Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2950 (15.5.1927)
- Date
- 1927-05-15
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2950 Wien, Sonntag Wiener Morgenzeitung 15. Mai 1927 ga rische Königs frage ist von der Tagesordnung der Joachimsthaler Konferenz ab ge setzt worden, da die Außenminister der kleinen Entente sich. den Standpunkt des ungarischen Ministerpräsidenten Grafen Bethlen zu eigen gemacht haben, wonach die Lösung der Königsfrage derzeit in Ungarn nicht aktuell sei, Ungarn bekommt den Hasen von Finme. Budapest, 14. Mai. Die Blätter melden aus Fiume: Der Delegierte der ungarischen Regierung Baron Josef Szterenyi pflog gestern mit den ^Vertretern der StM Fiume Verhandlungen über die schwebendm 'F i n a n z f r gen. Die Verhandlungen haben zu einem Uebereinkommen geführt, das heute vormittags unterfertigt wird. Die Vereinbarungen erstrecken sich nicht nur auf Finanzfragen, sondern auch auf die Benützung des Hafens von Fi unke durch dm ungarischen Staat. Sie relevhoaaammern der Redattioa lauten jetzt ab 6 Uh r a be nd s 38-5-80 Serie, ab M Uhr abends 38-5-83. tern Angeklagte, die anders denken, ebenso vo-rgehen, und das würde die ungeheuerlichsten Konsoquenzen haben! Ich habe mich darüber gefreut, daß der Breslauer Juristenbund, der meines Wissens ganz neutral ist, gleich sein tiefes Bedauern über den vom Kollegen Kuttner erwähnten Artikel ausgesprochen hat. Sie neuen RationalrSte bekomme» ihre Wahlscheine. Die Hauptwahlbehörde hielt gestern unter dem Vorsitze des Bundeskanzlers Dr. Ignaz Setpel emc Sitzung ab, in welcher die gegen die Wahl in dm Nationalrat eingebrachten Einsprüche zurückgcwiesen wurden, da durch die in den Einsprüchen gerügten Mängel eine Aenderung des Wahlergebnisses, d. h. der Verteilung der Mandate nicht herbeigeführt wird. Hierauf wurde beschlossen, der: gewühlten Abgeordneten die Wahlscheine auszustellen. Die Sitzung des zionistischen AttisnÄMltees Ser Ranbllbersall bei Jerusalem. Sie Arbeit Ser Kommissionen. Rom, 14. Mai. In vatikanischen Kreisen wird festgestellt, daß das von Paris gemeldete Attentat bei Jerusalem nicht den Patriarchen von Jerusalem betraf, sondern den protestantischen Bischof von Jerusalem, der in der Nähe von Jerusalem von Räubern überfallen wurde. Sine chinesische Srtschaft Lbersalle« und niedergemetzeit. Berlin, 14. Mai. Dem „Lokalanzeigcr" wird ckus Schanghai gemeldet: Die Ortschaft H e n g s ch a n wurde von 3000 Banditm überfallctu. Der ^größte 'Teil der Bcvölkermrg wurde nieder ge metzelet mch fast die gajnza StM tu Bvand gesteckt. Die Angriffe ans die Wischen Richter in Leutschland. Die bereits kurz skizzierte Rede des preußischen Innenministers Dr, Schmidt im preußischen Landtag, mit der er den völkischen Angriffen auf jüdische Richter entgegentrat, hatte folgenden Wortlaut: Kollege Kuttner hat die Angriffe völkischer Blätter gegen die Eignung jüdischer Volksgenossen zum Richteramt erwähnt. Zu diesem Punkte möchte ich folgendes erllären: Ich halte es nicht nur für bedauerlich, sondern im Interesse der ganzen Justiz für höchst gefährlichwenn derartige Anschauungen, wie sie in diesen völkischen Blättern vertreten sind, etfva weitere Verbreitung fänden, (Bravo! links.) Die Reichsversassung bestimmt bekanntlich an zivei Stellen ausdrücklich, daß die Zulassung der Volksgenossen zu öffentlichen Aemtern unterschiedslos und unabhängig vom religiösen Bekenntnis erfolgen muß. An diese Bestimmungen werde ich mich selbstverständlich bei meiner Personalpolitik jederzeit ehrlich halten. (Bravo! links.) Ich möchte die völlig unbegründeten Angriffe allgemeiner Art gegen die jüdischen Richter meines Ressorts hier unbedingt zurückweisen. (Bravo! links.) Ich würde meine Pflicht vernachlässigen, wenn ich das nicht täte. Ich glaube aber auch, ich würde sonst die ganze Situation schr komplizieren und gefährden; dem: mit denk selbem Recht, mit dem die Ablehnung jüdischer Richter von völkischen Angeklagten begründet zu lverden versucht wird, mit demselben Recht könnten auch gegenüber evangelischen oder katholischen oder freidenkerischen Rich- London, 12. Mai. (I. D. A.) Gestern! hielten sänrtliche Kommissionen eine gemeinsame Beratung ab, bei welcher Dr. Weizmann das zukünftige Arbeitsprogramn« der Zionistischen Organisation eingehend auseinanldersetzte. In der Plcuarversannnlung unterbreitete Herr'Ruseifen im Namen der Fmanzkommisswn eine Reihe Vorschläge betreffend Maßnahmen zur Verbesserung der Finanzlage verschiedener halboffizieller zionistischer Institutionen in Palästina, lvie z. B. Palestine Land Development Company, Solel Boneh!usw. Die Vorschläge wurden der Exekutive zur Begutachtung übcriviesen. Namens der Kongreß- und Organisationsmipsfion beantragte Oberrabbmer Dr. CHajes. ' den 15. Ziomstonkongrch, voraüsgescht, daß gewisse Bedingungen technischer Natur erfüllt werden, in Basel abzrchalten. Der Eröffnungstag soll der 30. August sein. Färbst ein, Jean Fischer und Leon Le Vite beantragten, dein Kmrgreß auf ein Jahr zu ver Hieben wobei Herr Levite zür Begruiümng mrsichNe, das Bestehen der Krise in Palästina würde den Kongreß der notwendigen gefunden Atmosphäre beraub-n. In zweiter Reihe känre in Betracht, haß die Ergebnisse der Untersuchung der unparteiischen Ex^erten-Kommission, die sich demnächst nach Palästina begibt, abzuwarten 'seien. Es müßten demgemäß die Vollmachten der Exekutive auf noch ein Jahr ausgedehnt!verden. Nahnm So ko low und Felix Rose N b l ü t h spräche:! im Namen der Exekutive gegen eure Verschiebung. Der Präsident des A. C., Leo Motzkin, wies aus Artikel 6 der Kongreßversassung hin, wonach eine Kongreßverschiebrmg unstatthalft sei, und daß sogar das Aktions-Komitee zu einen: solchen Beschluß, der einen V e rsaisf'uugsbruch bedeuten lvürde, nicht berechtigt sei. Er könne dm Berschiebuugsantrag deshalb nicht zür Abstimmung zulassen. Es wurde sodann der Antrag C h a j e s, mit dem Kongreß am 30. August in Basel zu beginnen, a n g e- | Kilchen, Vorzimmer Kinder-«. Mädchenzimmer Spezialist MÖBELHAUS WEISS VII., Neuhaugasse nommen nnd ferner beschlosien, die ExelrMve zu ermächtigen, den Kongretz, falls sich in Basel technische Schwierigkeiten ergeben, nach einem anderen geeigneten Ort ernzube rufen. Die Organisationskornmission beschäftigte sich a!uch mit Reformen des Kongreß Wahlsystems, wobei cs sich Hl a. auch um die Einführung eines' einheitlichen „Schekel" handelte!.. Rach einer eingehenden Diskussion! 'wurde besckMssen, den Antrag einer dreigliedrigen Konmrission zu überweisen. Zu Mitgliedern dieser Kommission''wurden Doktor Haut te, B. L'oicklei: Urrd ein Exekutümritgliedl ernannt. 1 1 y Die Organisationskonnnissiott schlug vor, das'Mions- Komitee möge der Exekutive empfehlen, "die Wählerzahl von 40O0 a!us 3V00 herabzusetzcw Aus der Mitte des Plenums wurde ttorgeschlagen, die Wählerzahl auf 2000 festzusetzm. Dieser Antrag wurde in Form einer Empsehlimg an die Exekutive angerrommen. Ile Wettenkommlsslon. Newydrk, 13. Mai. In einer Mitteilung an die Jüdische Telegraphen-Agentirr gab Loms Marshall die Zusamnrensetzung der KoMlnission bekannt, die sich gemäß dem Abkommen zwischen ihm urrd Dr. WeizMMN, betreffend die Jewish Agency nach Palästina begeben! wird. Der engerm Kommission werden Sir Alfred Mond, Felix M'. Marburg und Dr. Lee K. Frankel, der Vizepräsident d«q Metropolitan Life Insurance Company, angehören. ' -> i Dieser Kommission wird ein Stab dorr Sachverständigm beigegeben sein, der sich Ms den folgenden Persönlichkeiten zusammensetzen wird: Professor Elwood Me ad, die bekarrnte Autorität ans dem Gebiete der landwirtschaftlichen Kolonisation, jetzt Leiter der UrbarmachUngskommission im Staatssekretariat des Innern der Vereinigten Staaten.: Prosestfor Frank Adams, der Inhaber des Lehrstuhls für Geologie an der Mc. Gill-Universität in Montreal; Knowkes'. Ryerson; A. D. Strahorn; C. C. HenriqNes, der Sachverständige für BewässerUngswesen bei der Palästinensischen Zionistischen Exekutive; Viktor M o ß s e r i; Professor Milton I. Rosenau, der Inhaber des Lehrstuhls für Prophilaxe und Hygiene an der Hapvairhs-Universitäl^ Dr. Charles F. Wilinsky; Dr. Ernest Kahn; Doktor Maurice B. Hext er. p ShrMlm Morgensterns ltzrlfcher «Matz. Der Frühling — nicht nur der in der Natur, auch die frühlingshafte junge Menschheit — kommt jetzt vortrefflich ohne lyrische Gedichte aus. Man kann schon ohne wichtige Organe ganz gut weiter leben. Sogar ohne Magen. Daß die Lyrik so ziemlich abgeschafft wurde, ist ein minder erfreuliches Zeichen -der Zeit. Die herrliche Aera des Dechnismus und des Körpersports ist für lyrische Ergüsse unempfindlich geworden. Die 24 Stunden des Tages sind aus Punktroller, Schwimmtraining und Schreibmaschine, auf Geldverdienen und Körperkultur aufgeteilt. Für Stimmungen" bleibt keine Minute übrig. Und die Dichter haben sich schmiegsam und scharfsinnig der jeweilig marktgängigen Form poetischer Schöpfung angepatzt. Von der J""ondsünde ,Lyrik" befreit sich der Schriftsteller eheste Er wird Dramatiker, Librettist, Revuemacher, 9deise,v....wto- «ist, Verfasser erotischer Romane, je nach Tagesbedarf. And wer heute in Lyrik macht, weiß zielbewutzt, daß solche Produktionsform nur einen Zweck hat: Sprungbrett in die Erfolg und Tantiemen bringende Literatur. Der Dichter Christian Morgenstern, rechtzeitig gestorben, hat eine Fülle lyrischer Gedichte hinterlassen, die er nicht veröffentlichte. Die Herausgeber seines poetischon Nachlasses (Christian Morgenstern „Mensch und Wanderer", Gedichte aus den Jahren 1887—1914. Verlag R. Piper u. Co., München), Margareta Morgen st ern und Michael Bauer schicken dem 280 eng bedruckte Sellen umfassenden Bande eine Einleitung voraus, in der es heißt: „ÄuS jeder Periode blieb zumeist «ine Reihe von Gedichten schon dadurch zurück, daß der Dichter in dem Bemühen, jedem der Bände auch im Ganzen eine bestimmte Gestalt zu geben, alles was sich dieser Gestalt nicht einfügte, beiseite legte. Für das Jahr 1008 kam im besonderen dazu, daß viele Gedichte deshalb nicht in ,Jch und Du' ausgenommen wurden, weil das ihnen zugrunde liegende Erlebnis noch zu nahe stand"... So etwas gab es noch vor dem Jahre 1914. Seit Wochen lese -ich täglich in diesem Buche, und ich hoffe, es wird mir noch lange, lange Begleiter, Stütze, heller, freundlicher Schimmer in dieser grauen Gegenwart sein. Nicht alle Stücke dieses erst jetzt gehobenenvon Morgenstern selbst während seines ganzen Lebens uns vorenthaltenen Schatzes sind gleichwertig. Aber die Zahl der edlen, herzinnigen, wesenhaften, herrlich plastisch geformten Lyrikn ist unglaublich groß. Einige Proben, um jenen, die nach Musik dürsten und nach reinen, gemütvollen, lyrischen Schöpfungen, dieses Buch davzubringen. Verse aus dem Gedicht „Unter Sternen": Bor meiner Türe liegt ein Hund; er seufzt einmal und geht einmal umher .. Wenn ihn die Nacht verschlingt — wer hüls ihn:, wer? Mich schirmt.mein steinern Haus. WaS kann die Nacht mir an? Bewegt, doch sicher horchc mein -Herz hinaus. Nun fährt er auf und bellt, und seine Stimme füllt ans einen AugeMick für ihn die Welt. Nun ist sie sein. Cr schweigt. — Und wieder quält ' den Einsamen der kalte Sternenschein. — Weiht du, »vaS es heißt, in der Nacht unter Sternen wachen, Geist? Ein Frühlingsgedicht „Grojzstadthöfe" (Wo lebt noch der anerkannte Poet, der solches Opus im Schreibtisch ließe?): Die Amsel schlägt mit Hellem Schall, vier Wände geben Widerhall, mit hundert Fenstern blind und stumm, und hrmdert Kammern ringsherum. In hllndert Trämne dringt die Lust der liebestrunknen Amselbrust; durch hundert rote Herzen geht ein einzig schauernd Lenzgebet. Erregter eilt des Blutes Gang beim lebensheißen Nachtgesang. Ins erste Grau der Morgenlust steigt geistersein ein süßer Dust. Die Sonne strahlt dcrrch Dach unb Stein in hell sie grüßend Blut hinenr. ES ist ein Haus in dieser Nacht durch Bogelrnf zum Blühn erwacht. Und nun noch einige Verse aus Morgen-stevrcS letzte» Lcheustagen, tief und dunkel orgelnde, heroische: ....Dein Wunsch, nicht mehr zu leiden, erschafft nur neues Leid. So wirst du niemals scheiden vo« deinem Trauerkleid. Du mußt es ganz abtragen, bis auf das letzte Haar, und einst nur dessen klagen: daß cs nicht dichter war... Er war ein Bildner von Träumen. Die Nacht ,^rou Sternensaat wie von diamantner Prismen Strahlenbruch durchblitzt" war ihnc Freundin, Geliebte. Die Natur sprach zu ihm mit hundert starken und frohe-n imb mit mahnend traurigen Stimmen. Wer sich diesem Buche hingibt, dankt ihm mit den Versen, in die eines der schörcsten Gedichte seines Nachlasses ausklingt: .. über Not und Leid erhebt sich deill Gernüt zu mir". — Christian Morgenstern stavb rechtzeitig. Otto Ab elas.