Wiener Morgenzeitung
- Journal
- Wiener Morgenzeitung
- Volume
- 9 (1927)
- Issue
- Heft 2948 (13.5.1927)
- Date
- 1927-05-13
- Page
- Seite 3 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Nr. 2918 Bkn, Freitag Wiener Mor-enzettmrs 13. Mal 1927 Zelte 3 Spannung zwischen Amerika und Frankreich. Wegen der verunglückten Lranroreanfluge» Ruugefferr. — Re „Los Angeles" auf der Suche- London, 12. Mai. Wie die „Daily Mail" aus New;3)ot! berichtet, hat bet verunglückte Transozeanflug des französischen Piloten Nungesser eine Spannung zwischen Frankreich und Amerika erzeugt. In Paris sind gestern wiederholt antiamerikanische Kundgebungen der gereizten französischen Bevölkerung vorgekommen, aus welchem Grunde laut einer Meldung der „Associated Preß" der amerikanische Botschafter im Pariser Außenministerium angeblich Vorstellungen erhoben haben soll. Die französische Öffentlichkeit ist angeblich darüber sehr erbost, daß der amerikanische W e t t e r d i e n st keine Meldung Wer den Wetterstand Wer dem Ozean gegeben habe. Dies wird von amerikanischer Seite dementiert und als Ausflucht der französischen Stellen bezeichnet, die eigentlich dafür verantwortlich zu machen seien, daß sie die keineswegs gut vorbereitete und, wie sich gezeigt hat, n:r improvisierte Aktion der französischen Flieger zugelassen haben. Der amerikanische Botschafter in Paris, H e r r i ck, hat aus Grund 'der gespannten Stimmung nach Amerika gekabelt, daß alle Versuche amerikanischer Flieger, den Atlantischen Ozean zu überqueren, solange einzustellen wären, bis das Schicksal der französischen Flieger aufgeklärt sei. Diese Mitteilung wurde jedoch in Frankreich mißverstanden und hat die französische Oeffentlichkeit noch mehr erbittert. Präsident Coolidge hat erklärt, daß er persönlich durch den Irrtum der französischen Oeffentlichkeit, wonach die Vereinigten Staaten gegenüber Nungesser mit ihrer Hilfe und ihrer guten Stimmung zurückgehalten hätten, sehr gekränkt sei. Der Präsident bezeichnet es als vollständig unrichtig, daß das amerikanische Wetterbureau es unterlassen habe, mit den französischen Stellen in jeder möglichen Weise zusammenzuarbeiten, um die Wetterverhältnisse voraus zu bestimmen. Infolge der in Paris herrschenden Stimmung haben die amerikanischen Flieger Chamberlaln und Bert Hand ihren Versuch, nach Paris zu fliegen, bis Samstag verschoben. Sollte die Gereizcheit in Paris dann noch andauern, so würden sie, da sie nach den monatelangen Vorbereitungen ihren Flug nicht weiter aufschieben könnten, nur bis Paris fliegen, dort einmal um den Eifelturm kreisen und dann nach London zur Landung fliegen. Das Zeppelin-Luftschiff „Los Angeles" hat heute früh seinen Stationsplatz L a keh u rst auf Befehl des Marinedepa.wments verlassen, um an der atlantischen Küste Ausschau nach den vermißten französischen Fliegern zu halten. Außerdem patrouillieren 20 Fahrzeuge entlang der amerikanischen Küste, während ein Geschwader von acht Torpedobootzerstörern ausgelaufen ist, um den Ozean nach dem Flugzeug abzusuchen. Bis zur Stunde sind keinerlei Nachrichten über den Verbleib der Flieger eingelangt. zu wenig Benzin unv Lebensmittel. Paris, 12. Mai. Die Zeitungen hegen noch immer die Hoffnung, daß die beiden Flieger lebend gefunden werden können. Es ergibt sich aber die Frage, ob die Flieger Mische MM. Meder einmal ist die Gründung eines Vereines zur Förderung jüdischer Musik in Wien geplant, und der Humanitätsverein „Massadah" „B'nei B'rith" entwickelt in einem Aufruf an das jüdische und internationale Publikum sein Programm, die Schöpfungen jüdischer Musik, die Schöpfungen jüdischen Charakters durch Aufführungen zu fördern. Der erste Schritt zur Verwirklichung dieses Programmes war ein Konzert, dessen erster Teil pietätvoll dem Andenken Joel Engels gewidmet tv-ar. Engel war einer der Pioniere jüdischen Musikschaffens, russischer Kritiker und Folklorist, Theoretiker und Tondichter, zuletzt Lchrer an der Musikschule in Tel Awiw. Professor Max Graf würdigte in inhaltreicher Rede das Lebet: und Schaffen des kürzlich Dahingeschiedenen, dann folgte eine Auswahl seiner Werke, Volks- und Kunstlieder, vorher noch ein „Andante misterioso" für Kammermusik, starke Talentproben, irr denen durchwegs der Uebergaug vom Russischerl zum Orientalisierenderr deutlich fühlbar wird. Die Darbietungen im zweiten Teile des Abends zeigten noch deutlicher, daß ein jüdischer Musikstil noch nicht gefunden ist, daß wohl eine brennende Sehnsucht am Werk ist, daß jedoch die volle Emanzipation von dem MendlaW in der sogenannten jüdischen Musik noch lange nicht erreicht ist. Was marr da von den in Wien längst bekannten Tondichtern Achron, Kr ein und Milner vernahm, roaren begeisterte Kundgebungen des Willens zum Orierrt, der sich jedoch noch nicht völlig in die Tat umzusetzen vermochte. Diese Tondichter alle wollen sich von der abendländischen Diatonik mit ihrer Tonika- Dominanten-Harmonik und ihrer in strenge Formen eingezwängten Rhythmik freimachen und fallen doch immer wieder in diese zurück. Darum wird die Melodik und Akkordik Debussys und Skrjabins, welche der Diatonik enttvächst, besonders oft nachgeahmt, Ganztönc und übermäßige Intervalle, freie Rezitativ- und das ganze Rüstgenügend Proviant mitgenommen haben. Einer der wenigen Augenzeugen, die der Abfahrt Nungcssers in unmittelbarer Nähe beiwohnten, hat erklärt, daß Nungesser noch im letzten Augenblick vor 'dem Aufstieg eine Kiste Cornedbeef ausladen ließ, weil nach seiner Ansicht das Flugzeug dadurch zu sehr belasten würde, wie er auch die Bcnzinladung aus das geringste Muß reduzieren ließ. Er nahm anstatt 4100 Liter, die ursptüngsich vorgesehen waren, nur 3800 Liter Benzin mit. Der Augenzeuge erklärte, daß die mitgenommenen Lebensmittelvorräte gerade eine Tasche ansüllten, wie sie die Hausfrauen auf den Markt mitzunehmen pflegen. In parlamentarischen Kreisen liefen gestern die abenteuerlichsten Gerüchte über die Begleitumstände des Fluges um. So wurde behauptet, daß Nungesser vom Kriegsministerium den strikten Befehl erhalten habe, unter a l len Umständen a b z u f l i e g e n, um den Amerikanern zuvorzukommen und daß die Wetterwarte Weisung erhalten habe, die Wetterlage möglichst optimistisch darzustellen. Diese Gerüchte dürften weniger den Tatsachen entsprechen, als für die erregte Stimmung im französischen Publikum charakteristisch sein. St. Roman verloren. London, 12. Mai. Nach Meldungen aus Rio de Janeiro sind die Nachforschungen nach dem französischen Fliegeroffizker St. Roman eingestellt worden. Der Flieger wird als verloren angesehen. (St. Roman war vom Senegal aufgestiegen, um ohne Zwischenlandung Südamerika zu erreichen. — Die Red.) Freiheitsberaubung einer amerikanisch- Wischen gourualifte« m Rumänien- Eine energische Intervention des amerikanischen Konsuls. Bukarest, 10. Mai. (I. T. A.) Bei seiner Ankunft m Konstanza ivurde Jacob Landau, der Direktor der Jüdischen Telegraphen-Agentur in Newyork, der sich auf der Rückreise aus Palästina befindet, angehalten und ihn: der Eintritt in das Land verwehrt, obwohl er im Besitz eines ordnungsgemäßem rumänischen Visums war. Er wurde auf das rumänische Schiff „Prinzessin Maria" zurückgebracht, mit dem er gekommen war, und dort unter Arrest gehalten. Zwei Soldaten mit aufgepflanztern Bajonett hielten Dag und Nacht Wache. Es wurde Herrn Landau nicht gestattet, sich mit Freunden in der Bukowina telephonisch oder telegraphisch in Verbindung zu setzen. Gleichzeitig wurde ihm auch die Ausreise auf dem am selben Tage abgehenden englischen Dampfer „Boulac" verwehrt, ohne daß ihm die Gründe für seine Anhaltung mitgeteilt wurden. Landau sandte ein ausführliches Telegramm an den rumänischen Ministerpräsidenten General Averescu, in welchem er gegen das Verhalten der rumänischen Behörden entschieden Verwahrung einlegt. Am folgenden Tage wurde ihm mitgeteilt, daß er abreisen könne. Er wurde auf das Schiff „Asia" gebracht, mit dem er die Rückreise nach Konstantinopel antreten sollte. Einige Minuten vor der Abreise wurde aber Landau verständigt, Paß er die Weiterreise nach Bukarest antreten könne. Diese plötzliche Sinnesänderung war dem energischen Eingreifen des bekannten amerizmg einer gemäßigten Moderne werden bevorzugt. Oft genug fühlt man freilich, wie einer einfachen, gerade gewachsenen diatonischen Melodik ein orientalisierendes Melisma künstlich aufgepfropft ist. Und wenn die Tondichter sich heiß bemühen, sich von der streng logischetr abendländischen Durchführungstechnik fteizumachen- und sich aufs morgenländische Improvisieren und Variieren verlegen, so werden die Formen leicht monoton, zerdehnt und unübersichtlich. Eine chassidische Melodie allein macht eben noch keine jüdische Musik, zudem ist ja die Zahl der im Judentum umherwandernden Melodien nicht übermäßig groß. Immer wieder begegnet man den gleichen Weisen, und eine ursprüngliche Kraft und Größe offenbart sich eigentlich nur dort, wo die alten Shnagogalmelodien in ihre Rechte eingesetzt rverden. Daher die gewaltige Wirkung des 13. Psalmes von Milner, der vor: Hanna Schwarz mit gläubiger Innigkeit gesungen wurde. Klavierstücke von Milner, Achron und Lewin, welche von Julius Jsserlis mit feinster Klangnuaneierung vorgetragen rourden, stehen vorwiegend unter jüngfranzösifchem Einfluß. Melodien für Cello von Jaochrm Slutschews k h, welchen der Tondichter ein idealer Interpret war, bedeuten insoferne einen gervissen Fortschritt, als sie irgendwie das Seelische im Juderüum bloßzulegen suchen. In seiner „Meditation" (Dweikuth) spürt man wirklich etwas vom geistigen Ringen und vom Grübeln des Gläubigen, der etwa Wer seinem Talmud oder seiner Kabbala spintisiert. So interessant und dankenswert muh der Abend war, er zeigte neuerlich, daß erst durch organischen Aufbau aus nationalem Milieu, aus heimatlicher Erde heraus eine jüdische Tonkunst gedeihen kann. Denn jede Nationale Musik bedarf der heimatlichen Scholle und der nrütterlichen Landschaft, aus der erst ihre Eigenart in Reinkultur ertvachsen kann. Auf fremdem Boden mag sich ja ein ncehr oder weniger beträchtlicher nationaler Einschlag ausbilden, aber DR. OETKER'S illustriertes Rezeptbuch enthält ca. 200 erstklassige Rezepte mit 51 Abbildungen. Preis 30 g Überall erhältlich. Wenn vergriffen, direkt bei Dr. A. Oetker, Baden B/ llllltll lillllll NIMM k lillllll K lillllll■ ,41111111' konisch-jüdischen Philanthropen Samuel C. Lamport zuzuschreiben, der mit Landau auf dem gleichen Schiff nach - Konstanza gekommen war. Lamport hatte den amerikanischen Botschafter Colbertson und den amerikanischen Konsul Palmer Wer die Vorfälle in Konstanza informiert. Palmer sandte ein in energischen: Ton gchaltenes Telegramm an den Polizeipräfekten in Konstanza, in dem er die sofortige Freilassung und die Erlaubnis für die Weiterfahrt für Landau kategorisch forderte, widrigenfalls die amerikanische Botschaft gezwungen sein würde, ernste Vorstellungen bei der Regierung zu erheben. (Landauist gestern' in Wien cmgetroffen.) niemals all die Artmerkmale, deren eine Kunst zu ihrem organischen Eigenleben in Naturwissenschaftlichem Sinne bedarf. Und daß die jiddische Musik-Individualität von der Zeit der nationalen jüdischen Könige her durch drei Jahrtausende stark genug geblieben ist, um in unserer Zeit des nationalen Erwachens aus fremder Erde gewissermaßen „herauszuspalten" und in voller Reinheit „wiederzuerstehen", daran werden wohl auch die kühnsten Idealisten zweifeln. Es ist natürlich kein Zufall, daß die "musikalische Renalissancebewegung von Rußland ausgegangen ist. Waren doch dort die Juden am geknechtetsten und darum ihre Sehnsucht nach der Heimat am stärksten. >Z,udem lebten sie dort in abgeschlosseneren Siedlungen als in den westlichen Ländern und schließlich ermöglichte cs die eigenartige Stellung der russischen Musik, die ja gleichsam die Brücke vom Okzident zum Orient baut, dem im Orient vertvurzelten Juden am raschesten Anschluß an eine Kunstnmsik zu finden, die im Gegensatz zur Musik des Westens, irgendwie „oräentalisierte" und darum dem jüdischen Wesen auf halbem Wege entgegenkam. Aber es handelt sich bei all dieser: Bestrebungen nur, Wiedererweckung der jüdischen Musik innerhalb des europäjischen Kultuvkreises —- es muß dies inmrer tvieder betont rverden — nur um eine Vorarbeit, welche dringend notwendig ist und nicht lämrger hinausgeschoben rverden darf, die aber gleichwohl nur eirre vorbereitende Teilarbeit für eine künftige nationaljüdische Musik blejben muß. Diese selbst kann nur auf nationalem Boden, ans Licht und Farbe, Linie und Rhythmus der palästinensischen Landschaft heraus in Reinkultur ertvachsen und erst dort ihre eigenen Fornreu, ihren vollen, seelischen Inhalt, all das Individuelle in dem melodischen, rhythmischen und koloristischen Element gewinnet: und allmählich zu höherer differenzierterer Enttvicklung ausbauen. Dr. Erwin Felder.