Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2955 (20.5.1927)
- Date
- 1927-05-20
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2955 . im, Freitag Wiener Morgenzeitnng 20. Mal 1987 Leite 3 Sie VefchlSffe -es zionistischen Aktionskomitees. Leder die Meierirdiimr ml die ArbeMolenMme w PaiSftim. In der letzten Sitzung des« zionistischen Aktimrskomittzös, r deren Verlauf und wichtigste Beschlüsse (Kommission, Notstandsbudget) wir ausführlich berichtet haben, mitrbc auch eine Reche von Beschlüssen gefaßt, die sich mit der Arbeitslage in Palästina und der Bekämpfung der Krise befassen. Wir geben diese Beschlüsse hier wieder: Das Aktionskomitee macht cs der Exekutive zur Pflicht, weitere Maßnahmett (außer der beschleunigten Durchführung der Notstandsarbeiten. Die Red.) zu treffet!, um die Liquidierung der Arbeitslosigkeit sowie der Unterstützungen ehestens zu ermöglichen. Fiir keinen Fall fall aber die Unterstützung länger als bis zum 1. Oktober aufrechterhalten werden. Das Aktionskomitee stellt die schtvere Wirtschaftskrise, die über die Bevölkerung von Tel Awiw herMgc« örochen ist, fest und beauftragt die Exekutive, alle mög lichen Mittel zu ergreifen, um diese Krise zu erleichtert!. Die diesbezüglichen Vorschläge rverden der Exekutive als Material übergeben. Das Aktionskomitee fordert die Exekutive auf, euergifche Schritte bei der Regierung aufzunehmen, um die Regierungsarbeiten zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit zu beschleunigen und entsprechend den Bedürfnissen im Lande zu erweitern. Das Aktionskomitee beauftragt die Exekutive, sofort eine Untersuchungskommission aus Vertretern der Exekutive, des Waad Leumi, der Arbeiter und Kolonisten einzusetzen, die in gründlicher und umfassender Wchse die Möglichkeiten der jüdischen Arbeit und chrer Bedingungen in den Kolonien soivie die Möglichke>iten dev Seßhaftmachung der Arbeiter in den Kolonien und chrer Umgebung untersuchen soll. Die Kommission soll die Ergebnisse ihrer Untersuchungen noch vor dem nächsten Kongreß veröffentlichen. . Das Aktionskomitee beauftragt die Exekutive, gemeinsam mit dem Waad Leumi sofort eine jArbeitsordnung auszuarbeiten. Das Aktionskomitee beauftragt die Exekutive, gemeinsam mit dem Waad Leumi den Plan zur Bildung obligatorischer allgemeiner Arbeitsämter, in denen die Arbeitnehmer und Arbeitgeber, durch gewählte Vertreter in gleicher Zeit repräsentiert werden sollen, auszuarbciten und durchzuführen. Bis dahin sollen die nationalen Institutionen nur Arbeiter aufnehmen, die bei den Arbeitsämtern der von der zionistischen Organisation anerkannten Organisationen registriert sind. DR. OBTKER'S Illustriertes Rezeptbuch enthält ca. 200 erstklassige Rezepte mit 51 Abbildungen Preis 30 g. Überall erhältlich. Wenn vergriffen, direkt bei Dr. A. Oetker, Baden A/ 125 II fl H u n H il B Tagesbericht. Re Palästina-Widmung der Wiener K«lt«sgemein-e. Das Dankschreiben Des Direktoriums des Keren Salem. Wie bekannt, hat der Vorstand der Wiener israelitischen Kultusgemeinde in seiner Ende April abgehaltenen Plenarsitzung mit a l l e ,n g e g e n € i n c agudistische Stimme beschlossen, dem Palästina-Aufbausonds den Betrag von 25.000 Schilling zu widmen. Das Direktorium des Keren Hajessod in Jerusalem hat den Empfang der Spende in einem vom 11. Mai datierten Schreiben bestätigt, in dem es heißt: „Wir sprechen Ihnen für diese Förderung unseres Werkes unseren warmen Dank aus. Mr wissen die moralische Unterstützung der Benrührmgen des Keren Hajsssod in Palästina, die die Wiener Kultusgemeinde in diesem Jahre wiederum zum Ausdruck gebracht hat, ihrem vollen Werte nach einzuschätzen. Aber auch nach der finanziellen Seite hin ist uns der Beitrag von Bedeutung. Ueber das Fortschreiten unseres Werkes, ebenso wie über die Schwierigkeiten, die sich aus einer starken Arbeitslosigkeit ergeben haben, sind Sie zweifellos unterrichtet. Diese Schwierigkeiten hemmen naturgemäß den Fortschritt deskonstruktivenAufbaues, so daß wir und unsere Freunde die äußersten Anstrengungen machen, um durch Vergrößerung unserer Mittel die Möglichkeit zur Ueberwindung dieser Krisis zu erhalten. Wir sind überzeugt, daß dies denvereintenAnstrengungen der palästinafreundlichen Juden aller Länder gelingen wird. Das Pionievwerk, das im Lande geschaffen wurde, hat überall solche Sympathien geweckt, daß es unvorstellbar ist, daß die vergleichsweise nicht so unerschwinglichen Mittel nicht aufgebracht werden könnten, die erforderlich sind. Deswegen ist es uns besonders erwünscht, daß der Beitrag der Wiener Kultusgeme-inde, der uns zum ersten Male . zufloß, als sich unser Werk in einem schnellen Tempo entwickelte, uns a u ch j e tz t zur Verfügung steht, wo wir unter erheblich schwierigeren Verhältnissen zu arbeiten haben. Wir können Sie versichern, daß auch jetzt im ganzen Lande unter allen Elementen, die zur Errichtung des jüdischen Nationalen Heimes in Palästina beitragen, der starke Glaube an das Gelingen unserer Bewegung nicht ins Wanken gekommen ist. Darum hoffen. wir, daß auch die Sympathie für dieses schwere Werk in den Zeiten der Krisis und der ökonomischen Schwierigkeiten die Prüfung bestehen wird. . Kundgebungen wie die der Mener Kultnsgemeinde trägen dazu zweifellos wesentlich bei. Mit ausgezeichneter Hochachtung ' f. d. . irektormm des Kereu Hajessod Leo Herrmann. Svielbers „Gralsburg reaMonSrer Willkür". Von Egon Erwin Kisch. Im Verlag „Die Schmiede", Berlin, erscheint soeben ein neues Work des Autors: r inrinalistisches Reisebudf, dem wir mit Erlaubnis des Berlages das nachstehende Kapitel entnehmen. Die Kasematten des Brünner Spielberges haben mit all ihrer Schrecknis die Inquisition lange überdauert und den Bastillenturm. Schaudernd schauten Napoleon und, wie in „Krieg und Frieden"« erzählt wird, seine rnMfchen. Gegner vor der Schlacht bei Austerlitz aus das unerbittliche Gemäuer. Börne hatte recht, als iet den Spielberg „bk Gralsburg reaktionärer Willkür" nannte. Tausendjährig ist diese Feste, hundertmal umgebaut und verändert, seit hier die Fürstort des GroßiMhrischeU Reiches saßen. Jetzt umgibt ein öffentlicher Park die, Zitadelle, und in ihren Wänden tvohrtt das Ersatzbataillon eines Infanterieregimentes, eine Feldkanonenbatterie, eine Scheintverferkoloune, eine BrieftaubenaLtellung und — ein Garnisonsarrest. Zur Zeit der mährischen Wojwoden und Markgrafen mag neben der Zugbrücke die Blech tafel noch nicht verkündet haben: „Prophylaxe se uachazi na zdejsi strazniei", „Die Prophylaxe befindet sich hier auf der Wachstube". Ueber den Wall führt eine Steinbrücke, deren Brüstung fossile Kanonenkugeln schmücken, Felsen und Backsteins sind die Festungswände, aus denen Stväucher wuchert! und Gras und Moos. Born Kasernenhof «ls steigt man hinab. Auf der Bank im Graben sitzt eine Bäuerin, streichelt ihren Sohn, den Rekruten; der kaut mit vollem Munde einen böhmischen Kolatschen und nestelt an dent Ranzen, den die Mutter mitgebracht hat. DLe Soune strahlt, die Türe zu deu Kasematte!! ist offen, unvoreingenommen tritt nran ein, unpräparierten Gefühles sozusagen, aber schon tvird man von Grauen geschüttelt. Lon den Mauern eines stockdunklen Kellers weht feuchter Moder, hernieder klatschen von den Wölbungen unaufhörlich Wassertropfen in Pfützen, zu tvelchen sich bereits ihre Vorgänger vereinigt haben. Ein schmaler, nasftr, sins>er?r Gang. Hier waren sie nicht unter gebe acht, die Feinde des Staates, hier hätten sie gehen können, sich bewegen - und miteinander sprechen, und das genügte nicht einer autoritären Energie, jenem Mut gegen Wehrlose, der die einzig verächtliche Art von Feigheit ist! Rechts und links des üblen Korridors hatte man aus Balken und Blöcken vierunddreißig Käfige gezimmert, für je einen Häftling; dort, in einem Raum von zrvsi Kubikmetern, wurde er angcschmiedet, man stopfte ihm die durchlöcherte Eisenbirne in den Mund, ans deren Oeffnung Pfeffer auf die Zunge des Durstigen sickerte, dort preßte man seine Finger in Daumschrauben, seine Arme in stachlige Stahlmanschetten, dort spannte man ihn auf die Geige!»der zwickte ihn mit glühenden Zangen, und von der Decke fiel, wie heute, Wassertropfen «msWassertwpfen, immer auf die gleiche Körperstette des Festgeschmiedeten, djer oft nicht einmal vergebliche Schreie des Schmerzes ausstoßen konrtte, da er geknebelt war. Wer waren die grausamen Verbrecher, die man «in so grausamer Haft' halten mußte? Sylvia Pelliev aus Salluzo, der mädchenhafte, zarte und ftomme Dichter der „Francesca di Rimini", büßte hier acht Jahr« lang seinen Frecheitstraum. Hier entzündete sichunter der Eisenfessel das Knie seines elegischen Freundes Pietro Marioncelli, man. mußte das Bein amputieren, ohne daß Leinen, Binden oder Eis die Leiden der Operation gelindert hätten. Ein zweiter Freund und Carbonaro, der junge Graf Fortunato (sic!) Oroboni, starb gräßlich an Blutstürz; vor den Fenstern Pellicos, dessen Zella der seinen so nahe gewesen, bestattete man ihn. Der französische Anhänger der Carbonari Alexandre Andryane erlebte hier die tragischeste Tragödie des Schriftstellers: Tag und Nacht, Jahr um Jahr hatte er sein Werk über das Wesen der Menschheit geschrieben, zmn Teil mit abgezapftem Blut, und als die Zelle durchsucht tvurde, fand man das Manuskript und verbrannte es; sein Leben, seine Lohrs, seinen Ruhm, seine Hoffnung. Ein anderer Franzose kam durch Verrat hierher, ohne einer Tat beschuldigt zu. fein, die unter die österreichische Gerichtsbarkeit fiel. Jean Bapttste Drouet hatte freilich etwas getan, was Dynastien und Monarchierl furchtbar rächen: als Postmeister von Menehould nahm pr Ludwig XVI. im Sinne des erlassenen RegierungSdekrets fest und verhinderte dadurch, daß der König vom Ausland aus Frankreich in neiles Unheil stürze; zum Glück Drouets tvar ein Abkömmling der Habsburger in den Hätrden des Konvents, eine Enkelin Maria Theresias, die spätere Herzogin von Angouleme, gegen die er . 1795 ansgetauscht wurde. Man lritt von Zelle zu Zelle, das Licht der nMgeürachten Karbüllampen huscht scheu über aLgejbröckeltch feuchte Wände, die erbarmungslos schwiegen, wenn jahrhundertelang das Wehklagen der Verzweiflung sw beschwor, die herzlos aushielten, wenn knöchern geworden« Finger sie im Wahnwitz von der Stelle zu. schieben versuchten. „Freiheit willst du?" ruft der Tyrann dem Rebellen entgegen, ,chu sollst erfahren, daß du sie hattest!" Und so saßen hier während des DreißigWrigen tKrisges jene Defensoren und Direktoren, denen habsburgi^ sche „Gnade" erspart hatte, geviertsilt, geköpft oder gehenkt zu werden, so saßen hier die frommerr Mährischer Brüder und die jüdischen Opfer des Jesuitismus, tzjo, saßen hier der kaiserliche Feldzeugmeistev Graf Bonneval, den sein Rivale Prinz Engen einkerkern ließ und der nach endlicher Freilassung zum sagenhaften türkischen Feldherrn Achmed Pascha tvurde, hier schmachtete in Ketten der Kreishauptmann Karl Ritter von David, dgr im Erbfolgekrieg gegen Maria Theresia und für jKaiser Karl VII. (den Bayern) Partei ergriffen hatte, hier endete durch Gift der tolle Pandurenoberst Franz Freihein; twm Trenck, seines Vetters würdiger Vetter, so sstmb hier, Dank vom Haus Oesterreich, der Feldmarschall Georg Olivier, Graf von Wallis, so siechten hier die italienischen Autonomisten dahin, die schlanke Contessa Filanghieri, der beredte Pater Don Marco Fortini, der, Markgraf Giorgio Gußdo Pallavicrni und der Cvnte" Frederico Confalionieri, Hochverrat, Hochverrat. Und Feinde aus dem Ausland: der königlich sächsische Hoftanzlist Menzel, der an Friedrich den Großen das Bündnis zwischen Oesterreich und Sachsen verraten und dadurch den Anlaß zum Siebenjährigen Krieg gegeben, der sächsische Marschall Schöning, der in vollem Einvernehmen mit seinem Kurfürsten ein Bündnis seines Landes mit Hannover und Frankreich gegen Oesterreich angestrebt hatte, während eines Badeaufenthaltes in Teplitz festgenommetl (ähnlich tvie in Karlsbad zu Beginn des Weltkrieges der» serbische Generalstabschef Putnik) und mitsamt seiner Gicht in die feuchten Höhlen des Brünner Mfens geworfen wurde. Innere und auswärtige Politik, die Staatsnümster für Justiz und die für Heerwesen, die für Kultus und Unterricht, die Kommissionen und Kammern und Proluratoren aller Bi rwaltungszwerge, die Herrscher mit den Beinamen „der Gütige" oder „d«r Glorreiche", der „mH-