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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-21 · Heft 2956 (21.5.1927) · p. Seite 2

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2956 (21.5.1927)
Date
1927-05-21
Page
Seite 2 (sequence 2)
Language
German
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Wien, SamUag Wiener MorgsnzeiLung 21. Mai 1927 Nr. 2856 Zionistische Sektion Innere Stadt. Heute Samstag, den 21. Mai 1927, haJb 9 Uhr abends, in den Olympia-Sälen, I., Rothgasse 4 Vortrag des Herrn Dr. Wolfgang Weis!, der soeben aus Palästina und Arabien zuruckgekehrt ist, über das Thema t „Gotzendanunenmg in Palästina.“ - Regiebeitrag! Gas. —& Men, 21. Mai. Heber den zukünftigen Gaskrieg bekam man gestern in einem Borttag einiges zu hören, den dev Sekretär der österreichische: BölkerLnndlrga, Dr. Kunz, in der Politischen Gesestschaft hielt. Er eröffnet^ entsetzliche Aspekten. Die chemische Industrie hat sich außerordentlich entwickelt und das Erfindergenie ist rastlos tätig, um den Gifttod zu einer möglichst hohen. Stufe der Bereitschaft zu bringen. Es wird keine Front geben, sondern nur mchr ein von allen Schrecken heimgesuchtes Hinterland. Führerlose Fahrzeuge werden imstande sein, Giftbomben zu iverfen oder elektrische Ströme durch den Erdboden in die Siedlungen zu leiten, eiserne Tank-Ungeheuer, mit Gas geladen, rverden jedes Hindernis niederrennen und Tod und Vernichtung in das bedrohte Land tragen. Die Gegnerschaft gegen diese verruchte Bevsllavung der forschenden Wissenschaft scheint hauptsächlich vor: Amerika auszugehcn, dagegen' entscheiden sich die europäischen Militärs und manche Chemiker für diese Kriegsform. Sie führen wirtschaftliche Gründe an, aber auch, man höre, die Humanität muß herhalten. Die Kriege l»erden kürzer und billiger sein. Der Vortragende verlangt eine allgemeine Konvention, welche den Gaskrieg verbietet. Es scheint ihn nicht zu schrecken, daß eben im deutschen Reichstag über Verstöße gegen das Völkerrecht debattiert wurde, die jedenfalls lehren, daß im gegebenen Falle, wenn der Patriotismus gereizt ist, ein Verbot ein Verbot und eine Konvention ein Fetzen Papier ist und daß sich nachher einige Dutzende von Gülchrte.u finden werden, die Haarscharf die Unschuld ihres Vaterlandes beweisen werden. Auch der Gaskrieg wird, wenn . es, so opportun erscheinen wird, als die Fortsetzung der Politik mit anderen Müteln ausgegeben werden. Geht man aber auf den von Herrn Kunz gemachten VorWag näher ein, so ist zu fragen, wer denn eine solche Konvention abzuschließen hätte und war dön Willen hv^u. besäße. Sicherlich würde jede Regierung, jedes Parlament einen Mittag dieses Inhaltes mit Begeisterung begrüßen. Ob aber auch eine solche Regierung oder ein solches Parlament — die ehrliche Absicht vorausgesetzt — dm Kraft ausbrächte, sich gegen den Widerstand der betroffenen Industrie zu wehren, ist weniger fraglich. In -sWhen Fällen, wenn es um Verdienst geht, sind die 'FaÄnksgewaltigen sogar mit sozialen Erwägungen ansge- -rLsttt mck sprechen gerne von einer Vermehrung der Ar- ^beWbrftstkskt. Vor dem Kriege haben wir doch in allen Parlamenten tiefgründige Erörterungen über die volkswirtschaftliche Bäwutung der Rüshurgen gehört, die Geld und Verdienst bringen. Das dauerte so lange, bis dann der EmMtl kam und alle Volkswirtschaft vernichtete. In derrletzien Tagen, wo der italienisch-jugoslawische Konflikt sich Bis zur Kriegsgefahr verdichtete, wurde doch auch in Oesterreich in sehr frommen, gntchristlichen Zeitungen aufmerksam gemacht, daß dies für die österreichische Industrie von größtem Vorteil wäre. Zu dieser nationalökonepnischen Auffassung kommt dann noch die politische. Kein Staat tränt dem andern und jeder würde im Geheimen seine Gelb« und Grünkreuzfabriken anlegen, wie das ja bereits geschehen ist. Kein Geringerer als Scheidemann hat im Berliner Reichstag die Enthüllung vorgcbracht, daß deutsche Techniker in Rußland für die Giftgas-Verteidigung in allen ihren Formen vorgesorgt haben, und kein Mnugerer als der russische Kriegsminister, ein Borfechter der radikalsozialWchen Weltverbesserungsidee, hat sich öffentlich beklagt, daß die, russische chemische Industrie für den Ernstfall leider noch nicht vorbereitet sei. Dia Wissenschaft wird da noch helfen. Der Wille ist vorhanden. Die imperialistische Idee ist schr dehnbar. Sie verträgt sich mit Kapitalismus und Kommunismus und daS gleiche tut die Wissenschaft, die in des Wortes furchtbarster Bedeutung vorurteilslos ihre Wicht mißbraucht. Rur eine Willensändcrung, ein« Umstellung der Mentalität könnte helfen. Mer da sind die Friedensvertrsöge, deren Unheil sich jeden Tag aufs neue zeigt. Sie haben durch willkürliche, nur vom strategischen Interesse diktiert« Grenzzichung Wirtschaftsgebiete zerschlagen, dem MinorMsbegrisf einen neuen unbekannten Inhalt des Leidens gegeben und das politische Leben vergiftet. Sie haben der Technik des Mordens neue Impulse geschaffen und den Geist des Militarismus befestigt. Diese Verträge ivirken als Gas. Sie haben den Nationalismus ermuntert, so schr, daß ihn heute sogar die so milde Weltwirtschaftsttnserenz m einer Resolution verdammt. Ob diese Anschauung in die Politik eindringt, wttd die Zukunft lehren. Das englische Streikgeseh. London, 20. Mai. 5He ganze heutige Sitzung des Unterhauses war mit der Beratung des Artikels 3 des Gewerkschaftsgesetzes ausgesülld Das Haus nahm mit 131 gegen 67 Stimmen einen Zusatzantrag an, ln dem jede allgemeine Aussperrung für ebenso nngesetz- LLch erklärt wird wie der Generalstreik Aviso für Feinschmecker! Sie speisen vorzüglich und billig in den Wiener Grand-Restaurants "1V2 „National“, II., Taborstraße Nr. 18 „Zitahof, VII., Martabilferstrafle 88a rri t i ii y ni) T^lttphdtt 1 eiepnon Schöne schattige Qartenterrssse. — Angenehmer Aufenthalt Erstklassige Wiener und I. Orientalls che Küche Speisen Natur, am Rost und Spiefi — Beste Getränke Neueinfilhrung: Balkanplatte Leitung:: W. Spritzer Inland. Sie österreichisch-tschechoslowakischen Handel»- herlragsverhandlnngen. G e n f, 30. Mai. Düescr Tage haben hier zwischen den: Sektionschef Dr. Schüller und «bem Minisherialrat Frydmann Besprechungen über die Fortführung der östc-rreichtsch-tschechoslowakischen Handelsvertrag-Verhandlungen stattgesunden, an denen auch Generalsekretär Doktor W e i ß - W e l l e >n st e i n, Präsident H o d a c und Minister Dvoracek teilnahmen. Die Besprechungen dürsten nach Abschluß der Weltwivtschaftskonfcrenz in Wien fort-gefühvt werden. Ae Waffen im Arsenal. Der Ententekommission zur Verfügung gestellt. Amtlich wttd gemeldet: Seit der Demobilisierung lagert im Arsenal eine Anzahl von Sachwerten, unter denen sich auch W a f f e n b e st a n d t e i l e befinden. Im Einvernehmen aller beteiligten Stellen wurden nunmehr jene Gegenstände, die dem Arllkel 133 des Friedensvertrages unterliegen, dem Liqnidatiomsovgan des internationalen Militärüberwachungsausschusses zur Verfügung gestellt. Ae erste Sitzung de» Wiener Semeinderater. Keine Kursänderung im Rathaus. Der Wiener Gemein-derat trat gestern zu seiner konstituierenden S'tzung zusammen. Die Bürgermeister Seih, Emmerling (Sozialdemokraten) und Hotz (Ehrtstlichsozialer) wurden ebenso, wie die bisherigen Stadträte (8 Sozialdemokraten und 4 CHristl'chsoziale) wieder gewühlt. Bürgermeister Seitz erMrte, er brauche kein neues Programm: entwickeln, da das soFialdemokkrattsche Gemeindeprogramm bereits vor lden Wahlen bekannt gegeben wurde. Das System der Gemeindesteuern könne jedoch nicht geändert, nur gewisse Härten ausgeglichen werden. Bürgermeister Seitz kündigt« eine Vorlage betreffend die Ermäßigung der S t e u « r f ü r K k e i nautos an. Es werden 30000 Wohnungen gebaut, dem Gewerbe ein 600- Milliardenkrodit gewährt, der Rußland ex Port gefördert und auch die notleidende Kunst gefördert werden. Für die Arbeitslosen werden, obwohl dies Sache des Bundes wäre, menschenwürdige Anszahlungsstellen errichtet werden. Stadtwt Kn ns ch ak führte Klage über Mißbräuche bei den letzten Wahlen imd bezichtigte Beamte des Magistrats unter Anführung einiger ihm hintervrachter Fälle des bewußten Mißbrauches der Amtsgewalt. Es sei gut, daß die Gemeinde eine Anleihe aufnehme, doch müßte sie auch für die Finanzierung ihrer Wohnbauten den Anleiheweg beschreiben. Während der Rede des neugewählten Großdeutschen Pfeiffer kam es wiederholt zu Lärmszenen, weil d'e Sozialdemokraten ihn ständig nrit Zwischenrufen hänselten und ihn fragten, wo er denn seine Wähler habe. Als chm der zweit« Grotzdeutschc Dr. Wagner zu HW kam, und chm Beifall klatschte, rftstn die Sozialdemokraten: „Der großdoutsch« Wähler klatscht schon", und „Die beiden Groß-deutschen haben den hnmor'stischen Teil übernommen". In de-r anschließenden Sitzung des Wiener Landtages wurden die Sozialdemokraten: Schoxsch, Emmerling, Therese Schlesinger, General Körner, Max Klein, Rudolf Müller, Hans Schabes und Max Winter und die Christlichsozialen. Dr. Ha-mala, Frau Dr. P'chl, Hans Rotier und der Großdeutsch« Dr. Lutz in den Bundesrat gewählt. Krawall iw »irderllstmeWsAen Landtag Bei der gestrigen Konstituierung des niederösterreichischen Landtages kam es zwischen den Sozialdemokraten und den Großdeutschen zu derart lärmen denAu seinanderfetzungen, daß die Sitzung unterbrochen werden muhte. Aum Laiedeshquptmann wurde wieder, aber nur mit den 36 Stimmen her Einheitsliste, der Ehvistlichsoziale Dr. Bursch, zu seinem Stellvertreter sein Parteigenosse R e i t h e r gewählt. Die 21 Sozialdemokraten gaben leere Stinunzettel ab. Zum zweiten Landeöhauptmannstellvertteter wurde der Sozialdemokrat KÄar Helmer gewählt. Er erhielt nur die 8t sozialdemokratischen Stimmen, während di« Etnheitslistler leere Stimmzettel abgaben. In den Bund es rat wurden sechs Christlichsoziale, darunter der frühere Staatssekretär Stöckler, vier Sozialdemokratsn, darunter der ehemalige Landeshauptmannsiellvertreter Christoph, und ein Großdeutscher delegiert. Der neugswählte Landeshsuptmannstewertrettr Helmer verlangte, weil feine Partei bei den Landtagswahlsn ein Mandat verloren hat, eine Angleichung der Landtagswahlordnung an die die Wahlordnung des Nationalrates durch Schaffung einer Neststimmenvertretung. Den Anlatz zu dem Krawall gab eine Rede des Großdeutschen fM xbanm&z, der von den Sozialdemokraten un- | aufhörlich durch Gelachter und Zwischenrufe unterbrochen! wmde. Ditz Sltzialdemokraten riefen ihm zu, daß die Großdeutschen ihre Mandate als Geschenk erhallen hätten. Gr entgegnet«, daß Helmer seine Stelle als Landeshaupttnannstellvertretec als g e s ch e n k t e n G a u l mit nach Hause führe. Diese Worte lösten bei den Sozialdemokraten stürmischen Widerspruch aus. Abg. K u o t t e k (soz.-dem.): So eine Frechheit, Sie reden vom Schenken? Wo haben Sie denn Ihre Wähler? Abg. P üch 1er (soz.-dem.): Ihnen hat man das Mandat schenken müssen, sonst wäret: Sie gar nicht da. Abg. K i e s l i n g e r (soz.-dem.): Wo sind denn die Groß« deutschen^ Wbg. Weinhofer (soz.-dem.): Es gibt keine Großdeutfche Partei, es gibt nur eine Einheitsliste. Mg. Birbaumer: Ihre Freiheit zeigt sich darin, daß Sie den Gegner niederschreien. Mg. K n ott ek (soz.-denr.): R i cht n i ede rschr e ie n, sondern auslachen! (Große Heiterkeit.) Abg. Weinhofer (soz.-dem.): Herelngebettell haben sich die Großdeutschen. Abg. Püchlcr (soz.-dem.): Ihr Klingelbeutelgermanen. Da der Lärm immer ärger wurde, muhte schließlich die Sitzungunterbrochen werde». Nach einer Viertelstunde hatte sich dir Erregung soweit gelegt, daß die Sitzung wiederaufgenormnen werden konnte. Ws wurden die Wahlen in die Ausschüffe und in den Landesschulrat vorgenommen ui:d die Sitzung geschlosset:. Der Tiroler Landtag arge« die Fördernng der Rußlaadexportes. Aus Lapdesgridem muvden Aktien der verkrachtsn Agrarbank gekauft. In »der gestrigen letzten Sitzung d«ö Tiroler 'Landtages wurde u. a. der Antrag,des 'FmaWvOschüssss über die Teilnahme des Landes an der fördernng der österreichischen Ausfuhr ,pach der Union der sozialistischen '.Sawjtztvepubliken grbgelchnt. Hierauf nahin der Landtag in einer.längeren DMtte Stell'nnjg zu der von sozialdenwkratischer Softe gn einer frühere» Sitzung eingcbrachten Ainftage an den! iLandes-- hauptmann lüüer den Ankauf van Aktion der verkvgch-- tsn ^christlichfozialen Agrarbank dn-rch das Land. Der Bericht ,des Fmanzkontrollamtes, dem diese Frage Km Ue-tzrpriifung mbergehkut tvorden war, stellt fest, baß der Ankauf der lAgrarbank-Aktien ohne. Beschließ der Landesregierung Lrsolgt sei. Die.sozialdemokratische Fvattvon wtzMte such in Mp» fer Weise dagegen, daß der Finanz re foren t diese Transaktion, Kber den Rahmen seiner Kompetenz als Regierüngsmitglied hinaüsgehenb, vorgemnmnm.habe und beantragte, ihm deshalb das Misttränen auszusprechm. Dieser Antrag wurde abae - lehnt. l ' Der Landtag hat weiterhin einen Bericht lder Landesregiermrg über die Erwerbung des Gebäudes der Zentralbank der dentschen Sparkassen in Innsbruck um d<nt Preis von I4Q3.QQ0 Schilling genchmögend zur Kenntnis genommen. Geheimnisvolle MaffSren in Men. Noch ist die Affäre mit dem wahrscheinlich vergifteten Kaffee in Mariahilf nicht restlos aufgeklärt, da wird neuerlich ein mysteriöser Fall bekannt, bei dem Rauschgift die Hauptrolle zu spielen scheint. Gestern nachts wurde in Währing ein Mädchen angehallen, das wie im Traum ging und irrstnnsverdächtig schien. Die MettungSgesellschaft brachte das Mädchen. Pas auch verschiedene Verletzungen austvies, in das Spital und die Polizei leitete Erhebungen zur Aufklärung des mysteriösen Falles ein. Nsstsestellt wurde, daß die Betäubte, die bisher noch nicht einvernommen werden konnte, die süjähxtge Schneiderin Alcksia Aigner, 1. Bezirk. Doblhoffgasse wohnhaft. ist. Nach Le« Meinung der Aerzte liegt eine starke B e rgiftuns mit einem Rauschgift vor. Aus dmn Gehaben des Mädchens, das unuitterbrocheu AbwshrbewegunHen macht und einen Mänueruamen lispelt, geht hevtzor. daß wahrscheinlich ein Mamr dem Mädchen sich aufgedrängt habe. Das Befinden des Kohlenhändlers Krottenttzqler hat sich wesentlich gebessert, so daß keineLebsnsgefahr mehr besteht. Doch fehlt ihm -immer noch sein Erinnorungöv e r m ö g e n, so daß er über sein mysteriöses Zusammentreffen mit dem Hotelsekretär nichts anzugeben, weiß. Hanusek wurde gestern dem Landosgericht eiugeljsfsrt und wird sich wegen versuchten Mordes und Diebstahls zu veranttvyrtllN haben. Er verweigert jede Auskunft über sein Leben in dllsi letzten Jahren, gibt auch seine Wohnung nicht bekannt auch leugnet, au der BetäubmU des Kohlenhändlers schuldtragend zu sein. Die von ihm weggetoorfenc Phiole mit dem Gjft wttrds noch nicht gefunden. # S

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