Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2950 (15.5.1927)
- Date
- 1927-05-15
- Page
- Seite 10 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2979076-2981905-2982038--30051-3018236- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
I V’, ■; 1 ’ ,, ■■»..,'%»'»«»;'t vh Seite 10 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung if>. Mai 1927 Nr. 2950 Judenquartiere in aller Welt Paris — Von Joseph Roth (Aus dem im Verlag »Die Schmiede“, Berlin, erschienenen Buch „Juden auf Wanderschaft".) Die Ostjuden haben nicht leicht den Weg nach Paris gefunden. Sie kamen viel leichter nach Brüssel und Wnsterbam. Der direkte Weg des jüdischen Juwelenhandels führt nach Amsterdam. Einige arm gewordene und einige reich werdende jüdische ^.uvelenhändler bleiben aus Zwang im französischen Sprachgebiet. Der kleine Ostjude hat eine übertriebene Furcht vor einer ganz fremden Sprache. Deutsch ist beinahe seine Muttersprache. Er wandert viel lieber nach Deutschland als nach Frankreich. Der Ostjude lernt leicht fremde Sprachen verstehen, aber feine Aussprache wird niemals rein. Er wird immer erkannt. Es ist sein gesunder Instinkt, der ihn vor den romanischen Ländern warnt. Auch gesunde Instinkte irren. Die Ostjuden leben in Paris fast wie Gott in Frankreich. Niemand hindert sie, hier Geschäfte und sogar Ghettos aufzumachen. Es gibt einige jüdische Viertel in Paris, in der Näh« des Montmartre und in der Nähe der Bastille. Es sind die ältesten Pariser Stadtteile. Es sind die ältesten Pariser Häuser mit der billigsten Miete. Juden gebar nicht gerne Geld für „unnützen" Komfort aus, so lange sie nicht sehr reich sind. Sie haben es schon aus äußeren Gründen in Paris leicht. Ihre Physiognomie verrät sie nicht. Ihre Lebhaftigkeit fallt nicht auf. Ihr Witz begegnet dem französischen auf halbem Weg. Paris ist eine wirlliche Weltstadt. Wien ist einmal eine gewesen. Berlin wird erst einmal eine sein. Die lvirlliche Weltstadt ist objektiv. Sie hat Vorurteile wie die anderen, aber keine Zeit, sie anzuwatden. Im Wiener Prater gcht es beinahe keine antisemitische AeuHerung, obwohl nicht alle Besucher Fudenftennde sind und obwohl neben ihnen, zwischen ihnen die östlichsten der Ostjuden wandeln. Weshalb? Weil man sich im Prater freut. In der Taborstraße, die zum Prater führt, fangt der Antisemit an, antisemitisch zu sein. In der TÄborstraße freut man sich nicht mehr. In Berlin freut man sich nicht. Aber in Paris herrscht die Freude. In Paris beschränkt sich der grobe Antisemitismus auf die freudlosen Franzosen. Das sind die Royalisten, die Gruppe um die Aktion francaise. Es wundert mich nicht, daß sie in Frankreich ohnmächtig ftnö und immer bleiben werden. Sie sind zu wenig französisch. Sie sind zu pathetisch und zu wenig ironisch. Paris ist sachlich, obwohl Sachlichkeit eine deutsch,- Tugend sein mag. Paris ist demokratisch. Der Deutsche ist menschlich. Aber in Paris hat die praktische Humanität eine große starke Tradition. In Paris erst fangen die Ostjuden an, Westeuropäer zu werden. Sie werden Franzose». Sie werden sogar Patrioten. * Der Bittere Lebenskampf der Ostjuden, der gegen „die Papiere", wird in Paris gemildert. Die Polizei Soeben eingetroffen! DER EUROPÄISCHE ROMAN Eine Sammlung bester, moderner Autoren HANS REIMANN / Tyll EULENBERG / Sonderbare Geschichten FRANZ WERFEL / Nicht der Mörder, der Ermordete ist schuldig*. MAX BROD / Romane und Novellen Jüdinnen / Leben mit einer Göttin Die Einsamen / Schloß Norne- . Pygge OSKAR BAUM / Die Tür ins Unmögliche HAMSUN / Unter Herbststemen / Gedämpftes Saitenspiel PUTTKAMMER / Die Schwestern Pro Band geheftet nur S 1'50 BÜCHERSCHWEMME R. LÖWIT, WIEN I ROTENTURMSTRASSE 22 I ist von einer humanen Nachlässigkeit. Sie ist zugänglicher der Individualität und dem Persönlichen. Die deutsche Polizei hat Kategorien. Die Pariser Polizei läßt sich leicht überreden. In Paris kann man sich anmelden, ohne viermal zurückgeschickt zu werden. Die Pariser Ostjuden dürfen leben, tote sie wollen. Sie können ihre Kinder in rein jüdische Schulen schicken oder in französische. Die in Parks geborener: Kinder der Ostjuden können französische Staatsbürger iverden. Frankreich braucht Menschen. Ja, es ist geradezu feine Aufgabe, schwach bevölkert zu sein und immer wieder Menschen zu brauchen. Fremde ftanzösisch zu machen. Es ist seine Stärke und seine Schlväche. Freilich lebt ein französischer Antisemitismus auch in den Nichtroyalisten. Mer kein hundertgrädiger. Die an einen viel stärkeren, rüderen, brutaleren Antisemitismus gewohnten Ostjuden geben sich mit dem französischen zufrieden. Sie dürfen sich zufrieden geben. Sie haben religiöse, kulturelle, nationale Freiheiten. Sie' dürfen jiddisch reden, so viel mit) so laut sie wollen. Sie dürfen sogar schlecht französisch sprechen, ohne daß man sic verdächtigt. Die Folge dieses Entgegenkommens ist, daß sie französisch lernen, daß ihre Kirtder kein Jiddisch mehr sprechen. Sie 'verstehen es gerade noch Es hat mich belustigt, in den Straßen 'des Pariser Judenviertels die Eltern jiddisch, die Kinder 'ftanzösisch sprechen zu hören. Auf jiddische Fragen erfolgten französische Antworten. Diese Kinder sind begabt. Sie werden es in Frankreich zu etwas bringen, wenn Gott will. Und Gott will es, wie mir scheint. Die Berliner jüdischen Schenken in der Hirtenstraße sind traurig, kühl und füll. Die Pariser jüdischen Gasthäuser sind lustig, warm und laut. Sie machen alle gute Geschäfte. Ich habe manchmal bei Herrn Weingrod gegessen. Er führt ausgezeichnete Bratgänse. Er braut einen guten. starken Schnaps. Er amüsiert die Gäste. Er sagt zu seiner Frau: „gib mir das Soll und Haben, s'il vous plait." U:rd die Frau sagt: „Nehmen "Sie sich vom Büfett, si vous voulez!" Sie sprechen ein wirklich heiteres Kauderwelsch. Ich habe Herrn Weingrod gefragt: „Wie sind Sie nach Paris gekommen?" Da sagte Herr Weingrod: „Excuscz, monsieur, pourquoi nicht nach Paris? Aus Rußland schmeißt man mich hinaus, in Polen sperrt man mich ein, nach Deutschland gibt man mir kein Visum. Pourquoi soll ich nicht kommen nach Paris?" Herr Weingrod ist ein tapferer Mann, er hat ein Bein verloren, er hat eine Prothese und ist immer guter Laune. Er hat sich in Frankreich freiwillig zum Kriegsdienst gemeldet. Viele Ostjuden haben freiwillig und aus Dankbarkeit im französischen Heer gedient. Aber das Bein hat Weingrod nicht im Kriege verloren. Er kam gesund zurück, mit heilen Knochen. Da sieht man, wie das Schicksal lauert, wenn es will. Weingrod verläßt den Laden, will * über die Straßenmitte. Niemals, einmal in der Woche vielleicht, fährt ein Auto durch diese Gasse. Gerade jetzt kommt es, da Weingrod hinüber will. Fährt ihn nieder. So verlor er ein Bein. * Ich habe ein jiddisches Theater in Paris besucht. In der Garderobe wurden Kinderwagen abgegeben. Regenschirme nahm man in den Saal. Im Parkett saßen Mütter mit Säuglingen. Die Stuhlreihen waren lose, man konnte die Sessel herausnehmen. An den Seitenwänden lustwandelten Zuschauer. Der eine verließ seinen Platz, der andere setzte sich. Man aß Orangen. Es spritzte und roch. Man sprach laut, sang mit, klatschte den Darstellern auf offener Szene. Die jungen jüdischer: Frauen sprachen nur französisch. Sie waren pariserisch elegant. Sie waren schön. Sie sahen aus wie Frauen aus Marseitle. Sie sind pariserisch begabt. Sie sind kokett und kühl. Sie sind leicht urü> sachlich. Sie sind treu wie die Pariserinnen. Die Assimilation eines Volkes beginnt immer bei den Frauen. Man gab einen Schwank in drei Akten. Jrn erste:: Akt will die jüdische Familie eines kleinen russischer: Dorfes ausroandern. Im zweiten kriegt sie die Pässe. In: dritten ist die Familie in Amerika, reich geworden und protzig und im Begriff, ihre alte Heimat zu vergesser: und die alten Freunde aus der Heimat, die nach Amerika kommen. Dieses Stück gibt reichlich Gelegenheit, amerikanische Schlager zu singen und alte russisch-jiddische Lieder. Als die russischen Lieder und Tänze kamen, weinten die Darsteller und die Zuschauer. Hätten nur jene gelveint, es wäre kitschig gewesen. Mer als diese weinten, wurde es schmerzlich. Juden sind leicht gerührt — das wußte ich. Aber ich wußte nicht, daß ein Heimweh sie rühren könnte. Es war eine so innige, beinahe private Beziehung von der Bühne zum Zuschauer. Für dieses Volk Schauspieler sein, ist schön. Der Regisseur trat vor und kündigte die nächsten Programmwechsel an. Nicht durch die Zeitung, nicht durch Plakate. Mündlich. Von Mensch zu Mensch. Er sprach: „Ihr werdet Mittwoch den Herrn & aus Amerika sehen." Er sprach wie ein Führer zu seinen Getreuen. Er sprach unmittelbar und ivitzig. Seinen Witz verstand man. Ahnte beinahe voraus. Envitterte die Pointe. * Ich sprach in Frankreich mit einem jüdischen Artisten aus Radziwillow, dem alten russisch-österreichischen Grenzort. Er war ein musikalischer Clown und verdiente viel. Er war ein Clown aus Neberzeugung und nicht von Geburt. Er entstammte einer. Musikantenfamilie Sein Urgroßvater, sein Großvater, sein Vater, seine Brüder waren jüdische Hochzeüsmusikanten. Er, der einzige, konnte seine Heimat verlassen und im Westen Musik studieren. Ein reicher Jude unterstützte ihn. Er kam in eine Musikhochschule in Wien. Er komponierte. Erl gab Konzerte. Wer, sagte er, was soll ein Jude der Welt ernste Musik machen? Ich bin immer ein Clown in dieser Welt, auch ivenn man ernste Referate über mich bringt und Herren von bat Zeitungen mit Brillen in den ersten Reihen sitzen. Sott ich Beethoven spielen? Soll ich Kvl-Nidre spielen? Eines 'Slbends, als ich auf der Bühne stand, begann ich mich vor Lachen zu schütteln. Was machte ich der Welt vor, ich, ein Musikant aus Radziwillow? Sott ich nach Radziwillow zurückkehren und bei jüdischen Hochzeiten aufspiclen? Werde ufj* dort nicht noch lächerlicher seinl? An jenem Abend sah ich ein, daß mir nichts anderes übrig blieb, als in den Zirkus zu gehen, nicht, um ein Herrarreiter zu sein oder ein Seiltänzer! Das ist nichts für Inden. Ich bin ein Clown. Und seit meinem ersten Auftreten im Zirkus ist es mir ganz klar, daß ich die Tradition meiner Väter gar nicht verleugnet habe, und daß ich bin, ivas sie hätten sein sollcw Zwar würden sie erschrecken, wenn sie mich sehen würden. Ich spiele Zieh- und Mlmdharmonika und Saxophon, und es> freut mich, daß die Leute gar nicht wissen, daß ich Beethoven spielen kann. Ich bin ein Jude aus Radziwillow. Ich habe Frankreich gern. Für alle Artisten ist die Welt vielleicht überall gleich. Mer für mich nicht. Ich gehe in jeder großen Stadt Juden aus Radziwillow suchen. In jeder großen Stadt treff ich zwei oder dvsi. Wir Mbett miteinander. In Paris leben auch einige. Sind sie nicht aus Radziwillow, so sind sie aus Dubno. Und sind sie nicht aus Dubno, so sind sie aus Kischinew. Und in Paris geht es ihnen gut. Es geht ihnen gut. Es können doch nicht alle Juden beim Zirkus sein? Wenn sie nicht beim Zirkus sind, miissen sie mit allen fremden und gleichgültig: Menschen gut sein und mit niemandem dürfen sie es sich verderben. Ich brauche nur in der Artistenliga eingeschrieben zu sein. Das ist ein großer Vorteil. In Paris leba: die Juden frei. Ich bin ein Patriot, ich Hab ein jüdisches Herz. — 3fr In dem großen Hafen Marseille kommen jährlich vir: paar Juden aus dem Osten an. Sie wollen ein Schiff besteigen. Oder sie kommen gerade von Bord. Sie haben irgendwohin fahren wollen. Das Geld ist ihnen ausgegangen. Sie mußten an Land gehen. Sie schleppen alle- Gepäck zum Postamt, geben ein Telegramm auf und warten auf Antwort. Aber Telegramme werden nicht schnell beantwortet und solche überhaupt nicht, in baten um Geld gebeten loird. Ganze Familien nächtigen unter freiem Himmel. J Manche, einzelne bleiben in Marseille. Sic; V "den Dolmetscher. Dolmetscher sein ist ein jüdischer Beruf. Es handelt sich nicht darunt, zu übersetzen, ins Französische aus dem Englischen, ins Französische aus dem Russischen, ins Französische aus dem Deutschen. Es handelt sich darum, den Fremden zu übersetzen, auch wenn er nichts gesprochen hat. Er braucht den Mund nicht aufzumachcn. Christliche Dolmetscher übersetzar vielleicht. Jüdische erraten. Sie verdienen Geld. Sie führen die Fremden in gute Wirtsfluben, aber auch Ms die Dörfer. Die Dolmetscher beteiligen sich am Geschäft. Sie verdienen Geld. Sie gehet: zttm Hafen, besteigen ein Schiff und fahren nach Südamerika. Nach den Bereinigten Staaten kommen die Ostjuden schwer. Die erlaubte Zahl ist längst unb oft überschritten. Der Born Judas Legenden, Märchen und Erzählungen Gesammelt von M. bin Gorion Sech» Bände, geb., 8 57‘00, einzeln ix 8 O'UO, In Halbperri. 8 08-40, einzeln & S 16-80 Werk bietet zum erstenmal den gesamten volkstümlichen Märchen- und Geschichtenschah der Juden und ist durch seine Anlage und Gestaltung gleichsam eine jüdische Tausendundeine Nacht. Gründlichste Kenntnis der Materie und ein sicherer Geschmack haben sich hier vereinigt, um aus dem selbst für Kenner schier unübersehbaren jüdischen Schrifttum verschüttetes Gut zu heben und es in einer künstlerischen Einheit darzustellen. Zu beziehen durch: Buchha»:dlung R. LSwit, Wien I.. Ul o t t k t u x m ft t a f).t 2 2