Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2954 (19.5.1927)
- Date
- 1927-05-19
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. Mui TBfert, Dormersing Wiener Morgenzettung is. m>a\ mn Tagesbericht. Maljapins erstes Austteten. Der Schaljapin-Rununcl erreichte gestern den Höhepunkt. Der Ki'mstler mußte vor allzu stürmischen Verehrern uird Verehrerinnen und Autogrammjägern aus dem Hotel Bristol auf den Cobenzl überstedeln, um Ruhe zum Studium seiner Rollen zu finden. Dienstag abends nach Beginn der Abendvorstellung stellten sich bereits Enthusiasten, mit Polstern, Decken und Proviant ausgerüstet, an, um 24 Stunden lang auf die Kasseneröffnung zu warten. Bereits in den ersten Vormittagsstunden ivar der Andrang so groß, daß ein weiteres An stellen zwecklos war. Die Agioteure, die mit ihren Karten bis zum letzten Tage gurückgehalten hatten, Ivarfen gestern ihre Vorräte auf den Markt, die reißenden Absatz fanden. Gestern waren nur mehr „rückwärtige Logensitze" zu 80 Schilling erhältlich, die trotz des horrenden Preises für diese ganz minderwertige Kartenkategorie bald ausverkauft waren. Die Polizei nmßte umfangreiche Sicherheitsmaßnahmen treffen, mn den weiteren Zuzug zu verhindern. Schaljapin als „Boris Godunow" wurde von dem bis auf das letzte Plätzchen gefüllte Haus stürmisch gefeiert. Wir werden Wer die Aufführung noch ausführlich berichten. Kn Fest der Wische« Jugend. Lag b'Omer, der traditionelle Festtag der jüdischen Jugerü» kn Erez Israel und im Galuth, wird diesmal von dem Der- . bände zionistischer Jugendorganisationen als j Anlaß zu einem gemeinsamen Treffen aller zio-! nistischen! Jugendgrnpven benützt. Dieses Treffen findet am Sonntag, den 22. Mai, um 3 Uhr nachmittags auf den Wiesen des ehemaligen Beth-Chaluz in Kahlenbergerdor f statt. Das Programm umfaßt: Ansprachen über die Bedeutung dieses Tages, hebräische Lieder, Wettläufo (400 Meter für die Erwachsenen, 100 Meter für die Kleinen), .Gruppen-Staffellaufen^ Bölkerballmatch für die Kleinen, eine Hagralah des Keren Kajemeth ufw. An die Sieger werden Prämien verteilt. Alle Jugendsünde, Jugendvereine, ferner die hebräischen Lehrer samt ihren Zöglingen werden hierdurch zur Teilnahme aufgesordert. Betäubt und bestohlen. <5iit Hotelsekretär gibt einem Kohlengrosthändler Gist und stiehlt ihm sein Motorrad. j Gestern mittags mürbe die Rettungsgesellschaft in ein Kaffeehaus in der Mariahilferstraße gerufen, wo sie den 36jä>hrig>en .Kohlenhändler Nuppert Krottenthaler, Kriehubergasse 23, in benommenem Zustande vorfand. Er mutzte ins Spital gebracht werden. Die Erhebungen der Pvlizeidirektion ergaben, daß Krottenthaler mit einem wertvollen Motorrad samt Beiwagen vor dem Kaffeehaus vorgefahreu ivar. und auf Grund einer Zeitungsannonce im Lokal mit einem angeblichen Käufer verhandelt hatte. Dieser hat ihnr in ein Getränk vermutlich Gift gegossen und ist dann mit dein Motorrad fortgefahren. Nachmittags gelang es bereits, den Dieb in der Person des Hotelsekretärs Karl Hanuse.k zu verhaften' und das gestohlene Rad sicherzustellen. Hanusek hatte vergeblich versucht, das Motorrad zu verkaufen. Er versteigerte bisher jede Auskunft. Krottenthaler selbst konnte noch nicht einvernommen lverden, da die Betäubung noch anhält. Mörder Sar. Drei Todesopfer einer GasansstrSmimg. Der 42jährige Buchdruckere^maschinenmeister Karl Summssverger und seine gileicha'ttrige Gattin Stephanie, sowie ite Freundin der Frau, die Ldjährige Amalia Wöge rer wurden gestern nachmittags in ihrer Wohnung tot ausgesunde-n. Die drei Personen rvaren zum letztenmal am Montag gesehen worden und erst der aus der Wohnung strömende Leuchtgasgeruch veranlaßt« die Hausbewohner, mit Hisse der Police: in die Wohnung einzudringen. Nach den Erhebungen scheut ein entsetzlicher Unfall vorzuliegen. Seltsamerweise brannte am Gaskocher noch eine Flamme. Der Unfall dürfte sich so abgespielt halben, daß beim Kochen vermutlich an den Hahn eines nicht benützten Rohres angestoßen wurde, so daß Gas ausströmte. Alle drei Personen dürsten zunächst betäubt worden sein und so den Tod gefunden haben. Die Erhebungen werden fortgesetzt, doch scheint es sich jedenfalls um einen Unfall durch unvorsichUges Hantieren mit der Gas- < Leitung zu handeln. Reue Dammbrüche in Louistana. Noch MM Menschen Machlos. New York, 18. Mai. Die Befürchtungen, daß die Regentage der letzten Zeit weitere Dammbrüche zur Folge haben werden, haben sich leider bewahrheitet. Der große Damm des A t ch a f a l a y a, des Parallelslusses des Mississippi, ist in der Nähe der Eisenbahnbrücke bei M e l b i l l e geborsten. Dadurch wird nun das ganze Gebiet zwischen den beiden Flüssen überschwemmt. Weitere 160.000 Bewohner wurden zum Verlassen ihrer Heimstätten gezwungen. Die Bevölkerung weigerte sich zum Teile, ihre Häuser zu verlaffen, weshalb 20 Bewohner in ihren Häusern ertrunkeit sind. Die Stadt Melvillc selbst ist überschwemmt. Die Fluten rissen das größte Hotel der' Stadt mit und beschädigten zahlreiche Gebäude. Auch Opfer an Menschenleben sürd zu beklagen. Ein in der Eisenbahnstation wartender Sonderzug, der Flüchtlinge aufnehmen sollte, wurde durch die unerwartet rasch herein- ■ brechenden Wassermassen an der Mfahrt verhindert. Die meisten Einwohner mußten durch Boote gerettet werden. Auch P l a n ch e v i l l e ist überschwemmt. , Venecin kräftig! den Organismus — schM vor^ I v E Erkrankungen. «w» Se Pinedo fliegt Über dea Szean. s» erste tnuMoicnnififtt LuIWMenft. N c tu y o r f, 18. Mai. De Pinedo ist gestern von Shioago nach Montreal geflogen und dort nach zwölfstündigem Fkftge glatt gelandet. Nun beabsichtigt der italienische Weltstieger, vvn Trcpassty (Neufundland) zum Transozeanflug, der Hü nach Europa zurückführen soll, zu starten. Die Postbehörden vvv Neufundland beabsichtigen, mit dem Flugzeug de Pinebos dm ersten Postsack nach Europa zu schicken nick zu Reftm Zwecke eine besmjpere BriefmarkeheranSzngeben. GS würde sich um den ersten Luftpostdienst über den Ozean handeln. rrlimnier »es Mngester gmgjtngtsl Paris, 18. Mai. Nach einer Boftoner Agenturmeldung will! der Kapitän eines dort eingetroffenen Rotterdamer Dampfers 200 Meilen von der Küste von Massachusetts auf der See Trümmer gesichtet haben, die dem Flügel eines Flugzeuges gpähnelt hätten. Die photographische Aufnahme der Trümmer war jedoch infolge der eingetretenen Dunkelheit nicht möglich. > Wie die Abendblätter berichten, fätb duf Grund des von dem Kapitän erstatteten Bericht, zwei Wasser -- flugzeu ge aufgestiegen, um vereint mit^Mlstenfahrzeulgen nach den Trümmern zu suchen. i Auffiuduug einet Flaschenpost Rnngeffers. London, 18. Mai. „Lloyd's" berichtet: Bon der Küsten wache ist in der Nähe von Falmouth eine Flaschenpost ausgefischt worden, Ne besagt: „Sind ,75 Meilen vor der Küste von Irland« gel<mdet. Maschine gestört. W. H, Nun gesser." Der Finder wird« gebeten, sich mit H. Lau ferne, Sekretär der Ras (Royal Air Force) London in Verbindung zu setzen." Etsenbahnnnglöck bei Warschau. Warschau, 18. Mai. Auf der Lokalbahnstrecke W a r-- schau —Grojec ist ein Personenzug entgleist, wobei 10 Reisende und 3 Eisenbahner zum Teil schwerer, teils leichter verletzt wurden. Explosion!« einer Schule 12 Kinder getötet. L a n s i n g (Michigan), 18. Mai. Bei einer Explosion, die sich aus bisher unaufgeklärten- Ursachen in Euch ereignete, wurde eine Schule zerstört. Bisher wurden zwölf Kinder als getötet festgestellt. Eine Anzahl weiterer Personen wurde getötet odet verletzt. Furchtbares StrnbeublchnnugM ln Knffel. Durch den Mutwillen eines Jungen. Kassel, 16. Mai. Heute um halb 8 Uhr abends ereignete sich aus der nach dem Druseltal führenden Linie der Straßenbahn eine furchtbare K a t a st r o p h e. Ein an der Endstation haltender Wagen dieser Linie, an dem ein Anhänger angekoppelt werden sollte, stand voll besetzt ohne Führer und Schaffner zur Abfahrt bereit. E m, I u n g e l ö st e d i e Bremse und der Wagen sauste führerlos die steile Brahanter Straße hin- 1 unter und sprang an der Ecke der Fürstenbergerstraßo in Berliner Kunflbrief. Bon Kurt Münzer. Schon sind die Abende lau, die Maisterne blitzen« wie in Toscas Arie und die Luft, schwer von blühendem Liguster und Flieder, ist süß wie in Umbrien, wie ejne Melodie von Puccini. Aus Straßen, durch die Autos und Trams stieben und stinken, kehren wieder lächelnde Hausbesorgerinnen den Blütenabfall der Bäume zusammen und begießen träumerisch Vergißmeinnicht und Stiefmütterchen in schon eingestaubten Vorgärtchen. Braucht man noch Musik? Ist . nicht jeder dieser blau gleißenden Tage ein Orchestersatz, jede .Dämmerung' ein altmodisches Lsed, jede stille, wanne Mitternacht «iure Cellosonate? Die Konzertsäle stehen leer, die Virtuosen studieren dse Fahrpläne nach den großen Sommerkürorten, wo sie sn Hotels und Ballsälen spielen werden. Jetzt ist, hier, in der Stadt, die Zeit angebrochen für die Jungen, die Werdenden oder die aus Amerika Heimgekehrtcn. Sic haben drüben ausgesungen und ausgegeigt — nun schnell in Europa sich gezeigt, den Namen in der alten Welt afsichfert, alte Bewunderer beglückt. So kehrt Marrella Noeseler wieder . . . Ach, welchen Glanz strahlt ihre herrliche Stimme aus, welches Feuer glüht den Ton, welche Kraft trägt ihr Piano noch in den Hof des Beethovensaals, wo berittene Schutz? leute in dichten Reihen halten — es ist Stahlhelmabtznd, nebenan in der Philharmonie wird Putsch, Pogrom proklamiert, Reichswehr ist aufgeboten, sie alle, die kämpferischen Männer, mit Karabiner, Gummiknüppel, Säbel, heben die behelmten Häupter und lauschten. Marrella singt, Zigeunerlleder voy Brahms — hinreißend und hingerissen —> schmachtende Lieder von Joseph Marx — ihre großen Opernarien —, das ist viel mehr als Primadonnengesang. Esu Herz schlägt in der Stinime und beseelt den Klang wunderbar. Die Stimme ist jung, hochdramatisch, quellend aus eitel Singlust. Es war so schön, daß nachher, draußen, die süße Nacht fast tonlos und verstimmt klingt. Imselben Saal spielt Albert Spalding aus Amerika — er hat indianisches Profil seine edle Geige Mit jener schönen, reinen Männlichkeit, die unsere Virtuosen so oft vermissen lassen. Nun haben wir die größten gehört, aber kaum einer hat Spaldings unnachahmlichen Ansatz, die vibrierende Kraft seines Tons und den (dem Publikum gegenüber) unnachsichtlichen Ernst musikalischer Auffassung. Er ist in Bach und Beethoven so groß, klar und streng wse in den kleinen Konzertstücken von Debussy, de Falla, Sarafate schwärmerisch, feurig und kapriziös. Er wurde — wse die Roeseler — bejubelt. Gewiß sind drei Viertel des Publikums (nachsichtig geurteilt) Herzensträg, sinnlich verschlossen, musikasisch unbelastet: aber die große Kunst bezwingt noch den Barbaren. Ich erinnere mich — unvergeßliche Erinnerung —, wje Unlängst der hier ganz unbekannte, unbeleumdete Wiener Stephan Bergmann da war und sofort einen gleichgültigen, vorsichtigen Saal bezwang. Ein junger Künstler, der aus der Tiefe der Musik kommt und fast schmerzhaft wjrkt in der Verkündung seines Musikerlebnisses. Der blendet nicht, der strahlt sanft; der fasziniert nicht, der gewinnt mit Liebe- Er spielte Fantasien, von Bach bis Chopin, von Mozart bis zu den neuen Russen. Jeder Takt war empfunden, jede Note heftig, und doch spannte sich ein großgewölbter Bogen. Der Schmelz seines Chopin, die Klarheit Beethovens im ausladenden Barock, der Schimmer und die Kraft, die nicht er dem Ton gab, sondern die aus dem Ton stiegen, waren Beglückung ... Trotz Walter Rummel, dem großen Meister, dessen Chopin mit das Unerhörteste ist, was Konzert heute bieten kann. Bergmann bestand. Mer weniger Alfred Blumen, wenn er dje As-Dur-Polonaise wohl spielt, aber nicht darstellt. Darf man vergleichen? Muß man nicht Vergleich, denn er spielt — sonst! — vorzüglich. Er hat für Schumanns Carnaval die Nuancen, die Kraft und die Verträunrthelt, sogar die Heiterkeit und bestimmt die Leichtigkeit. Seine Beherrschung des Klaviers an sich ist ein schönes Schauspiel. Er hat die Leichtigkeit eines lvjrklich Berufenen. Aber die große Bravour, Kraft und Darstellung bewies er bei C a r o l Rathaus' Erster Sonate in C-Moft, einem musikalisch gesättigten und gefornrten Stück, nroderne Mufft, auf den Generalnenner der ewig fortlaufenden Künst gebracht, reich an Thema und phantasievoll in der Durchführung. Wahrhaft: ein Stück Musik! Und Blumen interpretierte es nachschöpferisch großartig. Der Saal war leer — Blumen lockt nicht, wenn die Kastanien in den Straßen blühen und man die Liebste schon in den romantischen Tiergarten führen kann. Nun: es gibt Besessene, die lieber zu Füßen des Klaviers sitzen als unter Linde mit schwankendem Mädchen. Er, Blumen, hat den Mut zu einem zweiten Abend: ich werde dort sein... Und die Jüngsten spielen, die Schüler der Meister, die Jäger nach dem Lorbeer, die Hoffer auf Amerika, etwa der ganz junge L e y, von Bertram trainiert, einer von den geborenen Klavieristen, der ein noch wngeteiltes (daher aber auch von Leid ungeprüftes) Herz mitmusizieren läßt. Technisch schon sehr durchgebildet, der Nuance fähig, Kraft in Fingern und Auffassung, wickelte er ein klassisches Programm Vielversprechend ab. Jetzt noch Erlebnis — die Liebe, Welt, Menschheit; Irrtum und Msturz; Ekstase und Grauen — und man wird Hu einrechen unter die Zählenden. Bor der Singakademie sind inzwischen , die Kastanien aufgeblüht. Die klassische Front steht zloischen Fliesder und Goldregen, es ist still auf dem Platz, über deju Josef Joachim geschrftten ist. In seinen Spuren geht heute ein junger Bursch, Schüler eines Joachimschül«rs, Erbe also größter Tradition. Es ist der blonde Jtalienar Giovanni Bagarotti, er steht Ms Joachims Podium, und es umwittert ihn ein ebenso kindlicher wie schicksalhafter Ernst: man fühlt: hier tvird ein Künstler lverden... Den Saal füllt — noch einmal — jgroße Gesellschaft. Italienisch, Französisch, Ruffisch, EnglM klingt. Herren im Frack, Damen, unterm Pelz die nackten Schultern. Die Musikleute Berlins. Und dann kommt (Cawl Szreter begleitet ihrt) der junge Giovanni, ein blonder Grovannino; er kommt mit einem hcchernstm Programm, nur drei große Nummern. Und schon, lvemt er zu der Brahms-Sonate ansetzt, hört man: einer aus denk Chor um Joachim, einer der musizierenden Enget, einer, dem es heilig ist. Er spielt ganz ohne groß« Geste, ganz ohne die Bravckrr, die den Beifall entfesselt, er spielt nicht für die teuren Plätze mit Fracks und Perlenschnüren, er spielt allein für die Musik, für di« Gottheit. Noch ein Schüler, gewiß, aber es war schon No Meisterprobe. Schon kann er sein Feuer bändigen und läutern, schon die Jugend in Ernst fassen, schon das Handwerk seiner rnusikMfchen Einsicht dienen lassen. Es ist noch die keusche Innigkeit des Zwanzigjährigen, die unversuchte Gläubigkett des Jünglings, aber hier ist Jugend nicht Mangel, sondern Berllärung. Es war Dienst vor Joachims Geist. Schöner kann Laufbahn nicht beginnell. Nun, Giovannino, empor! die Stufelk detneS Altars! An dich ist Ruf ergangen! * \