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Wiener Morgenzeitung · 1927-05-15 · Heft 2950 (15.5.1927) · p. Seite 11

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Journal
Wiener Morgenzeitung
Volume
9 (1927)
Issue
Heft 2950 (15.5.1927)
Date
1927-05-15
Page
Seite 11 (sequence 11)
Language
German
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Nr. 2950 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitnng 15. Mai 1927 Seit« 11 Der Sohn des Moses Mautner Ein Wiener Roman Copyright 1927 dy L. Lftwit Verlag, Wies — Leipitg von Leopold Hiohler. Frau Rest ging zur Titre. „Gusti!" rief sie, >,ich bin da, die Rest! — Hör' auf mild sei ruhig. — Ich mach' dir gleich auf!" — „Aber gleich, Rest!" rief Gustav und hielt einen Augenblick in seinem Zerstörungswerk' inne. — Der alte Schreibtisch atmete auf. — „Gleich nicht, Gusti!" erwiderte Frau Rest, „du mußt nur zuerst versprechen^ daß du ruhig bist mH fortgehst." — „Das verspvech' ich dir." — „Gut. Dann mach' ich dir auf." — ^Halt!" riefen die Eltern entsetzt, „bist du mesck^igge, Rest? Den Gaslen willst du auf uns hinauslassen!?" — „Ja. Sonrst «wird keine Ruh' sein. — Nur müßt's Ihr zuerst sortgehen und Heinrich und Robert mich." — „Fallt uns nicht ein, fortzugchen!" — „Sie sollen auch dableiben!" rief Gustav ans seinem Kerker. „Ich will mit ihnen reden." — „Du halt das Maul!" rief Frau Rest und Frau Sali erklärt«: „Ich geh' nix aus meiner Wohnung — und noch dazu wegen so e schlechten Kind!"-- Ein besonnener Mensch vermag viel. Frau Rest erreichte, daß Eltern und BriMr die Wohnung verließen Und dann — aber erst nach einiger Zeit, als die Bedrohten! in sicherer Entfernung waren — öffnete sie die Türe des Zwingers. — — Gustav war ruhig geworden. AeuHerlich. — Die inner« Erregung merkte man noch an dem Spiel seiner GestchtsmUSÄeln 'und an dem bleichen, farblosen mij> um Jahve gealterten Gesichte. — „Wo sind sie hin?" fragte -er. — „Das weiß ich nicht, Gusti und das geht dich auch nichts an! — ©u gehst setzt nach Haus'!" — „Nein. Ich wart' da, bis sie kommen." — „Gusti! Du hast mir versprochm, daß du gleich fortgehst, wenn ich dir aufsperr'!"> — „Ich muH mit ihnen reden." — „Red' ein anderesmal." „Das bann ich nicht. — Ich wer' mit ihnen (uie mehr reden." — „Was heißt das, Gusti?" — Gustav trat näher zu seiner Schwester. — Er atmete schiwev. Gin Schauer lies über seinen Körper und seine Stimme zitterte, als er sprach: „Rest! Ich bin heut' das' letztemal da! — Ich komm' nie mehr her! — Nie mehr. Ich Hab' Veinje Eltern mehr Und keine .Brüder!" — „Gusti!" — ,'>Fa! Weißt du d!enn nicht,'Rest — was geschehen ist?! — Alle sind sie aus mich los und haben mich >geschlagen Und wegsühren haben sie mich wollen! — Wegführen! Bon «einem Wachmann wegführen? — —. Da fragst du noch? Glaubst..." — „Gusti!" unterbrach Frau Resi, „sie haben ja nicht gewußt, was sie tun!" — „Und weißt dir warum? — Weil ich mit einem Mädel geh', dvs ihnen nicht paßt! Das ist ein solches Verbrechen!" — „Gusti! Sei gescheit! Verse lud' dich nicht mit dien Eltern Und auch nicht mit Heinrich! — — — Du brauchst sie. —- Du bist noch ein Anfänger: du hast's noch nicht so dick! Du kanuist sie noch gut brauchen! Sei gescheit!" — „Nein, Resi! Wegen dem Geld wer' ich mich nicht treten lassen! — Nein! Ich brauch nichts von ihnen. — Nichts vom Vater, nichts vom Heinrich! — Ich zahl' dein Heinrich alles zurück, was ich chm schuldig bin!" — — „Woher, du Schnorrer?" — „Ich zahl' alles zurück! Ich wer' mirs schon verschaffen! Ich lass' mich nicht treten wegen dem Geld! Ich rrijcht! — Ich resv' Mit kciniem mehr! Ich Hab' keine Eltern mehr!" — „Gusti! Versündig' dich nicht! — — Du weißt ja nicht, was du sprichst! — Kannst du btmni ohnfi die Eltern sein? Kannst du das, Gusti?!" --— Er schwieg- — Tränen traten in seine Augen, Seine liefe, kirchliche Liebe rang mit dem verletzten Stolz'; aber er war zu tief beleidigt worden. „Nein, Resi!" -- rief er. „Nie mehr. Und wenn's mir noch so weh teiftt wird!" — 19. Kapitel. Gustav führte seinen Vorsatz durch. Er blieb für scinje Eltern wie verschollen. — Sie schrieben ihm. Er sandte ihre Briefe Nueröfsnet zürück. —- . Empört rief Herr Hermann: „Das war noch nicht da. Vor Zeihen hat um a Kind gestahnigt, was mit Ib4e Eltern so uni gegangen is! Was heißt das? Geht mit »ms trotzen? Schien unseren Brief zurüch? Nicht einmal aufgemacht hat er ihn. — E so e Staxrkops!" Be! dem letzten Worte blickte Frau Sali zu ihren: Manne und Herr Hermann konnte — wenn er wollte ~~ in ihren Angen lesen: „Von wen: hat er das?" 'Alber Herr Hermann wollte nicht lesen, vielmehr — er ließ nichts merken und rief Mit erstaunlicher — sagen wir — Freiheit: „So senn deinje Kinder!" Worauf Fra» Sali erwiderte: „Sie senn Bezugspreise der „Wiener Morgenzeitung“: Monatlich Wien und Oesterreich . ..S 5 — Tschechoslowakische Republik.CK 22'.— [ugoslawlen. Dinar 60 — Polen. Zloty 6;— Deutschland. Goldmark 4 — Frankreich. Belgien. Frcs 35;— stallen .. Lire 20 — Rumänien. Lei 170— Bulgarien ................. Lewa 100— Amerika.Dollar 1— Schweiz und das übrige Ausland.Frcs 5— Oesterr. Postsparkassenkonto 150.693. (33. Fortsetzung.) ja deine aach!" — Der alte Herr lächelte, aber bald wurde er wieder ernst und sagte: „Ich möcht' nur wissen, wia er Heinrich zahlen wird? Mit ihm is er doch auch broiges — und mit Robert auch! — Mit alle geht er sich ffchla-, gen! — Mer wie wird er Heinrich zahlen?" — „Hermann!" sagte Frau Sali, ,Ha fragst du mich zu viel! Heinrich hat mir nur gesagt, daß ihm Gusti geschrieben hat: Er wird ihm zahlen." „Mas heißt zahlen? Wie kann er zahlen? Wo hat Hund Haus? Wo kann er fünfzehnhundert Gulden ans seinem Geschäft ncmnuett?!" — 1 ki)as konnte «er auch nicht und durfte es nicht. — ein Entschluß war übereilt gewesen. — 'So ist die Jugend. Das Gefühl überwiegt noch den Verstand und strebt nach freier Unabhängigkeit. Der Kaufnmnn ist aber nicht siei. Sein Rückgrat ist und bleibt das Kapital, das unverminderte Kapital. — Halt' den Kopf nach obech wenn dein Rückgrat verletzt ist!- ' Gustav senkte sein Haupt, verließ dm Pfad des Gefühls Und blickte ans die Wege, welche ihm das Lebm wies: Entweder klein beigeben und Heinrich bitten, daß er ihm dm Kredit verlängere, oder — neue .Schulden machen, um damit die alten zn bezahlen! — BljiiiitiiiiiiiitumimiumimHitdmminmmnimimiunmujiiiHnrnHummmiiiniiumniiiminnmuniFniimm| isr naiowait Pßrnring23 tl.7284 bringt Infelge der vorgeschrittenen Frflbjahrssalson an drei Verkanfstagen and awar vom 19. bis 18. d. M., Sie. die bisher verkauften i)ber$amis-M<ke in den herrlichsten Farben, neuesten Deseins, modernsten Schnitten, darchweg« auf Seide gearbeitet, In den meisten Größen statt am S ISO - <» S 129* Vom 18. d. M. bis 4. n. M. gelangen Covercoat* M&ntel in den herrlichsten Farben, allen GrGtJon, modernsten Schnitten, dnrehwega anf Seide gearbeitet, ■am Preise von S B85*““ sam Verkauf l Der erste Weg schien ihm Unterwersimg. Er wählte dm zweiten; ging zu Herrn Panigl, seinem Fleischlieserantm, und verlangte ein Darlehen. — Dieser Weg ist bst guenr und von Kaufleuten viel begangjen und dennoch — eine dunkle Straße, worin der Käufer seine Freiheit verliert und ein Höriger wird; denn rasch — schneller als der Tag zur Nacht — wandelt sich nun die frühere Demut des Lieferanten in stolze, sichere Macht. — Der Schuldner mich kaufen. Das stolze Schifflein seiner Unabhängigkeit — es ist ein Wrack geivorden, zerschellt an dem Rifs des erborgten Geldes.- „Z'was brauchen S' denn deh fufzehnhimdert Guldm?" fragte Herr Panigl, der junge Herr Panigl, denn der alte — der Gustav die Werfftätte eingerichtet hatte — der war ins Privatleben gezogen und hatte Haus unjd Geschäft seinmk Sohne übergeben. — „Z'was brauchen S' denn deh sufzehnhundert Gulden?" fragte der junge Panigl. — Gustav überlegte: Sollte er ihm die Wahrheit gestehen? Das Zerwürfnis mit seinem reichen Pater und dem reichen Bruder? Es war zu fürchten, daß dann Herr Panigl dm Kredit verweigere. — Darum gebrauchte er eine kleine List. „A G'schäft möcht' 1h um das Geld kaufen, Herr Panigl! A Filiale ln'der Stadt!" — IM! So?" — „Ja, ih brauchert'dann ah' viel mehr Fleisch," Herr Panigl stand unbeweglich Und wehrte dem Widerhall I seines Herzens: „Mehr Fleisch! Mehr Fleisch!" Sirenen-, gesang dem Fleischhauer, trotz dem immerwährenden 'Verluste. Mer Herr Panigl sprach mit bekümmerter Miene: „Gengern S'! Mahr Fleisch! Ih verlier' bei dem, was jetzt nehmen, 'S Göld!" — Herr Panigl junior hatte nämlich von feinem Vater nebst Haus, Geschäft, Schimmeln und Rmnstall auch dm ewigen Resiasir des „Draufzahl"- Eouplets übernommen.-Nach dieser Verwahrung setzte dann Hkrr Panigl in anderem Tone fort: „Aber- Jhner zliehrb — wann Se wollen — tichr ihs! Können: Sie 's Geld Ham!" Mit dm erborgten fünfzehnhundert Gulden bezahlte Gustav seinm Bruder Heinrich! — freudig 'und stolz uusi Herr Panigl war gleichfalls ersient; vielmchr, er erivartete freudig die angeküi ftigten größerm Bestellungen. — Er wartete aber vergeblich. — Gustav tröstete ihn: „Auf einmal geht's nicht, Herr Panigl! So a iteuchs G'schäft muh sich erscht machen!" — Das nchie Geschäft, das er gar nicht gebanst Hatte! — In früherer Zeit hätte Gustav solche Mittel verabscheut; aber der Mensch — in Geldverlegenheit — ttrirft ein anderer. Die Hemmungen werden schwächer. Die Tore des Gewissens schließen loser; durch Spalten unid Ritzen dringm Leichtsinn Und BM-nkenlosigkeit wie Sickerwasser ein und ertränkm das arme Gewissen in einem Wust von Sophismen.-! Aber es war, als wolle das Schicksal die Unwahrheit rächjei^. Gustavs gute Tage warm dahin, 'seit er Herrn Panigl hörig gewordm. — Es zerschmolz 'ihm Geld und Ware. Immer tiefer sank er in die Schuld des Herrn Panigl und — was noch bedenklicher 'war — ohne darum zu sorgm. — Er rechnete nicht 'mehr.-Der gleitende Mensch wird schwach. Eisige Resignation dringt einschläfernd in seine Meder 'm.s> wie der Erfrierende uberläßt er sich wohlig dem matten Erlöschen, statt mit aller Kraft dm Tod zu bekämpfm! ' IHt i-fc Af (Fortsetzung im Monte Matt.) CXXXXXXXX>0OOOQO0OOQO0ÖOOCO0OO0O0O00O000QO000O000XXX)O00O0O0O00O00000O000O0OO0O0 w ♦ Sie Siet ( ms und ihr Lebensgefährte. Ein Skandalprozeß der Baronin Hmnmerstein. Die in Wien wegen ihrer Skandalaffären hinlänglich bekannte ehemalige Schauspielerin Annie Dierkens (Baronin Hammersteln) stand gestern wieder im Mittelpunkt eines Prozesses, der das sonderbare Liebesleben der alternden Frau aufrollte, die sich in ihrer gekränkten Eitelkeit zu w ü st e n antisemitischen Ausfällen gegen ihren früheren Geliebten, der sich wegen der Charaktereigenschaften der Frau von ihr abgewendet hatte, hinreißen ließ. Vor dem Bezirksrichter Dr. Jellinek fand eine Verhandlung gegen den ehemaligen Major Alfred R ö -d l wegen vorsätzlicher leichter Körperverletzung statt, weil er am 2. November der Frau Dierkens durch Schläge gegen die Brust, gegen den Arm und durch einen Fußtritt leichte Verletzungen zugefügt haben soll. Der Beschuldigte erzählte, daß er Frau Dierkens im Jahre 1915 i m F e l d e kennen gelernt und während seines Urlaubes über ihren Wunsch vorübergehend bei ihr gewohnt habe. Nach dom Umsturz habe er eine gemeinsame Wohnung in lder Singerstvaße genommen. Bald sei es zu heftigen Streitigkeiten zwischen beiden gekommen, die ihre Ursache darin hatten, daß Frau Dierkens ihre Dienstboten wiederholt geschlagen und er sich der Mißhandelten angenommen habe. Auch ihn selbst habe sie öfter tätlich angegriffen, wenn er ihr nicht die gewünschten Geldbeträge zur Verfügung stellte. Am Tage des Vorfalles sei Frau Dierkens, mit der er wegen der herrschenden Wohnungsnot immer noch unter einem Dache wohnen mußte, aus ihrem separierten Schlafzimmer zu ihm ihn (Rödl) mit einer Hacke erschlagen. Der Wachmann überzeugte sich, daß er wohlauf sei und ging wieder weg. Eine halbe Stunde später kam dann Frau Dierkens und faßte ihn mit den Worten „ich muß dich erwürgen" am Hals. Er habe sie abgewehrt und dabei sei Frau Dierkens zu Fall gekommen und wie tot liegen geblieben. Er selbst habe einen Wachmann geholt, doch sei Frau Dierkens bei seiner Rückkehr bereits im Bette gelegen. Er habe Frau . Dierkens nicht verletzt, sondern führe die Verwundungen, darauf zurück, daß die Dame am selben Tage eine Attacke mit einer Frau aus dem Opernring hatte, weil sie diese mit einer Hundspeitsche in sein Zimmer gekommen, doch habe er ihr den Eintritt verwehrt Darauf begann Frau Dierkens förnilich zu toben, bombardierte die Türe mit verschiedenen Gegenständen und entfernte sich dann. Gegen 2 Uhr früh kam ein Wachmann zu ihm in die A^Ynung und erklärte, daß Frau Dierkens, offenbar in betrunkenem Zustande, auf der Wachstube erschienen sei und erklärt habe, sie habe überfallen habe. Es sei auch möglich, daß Frau Dierkens sich die Verletzungen selbst zu gefügt habe, um gegen ihn Vorgehen zu können. Der Vertreter 'der persönlich erschienenen Frau Dierkens, Ernst Klimosch (der, wie bekannt, wegen seiner antisemitischen Ausfälle im Gerichtsfaal von der Anwaltskammer in Disziplinaruntersuchnng gezogen wurde), wiederholte seine antisemitischen Exzesse auch bei dieser Verhandlung. Rödl ist nämlich jüdischer Abstammung und hat früher Redlich geheißen, was für den Hakenkreuzanwalt den Anlaß zu Pöbeleien bot. Rödl bediente sich ebenfalls eines antisemitischen Anwaltes, nämlich des Dr. Hugo Z ö r n l a i b, der aus seinem antisemitischen Herzen auch keine Mördergrube machen wollte, aber loyal genug war, zu erklären, daß Wählerversammlungstöne im Gerichtssaal nicht angängig seien. Klimosch bemerkte, daß Frau Dierkens Herrn Rödl schon zu alt se:, weshalb er sich eine jüngere Geliebte genommen habe, überdies schulde er der Frau Dierkens noch 235 Millionen. Rödl erklärte, daß er stets sein Einkommen hatte und seit eineinhalb Jahren Bankbeamter sei und ganz im Gegenteil der Frau Mertens wiederholt Geldbeträge gegeben habe. Dr. Zörnlaib legte eine Erklärung der Frau Dierkens vor, in der sie ihre ganz unbegründete Forderung aus 285 Millionen zurückgezogen hatte. Klimosch erklärte, daß seine Klientin Herrn 8M' sehr gerne hatte, woraus Frau Dierkens bemerkte: „Es i leider so." lieber Befragen >des Doktor Zörnlaib sagte Ridl, daß ihn Frau Dierkens wiederholt mit Messer, Bügeleisen imd anderen Gegenständen bedroht habt, Dagegen sagte wieder Frau Dierkens, daß sie 2646

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