Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2953 (18.5.1927)
- Date
- 1927-05-18
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 89% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982041--30071-3018259- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Nr. 2953 Wien, Mittwoch Wiener Morgenzeitung 1«. Mai 1927 Sette 8 Aanr Dinghofer, -er „verhinderte" gvftirminifter. Die erste Schlappe -er neuen Regierung. Noch ehe das Kabinett Seipel IV gewählt ist, hat es bereits seinen ersten Echee erlitten. Dr. Seipsl hatte sehr gegen den Willen der Landbündler den Großdmtschen versprechen müssen, daß er den vom Landbund abgesägten Vizekanzler Dr. Dinghofer als quafi Justizminister ins neue Kabinett ausnehme. Da ein Justizministerium noch nicht existiert, verfiel Dr. Seipel auf den Gedanken, Dinghofer als Minister ohn« Portefeuille unter gleichzeitiger Betrauung mit der Leitung des Justizamtes dem Nationalrat zur Wahl vorzuschlagen. Die Sozialdemokraten beschlossen daraufhin in ihrer gestrigen Klubsitzung, gegen diesen Plan mit der Begründung schärfsten Einspruch zu erheben, daß es verfassungswidrig wäre, einen Minister ohne Portefeuille mit der Leitung eines Ministeriums zu beauftragen, das notabene noch gar nicht existiert. Nachmittags trat eine Obmännerkvnferenz zusammen, vor deren Beginn Dr. Seipel von diesem Einsprüche Mitteilung machte. Ueber bett Einspruch der Sozialdemokraten konnte man nicht so ohne weiteres hinweggehen Die Majoritätsparteien wollten nun aus dem Dilemma einen Ausweg in der Richtung suchen, daß die Regierung ihren Demissionsbeschluß sinfach fi stiere uind fo lange weiterregiere, bis das Gesetz über das selbständige Justizministerium beschlossen fei Schließlich überlegte man sich aber die Sache doch anders und kam zur Erkenntnis, daß es doch nicht angehe, nach den Neuwahlen die vom alten Nationalrat gewählte Regierung bis zu einem ganz unbestimmten Termin weiterwirtschasten zu lassen. Der Miuisterrat beschloß in einer ad hoc einbemfenen Sitzung, sein Demissionsgesuch heute dem Bundespräsidenten Dr. Harnisch zu überreichen. Dr. Din ghofer wird sich damit bescheiden müssen, vorläufig Menister ohne Portefeuille zu werden. Das Justizministerium wird er erst übernehmen können, wenn das Parlament das von der Regierung angekündigte Gesetz über die Wiedererrichtung des selbständigen Justizministerium angenommen haben wird. Bis dahin wird wohl noch einige Zeit verstreichen. In der heuttgen Eröffnungssitzung des Nationalrates wird von der Demission der Regierung Mitteilung gemacht werden. Gemäß einem Beschluß der gestrigen Obmännerkonferenz wird nach der Angelobung der Abgeordneten die Wahl der drei Präsidenten, der fünf Schriftführer und der drei Ordner erfolgen und die Einsetzung eines 17gliedrigen Hauptansschusses sowie von zwölf weiteren Ausschüssen, in betten alle vier Parteien vertreten sind, beschlossen werden. Sine stürmische Versammlung der Kausleule. Gestern hielt die Sektion III der Kcucfleute des Gremmins untev Vorsitz des Kommerzialrates I e l l i n e k eine Versammlung ab, in der Dr. Grienseyß gegen eine Reihe von Vorgängen innerhalb des Gremiums scharf polemisierte. Ein Versammlungsteilnehmer beschirnpfte beit Redner, worauf es zu lärmenden Szenen kam. Der Zwischenrufer verteidig!, die Geschäftsgebanmg des Gremiums und bestritt die vom Referenten behauptete Höhe der Bezüge der Gremialfunktionüre- Die Versammlung wurde schließlich für nächste Woche vertagt. ' Tagesbericht. Da» Gewicht der Srde und der Menschheit. Nach dreijährigem Studium im meßtechnischen Bureau der Bereinigten Staaten hat Dr. Paul Neyl seine Berechnungen über das Gewicht der Erde uitd der Menschheit fortiggestellt. Danach wiegt der Erdglobus sechs Sextill'onen Tonnen, die gesamte Menschheit 97 Milliavden Kilogramm. Diese jahrelangen Berechnungen eines ernsten Wisscn-- schastlers sind feine überflüssige Spielerei, wie cs zunächst vielleicht den Anschein erwecken mag, sondern waren getragen von dem Bestreben, die Masse der Erde uttd der auf ihr lebenden Menschheit einmal in das richtige Licht zu rücken, uns ein anschauliches Bild von unserem Planeten und seiner Bewohner zu geben. Sechs Sextillioneu Tonnen! Was für eine inrposante Ziffer! Vergleiche können wir nur zu ihr, nicht mit ihr ziehen. Denn wenn wir auch die Größen anderer Planeten fenneit, so fehlen uns doch ihre Gewichtsangaben und dann würden uns auch unsere mathematischen Behelf im Stiche lassen: 6,000.000,000.000,000.000,000.000! Können wir da noch weiterrechnen? Die gesamte Menschheit wiegt, das Durchschnitts- . gewicht des einzelnen mit 60 Kilogramm angenommen, rund — auf einen Zentner mehr oder weniger kommt es doch wohl nicht an — 97 Milliarden Kilogramm,. Eine Riesenziffer, aber im Vergleich zu dem Gewicht der Erde doch nur der blbsilionste Teil, etwa das Verhältnis eines Sandkörnchens zu einem Wolkenkratzer. Diese 97 Mili liarden Kilogramm Menschheit — etwas über 1600 Millionen Menschen — könnte man, natürlich nur spielerisch — in 120.000 Eisenbahngüterzüge zu 50 Waggons bequem fortbefördern, vorausgesetzt, daß »vir so viele Waggons hätten. Eigentlich wäre die Länge dieser Beförderungsmittel nicht einmal so groß, der „Menschenzug" würde nicht einmal ganz die Aequatorlinie verdecken. Auch wäre es möglich, die ganze Menschenmenge, die in uns die Vorstellung eines ungeheuren Gewimmels hervorruft und bei vielen auch die Sorge drohender Uebervölkcrung der Erde aufkomMen läßt, vollzählig auf der kleinen Ostseeinsel Bornholm leicht unterzubringen. Auf einer Maile lassen sich nämlich 12.000 Menschen aufstellen, auf einer Quadratmeile also (12.000 mal 12.000) 144 Millionen Menschen. Auf der etwas mehr als 11 Quadrattneilen großen Insel fände die ganze Menschheit Platz. Auch könnte man sich vorstellen, alle Menschen in eine gleichmäßige Kiste hineinzulegen, bei der jede Kante nicht ganz einen Kilometer lang sein müßte. Unglaublich, aber — bitte nur nachzurechnen! — wahr. In einem Raum von nicht ganz einem Kubikkilometer würde also die liebe Menschheit untergebracht werden können, wobei jedem cinzckncn ejn Raunr von 1.60 Meter Länge, 60 Zentimeter Breite und 40 Zentimeter Dicke §ur Verfügung stände. So zahlreich die Menschheit auch ist, so sehr schrumpft sie doch wieder zusammen, wentt matt sie mathematischen Berechnungen . unterwirft: Männer, Frauen und Kinder, Europäer tlnd Fidschiinsulaner, Weiße und Farbige, Kulturvölker und Menschenfresser, sie alle fern eit auf die Wage und das Resultat sind — 97 Milliarden Kilogramm Menschheit auf sechs Sextillionen Tonnen Erde. —eich. Palästina-Bücher in Amerika. Palästinaliteratur ist auf dem amerikanischen Büchermärkte noch eine Seltenhsttserscheinung. Ludwig Lewis o hn s vielbesprochenes Buch „I s r a e l" war eigentlich das erste auf dem Platze, und das sensationelle jAufschen, das es um der Person des Verfassers willen und wegen seiner Apotheose des Zionismus in weiten, vom jüdischen und zionistischen Problem bis dahin vielfach unberührten Kreisen bedeutete, schuf wohl die richtige Disposition zur interessierten Aufnahme weiterer Palästinabücher. Nichtsdestoweniger blieb das unendlich seine Büchlein von Ies sie Sampter, das zeitlich das nächste in der Folge war, viel zu wenig beachtet. Freilich nennt es sich „E m e k", und nur Vertraut^, die den Zauber dieses Begriffes kennen, mögen danach gegriffen und in der großen Schönheit dieses Zyklus fräer, an der Poesie des Emek sich dichyrambisch entzündenden Rhythmen geschwelgt haben. Jefsie Sampler ist eine amerikanisch-jüdische Dichterin deutschen Ursprungs, die fett Jahren Newyork mit Rechoboch vertauscht hat. Um so weitere Verbreitung ist den beidestt neuesten Palästinabüchern sicher. „DaS erwachte Palästina" von Sophie Irene Loeb hat der in soziologisch interessierten Kreisen rühmlichst bekannten» Verfasserin bis weit in nichtjttdische Schichter» hinein aufmerksamstes Gehör verschafft und das palästinensische „Wanderbuch" des Harvard-Studenten Mil ton I. Goell in Kreisen der studierenden Jugend ein lebhaftes Echo ausgelöst. » Es ist nöttg, Sophie Irene Loeb bei dem deutschsprechenden Publikum einzuführem Sie ist eine der bekanntesten Sozialreformerinnen Amevikas in Wort, Schrift und Tat. Bon ihr wird gerühmt, daß sie mehr als irgendeine andere Frau der Vereinigten Staaterr für das Zustandekommen konstruktiver Fürsorgegefetzgehung beigetragen habe. Auch sie entstammt, so wie Lewisohn und Sampter, einer deutsch-jüdischen Farnilie und kam mit sechs Jahren nach America. Der Besserung menschlicher Däseinsbedingungen zu dienert, srrvählte sie zum Beruf, und insbesondere auf dem Gebiete der Kiitderfürsorge ist sie zu einer ersten Autorität geworden. Im Kongreß wurde anerkannt, daß es kaum jemanden in den Bereinigten Staaten gibt, der mehr fachmännische Erfahrung aus diesem Gebiete besäße. Seit 16 Jahren ist sie an leitender Stelle in allen einschlägigen Aemtern und Kommissionen tätig, urtd es sind vor allem die verwitweten Mütter, die ihr eine große Linderung ihrer Lage verdanken. Sie empsattd es als eine unnötige Grausamkeit und als einen soziologischeit Mißgriff, daß die auf Erwerbsarbeit angewiesenen Mütter gezwungen sein sollten, sich von ihrer einzigen Freude, ihren Kindern, zu trennen, um sie Waisenanstalten zur Erziehung zu übergeben. Sie gibt die Parole aus: „Fort mit der Anstaltsunterbringung, soweit sic durch Famllienfürsorge essfetzt werden kann", und in einenr unermüdlichen, öffentlichen Feldzug erreicht sie, daß überall in den Bqreinigten Staaten Kinderfürsorgeärnter gegründet werden i und ihre Forderung vom Atlantischen bis zum Pazifischen Ozean als Richtschnur für deren Tätigkeit angenommen wird. Parallel mit Miß Loebs sozialreformevischer Arbeit gcht ihre schriftstellerische Tätigkeit. Seit 17 Jahren ist sie RÄmktrice eitler der größterr Nvwyorkar Zeitungen, der „Evenlng World", urtd ihre geschickte Feder hat sich ein großes Forum zu sichern verstanden, das sie zur Durchführung von allerlei sozialen Reformvorschlägen siegreich ins Feld führt. Mit Spannung sah man Miß Loebs Berichten entgegen, da sie zur Universttätseröffnung als Korrespondentin ihrer Zeitung nach Palästina fuhr. Mehrere Wochen hindurch brachte die „Evening Post" ihre Palästinartikel, ur»d deren streng sachliches Inhalt und zuüngende, positive Folgerungen erregten um so größere Aufmerksamkeit, als die Morgenausgabe des-, selben Blattes sich nicht immer judenfreundlich gebärdot. Miß Loeb sieht im Paläsünatoerk das größte Experiment des Jahrhunderts. Sie stellt fest, daß die größte Re Ausgrabungen int rmanihamen-Grab. Noch iinbehobeiie Schätze. — Einstellung der Grabung?» Im Gommer. Aus Kairo wird gemeldet: Sir Howard Carber hat die Ausgrabungen im Tutankhamen-Grab Wer die Sommermonate eingestellt. Me die arabischen Blätter mit-- teilen, sind im Grab noch zwei Kammern unerö f f n e t, von denen die eine 28 Kiste» mit Schätzen enthält, die nach der Meinung Sir Howard Carters an Kunstwert und Kostbarkeit die bisherigen Funde weitaus übertveffen. Die Erschließung dieser Kamnteri» wird im Septemvlclr in Angriff genomnten werden. Kn zweiter rrebitsch-Limoin Der Rabbinatsafpirarrt als deutschnatkonalcr Spion. Aus Eger wird gemeldet: Bor eitrigen Tagen wurde an der tschechofloweMch-deutschen Grenze ein gewisser Friedrich Esraim Notel es ausgegrisfen und in das Egerer Gefängnis eingeliefert. Dieser Mann hat eine bemerkenswerte Vergangenheit hinter sich, die chn in vollem Maße würdig erscheinen läßt, an die Seite des berüchtigten Trebitsch-Lineoln gestellt zu werden. Allerdings hat dieser Friedrich Efvaim Noteles nicht gar so oft seine Gesinnung gewechselt, wie dies sein zweifellos größerer Kollege Trelbitsch-Lincoln tat, das ändert aber wenig an der Tatsache, daß er den Namen ,^rebitsch- Lincoln der Zweite" wohl verdient. Gfraim Noteles (damals war noch vom anderen Namen, nämlich von Friedrich, gar keine Spur) ist S p r ö ß l i n g einer alten Rabbinerfamikie und bereitete sich auch für diese Laufbahn vor. Er besuchte Rabibiner-Vildungsansbalten in der Schweiz und in Deutschland und war ein ausgezeichneter Schüler. Der Weltkrieg schleuderte ihn aber aus seiner Laufbahn. Die Revolution traf ihn in Deutschland. Er warf sich in die kommunistische Bewegung und nahm an Liebknechts Spartakus -Revolution teil. Dann ließ er sich taufen, er wurde Lutheraner, und schon als solcher und als patentierterdeutscher Nationalist und Rassen-' Verfechter nimmt er an dem Kapp-Putsch teil.' Später spielte er eine Rolle in der Spionageaffäre des gewesenen Bvünner Abgeordneten Baeran. Diese Rolle ist zwar bis heute noch nicht geklärt, es wird aber behauptet, N o t e l e s soll das eigentliche Haupt dieser Spionageaffäre gewesen sein, m desien Händen alle Fäden zu-sammenliefen. Im deutschen Hakenkrenzlager wurde seine Vergangenheit allmählich bekamtt und Noteles mußte seine Rassenkollegen schweren Herzens end'l:ch doch verlassen. Er wuvde sogar aus Deutschland ausgewiesen und nun wurde er an der tschechoslowakisch-deutschen Grenze von tschechischen Grenzsoldaten festgenommen und in das Egerer Gefängnis eingeliefert. Budapest ohne Licht. Störung in der elektrischen Stromzentrale. Budapest, 17. Mai. Infolge einer Betriebsstörung in einer der Budapester elektrischen Strornzentvalen ist ein großer Teil der Hauptstadt seit 8 Uhr abends in völlige Finsternis gehüllt. Die Wache der Störung konnte vorläufig nicht festgeistellt werden; man vermutet, daß es sich mn einen Defekt in der Hauiptkabelleitung handelt. Bon der Lichtstövung wurden der 6.,. 7. und 8. Bezirk von Budapest betroffen, in deiren um 8 Uhr abends die Beleuchtung auf a l le n S t ra tze n und Plätzen, in den Kafseehäusern und Pr-)va!wohnungen ausging. Der Straß enbahnver« historische Wandlung sich heute im Lande der Bibel vollzieht, und sie bringt aus den letzten fünf Jahrein unzählige Tatsachen jüdischer Arbeü, die das fabelhafte Hineinwachsen dieses seit Jahrhunderten stagnierenden Landes in moderne Zivilisation und Kultur deutlich werden lassen. Der heiße Atem des 1925 so stürmisch vvrwärtsdriängenden Landes weht einem aus den Schilde»? rungen an. Interviews, die ihr vielfach cüs erste sgüwährt wurden, wie z. B. auch mit dem arabischen Gvoßmufti, mtt Mussa Kasim Pasha, dem unversöhnlichen Haupte der arabischen Exekutive, mtt Ragheb El. Nashashibi, dein ehrgeizigen Bürgermeister von Jeimsalem, mit Sir Ronald Storrs, dem damaligen Gouverneur von Jerusalem und Präsidenten der Pro-Jprusalem-Gesellschaft geben ihr die Möglichkett, ein lebendiges Bild der ökonomischen und polttischen Verhältnisse des Landes zu gewinnen und ihren Lesern zu vermitteln. Es ist ein durchaus optimistisches Bild, und da alle Ueberschwenglichkeit streng vermieden ist (obwohl die amerikanischen Leistungen entsprechend herausgestvichen find), ein um fo eindrucksvolleres. Die Artikelserie aus der „Evening World" ist nun von dem Century Co., Verlag, der sich als der Haransgeber von nur wertvollen Büchern bezeichnet, verlegt worden, Nathan Strauß hctt das Vorwort geschrieben und preist das Buch als das reichhalttgste, das bisher in Anrerika über das aufstrebeirde Palästitta veröffentlicht wurde. Der Name der Verfassüvin bürgt dafür, daß es die Kenntnis und die Sympathie für das palästinmsische Aufbauwerk in weiteste, sonst nnerrejuhbare Kreise tragen whfc, * Anspruchslos, als hingeworfene BleistifttwtiM von einer Wandertour durch Palästina, Lvitt das Buch des amerikanischen Studenten Mitton I. Goell auf. Es wM nichts, als unretuschiert Wandereindrücke aus befc neuersehenden jüdischen Heimat »virdergebe»», für die Milton Goell — »vas er allerdings rticht des Erwähnens «tvert findet — sett Jahren in den Kreisen der jüdischen In-