Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2950 (15.5.1927)
- Date
- 1927-05-15
- Page
- Seite 12 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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Seite J£ Men, Sonntag Wiener Morgenzeitung 18. Mai 1927 Nr. 2980 TOtKSWIWTSCIIAfT | Schachts Theorie vom Segen der Baisse. acht Stunden im.Pottzeiarvest verbringen mußte, weil Rödl angezeigt hatte, daß sie ihn mit einem Revolver bedroht habe. Sie legte dabei dem Richter ein Stück Holz vor und bemerkte ironisch: „Das -ist der Revolver, mit dem ich ihn bedroht habe.* Dr. Zörnlaib: Wir sinja nicht im Theater. Die nunmehr als Zeugin vernommene Frau Baronin?lnnie tzanimerstein - Dierkens erklärte, baß sie am kritischen Tage von einer I n s u l i n k u r sehr aufgeregt nach Hause gekommen sei und darüber in Erregung jleriet, daß Rödl gerade von seiner neuen Geliebten, der Frau Maria F. Z., kam. Sie sei keineswegs, wie Rödl behauptet, betrunken gewesen. Rödl habe sie beschimpft und ihr zugerufen: „Du wirst noch am Mist enden!" Rödl habe ihr einen Boxstoßindie Brust versetzt und sie mit Füßen in den Bauch gestoßen und sich dann ins Bett gelegt. Frau Dierkens bemerkte lachend: Vielleicht hat er sich, als er mir den Boxstoß gab, nur überzeugen wollen, o b i ch nochblaues Bluthabe. Als -nächste Zeugin wurde die (Baronin) Helene Hamar, eine Freundin der Frau Dierkens, vernommen. Sie gab an, daß diese sich wiederholt bei ihr über Mißhandlungen des Rödl beklagt habe. Die Zeugin Lina Neubauer, welche durch mehrere Jahre Bedienerin bei Frau Dierkens war, erklärte, daß ihre Dienstgeberin die Bediensteten wiederholt geschlagen habe und daß Herr Rödl sich immer der Mißha-ndelten angenommen habe. Die Zeugin Lilly T a u s s i g gab an, daß Rödl ihr einmal gesagt habe, er ekle sich vor Frau Dierkens. Ein Zeuge, der einmal geschäftlich in die Wohnung der Frau Dierkens kam, erklärte, daß es in seiner Gegenwart zu einer Kontraberse zwischen Frau Dierkens ' und Rödl gekommen sei und diese mit Bezug auf ihren Lebensgefährten gesagt habe: Denken Sie sich, so benimmt sich mir gegenüber der jüdische Strizzi. Frau Dierkens gab diese Aeußerung zu. Dr. Klimosch bemerkte, daß Frau Dierkens in seiner Kanzlei erschienen sei und ihn mit aufgehobenen Händen gebeten hcck>e, zu veranlassen, daß Rödl wieder zu ihr zurückkehre. Nach Schluß des Bsweisvevfahrens beantragte K l imosch die strenge Bestrafung des Beschuldigten, von dem er immer nur als von dem Herrn Rödl-Redlich sprach, wobei er erwähnte, daß hier eine Verbindung des alten Testamentes mit dem neuen Testament fiattgefunden habe. Der Richter ermahnte Klimosch, derartige Redewendungen zu unterlassen, worauf Klimosch erklärte, daß er sich ohnehin zur Mäßigung zwinge, um nicht wieder mit dem Disziplinarrat in Konflikt zu kommen. Schließlich betonte der Vertreter der Frau Dierkens, daß der Beschuldigte gezeichnet sei. und! daß Frau F. mit ihm selig werden möge. Frau D i e r-! kens : »Ach ja." Klimosch beantragte schließlich, den BeschuDigten zu verurteilen, seiner Klientin ein Drittel seiner Bezüge lebenslänglich als Rente zuzusprechen. Da aber ein solcher Antrag beim Strafgericht nicht durchdringen könne, - verlange seine Klientin als Schmerzensgeld 1000 Schilling. Dr. Zörnlaib erklärte, daß man hier nicht Lei einer Theatervorstellung oder in einer Wählerversammlun^ sei. Der Vertreter der Frau Dierkens habe den Versuch gemacht, gegen die Juden Propaganda zu treiben, ein Versuch, den er entschieden zurück weisen müsse. Dr. Zörnlaib betonte, daß seine politische Gesinnung genügend bekannt sei, um ihn in den Verdacht zu bringen, Philo somit zu sein, daß er aber sich gegen die Bemerkung des Klimosch vom alten und neuen Testament entschieden -verwahren müsse. Vor Gericht seien alle gleich und gebe es bei Gericht keinen Antisemiten. Unter Hinweis auf das Beweisverfahren beantragte Dr. Zörnlaib den Freispruch seines Klienten. Der Richter verurteilte den Beschuldigten zu einer Geldstrafe von 100 Schilling, eventuell zu 48 Stunden Arrest, sowie zur Zahlung eines Schmerzensgeldes von 5 0 Schilling an Frau Dierkens. Der Verurteilte meldete die Nichtigkeitsbeschwerde und die Berufung an. Ser Strafprozeß gegen Samnel Brauner. Bor einem Schöffensenate beginnt morgen die für vier Tage änberaumte Verhandlung gegen den ehemaligen Vizepräsidenten und leitenden Direktionsrat der Adriatischen Bank Samuel Bronner wegen Verbrechens der Veruntreuung und wegen Vergehens der fahrlässigen Krida. Bronner soll als Leiter der im Jahre 1923 gegründeten Bank durch Spekulationen * unb durch Inanspruchnahme und Gewährung von außergewöhnlich hohen Krediten ene Schuldenlast vom etwa 20 Milliarden Kronen aufgehäuft haben, die den Zusammenbruch des Unternehmens herbeiführte. Auch wurden Effekten, die Komittenten gehörten, verpfändet und später verkauft. Ein Teil dieser Effekten konnte nicht mehr ausgelöst werden, und damit wich die Anklage wegen Veruntreuung begründet. Ein Bruder des Angeklagten, Jacques Bronner, hat den Schaden« der Bank zlpn großen Teil gutgemacht, die (Räudiger erscheinen aber immer noch um nahezu drei Milliarden Kronen geschädigt. Den Vorsitz in der Verhandlung wich Oberlandesgerichtsrat Dr. Hellmer führen, die Anklage Staatsanwalt Dr. Reitinger vertreten, Verteidiger ist Doktor Preminger. Der Präsident der deutschen Reichsbank, Dr. Hjalmar Schacht, war schon im Oktober vorigen Jahres auf die deutsche Börsenhausse nicht gut zu sprechen. Er bezeichnetc sie damals als einen Prozeß wachsender Auslandsverschuldung Deutschlands, die angesichts «der auf der deutschen Staatswirtschaft bereits liegenden Hypothek der Reparationen sich als eine zweite, auf die Volkswirtschäft gelegte Hypothek darstelle, die beide zusammen den Finanz- und Produktionskrästen Deutschlands allzu viel zumuten. Diese Warnungen vor einer Fortsetzung des Haussetreibens waren ein unzweideutiger Appell an den Patriotismus der inländischen Aktienkäufer, sich von der Börse zurückzuzichen. Daß ihm die auf den deutschen Börsen sich betätigenden ausländischen Interessenten Gehör schenken sollten, darauf war gewiß nicht zu rechnen; erstens weil sie der deutsche Patriotismus nichts anging, zweitens weil sie in der zwischen Effektenhausie und Reparationen hergestellten Verbindung nur zu deutlich die Absicht erkannten und sich dadurch hinsichtlich ihrer Effektenengagements erst recht nicht verstimmen ließen. Ein halbes Jahr ist seither verstrichen, das von der inländischen und ausländischen Spekulation recht gut ausgenützt wurde. Die Kurse waren in dieser Periode weit über das Niveau emporgestürmt, das schon im Herbst Herrn die Marke des eleganten Herrn VII., Kaiserstraße 123 iX., Alserstraße 6!■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■■« Dr. Schacht Anlaß gegeben hatte, seine Elegien anzustimmen; ja, auch >der Herr Reichsbankpräsident hat die Zeit zu nützen versucht, indem er den Diskontsatz herabsetzte und das dem Aktienmarkt zuströmende Geld in das Bett der ersten großen deutschen inneren Anleihe hinüberzuführen trachtete. Die Ermäßigung der Bankrate auf den Satz der Bank von England (die Spannung von einem halben Prozent ist erst vor wenigen Wochen durch die Ermäßigung der englischen Bankrate geschaffen worden) trug dem Reichsba-nkpräsidenten in den Kreisen seiner Bewunderer Lobeshymnen über Lobeshymnen ein. Der Sanierer der Währung hätte sein Werk durch die Sanierung des Geldmarktes gekrönt, dem Zinswucher sei ein Ende bereitet und dem Reiche die Möglichkeit wiedergegeben worden, aus den Quellen des inneren Anleihemarktes reichlich zu schöpfen. Es ist leider anders gekommen. Die bprozentige- Reichsanleihe fand nicht jene Empfänglichkeit, die man bei den Kapitalsbssitzern vorausgesetzt hatte. Schon einen Tag nach der offiziellen Einführung in den Börseverkehr büßte sie 1 >/2 bis 2 Prozent ein — für die Zeichner, die sie zu 92 Prozent übernommen hatten, war sie ein effektives Verlustgeschäft. So opferwillig «der deutsche Anleger sein mag, so war ihm diesmal doch etwas zu viel zugemutet worden. Er hatte es nicht vergessen, wie ihm sein Patriotismus, den er beim Ankauf der Reichskriegsanlei-Hen und sonstigen Anleihen des Reiches an den Tag legte, gelohnt wurde. Die chm nach jahrelangen Kämpfen zugestandene spärlich- Aufwertung der Reichsanleihen, die überdies noch Unterscheidungen zwischen Alt- und Neubesttz machte, war für die Anschaffung neuer Reichstitres nicht gerade ermunternd gewesen. Er ließ die ihm von amtlicher Seite empfohlene neue Reichsanleihe unbeachtet und benützt? die Ermäßigung der Bankrate auf 5 Prozent, um sich lieber Aktien anzuschaffen, die ihn von der staatlichen Schuldenpolitik und ihren verschlungenen Pfaden unabhängig machen. Soll schon Geld verloren werden, so besser nach eigener Wahl und ans eigene Verantwortung, als geführt von einer Reichsbehörde, die schon einmal ihre eigenen Versprechungen als null und -nichtig behandelt hatte. Bei den Aktien immerhin ein bloß begrenztes Risiko, bei den staatlichen Anleihen eine.schlechte Erfahrung — die Wahl konnte dem Anlagekapitalisten nicht schwer fallen. Die Reichsanleihe 1927 und die Ermäßigung der Dankrate auf 5 Prozent standen in organischem Zusammenhangs. Erst als das Fiasko bLidcr ganz klar zutage getreten war, als das Abströinen von Devisen aus den Beständen der Reichsbank sowie die Steigerung der Wechseleinreichungen bis zum Betrage von 2 Milliarden Reichsmark das Anziehen der Diskontschraube notwendig machte, holte Doktor Schacht wieder das alte Lied von der Auslandsverschuldung hervor. Nur umschrieb er diese jetzt etwas deutlicher als kurzfristige Auslandsverschuldung und setzte sie auf das Konto der von deutschen Banken der Börsenspekulation allzu üppig gewährten Reportkredite. Jetzt, nachdem es ihm gelungen ist, dem deutschen Bolksvermögen einen furchtbaren Aderlaß zu applizieren und er vor rauchenden Trümmerhaufen der Berliner Börse steht, rechtfertigt er seinen auf die deutschen Banken unter Drohungen ausgeübten Druck zur Verminderung der Reportkre-dite um 25 Prozent mit den Interessen der Wirtschaft und den eigenen Interessen der Banken. Die Kassenliquität der Banken hätte nur 2 Prozent betragen, und das Geld, mit dem die Aktienkäufe finanziert wurden, sei den produktiven Zwecken entzogen worden. Nicht die Diskontevhöhung sei das geeignete Mittel gewesen, um die Geldsituation zu erleichtern, denn sie hätte eine ganz ungerechtfertigte Mehrbelastung der Wirtschaft gebracht; wollte man einen größeren Grad der Kassenliquität der Banken Herstellen und der Produktion die Kredite nicht verteuern, so bliebe nichts anderes übrig, als die Report- und Effektenvorfchüsse abzubauen. Wenn man diese Rechtfertigung der Politik Doktor Schachts hört, so müßte man glauben, daß der deutschen Wirtschaft am schwarzen Freitag des 13. Mai großes Heil widerfahren sei. Der Börsenkrach hätte sie vor einer Erhöhung des Zinsfußes um ein halbes oder gar ein ganzes Prozent bewahrt, wenn sie sich um Kredite auf dem Geldmarkt bewerben wolle, werde sie nicht mehr auf die Konkurrenz der Effektenspekulation stoßen, von >den Reportkrediten im Gesamtbeträge von 1500 Millionen Reichsmark wären durch die Kürzung um ein Mertel 375 Millionen abgcsplittert, die sich nun bereitwilligst der Industrie und dem Handel zur Verfügung stellen wurden. Der. Industrielle und der Kaufmann brauchte sich nicht mehr zu sorgen, woher er das Geld für Investitionen und Neuanschaffungen nehmen solle. Die Reportgelder sind frei, er greife nur zu! Man würde vielleicht nicht einen national'"*"".-.ii,rs?öen Seminaristen, wohl aber schon einen halbwegs ins 2,uc,-.nfach eingeführten Bankangestellten beleidigen, wenn man ihm zumuten wollte, daß sich die Zusammenhänge zwischen Reportkredit an die Börse und direktem Bankkredit an Gewerbetreibende so einfach darstellen, daß was dem Akticnintevcssenten an Kredit gewährt wird, dem Produzenten entzogen werde; daß dieser die vorhandene Geldmenge bereits als anderweitig gebunden vorfindet und leer ausgchen muß, wenn jener seinen Geldbedarf befriedigt hat. Aber das weiß auch ein Reichsbankpräsident, daß selbst dem spekulativen Aktienkäufer ein Aktienverkäufer gegeniiberstehen muß, sobald ein Mtiengeschäft abgeschlossen wird. Wer ist dieser Verkäufer? Der Industrielle, der Großaktionär, die veraktionierten Gesellschaften. In Zeiten der Börsendepression müssen sie Bankkredit in Anspruch nehmen, eventuell auch unter Lombardierung ihrer Emissionen, in Zeiten aufstrebender Börsentendenz tritt der Aktienkäufer an Stelle der Bank, der Aktienverkäufer bekommt für seine Aktien bares Geld, er kann seinen früheren, vielleicht sehr teueren Bankkredit abbürden und dm Erlös in seinen Betrieben verwehen. Die Bank hat höchstens den Debitor gewechselt, mit dem Unterschiede, daß sie erstens alteingesrorene Jndustriekredite flott gemacht hat, zweitens dem neuen Debitor, dem Reportnehmer, gegenüber sich in viel geschützterer Position befindet, weil sie die gewährten Reportkredite durch Kündigung und Verkauf der Aktien jederzeit liquid gestalten kann. Reportkredite beinhalten nicht nur keine Gefahr, daß etwa den produktiven Aufgaben der. Wirtschaft das Geld entzogen würde, sondern führen es dieser erst recht in beschleunigtem Tempo zu. Der Reportkredit hat in der Regel als Unterlage ein Vielfaches i-n der Form der Einschußbeträge des Aktienkäusers, die aus angesammelten Geldern bestehen, für die die Aktie als Anlage gesucht wurde. Das Geld des AMenkäufers ist für den Produzentm das billigste Geld, in Gefahr ist nur der Aktienkäufer selbst, soferne er einmal gezwungen wäre, seinen Besitz unter ungünstigeren Bedin-