nicht, das. kann man dem Herrn doch nicht zumuten," erwiderte der Mann mit galledNrchzUtertem Beben im Ton. „Machm Se, wais Se wollen, den Schlisftl zu den Kammerle giüts nie, vorige Woch hatten tzvr a an Zmbeirkinstler do, der hat sich a Hinter die Kuliß versteckt, wenn er nie gezaubert hat. — Und überhaupt — Wenns Ihn« nie recht is, laß ich Se nie spielen!" Die beiden Herren lagen sich noch längere Zeit in den Haaren. Meinen Impresario droht« der Schleimfchlag zu treffen, und der Gastwirt war vor Galle schon indigoblau im Gesicht. Endlich gab er nach und ich lhatte am Abend mein Kürtstlerzünnrer. Gwllend ging der Wirt herum und sagte zu seinem Personal: „A ftche verfluchte Geschichtenmacherei da mit dem Kerle — verzehrt wird a mW — nie amal a Kriegle Bier kann mer verkäsen, das han fe a verboten, na, mir soll noch amal aner kommen, mit an sechen Konzert« da, den schmeiß ich heilig raus!" Als er aber nach dem Konzert sah, daß mich di« Honoratwnen des Ortes sehr respektvoll und aufmerksam bchandelten, und gar der Herr Major — der Stadtkommandant — sich an unseren Tisch setzte, riß der freundliche Gastgeber die Augen auf und murmelte kopfschüttelnd vor sich hin: „Alles lvegen dem bißlo Geplärre do, ich waß nie, ich kann an dem' Kerle nischt finden." War verdient eine Biene? Bor dem Weltkriege hat es in Deutschland allein 2,600.060 Bienenstöcke in Körben und Mfteu gegeben. Man darf annehmen, daß ein Bienenvolk außer der einzigen Stockmutter, der Königin, und einigen Hunderten von Drohnen, das sind die Männchen, durchschnittlich 25.000 Arbeitsbienen zählt. Das gibt 65 Milliarden Einzelbienen, die im Durchschnitt im Jahre ettva 150.000 Doppelzentner Honig einheimsen. Dieses Onantnmi würde, auf die einzelne Arbeitsbiene verrechnet, einem jährlichen Arbeitsertrag von einem viertel Gramm Honig gleichlommen. Wird der Wert eines Pfundes Honig nur mit einer Reichsmark angenommen, so ergibt sich daraus ein Jahresnutzen der einzelnen Biene von einem zwanzigstel Pfennig. Das ist die Auswirkung eines rastlosen Sommerlebens, einer Arbeitslust und Schaffensfreude sondergleichen! Wie verschwindend klein erscheint dieser wirkliche Nutzen! Indes viel „Wenige" ergeben doch ein „Vieles", denn die 150.000 Doppelzentner Honig repräsentieren immerhin einen Wert von 30 Mllionen Mark. Nur ganz verschwindend kleine Mengen kann die Biene in ihrer Honigblase auf einem AuSftuge nach Hause bring«», etwa 60 bis 60 Milligramm Pflanzensaft — Nektar —, der ztt einem großen Teile —- bis zu 80 Prozent — Wasser enthält, das in der Stockwärme verdunstet. Sichere Berechnungen habenergeben, daß zur Herbeischafsung von 500 Gramm Nektar nicht weniger als 10.000 Ausflüge der Biene»! itotwendig sind, zu 600 Gram»n Honig aber gewiß 25.000 bis 30.000 solcher Ausflüge. Unendlich größer als dieser mittelbare Nutzen ist das Verdienst, das sich die kleine Biene in der Befruchturtg von. Milliarden vor» Blüten zurechnen darf. Dieser unmittelbare Nutzen wird pon Sachverständigen in Deutschland mit reichlich 300 Millionen Mark bewertet. Dainit karr», nach Universitätsprofessor Dr. Zander die Bierrenzizcht als der lebenstoichtigste Zweig dev Landwirtschaft aicgesprochen werde»». Ohne Bienen Fein Obst. Unsere farbenprächtigsten Wiesei» würden ohne die einsigsten aller Tiere nach Jahrzehicte»» die eintönige Farbe des Kunstrasens zeige»« u»»d schlechtes Futter briirgen. Die meisten unserer Gartengewächse und die so lebenstvichtigen Feldstiichte »vürden wir zu einen« großen Teile nach Jahrhunderten kaum mehr dem Namen nach kennen. Denn 90 Prozent der Berfuchtung aller Blüten