Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2955 (20.5.1927)
- Date
- 1927-05-20
- Page
- Seite 6 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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Seiw 6 Wien, Frettag Wiener Morgenzettmrg 20. Mai im Der Sohn des Moses Mautner Em Wiener Roman von Leopold Hichler. Copyright 192» by kl. Löirit Verlag, Wien - Leipttg (36. Fortsetzung.) Paul Varatoff (Ben zwy wird Lheaterdirektor. (Eigenbericht der ,Miemr Morgenzeitung^^.) Aus Newyork wird uns geschrieben: Das Hopkinsoii-Theater i»i -er Rewyorker Vorstadt BrunSville, das iu der letzten Saison von einer deutschen Schauspielgesellschaft gemietet war, ist sicht frei geworden, da die deutsche Theatertrnppe nach Chicago übersicdelt. Nunnrehr haben das Hopkmson-Äheater von seinem Eigen-- rümey OÄar Green die Schauspieler Paul Baratoff (DenAvi) und Rudolf Zaslawski gepachtet, um dort im nächsten Jahre jüdisches Sprechtheater zu pflegen. Paul Baratoff ist dem jüdischen Theatrrpublikum Wohl bekannt: seine Karriere als jüdischer Schauspieler (nachdem er etwa zwei Jahrzehnte im russischen Theater einen hervorragenden Platz eingenommen hatte) begann in Wien, wv er in der Freien jüdischen Volksbühne austrat und bald zu einet europäischen Berühmtheit wurde. Seit drei Jahren gehört Baratoff dem Ensemble des von Morris Schwartz geleiteten Newyorker jüdischen Kunsttheaters an und hat sich mich in Newyork bald eine« Namen gemacht. Rudolf Zaslawsti, mit dem sich Baratoff in der nächsten Saison in die direktoriale Würde teilen wird, war ein langjähriges Mitglied der russischen Bühne, ging dann ebenfalls zur jüdischen Bühne über und hat ein paar Jahre in der amerikanischen Provinz gespielt. Vor nicht langer Zeit kam er nach Newyork, wo er als Gast auftrat. Er gilt als verwendbarer Charakterdarsteller. Das Theater, welches Zaslawski und Baratoff übernehmen, hat für die größeren dramatischen Aufgaben^ neben denen es auch das leichte Komödiengenre pflegen soll, in seinen zwei Direktoren bewährte schauspielerische Vertreter. Wie Mr Korrespondent erfährt, wird Baratoff das Ensemble für das Theater auf seiner Europareise, die er in '-ett nächsten Tagen antritt, ergänzen. «tu einem Liter aturlertton. Der spanische Jefuitenpater Pablo Ladron de Guepara gab 1910 ein Nachschlagebuch über Literatur heraus (nove- Was malos h vuenos, juzgados en orden de naciones), dem die folgenden Stichproben entnommen sindr Goethe: Aus Frankfurt am Main. Doktor der Mochte. War erster Minister am Weiniarer Hof. Bon sehr schlechten (S&cett. Seine Religion ist eine Mischung aus Heidentum. falscher Philosophie und Christentum, seine Tendenzen Unmoralisch... Hein« Dichter und Publizist. Jude, Protestant, Deist. Grunde," sagt Louis Benillot, „lebte, schrieb und starb er als gottloser Lästerer..." Mar litt: Aus Arnstadt. Romane. „Goldelse" und edrige andere wohlerzogene Dingje, die man lesen kann. Baudelaire: Sehr schädlicher Dichter. Verfasser des ho verderblichen und schlechten Bui^s „Les fleurs du mal" am. Frame« D. M. A. F. Thrbault. . Geboren 1944. RomünschreDer, Kritiker, Dichter. Sehr schlimm in Ideen und Moral. Es fehlt nicht an Leuten, die ihn für den schlechtesten aller Schriftsteller halten, wegen seiner Gottlosigkett und ferner bestialischen Unmoralität. Er liebt das Heidentum und verabscheut das Christentmn. 'Kreuz ünd Kreuzigung machen ihn rasend. So sind seine Gedichte und st» seine Romane. Dbendrern ist er Revolutionär. Flanbert: Aus Rouen. Romanschrekber, niedriger Zyniker. Thackerah: Englischer Romanfchreiber, geboren in Kalkutta. Nachdem er sein Vermögen eingebüßt hatte, wandte er sich der Kunst zu, um davon zu leben. Reine Liebe zur Kunst! Journalist, Kritiker. Dickens: Engländer, berühmter Romanschreiber, der p&f Von Schändllchkeiten fernhielt. Doch sind einige seiner Liebesgeschichten nicht ganz einwandfrei. »«5 de« Theatern. BnrFkhaater. Morgen, halb 8 Uhr „Paulus unter den Jude u".! Akademietheater. Morgen, halb 8 Uhr „Weiberfeinds (Abonnement sechste Gruppe). Operntheater. Morgen, 7 Uhr zu außerordentlichen Preisen „Margarethe" (Faust) mit Fedor Schaljapin als „Mephistopheles". In Abänderung des Spielplanes gelangen Sonntag statt „Fledermaus" „Die Meistersi nger von Nürnberg" zur Aufführung. Deutsches Bolkstheater. Soimtag geht „Der Graf von Charolais" von Richard Beer-Hofmann mit Alexander M v i s s tz in Szene. Morgen nachmittags spielt Alexander Moissi in „Fresko" und Sonntag nachmittags in .Komödie des Glücks". Modernes Theater. In Abänderung des Spielplanes gelangt heute, morgen und Sonntag „Fauteuil 47" von Louis Berneuil zur Aufführung. Vereine, vortrSge und Berfammlungeu. Akademischer Verband der Zionisten-Revisionisten. In der am 16. d. M. im Cafe Mebropol stattgefundenen Generalversammlung wurde folgender Ausschuß gewählt: Dr. med. Otto Hahn, Präses; «md. für. Lanidau, stud. Ml. Hermann Rubinger, Btisprästdenten; Dr. Schleyer und cand. rer. Pol. Chaim Gelber, Schriftführer. — Berel« „Kinderheim" in Laa bei Neulengbach. Mittwoch, den 2ü. Mai, um 6 Uhr abends Generalversammlung :m Großen Saale des Hauses der Kaufmann- Schaft/Wien, 4. Bez., Schwavzenbergplatz 16. Kartelltag des N. P. I. B. „Barissia"-,^Jorbania" zu Prim. Der diesjährige Kavtelltag des Kartells Prager Misch-akademischtechnischer Verbindungen ,/öarissia" und „Jordania" ft Prag findet am Samstag, den 31., und Sonntag, den 22. d., statt. Für SamStag um 8 Uhr abends ist zur Begrüßung der auswärtigen A-lten Herren eine Festkneipe im „Goldenen Treuzel" (Nekazarcka) angesetzt. Sonntag, 9 Uhr vormittags, wird im .,B"!ß-Haam", Lange Gasse, der GeneEonvent abgehaiten Er muß nachgeben. Ich Hab' me^ Leben nix nachgeben!" — „Da hast de rächt," seufzte Frau Sali. — Herr Hermann fühlte den Vorwurf und rief: „No, nv! Gar e so brauchst bt.l nix tim, Sali! Dir Hab' ich immer nachgegeben." — „Wann Hernrann!" — „Dehß lvahß ihrch jetzt nix." — „E so ja, Hermann." — „Sali! Stupp' nix an mir inAitw mr!" drohte der Alte, aber — er hatte das von seinem Sohinie — er konnte auch nicht zurück; und hätte gerne nachgegeben. — In seiner Ratlosigkeit und um den vortourfsvollen Micken feiner Frau und Tochter zu entgehen, lief er im Zimmer hin und her. — Es wurde ihml warnt. „E Hitz' hat's da!" rief er. „Ffiih!" Er wollte das Fenster öffnen. „Ich bitt' dich, Hermann!" rief Frau Sali, „ich Hab' das Reißen! Lass' zu." — „Nur e bißele Sali. Es is nicht zmn aushaltm da! Ffiih!" — — . Unten auf der Straße stand noch inrmer der Urheber des Streites — unschlüssig. Einige male hatte er erwogen, hinaufzugehen ,— oder zu fliehen. — Als er jetzt eins Gestalt.zum Fenster kommen sah, sprang er rasch in den dunklen Winkel des Tores 'und versteckte sich. „Um Gottes wiÄenÜ" sagte er leise, „wenn sie mich da stehen sehen! Die Schand'!" — Regungslos, den Atem anhaltend, blieb er in seinem Versteck, bis oben das Fenster geschlossen tvurde. Dann schlich er leise — wie ein Dieb, der bald ertappt worden wäre — davon. — — Aber nicht allein. Der alte Vater, der vorher aus dem leuchtenden Stern geschaut, wandelte mit ihm. Er hatte erblickt, was noch kein Mensch sehen konnte: Die erste Spur einer winzig kleinen Rune um Gustavs frischem Mund rnrd er dachte: „Genug," hauchte ihm einen neuen Gedanken ein imd...- Gustav fuhr noch denselben Abend nach Steinamanger zu Herrn Jonas Weiß. — „So spät?" rief Herr Weiß. „Was is damehr?" Und als Gustav demütig um einen Vorschuß von dreihundert Kwnen bat, rief Herr Weiß: „Ich möcht', ich will, ich kenn aber nicht..." Es war wie beim ersten 'Auftrag, denn zum Schluß gab er ihm den Betrag- — Gustav fuhr noch in der Nacht nach Wien zurück und am nächsten Morgen-bezahlte er. 21. Kapitel. Alle Menschen klimmen zeitlebens Ms der Leiter züm Muck. Aber alle verschon, nach ihrem Temperament. Der eine betrachtet ängstlich die Sprossen des Erfolges und erwägt zitternden Herzens die Gefahren des Aufstieges. „Soll ich? — Soll ich nichü?" — Er tastet einen Schritt hinauf, erschrickt sogleich vor seinem Mut und tritt rasch zurück. Er mißtraut der Festigkeit der Leiter, er mißtraut der Sicherheit seines Schrittes, er fürchtet das Abgleiten und in diesem Uebermaß der Vorsicht versäumt er den günstigen Augenblick, indes der Mutigere, Genialere über seinen.Kopf hinauf ins Glück steigt und oben bereits nach neuen Erfolgen ausblickt. — Zuweilen — und es ist nicht fetten — stürzt der Geniale und fällt um viele Sprossen unter derr Zagenden hinab oder — er verschwindet ganz. — Wer von den beiden hat recht? Ich glaube: Keiner. Das Glück liegt in der Mitte. Gustav war eine solch' glückliche Mischung dieser beiden Extreme. Er fürchtete und war auch' ein Steiger. Ich rn-ein': Auf der Glücksleiter — aber das andere konnte er auch. Warum nicht? Er war jung und nicht übel. Davon aber ein anderesmal. — Also Gustav klomm vorsichtig, denn seit den schrecklichen Tagen der ersten Bilanz war er ängstlich geworden, und sein Wunsch, hinaufzukommen, war schwach gegen die Furcht, hevabzufallen. — Aber er stieg und mit Erfolg. Fünf Jahre sind seit der Gründung seines Geschäftes verflossen und was einst einem jungen Garten mit eben gepflanzten Bäumchen glich, blüht heute 'als ein mächtiger Park. Wachstum braucht Platz und die Fülle der Geschäfte sprengte förmlich die Mauern der kleinen Werkstätte. Sie wurde vergrößert, bedeutend vergrößert, denn es war lebhaft in Gustaw Werkstätte geworden. Achtzehn Arbeiter, drei Beanüe versorgten täglich die hungernde Welt mit frischen Würsten. — Es zischte der Motor, es dröhnten die Quetschen, es klapperte die Mischmaschine und so ohrenbetäubend, als würden hundert Teller auf einmal zerschlagen, und im Bureau — jetzt gab es keinen Glasverschlag mehr — saßen Buchhalter und Korrespondent und an der Schreibmaschine tippte ein Fräulein und lauschte des Buchhalters Diktat: „Schreiben Sie Fräulein! Schreiben Sie dem Fischl: Geborgt wird nix mehr! Er kriegt nur mehr per Nachnahme und auf die alte Schuld per..." Der Buchhalter beugte sich über das Saldo-Konti zur vollbeschriebenen Soll-Seite, denn die Haben-Seite leuchtete noch blütenweiß und unberührt. — Dieses Mißverhältnis furchte des Buchhalters Stirne. — Er bewegte die Lippen. Man verstand ihn nicht. Es schien, als hielte er grimmige Zwiesprache mit Herrn Fischl. — Endlich tauchte sein Kopf aus den: Saldo-Konti empor und er rief grollend zu dem Fräulein, als wäre das Fräulein die säumige Zahlerin: „Hören Sie Fräulein! Schreiben Sie Fräulein! Schreiben Sie: Auf die alte Schuld per Eintausendzweihundert Kronen muß er fünfhundert zahlen! Und binnen drei 'Ta "m! Verstehen Sie? — Und den Rest — von mir aus — ilrt R'ten — Anders rächt! —^Schreiben Sie Fräulein!" In fünf Jahrerr dreht sich Ibve Welt. Was einmal intteit gewesen, kommt hinaus. Der Schuldner wird zum Gläubiger und umgekehrt. Bor ,fünf Jahren waren Gustav die Raten diktiert worden; (heute diktierte er, vielmehr er überließ dies seinen: Buchhalter, .denn Gnstav selbst hatte heute Wichtig v u tun. — Er war wohl im Hause, aber oben im Stockwerk', in feiner neuen Wohnung und studierlc . Rede. — Eine Rede für beit heutigen Festabend, zur Doppelfeier .des fttnften Gründungstages und — der Einweihung -der neuen Wohnung. — Gustav hatte nämlich vor vierzehn Tagen die Wohnung gewechselt. Die frühere, kleine Wohnung hatte er gegen eine im selben Stockwerke gelegene, aber größere und schöner eingerichtete Wohnung getmlscht. — Gerichtssaal. Samuel Bronner zu drei Monate strenge« Arrest verurteilt. Nach kurzer Beratung verkündete gestern der Vorsitzetrde des Schöffensenates OLGR. Dr. Hellmer das Urteil in dem Kridavrozetz gegen Sarmtel Bronner, mit dem dieser wegen des Vergehens der betrügerischen Krida zu drei Monaten strengen Arrests, verschärft durch zweimaliges hartes Lager im Monat, verurte ilt wurde. Von der Veruntreuung würde Samuel Bronner über Rücktritt des Staatsanwaltes frei-- gesprochen. In der Begründung des Urteils führte der Vorsitzende aus, daß der Gerichtshof auf Grund der Ergebnisse des« Beiveisverfahrens und des Sachverständigengutachtens zu einem Schuldspruch gelangen mußte. Die Berantivortung des Angeklagten war in vielen Fällen unglaubwürdig zum Teil durch die Erörterungen der Verhandlung widerlegt. Bei der Strafbemessung nahm der Gerichtshof als mildernd einzelne Zugeständnisse des Angeklagten, seine bisherige Unbescholtenheit an sowie den Umstand, daß er eigene Mittel eingebützt, daß der Schaden zum größten Teil durch den Bruder des Angeklagten gutgemacht itnttfxe und daß Samuel Bronner augenscheinlich ein nervenleidender Mensch ist. Eine bedingte Berurtellung konnte der Gerichtshof mit Rücksicht auf die Erschwerungsgründe, wie die Höhe der Schadenssumme und die Leichtfertigkeit des Vorgehens des Angeklagten, nicht aussprechen. Samuel Bronner hielt sich Bedenkzeit offen. Ser Prozeß gegen Fra« Srosaveseu. Die psychiatrische Untersuchung der Frau Nellh Grosaves eu, die ihren Gatten, den Tenor Titus Grosaveseu im Streit erschossen hat, ist abgeschlossen. Die Verhandlung soll in der zweiten Hälfte Juni vor den Geschworenen stattfinden. Snmini im Gesöngnis gestorben. Rom, 19. Mai. Nach einer Mailänder Meldung soll im Gefängnis von Vitetbo der Matteotti-Märder Amerigo Dumini gestorben sein. Dumini, der bei der Verhandlung den ganzen Plan zur Beseitigung Matteottis aus sichgenommen hatte, wurde im März 1936 zu sechs Jahren Gefängnis verurteilt, dann begnadigt, aber bald darauf wieder wegen Beleidigung Mussolinis eingekerkert. Dumini hatte nämlich von Mussolini 3 Millionen Lire erpressen wollen. BermteUnng eines norwegische« Hakentteuzlers. Aus Oslo wird uns geschrieben: Letzten Mttttvoch stand der Redakteur der norwegischen Zettschrist „National Tidsskrist", ein gewisser S y l t e n, vor den Richtern wegen seiner Angriffe auf den Oberarzt des Städtkrankenhauses in Kristiansund, Herrn Dr. E. W. Koritzinsky. In dem Oktobecheft der Zeitschrift hatte Syltm u. a. geschrieben: „Kristiansund ist zu seineim Unglück von dem Juden Ephraim Koritzinsky okkupiert. Der Jude behauptet, daß er auf allen Gebieten Spezialist ist, und rechnet sich daher 15 Kronen extra für Spezialuntersuchungen. Jetzt, wenn die Juden ihre eigene Heimat bekommen haben, ist wohl Gelegenheit, diese Juden und Verbrecher nach Hause zu senden." Wegen dieses und anderer Artikel erhob der Oberarzt die Klage. Sein Anwalt war der in Oslo hochangesehene Jurist Bernhard Caspary. Vor Gericht führte der Oberarzt mehrere in der norwegischen Oeffentlichkeit angesehene Personen als Zeugen; sie bestätigten Dr. Koritzinsky, daß er in Kristiansund sehr geachtet war und als ein sehr tüchtiger Chirurg galt. Der aus drei Richtern bestehende Senat fällte am Freitag abends das Urteil. Sylten wird verhalten, alle beleidigenden Ausdrücke und Artikel gegen Koritzinsky znrückzuzichen; er erhielt ferner 30 Tage Gefängnis und hat an den Anwalt des Klägers 400 Kronen zu bezahlm, loeiter sott binnen 40 Tagen das Urteil in Syttens Zettschrist auf der ersten Seite pMiziert werden, und außerdem muß der Angellagte die Kosten der Veröffentlichung in einem anderen Blatt übernehmen. Ende Mai folgt eine Verhandlung gegen Sylten, den ein jüdischer Kaufmann aus Haugesund, dm S\i( ten einen Valutaschieber nannte, geklagt hat.