Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2949 (14.5.1927)
- Date
- 1927-05-14
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2949 Wien, Samstag Wiener Mvrsenzeitnng 14. Mai 1927 Seite 9 Sie Lebensform der Wieners. Ae Mell«»» „An» »er «esl»l«te Mi«»" rer ««»stell««» .Me«««»olc Wiener". „Wir wollten den Durchschnitt zeigen, nicht Spitzenleistungen," betonte Direktor Hermann Reuther, als er gestern die Vertreter der Presse durch die nun fertiggestellte kulturhistorische Abteilung der Ausstellung „Wien und die Wiener" führte. Man war bemüht, die Lebensform des Wieners im Laufe der Jahrhunderte dergestalt zur Dai> stellung zu bringen, da st die Entwicklung des Stadtbildes und der Wohnkultur in innige Beziehung zum Straßenleben und der Mode, den Vcrkehrsvcrhältnisseu und den Festlichkeiten soioie dein geistigen Leben gesetzt wird, um so den Geist der Zeiten nachdrücklich in Erscheinung treten zu lassen. Die Kultur der vorgeschichtlichen Epochen lvird in zloei nach den Angaben Professor Beyers von Friedrich König gemalten Bildern der jungsteinzeitlichen Siedlung auf dem Gemcindeberg sowie einer Donausiedlung aus' der Hallstadtperiode zur Anschauung gebracht. In dem dem Mittelalter gewidmeten Raum fallen die drei ältesten A nsich ten Wiens aufs owie gotische Möbel und Stücke aus der Renaissancezeit. In weiterem Umfang entfaltet sich die Ausstellung seit Witte des 17. Jahrhunderts. Die Stiche von Pfeffel- Kleiner illustrieren die nach der Türlenbelagerung einsetzende großartige Bautätigkeit. Die großartigen Hoffestlichkeiten, Feuerwerke, Triumphbogen und Einzüge werden dargestellt, die Plastik ist durch vier interessante Stücke von Raffael Donner sowie eine silberne Mariensäule vertreten. Ein Barockkostüm und ein Jntcrieur aus der Zeit vor 1740 beschließen diese Abteilung. Die Periode Maria Theresias und Josef II. wird durch zahlreiche interessante Stiche und Aquarelle aus den Sammlungen Max Portheim und Dr. August Heymann gezeigt. Seltenere Darstellungen der Gartengesellschaft des Grafen Lacy in Neuwalüegg und der Tafelgesellschaft aus dem Besitz des Fürsten Schwarzenberg vereinigen sich mit den bekannten beiden Canelettos der Liechtenstein- Galerie sowie einigen Bildern der bedeutendsten Maier der Zeit. Es bildet ein erfreuliches Kennzeichen der Ausstellung, daß die Stiche und Gemälde immer ivieber durch erfrischend wirkende Interieurs unterbrochen werden. Selbstverständlich ist die Biedermeierzeit in dieser Wiener Ausstellung besonders reich vertreten. Einen Einblick in das damalige Leben der erwerbenden Stände zu geben, dienen hier die Stiche von Oppitz und Lanze-- delli. Zahlreiche Kostüme, besonders aus.dem Jahre 1848 (Studentenlegionär, Nationalgardist, Proletarier) sowie vier Interieurs fesseln den Betrachter. Im Gegensatz zu früheren Perioden legt die Biedermeierzeit den Hauptton auf das Familienleben, und so erscheinen Ansichten von Interieurs, eine Auswahl von Perltäschchen, eine Sammlung von Spielzeug, zwei Guckkasten, ein Werkel sowie ein Nähtischchen, das mit seinem reichen, in einem Schaukasten ausgestellten Inhalt besondere Ausmerlsamkeit verdient. Die letzten dieser Periode angehörenden Wände bringen Drucke und Stiche aus dem Musik-, Theater- und Literaturlebeu und stellen die Wiener Miniature und das Wiener Genrebild in hervorragenden Gemälden dar. Die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts und das erste Fünftel des 20. konnte mit seiner reichen topographischen und kunstgewerblichen Entwicklung nur in einigen charakteristischen Zügen dargestellt werden. Der Hauptton wurde auf die Darstellung der Ringstraße und der Auflassung der Linien gelegt, während die vier in, dieser Epoche eingereihten Interieurs ein einfaches Zimmer aus den sechziger Jahren (mit Nähmaschine und Puppentheater), einen Rokokosalon aus dem Bundesmobiliendepot und einen Salon aus dem Besitz eines Großindustriellen aus der Zeit M ak a r t s zeigen. Während die Wände und Schaukästen der folgenden Abteilungen dem in dieser Epoche rinsetzenden Sport, den Vergnügungen, dem Musik- und Theaterleben gewidmet sind, suchen zwei große Schaukästen in der Mitte des letzten Saales einen Einblick in das K u n st g e w e r b e zu geben. Die Ausstellung schließt mit den Kriegsjahren, ans denen die erste und letzte Brotkarte, das „Anstellen", Kriegsküchen, Tramwayschaffnerin usw. gezeigt werden und der Darstellung der Ausrufung der Republik im November 1918. Die Ausstellung, welche mehr als 3000 Nummern umfaßt, ist überaus interessant und sehenswert. Nähere Schilderung und Betrachtung bleibt einer späteren Würdigung Vorbehalten. Den verantwortlichen Männern, nebst Direktor Reuth er sind es die Beamten der städtischen Sammlungen Dr. Oskar K o t a u n und Dr. Karl Wagner, gebührt volle Anerkennung. ** * Newyork, 13. Mai. Alle Nachfovschungen nach dem vermißten Flugzeug Nungeffers sind bisher ergebnislos geblieben. Das ZePPelin-Luftfchiff „Los Angeles" hat heute die Küste abgestreift und auch in nordöstlicher Richtung über dem Ozean gekreuzt, ohne jedoch irgendettvas zu entdecken. Anch von den ausgesandten Torpedobooten ist keinerlei Meldung eingelaufen. Der amerikanische Kaufmann Lincoln F i l e n e, ein Bruder des bekannten Philanthropen, hat eine Belohnung von 1000 Dollar für die Auffindung Nungeffers ausgesetzt. Inzwischen sind pus Neufundland neue Berichte gekommen, die besagen,-daß ein unbekanntes Flugzeug am Montag über verschiedenen Stellen gesichtet worden ist. Mehrere Zeugen wollen das Flugzeug entweder gesehen oder das Geräusch des Motors gehört haben. Die kanadischen Behörden haben eine eingehende Untersuchung eingeleitet. Sollten -sich diese Zeugenaussagen bestätigen, so würde dies eine Katastrophe bedeuten, da das Flugzeug, das bekanntlich kurz nach dem Abflug sein Rädergestell abgeworfen hat, keine Landung am festen Boden vornehmen kann. Sie Telephonnumrnern der Redaktion lauten jetzt ab 6 Uhrabends 38-5-8Ü Serie,! ab i/29 Uhr abends 38-5-83. Anzug s 65*— aus orig. engl. Schafwollstoff HerrenkleiderhausHelnrlchWeinberger l., Singerstraße 6. Großes Feuer im Warschauer Sftbaßnhof. «tantftiftnnt? Warschau, 13. Mai. Heute morgens brach in den E:senbahmverkstätten des in Prag« gelegenen Ostbahnhofes ein großer Brand aus, der drei Hallen, viel Material und 2 7 Waggons, «darunter die Salonwagen des Staatspräsidenten unü> des MavfchallS Pilfudfki, vernichtete. Der Schanden beziffert sich, w.e verlautet, auf über fünf Millionen Zloty. Man vermutet Brandstiftung, um di« Spuren jüngst a-usgodeckter umfangreicher Veruntreuungen zu verwischen Da das Zentralwetteramt für die nächsten Tage günstiges Flugwetter vorausgesagt hat, haben die amerikanischen Flieger Chamberlain und Bertraud alle Vorbereitungen getroffen, um mit ihrem Flugzeug „M iß Columbia" heute in den ersten Morgenstunden starten zn könne». Die Flieger hoffen, daß die Franzosen in ihrem Versuch nichts Beleidigendes gegen das mißglückte Unternehmen Nungeffers erblicken werden. Sie lleberschwemmungen in Amerika. Newyork, 13. Mai. Der Deiche von Cvttonpost ist geborsten. Vier Millionen Acres ZUickerplaujtagen sind verloren. Der ^Schaden beträgt W Millionen Dollar. Im ^Flüchtlingslager von Harison ist dfie Pockenepidemie aus gebrochen. Eine Krankenschwester begab sich im Flugzeug nach der nächstgelegenen Stadt rmidi kehrte nnt 10.000 Tuben Impfstoff zurück. Das amerifa-, nische Rote Kreuz; das bisher schon 10 Millionen Dollar für die Opfer der Überschwemmungskatastrophe gesammelt hat, eröffnet eine weitere Kollekte auf 10 Millionen Dollar. In New Orleans ist der Wasserstand des Miffissippi neuerlich um 10 Zentimeter gestiegen. Trotzt dem hoffen die Jugenieure, die Stadt retten zul können. SkdstSße in der Herzegowina. Belgrad, 13!.' Mai. Aus der H e r z e g 0 w i n a werden neuerlich Erdstöße gemeldet, die eine große Panik Unter der „Landbevölkerung, aber keinen nennenswerten Sachschaden verursacht haben. Sin neuer Transozeanflug. Sie Rachforfchnngen nach Rmmeffer vergebens. Berliner Theaterbrief. WedrkiudS „Musil". — J-ßners Inszenierung dcS ..»(ortim Geyer". — Der erste japanische Film. Bon Kurt Münzer. Nichts hält vor, nicht einmal die Lustspiele. So muß nran es also wieder ernsthaft versuchen und macht int staatlichen Schillertheater Wedekind'sche „M u s i k". Es ist keines feiner besten Stücke, aber darin ist eine seiner menschlichsten Figuren, Klara Hühnerwadel, an der, in der Muttertragödie, Tragödie der kinderlosen Mutter, sich abspielt. Eines seiner erschütterndsten Stücke, urrd in der Gefäugnisszene geisterhaft unheimliches, gespenstisch bcängstigeiwes Menschengewimmel. Ein Stück, das — Gott sei Dank! doch einmal! — Tendenz, Paradigma, sein sollte und darüber hinaus Menschengut geworden ist. Der Regisseur Erich Engel stellt das Drama dar tose nur ein großer Dirjgeut, taucht dieses in Schatten und hebt jenes (bisher Ueberhörte) ins Licht, er schattiert dse Aufführung so eigenartig wie eindringlich, er zeigt Wedekinds Reichtum wie ein großer Stabmeister bekannte Partituren neu auslegen kann. Er hat prachtvolle Jnstruinente in seinem meisterlichen Orchester, den immer betäubend eindringlicheil Bildt, den diesmal in bürgerlicher Apotheose blond strahlenden Wäschter als Josef Reißner und M a r i a K 0 v p e n h ö f e r als Klara. Diese Schauspielerin hat — ohne Mätzchen, ohne Koketterien, ohne Maniriertheit — Berlin erobert. Sie ist in jeder Verwandlung ejn Eigenmensch, ihr sprödes Organ ist denmach glaubhaft in Haß und Liebe zugleich, in Leidenschaft oder Hundeschnäuzigkeit. Ob Königin, ob Dirne, sie ist sinnier der überzeugende jeweilige Mensch. Und hier, Schmerz durch Härte durchbrennen lassend, primitives Tier, wenn ihre Menschlichkeit mißhandelt wird: das ist weniger großes Theater als tiefer Schauer des Blicks in eine S?clc Auch Rosa Bertens, immer noch unvergeßlich in ihren hemaligen Duse-Nollen, zeigt in Minuten die Tragik, die Erschütterung ihres leidumstrahlten Antlitzes. Ein Abend Erlebnis. Auch Erlebnis, nur anderer Art, ans Gewissen rüttelnd, Schicksalglauben stürzend, Abend einer Kunst, die Mann- Heft (ivie selten geschieht das!) verklärt und richtet, ist im anderen Theater Jeßners, am Gendarmenmarkt, wo Jeßner selbst H a u p t m a n n s „Florian Geyer" zu noch nie gesehenem Leben weckt. Er hat das Stück zu diesem Zweck: des ununterbrochenen stürmischen Lebcndigseins, zusammengestrichen, er hat seine Instrumentation durch Neue Dynamik und Schattierung „modernisiert", das große (größte?) Drama Hauptmanns llaug durchaus heutig, gegenwärtig. Die tiefe Bewegung, die es auslöstc, ging nicht nur von der Menschenhaftigkeft, sondern von der Atmosphäre des Stückes aus. Und diese Atmosphäre, dieses Leben, diese Seele hat Jeßner ihm schöpferisch cingchaucht. Wirklich, dieser große Bühnenmensch braucht nur Stoff — gleichviel ivelcher Art —, um ihn zum Kosmos zu formen. Hier, in Häuptmanns frühem Fall, ist dieser Stoff zugleich ein Meisteviverk. Als das Publikum, schon nach dem hinreißenden ersten Aktschluß, aufstaird und zu Hauptmann, der still und mild in der Loge saß, emporjubelte, das erkennende Volk zum gelassen schauendn Olympier, galt es etnern unsterblichen Schöpfer. Mögen seine Dorotheen sich verflüchtigen: er hat eine Welt geschaffen, die bestehen bleiben wird. Dieser Triumph des „Florian Geyer" war ein „Dennoch!", ein „Unwandelbar!". Jeßner schwelgt hier in „Natur", in Realistik: selbst wo er stilisiert, ist es nur Verdeutlichung der Wahrheit, ist er Lautsprecher der Echtheit. Aber so, nicht anders, muß dieses Stück gespielt werden; spielt es nicht in unserem Herzen? - - . Kleine Rollen sind mit Schauspielern besetzt, die — endlich echtes, lebendiges Mensch-scin-dürfcn statt „Rolle" — größer waren denn je (Florath, Faber, Hadang). Walter Frank war der Held. Als man vor einiger Zeit die Besetzung des Stückes verlautbarte, entrüsteten sich „deutsche" Zeitungen, daß man das deutsche Stück — schon von einem Juden inszeniert!! — von dem (Juden Frank spielen-ließe! Nun, Herr Frank ist keiner. Mer auch wenn er einer wäre, er hätte nicht menschKchcr, aufwühlender, erschütternder sein können, als er es vor. Viele fanden, er sei „kein Ritter Geyer". Was für Vorurteile, Schablonen, Gesetze stellen Beschränkte auf! Dct Mensch ist da, und du glaubst ihm, er bewegt dich, er überfällt noch deinen Schlaf in der Nacht: kann «an mehr sein? Biele nannten seine „Leistung" eine „Studie". Aber sicher war es ihm Erlebnis, sonst hätte er es rächt zum Erlebnis machen können. Kritisieren darf nicht mit: zergliedern, sondern muß mit: lieben übersetzt inerten. Wer nicht des Erlebens fähig ist, darf nicht urteilen. Nur dem Gläubigen sei das Wort verstattet! Es gab in Berlin Reinhardt; es gibt in Berlin Jeßner! Daß es Jrsi>en sind ... Neue Theater — da die allen schon so schlecht besucht sind — sind für den nächsten Winter geplant. Inzwischen wurde nur ein neuer Kinopalast eröffnet. Atri-nm an der Grenze Berlin-Wilmersdorf, wo die Gärten fangen, dse Parks, die Tennisplätze. Ein schöner, -stst-- nahe edler Bau, in riesigem Halbrund gegen die Straßenecke, modernes Kolosseum. Und innen: Roter Samt ustter den Füßen, von der Tür an, auf Schrftt und Tritt, weitgeschwungene Wandelgänge und Foyers. Silberne Decke, goldene Wände, ohne Prunk, in einem Geschmack, dev den der Fftme oft weit übertrifft. Heute — abgesehen von den: Schmuckkästchen des Gloria-Palastes, dessen Tage gezählt sind (die Ufa muß es losschlagen) — von den Berliner Kinos das schönste. Zurzeit läuft darin „Bulhid a", der erste japanische Film, den wir zn sehen beunnmen, vorn Regisseur H e i l a n t für europäische Gchtnnung und Artung zurechtgemacht, uud dennoch: inl-mer noch zu japanisch, auf deutsch: langweilig . . . Allenthalben erscheinen jetzt die in Archiven verstaubten pErnc, die man der Saison nicht anzubieten wagte. Schade. Mg» kann sich also vor den Schwänken und Operetten Nicht einmal mehr ins Kino retten. Und sind es nicht lnrg? vier Monate, ehe die Saison wieder einsetzt? . . ' " 11 W WWW» >