Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2949 (14.5.1927)
- Date
- 1927-05-14
- Page
- Seite 2 (sequence 2)
- Language
- German
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©effe 5 Wic-u Wiener MorgenzeiLung 14. Mal 192- Nr. 2949 , enni'Mnji Segen Lebende und Tote. -y, Wien, 14. Mai. Dem Stahlhelm-Tag in Berlin mar-.-n, nne berichtet, Htckenkreugler-Exzesse voranae,langen. Sie bilbcit auch das lärmende Nachspiel imd am Donnerstag warm sie in solchem Umfang dirrchgeführt tvarden, Paß die Sicherhoitsbehördm M Gewaltarttvendimg schreiten nmßteu Stundenlang trieben sich EMren junger Mirschen im Zmtrum der Meichsmetropole umher imb verübten pogromartige Ueberfälle «ms jüdrsch ausschende PaffanteM Diese Zustände sind cm Unglaublicher Skandal, der die Verhältnisse in Deutschland beleuchtet. Die vom preußische«: Innenministerium ungeordnete Arrflösung der Berliner Hitlcrgruppe ist volKommm Unbeachtet gebliebm und alle Regierungs-evklärwrgm wurden von der Straße pronrpt dementiert. Die Schande dieser Vorfälle wirkt selbstverständlich auf das Ansehen des dentschm Reiches zurück; sie ist aber deshalb von Bvden-tnng, weil Deutschland in diesem Pnnkt als. Vorbild gilt nnd weil die internationale mNijüdiische Maffia Mrss Signale aus Deutschland gerne nnd rasch reagiert. Die Barbarei dieser unter sehr hohem Schutz' stehenden Elemente ist keine neue Erscheinung und sie hat für ttn§! ihr besonderes Gewicht, »veil doch auch die österreichische Bevölkerung mit Rowdys dieser Art gesegnet ist. ©ie erfreuen sich «Luch bei im§ ziemlicher Protektion, ja einer ihrer Führer ist doch kürzlich sogar' van der Ragiermig auf ihrer Einheitsliste als würdiger Parlamentskemddat präsentiert worden. Er tourde. abjgelehnt, was dem ruhigen Urteil der Wiener Wähler ein gutes Zeugnis ausstellt. Dagegen gibt es im deutschen Reichstag Und in einigen Landtagen MusterexempLare solcher Hebden des Gunmnkm'ittels und sie Haben in Deutschland ihre ganz besondere Funktion. Sie such die i M un e Sturmtrupps des nationalrstischeu Rcünkalismus Und wmn sie auch nn parlamentarischm Sinne bedeutimigsbrs seür mögen, so sind sie es dloch nicht für die Außenwelt, die sich bei der Lektüre der blutrünstigen Reden Und Hetzereien kerne Rechenschaft darüber gibt, daß diese Herren bei keiner Abstinmnmg eine irgendwie gewichtigem! Rolle spielen. Ihr Wjort wirkt und wie es wirkt/ doö zeigt das Berliner . Beispiel. Der Exzeß dri Rede wird Mn Terror. Was in Berlin geschieht, ist wohö noch harnrlos im Vergleich zu der Eurschüchterung in anderen) großen .'©ft&ten, die nicht so kontrolliert sind« wie das Reichszeirtrunn, nnd ichus diesem Druck der Faust wird sehr rasch der Druck her Legalität, den fctam die unter dem chauvinistischen EinfKrß stehenden Gerichte üben. Alle, die den rüden AntisenntisMusrn eitler «Selbsttäuschung so gerne als eine vorübergehende Erscheinung bagatellisieren wollen, mögen jetzt ihre Schlüsse ziehen. Nach einer kurzen Pause, deren Bagürn Ungefähr mit Locariw zusammensiel, scheint jetzt eine neUe SBelfe der Pogromdemägogie zu kommendie immer der Vorläufer einer neuen Etappe der Hurrah-Politik ist. Der Antisemitismus ist einer der vielen. Diener der Reaüwn, er dielst datzu, eine für dien Nationalismus empfängliche Ma/sseustirmTrung zu erzeugen. Die Führer dieser -Bestrebungen, die Schutzherren dieser Messer- und Schlagring-Politik, das sind doch die jungen Leute von ehedem, die vopübergehende Erscheinung. Und ihre Schützlinge, d-re Buben,, vor/ denen die Polizei ahnungslose «Spaziergänger retten mUß, das' sind die Politiker der Zukunft. Sie haben den. Geist in sich aufgenommen, den ihre Führer ihnen getreulich' übergeben, und so reiht sich eine vor». üöergeherche Erscheinung an die ändere zu jenem festen Und äuf wettet Basis ruhrickien System, das den ehrlichen- Ruf des' dÄrtschen Arbeiters beschrmcht und besudelt. . . Wie ist doch dieser Geist beschaffen? Einzelne, wehrlose Leute werden von idealistisch glühenden jungen Beuten angesallen und verprügelt. Auf den jüdischen Fried- Hosen im ganzen Reiche werden des Nachts Grabsteine Umgewvrfett und die Toten im Namen gerManffcher Wesensrernheit. geschändet. Bismarck hat einmal die Todesstrafe damit begründet, daß.das Henkersbeil bleiben müsse, uml Grab- Und Leichenschänder zu bestrafen. Mer unter denen, die für. Deutschland verantwortlich sinf), findet sich keiner/ kein. Minister, kein Abgeordneter, kein Professor Und kein Pastor, der diese Gemeinheit, begangen an toten Juden, öffentlich brandmarken würde. Was lernt denn eigentlich diese deutsche Jugend in ihren Schulen? Kürzlich haben wir gelesen, daß . irgendwo in Württemberg protestantische Konfirmantmnen, die zu ihrem Einsegnungsbag im Wald Blumen für die Kirche holten, über die Mauer eines uralten Mischen Friedhofes stiegen rmfi die Gräber beschmutzten. Welcher Pastor ist an dieser Vergiftung schuld, welche Mütter kommen ans solcher Erziehung und wie wird die nächste Generation ihr Leben und ihr Zusammensein mit den jüdischen Mitbürgern gestalten. Das sind Fragen, die testen Endes für das Deutsche Volk von ungleich tieferer Bedeutung sind als Reparationen und. Dawes-Plan- «Sie begründen den moralischen Mißkredit Und sie sind für Deutschland entscheidend.. Nicht für das jüdische Volk, das dett Abgrund des Hasses sieht und doch schon die völlige! Nutzlosigkeit mchauch Anroral der Mssimillttion erkennt. Las nationale Belemtui» l» SiaMaien- -Bukarest, 13. Mas. Die zur Ueberprüfung der Ergebnisse der kürzlich in Rumänien durchgeftlhrten Bolkszählüng eingesetzte Kommission hat gegen alle jene Staatsbürger' jüdischen Glaubens, die sich auf den ZählbWern als zur-ungarischen Nationalität gehörig, bezeichnet haben, ein Strafverfahren wegen „Eintragung falscher Angaben" eingelritrt. Der ungarische Mgeordnete Johann «Sandor hat über djese Angelegenheit eine Interpellation in der Bukarester Kammer angemcldct. RESfAIIRAIIT KOHM TOIDI (I., Zirkusgasse 3 und XX., Helntelmanngaaie 1—3 Telephon 49-3-28 Telephon 41-2-80 Erstklassige WIENER KOCHE, nunmehr unter pers, Leitung der Frau RESTAURATEURIN KOHN Mittagsmenfl von S 1-30 au«w. — Abands: Große Auswahl von 1-icitliiing«fpelsan sowla Milchspeisen NEUEINFÜHRUNG: VORZÜGLICHE ORIENTALISCHE KÜCHE Prachtvoller Oarfan WelnsptzialltSian Aufmerksamste Bedienung Zivile Praisa Set Sinn der zionistischen Srgani' sation. SW Sorttag Sr. hü Soldmavüs. Das' Zionistische Landeskomitec _ für Oesterreich eröffnete die diesjährige Schekelaktion mit einem überaus eindrucksvollen und 'tiefgründigen Vortrag. Dr. Nahum Gold man ns, in welchem er die historische und kulturelle Bedeutung der Zionistischen Organisation als solche darlegte. Dieser Vortrag, dem propagandistische Bedeutung im besten Sinne des Wortes zukommt, sollte . durch Drucklegung weiteste Verbreitung finden. Nachstehend geben wir in den wichtigsten Zügen die Ausführungen Goldmanns wieder: Die Schaffung der Zionistischen Organisation war der erste Protest gegen die jüdische „Ueberge s ch e i t h e i t", wie sie den Juden im Ghetto anerzogen wurde, gegen die „ Galu th-Choch me", Sie war die Voraussetzung für eine innere Renaissanoe des Judentums. Es ist bezeichnend, daß kein aus der Problematik -des Judentums kommender Volljude, sondern der assimilierte Jude Theodor Herz! die Zionistische Organisation geschaffen hat. Die Genialität dieses größten Juden der letzten Zeit erstand aus seinem Mangel an Komplikakionssähigkeit. Nur ein „unbelasteter" Jude konnte diesen Gedanken fassen und durchführen, der den Ueb er gang vom bloß klugen zum elementaren jüdischen Menschen herbeizuführen geeignet ist. Traurig, daß selbst ein großer Teil der Zionisten diese historische Bedeutung der Organisation noch nicht erkannt hat und die Arbeit für die Organisation vernachlässigt. Nicht minder wichtig ist, daß unsere Organisation uns einen neuen Begriff der Solidarität brachte. Wir Juden sind immer solidarisch im passiven Erleben eines Schicksals gewesen. Aber wenn es zum Handeln' kommt, sind wir das unsolidarischeste Volk der Welt. Bei den gesunden Völkern ist es gerade umgekehrt, ihre Solidarität erweist sich erst beim Handeln.' Es ist'nun der Sinn der Zionistischen Organisation/ daß^stö an die Stelle der bisherigen unproduktiven, jüdischen Solidarität, die ein Volk der Märtyrer züchtete, die wirkliche primitive Solidarität .im Zusammenwirken setzen will. Goldmann beschäftigte sich dann mit den Aufgaben der Zionistischen Organisation. Er glaube nicht, daß sie die'geeignete Waffe sei, um die Assimilation zu bekämpfen. Aber sie habe eine 'weit wichtigere Aufgabe zu erfüllen, nämlich den Kamps gegen die Atomisierung der Judenheit. Wenn der Zionisten-Kongreß auch nur die eine Bedeutung hätte, daß er die.Atomisierung des.jüdischen. Volkes behindert, sowäre er schon deshalb von ungeheurer Wichtigkeit. In Erfüllung dieser Aufgabe faßt die Zionistische Organisation die nationalen Energien in der 'Zerstreuung zusammen. Deshalb rächt sich jedes Abrücken von d e r zion ist ischen G e g 'e n w a r t s a r b e i t, der innerpolitischen Betätigung. Man vergesse nicht, daß die nationale Aktivität in allen Ländern gleiche Formen finden muß, wenn ste ein gemeinsames Ziel erreichen sollen. So ist es beispielsweise für den nationalen Kampf des polnischen Judentums von ungeheurer Bedeutung, «daß die Juden in einer Anzahl anderer Länder den gleichen Kampfführen. Mt gro^r Wärme sprach dann Goldmann über einen weiteren, leider noch sehr wenig erkannten und erfüllten Zweck der Zionistischen Organisation in den Ländern der Zerstreuung: daß sie nämlich die menschliche Zusammenfassung und menschliche Verbundenheit ihrer Mitglieder zu bewirken hätte. Was Palästina und den Palästinaausbau anbelangt. Hat sich die überragende Wichtigkeit der; Organisation gerade während der sogenannten vierten . Alijah und der ihr folgenden Krise klar und tragisch > dokumentiert. Es hat sich gezeigt, daß die Privatinitiative sehr gefährlich -werden kann, wenn sie nicht unter nationaler Kontrolle und Initiative steht. Wir sind in Palästina auf dem besten Wege, statt eines, drei Kolonisationswerke durchzuführen. Die Arbeiter-Kolonisation, die Misrachi- Kolvnisation und Mittelstandskolonisation, — jede mit einem eigenen Apparat und eigenen Instanzen. Die nötige zusanlmenschweiß ende Instanz, der ordnende Arm der Zionistischen Organisation wird immer schwächer. Man muß endlich erkennen, wie überaus wichtig eine starke -autoritative Palästina-Exekutive ist. Für absehbare Zeit wird das" Schicksal des Kolonisationswerkes; nicht vom Privatkapital, sondern vom Nationalkapital abhängen. Man -berechne doch, um wieviel erfolgreicher und gesünder die vierte Alijah verlaufen wäre, wenn vor; zwei Fahren dem Keren Hajessod weit größere Mittel zur Verfügung gestanden hätten. Die Zionistische Organisation hat in Palästina aber auch eine gewaltige kulturelle Aufgabe zu erfüllen. Der herrschende -Wirrwarr, der die Gefahr des überwuchernden L e v a tu tinismus in sich birgt, muß m die Entwicklungslink^ - national-einheitlicher Kultur gelenkt werden. Goldmann verlangt eine „Privatinitiative auf k u L turcIUm Gebiete", die durch starke Instanzen der Zionistischen Organisation in ihre Schrankm gehalten werden müsse. Der Vortrag wurde in den dichtgefüllten Olympia, sälen mit Spannung angohört. Unter stürmischem BeifaÜ dankte der Präsident des Zionistischen Landeskomitee^ Herr Dr. Leo Goldhammer, dem Gastredner unj erinnerte an die Wichtigkeit der Schekelaktkon im Hinbli4 aus den bevorstehenden Kongreß. Es meldeten sich zahl, reiche Mitarbeiter für die Schekel-Propaganda der nächsten Wochen. '* Lr. Seidel rum vierten Male Bundeskanzler. Ir. MM« lucht ein Porleleullle. -Das Kabinett Seipel III. Hat gestern seinen Rück, tritt beschlossen und wird seine Demission am Mitit, woch, dem Tage deS Zusammentrittes des neuen National rate-, dem Bundespräsidenten zur Kennttris bringen. Dy Harnisch wird hierauf das abtretende Kabinett mit dq interimistischen Fortführung der Regierungsgeschäfte be« trauen. Dieser Schwebezustand wird aber.nur einen Taj dauern, denn schon für Donnerstag, den 19. d. M., ist dh Neuwahl der Regierung angeM. Im Laufe des gestrigen Tages hat Dr. Seipel mit den Großdeutschen die Sache perfekt gemacht. Sie Habel nunmehr endgültig auf.die Stelle des Bizokanz. lers, welchen Posten bisher ihr Parteigenosse Dr.Ding, Hofer innehatte, der gleichzeitig auch der Chef des Justiz, ressorts war, Verzicht geleistet und müssen sich vor läufig damit bescheiden, nur durch den Handelsministei Dr. S ch ü r f f im Kabinett vertreten zu sein. Die Biza kanzlerschaft mit de'r Leitung des' Ressorts des Innern gehj an den L a n dbund über, der erst dariiber beraten mutz ob er Dr. Schönbauer, den Landeshauptman, S ch u m Y oder den Landesrat Winkler für diese Stellt präsentieren soll. Die Christlichsozialen behalten ihre bis, herigen Ministerportefeuilles, Dr. Seipel, der jetzt, zup viertenmal Bundeskanzler wird, wird auch daj Ressort des A e u ß e r n direkt leiten und über das I u st. i z wese n, das n n e r e" Und den U n t e r r i ch t.in letztet Instanz entscheiden Dr. Kienböck bleibt Fmanzministel; Thal er Ackerbauminister, Schmitz UntevrichtsminiM Ba u go in Heeresmiuister und Dr. Re sch Minister füj soziale Verwaltung. Um den Großdeutschen die bittere. Pille des Berlustsi der Bizekanzterschaft zu verzuckern, wurde chnen in Aus, sicht gestellt, daß man wieder ein eigenes -Justiz Ministerium rinrichten werde, -für dessen Leitung Dr Dinghofer als alleiniger Anwärter in Betracht kommt Ohne ein Sp eziak ge setz läßt, sich das aber nicht durch führen. Jedenfalls kann am Donnerstag Dr. Ding, Hofer noch nicht zum Justizminister gewählt werden Ueberdies kündigten schon jetzt die Sozialdemokraten ay daß sie es nicht erlauben werden, daß sachliche Erwägungen welche vielleicht für die Trennung der Justiz vom Bundesi kanzleramt sprechen mögen, als Vorwand fiir einen schmäh lichen Schacher mtt^Ministerportefeuilles mißbraucht tverden In der Seipelschen Parlamentsarichmetik könnte sich an Ende doch, noch ein Rechenfehler Herausstellen. .Nach diese! Ankündigung der Opposition wird sich also Dr. Ding, Hofer noch geraume Zeit in. Gedu ld fasfer Müssen, ehe er Justizminister wich. Ae Konferenz von Foachimsthal. Prag, 13. Mai. Außelmrinlster Dr. Benesch traf Um 11 Uhr vormittags im Auto in Joachiursthal ein. Die Landstraße von Prag nach Joachrmsthal war von Geiu, darmen und Mlitär besetzt; vor dem Radium Palace Hotel irr Jvachifmsthal war ein starker Gendarmeriekordon gezogen. Als das Auto des Mßewmmrsters vorfuhr, gab es einen Z Wachen fall, der einer leisen KoNnk nicht entbehrt. Die Militärkapelle intonierte nämlich, offenbar infolge einer Verwechslung der Noten, nicht die tschechosliovakische, sondern die englische Nationalhymne, deren Melodie bekanntlich lmit dem „Heil dir im Sieger« kränzt identisch ist. Nach tvenigen Takten merkte der Kapell- ,neister den Irrtum, klopfte ab und ging in die tschechischg Hymne über. Der rumänische Und der jugoslawischeAußeN' minister traf«: mn 12 Uhr 50 Minuten ebenfalls in Autos vor denk Hotel ein. . Nachmittags uml 3 Uhr begann die erste offiziell« Geiristung der drei Außenminister. Sie soll sich dem Vernehmen nach Unt die allgemeine enropäi-schs Lage und die Erneuerung des tschechoslowakisch-jugoslawischen Handelsvertrages, der Erü»e Oktober dieses Jahres abläuft, gchweht habe«.